Lösungen zu den Übungsaufgaben


Einheit 2

Aufgabe 1

Humboldts Betonung der Dynamik von Sprache stellt die Sprachwissenschaft vor eine schwierige Aufgabe: Sprache ist nur in der Bewegung wirklich, aber bei der Beschreibung muss immer wieder auf Projektionen (wie die Saussure’sche Synchronie eines bestimmten Sprachzustandes) zurückgegriffen werden. Oft betonen Linguisten, in der Tradition Humboldts zu stehen und die Sprache als Energeia beschreiben zu wollen, obwohl sie dann doch in die Beschreibung einer starren Abstraktion verfallen. Die Sprachwissenschaft muss im Sinne Humboldts immer selbstkritisch sein und acht geben, dass sie nicht die wahre Dynamik verkennt und zu falschen Schlüssen kommt, weil sie von dem Vergleich von Abstraktionen ausgeht.

Aufgabe 2

Chomsky spricht von der universalistischen Sicht auf die Sprachbetrachtung als der in der Geschichte der Sprachwissenschaft dominierenden und nennt als einzige Ausnahme die Romantik, in deren Zusammenhang er Humboldt und die Idee einer sprachlichen Relativität (im Sinne einer bestimmten durch eine Sprache vermittelte Sicht der Welt) erwähnt. Die eigentlich wissenschaftliche Sprachbetrachtung sucht im zufolge das Universelle, nicht das Einzelsprachlich-Abweichende, bzw. sie sucht im Einzelsprachlichen oder ‚hinter’ diesem die Universalität. Sprachwissenschaft ist Teil
der Psychologie, sie untersucht die sprachliche Kompetenz als eine naturgegebene, angeborene menschliche Fähigkeit zum Sprechen. Bei Trabant hingegen finden wir mit Bezug eben auf Humboldt und auf Coseriu gerade die Betonung der Kulturspezifik der Einzelsprache, die zwar nicht die Universalität des Sprechens einerseits durch deren Naturgegebenheit, andererseits durch die Existenz
einer „universellen Ebene des Sprechens“ leugnet, aber daneben vor allem die Besonderheit der einzelsprachlichen Gestaltung und, auf einer dritten Ebene, des individuellen Handelns ins Zentrum der Sprachbetrachtung rückt.

Aufgabe 3

Sie werden feststellen, dass die Informationen z.T. kaum voneinander abweichen, sich teilweise aber je nach Grad des Bezugs auf einen bestimmten Autor unterscheiden (z.B. langue bei Bußmann unter langue und parole mit Bezug zu Saussure, bei Wikpiedia ähnlich: „Die Langue (frz.: Sprache, Sprachsystem) ist bei Ferdinand de Saussure das (allgemeine, überindividuelle, soziale) Sprachsystem als
System von Zeichen und grammatischen Regeln“; anders aber schon in der französischen Wikipedia: „Une langue est un système de signes linguistiques, vocaux, graphiques ou gestuels, qui permet la communication entre les individus.“, ohne Bezug auf Saussure). Bei eindeutig auf einen bestimmten Autor bezogenen Termini (wie Prinzipien- und Parameter) sind die Abweichungen gering; bei Termini, die schon seit längerer Zeit zum Allgemeingut geworden sind (z.B. diachrone Sprachwissenschaft) sind die Unterschiede z.T. größer (Diachronie einerseits als „Sprachgeschichte“, andererseits eingeschränkter als „historische Grammatik“).

Aufgabe 4

Das Problem der Sprache zwischen Natur und Konvention ist bis heute in der Linguistik umstritten. Dabei geht es eigentlich um eine ganze Reihe von Fragen, die z.T. unterschieden werden müssen, nämlich einerseits die Frage der Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens bezüglich seiner Lautgestalt, dann die Frage der Beliebigkeit auch bezüglich der Inhaltsgestaltung und schließlich die Frage der Beliebigkeit der Zeichenfolge. Bei allem gibt es zweifelsohne eine natürliche Grundlage: die Grundlage der artikulatorischen und auditiven Möglichkeiten, die Grundlage der kognitiven Abbildung der Sinneseindrücke und die Grundlage der kognitiven Fähigkeit zur Formulierung von Sätzen und Texten. Zugleich gibt es ein großes Spektrum von Möglichkeiten, die konventionell sind und sich auf Sprache als Kulturphänomen beziehen: die tatsächliche Lautgestalt eines Zeichens in einer bestimmten Einzelsprache, die tatsächliche in einer Einzelsprache vollzogene Einteilung der Welt, die tatsächliche syntaktische und textuelle Organisation in einer Einzelsprache oder in einer bestimmten Kultur. Die Geister streiten sich jeweils bei den Grenzen zwischen Natur und Kultur; teilweise liegt die Vermittlung zwischen den teilweise extremen Positionen auch in weniger kategorischen Formulierungen. So ist die Frage der Beliebigkeit des Zeichens ( arbitraire du signe) wohl kaum durch ein Ja oder Nein zu klären: Zeichen können motiviert sein, etwa durch Bezug auf außersprachliche Laute, durch Lautsymbolik, durch physikalisch objektivierbare Objekteigenschaften, durch ikonische Gestaltung bei der Wortbildung, etc., sie müssen es aber nicht sein. Das Prinzip der Beliebigkeit schließt somit die Freiheit (aber nicht die Notwendigkeit) ein, Objektbezüge durch die Gestalt des Zeichens abzubilden.