Über den Verlag
Hier finden Sie einen Auszug aus der anläßlich des 40-jährigen Jubliäums im Jahre 2009 des Gunter Narr Verlags erschienenen Verlagsgeschichte. Der Verlag bildet mit dem A. Francke Verlag und dem Attempto Verlag seit 2004 die Verlagsgruppe Narr Francke Attempto Verlag GmbH+Co. KG.
Gunter Narrs publizistische Laufbahn begann nicht mit verlegerischem Ehrgeiz, sondern mit der Begeisterung eines Studenten der Sechzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Sein großes Interesse an der romanischen Sprachwissenschaft motivierte ihn 1969 zur Gründung der Tübinger Beiträge zur Linguistik (TBL).
1939 in Stuttgart geboren und von 1960 bis 1967 Student der Romanistik, Anglistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft in Tübingen, Besançon und Cambridge, war Narr seit 1967 Assistent am Romanischen Seminar der Universität Tübingen und von 1970 bis 1977 Fachbereichsassistent am Dekanat der Neuphilologischen Fakultät.
Narrs Startkapital belief sich praktisch auf Null, sein Thema jedoch war Erfolg versprechend: Nachschlagewerke und Lehrmaterialien zur Sprachwissenschaft waren damals in Deutschland dünn gesät.
Durch den Nationalsozialismus und die von ihm erzwungene Emigration vieler Wissenschaftler war der Anschluss an die moderne, unideologische Sprachforschung verloren gegangen. Sie wurde vor allem von dem ehemaligen Prager Linguistenkreis in den USA vorangetrieben. In die Studien- und Assistentenzeit des späteren Verlegers Narr fiel jedoch die „Pragmatische Wende“, eine Rückbesinnung und Neuorientierung der deutschen Sprachwissenschaft. Um den Lehrstuhl des Tübinger Professors für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft Eugenio Coseriu (1921–2002) herum entwickelte sich die einflussreichste sprachwissenschaftliche Schule der Romanistik, die über deren Bereich hinaus in die allgemeine Sprachwissenschaft, Sprachphilosophie und die Einzelphilologien hineinwirkte.
Zu Coserius Forschungsgebiet gehörte der Ausbau und die Ergänzung der strukturellen Sprachwissenschaft im Rückgriff auf Wilhelm von Humboldt, Hegel und Aristoteles und die kritische Auseinandersetzung mit Ferdinand de Saussure. Einige seiner Arbeiten gingen über die strukturelle Betrachtung der Sprache hinaus. Er skizzierte als Erster eine Linguistik des Textes. Die Studentenschaft drängte in seine Veranstaltungen. Neben sprachwissenschaftlichen Werken, zu denen zahlreiche bis dahin unveröffentlichte Manuskripte Coserius gehörten, waren Vorlesungsmanuskripte die ersten Publikationen des neu gegründeten Verlags.
Dass die Tübinger Beiträge zur Linguistik (TBL) bald als Standardreihe für die Sprachwissenschaft galten, lag nicht zuletzt an diesem prominenten Autor. „Wenn Sie meine Publikationen betrachten, so ist eigentlich in meiner Tübinger Zeit viel mehr erschienen als vorher“, sagte Coseriu Jahre später. Er blieb einer der wichtigsten Autoren des Gunter Narr Verlags. Vierzehn Titel sind heute lieferbar, darunter Sprachkompetenz, Textlinguistik, Geschichte der romanischen Sprachwissenschaft und Geschichte der Sprachphilosophie. Johannes Kabatek, Coserius Nachfolger in Tübingen, hat in einem von ihm zusammen mit Adolfo Murguía mit Coseriu geführten, langen Gespräch Leben und Werk des Linguisten gewürdigt. Dieses Interview ist 1997 als Festschrift bei Gunter Narr erschienen (Die Sachen sagen, wie sie sind … Eugenio Coseriu im Gespräch).
Der erste Band der Tübinger Beiträge zur Linguistik war ein Nachdruck des 1901 in zweiter Auflage erschienenen Werkes von Georg von Gabelentz: Die Sprachwissenschaft: Ihre Aufgaben, Methoden und bisherigen Ergebnisse. Es wurde durch einen 1967 in der sprachwissenschaftlichen Zeitschrift Word 23 erschienenen Aufsatz von E. Coseriu ergänzt. Gunter Narr schrieb das Vorwort.
Das nächste Buch war dann ein eigenständiges Werk Coserius: Sprache – Strukturen und Funktionen: 12 Aufsätze zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft.
Unter der Herausgeberschaft Gunter Narrs folgten Nachdrucke berühmter, aber nur noch schwer zugänglicher sprachgeschichtlicher Werke: Adam Smith: A Dissertation on the Origin of Languages (TBL 3), ein Nachdruck der Ausgabe von 1761, und August Wilhelm Schlegel: Observations sur la Langue et la Littérature Provençales (TBL 5), ein Neudruck der ersten Auflage von 1818. Ein Band über Griechisch und Romanisch (TBL 16) stammte vom Verleger selbst, der darüber hinaus Vorlesungen von Coseriu zur Geschichte der Sprachphilosophie von der Antike bis zur Gegenwart bearbeitete (Band 1 TBL 11, Band 2 TBL 28). Andere Sprachwissenschaftler, wiederum insbesondere Romanisten, ergänzten das Programm.
Studieneinführungen wie Wilhelm Pötters und Annegret Alsdorf-Bollées Sprachwissenschaftlicher Grundkurs für Studienanfänger Französisch und linguistische Monographien von Paul Oßwald, Göran Hammarström, Ernst Kemmner oder Wilhelm Kesselring wären hier zu nennen.
Die dynamische Zeit, in die die Anfänge des Gunter Narr Verlags fielen, war ein fruchtbarer Boden für sein Wachsen. Seit Beginn der 1960er Jahre hatte die westdeutsche Gesellschaft begonnen, sich gründlich zu verändern. Liberalisierung, Verankerung im Wertehorizont der westlichen Demokratien, Annäherung der verschiedenen sozialen Gruppen und soziale Mobilität waren Kernstücke des Wandels vor allem während der Jahre der Großen Koalition von 1966 bis 1969. Eine tiefgreifende Reform des Bildungssystems und der Universitäten vollzog sich. Sie zielte auf eine Öffnung und Demokratisierung der Schulen und Hochschulen ab, auf die Gleichberechtigung und Chancengleichheit aller Bevölkerungsgruppen, um das Selbstverständnis und die Funktionsweise der Bildungsinstitutionen „für die Elitenreproduktion der Bildungsschicht zu überwinden“ und „die internationale Konkurrenzfähigkeit des Landes zu sichern“.4 Schon seit den Fünfzigerjahren, besonders seit dem „Sputnikschock“ von 1957, als der künstliche Erdsatellit die Überlegenheit der sowjetischen Wissenschaft zu signalisieren schien, hatten nicht nur die USA, sondern auch die Staaten Westeuropas verstärkt Maßnahmen zur Ausbildung eines quantitativ und qualitativ konkurrenzfähigen Potenzials an Wissenschaftlern und Ingenieuren ergriffen. Die Modernisierung der Industriegesellschaft, die Wissen als wirtschaftliche Ressource entdeckte, ging Hand in Hand mit der Feststellung eines „Bildungsnotstands“ im Land. Wurde zunächst den Hochschulen vorgehalten, dass sie sich auf die rasch anwachsenden Geburtenzahlen nur zögernd und ungenügend einzustellen bereit seien, ergab sich bald eine allgemeine Diskussion über die Frage nach der Verwertbarkeit spezialisierten Wissens. Im Kontext der „Wissensgesellschaft“ und des sozialen Wandels, der Modernisierung und Emanzipation stand etwa Georg Pichts These von der bevorstehenden „deutschen Bildungskatastrophe“, aber auch Ralf Dahrendorfs Forderung: „Bildung ist Bürgerrecht“.5 Der 1957 gegründete Wissenschaftsrat empfahl in drei Memoranden (1960, 1967 und 1970) den zügigen Ausbau der Hochschulen. Die erste sozialliberale Bundesregierung forderte den Ausbau des Bildungssystems überhaupt, wie Bundeskanzler Willy Brandt schon in seiner Regierungserklärung vom 28.10.1969 deutlich machte. Von der 1970 gegründeten Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung wurde ein Bildungsgesamtplan entwickelt: Der Hochschulbau wurde in die Gemeinschaftsaufgaben von Bund und Ländern aufgenommen. Die örtliche Lage und die regionale Verteilung der Hochschulen wurde durch zahlreiche Neugründungen verbessert, ebenso das Hochschulrecht überarbeitet. Wissenschaftsfreiheit und Chancengleichheit sollten garantiert werden, das Recht aller hochschulreifen Studienbewerber zur Aufnahme eines Studiums als Form der Berufsvorbereitung wurde postuliert.
Ab 1960 entstanden in Europa mehr Einrichtungen im Universitätsrang als in den rund 800 Jahren vorher. Sie öffneten sich bis zur Hälfte der entsprechenden Altersgruppe.
Der Erhöhung der Anzahl der Universitäten entsprach in Deutschland eine Vergrößerung der Studentenzahl von um 200 000 im Jahr 1966 auf knapp 600 000 nur zehn Jahre später. Dreimal so viele Studenten wie zuvor benötigten Lehrbücher und andere wissenschaftliche Arbeitsmaterialien. Gleichzeitig vermehrten sich die Arbeitsplätze für Wissenschaftler und Universitätsangestellte und damit die Zahl der Autoren und Käufer wissenschaftlicher Literatur. Zwischen 1949 und 1958 war in Tübingen die Zahl der Professoren um 17 % und die der Assistenten (ohne Medizin) um 100 % gestiegen. Zwischen 1958 und 1968 wuchs die Zahl der Professoren um circa 60 %, die Zahl der Mittelbaustellen (ohne Medizin) um etwa 360 %.6 Die Drittmittelförderung für die wissenschaftliche Arbeit betrug in den Siebzigerjahren gut 25 % des Staatszuschusses zum Universitätshaushalt.7 Für einen neu gegründeten wissenschaftlichen Verlag war plötzlich ein Nährboden da!
Ein inhaltlicher Wandel entsprach dem äußeren. Nicht nur für die Germanistik galt vielerorts, dass Literatur- und Sprachwissenschaft „nur unter dem Aspekt ihrer Gesellschaftlichkeit studiert werden kann.“ Für die Sprachwissenschaft bedeutete dies systemorientierte Linguistik und den Versuch, den Formalismus der modernen Linguistik (Strukturalismus) mit der marxistischen Geschichtstheorie zu verbinden. „Es ging gar nicht darum, die Voraussetzungen, Implikationen und Tendenzen der modernen Linguistik zu verstehen, sondern etwas an die Stelle der Literaturwissenschaft zu setzen, das versprach, als Textanalyse eine rasche wissenschaftliche Erklärung für alle sprachlichen Phänomene zu liefern, die Brauchbarkeit der Germanistik also möglichst unmittelbar zu erfahren.“9 In diesem Zusammenhang wurde vielerorts die Philosophische Fakultät als Mittelalterfakultät denunziert und mit Vehemenz die Einrichtung weiterer linguistischer Lehrstühle und die Vermehrung der linguistischen Lehrveranstaltungen gefordert.
Zum 20-jährigen Jubiläum hat der Gunter Narr Verlag an seine Anfangszeit erinnert: „Es war eine anregende und aufstrebende Zeit an den Universitäten der 60er Jahre, auch noch der frühen 70er Jahre. Die Zahl der Studenten stieg damals wie heute, damals aber wurden die Stellen – auch in den philologischen Fächern – vermehrt, die Lehrstühle wurden mehr und spezieller (aus einem ehemaligen Lehrstuhl für ‚Romanische Philologie‘ wurde nun einer für ‚Romanische Sprachwissenschaft‘ und ‚Französische Literaturwissenschaft‘; ‚Deutsche Philologie‘ wurde zu Linguistik, Mediävistik, Neuere deutsche Literaturwissenschaft, usw.), der akademische Mittelbau wurde kräftig ausgebaut, der informatorische Austausch der Wissenschaftler wurde vorangetrieben, man besuchte nationale und internationale Kongresse, denn dazu gab es noch Reisekostenzuschüsse – kurz: es war eine schöne und euphorische Zeit.“
