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Herr Nerlich, Umberto Eco gilt als einer der wichtigsten Intellektuellen unserer Zeit. Sie schreiben in Ihrer Biographie, dass Eco – wie kein anderer Literat – den Literatur-Nobelpreis verdient. Warum?

Eco hat der Literatur die gesellschaftliche Bedeutung zurückgegeben, die sie einst besaß. In einer Zeit, in der die Literatur immer mehr in den Bereich des Subjektiv-Individuellen außerhalb gesellschaftlicher Verantwortung abgedrängt wurde und wird, hat er es mit seiner «littérature engagée» verstanden, Millionen von Lesern zum Nachdenken zu bewegen. Natürlich hat er Mitstreiter, aber der Unterschied liegt tatsächlich in Quantität und Qualität. Zwar hat Eco bislang «nur» fünf Romane veröffentlicht. Diesen aber verdankt die Weltliteratur, deren Sprachrohr das Nobelpreis-Komitee zu sein anstrebt, dass ein Romanautor wieder weltweit als unumstrittene politischmoralische Instanz angerufen wird, und dass man nach der Verleihung des Preises niemandem rund um den Globus mitzuteilen hätte, wer denn dieser Preisträger ist, müsste eigentlich auch das Nobelpreis-Komitee mit Stolz erfüllen.

 

Das Herzstück Ihrer Biographie ist die Interpretation der fünf großen Eco- Romane. Allein der „Name der Rose“ hat über 30 Millionen verkaufte Exemplare. Worin liegt dieser Erfolg begründet?

Ecos Erfolg beruht darauf, dass er seinen Leser absolut ernst nimmt und ohne jede Arroganz als gleichkompetent behandelt. Er präsentiert ihm in künstlerisch perfekter Form sein eigenes philosophisches Nachdenken über den (europäischen) Menschen in der Geschichte der Neuzeit seit dem 12. Jahrhundert bis heute und der Leser folgt begeistert seiner Einladung zum Nachdenken. Natürlich mag sein, dass manche Leser sich nur für «Feuchtgebiete» interessieren, aber – bei allem Respekt vor Onkologen, Sexologen und Gynäkologen – es gibt doch offensichtlich noch mehr Leser, die das etwas umfassendere gesellschaftliche Sein des Menschen in Geschichte und Gegenwart insgesamt fasziniert.

 

Ecos Werk ist durch das Trauma des italienischen Faschismus stark geprägt. Seine Ehefrau ist Deutsche. Inwieweit lassen sich seine Romane auch als Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte lesen?

Sie verweisen mit Recht darauf, dass Ecos Werk vom Trauma des Faschismus geprägt ist. Eco kommt aus der deutschitalienischen neokantianischen Philosophieschule und durch seine Heirat mit Renate Ramge ist er auch biographisch in Deutschland verankert. Das hat ohne Zweifel dazu beigetragen, dass Deutschland in allen seinen Romanen als Ort der Handlung und als Gegenstand geschichtlicher Befragung präsent ist. Natürlich hat das Faschismus- Trauma Eco dazu geführt, nach Gründen für den Irrweg Italiens und Deutschlands in die Barbarei des Faschismus und desNazismus zu fragen. Diese Frage nach dem « Warum » bestimmt sein gesamtes Werk. Im Gegensatz zu anderen Schriftstellern hat er sich aber nicht darauf beschränkt, die Gründe für diese nationalen Entgleisungen aufzudecken, sondern er hat – speziell im Namen der Rose, in der Insel des vorigen Tages und im Baudolino – auch jenes andere Deutschland befragt, das ein gesellschaftlich-kulturelles Potenzial für eine aufgeklärt geschichtliche Entwicklung besaß, das von den Nazis zerstört wurde. Das Bemerkenswerte ist, dass er dies in seinen Romanen mit jenem geschichtlichen Material realisiert, das nicht nur seine Millionen Leser, sondern auch namhafte deutsche Historiker fasziniert hat. So sehr übrigens, dass einige von ihnen sogar ihre eigene Forschung in der von Eco gewiesenen Richtung verändert haben. Wir hätten den Dialog mit diesem großen Philosophen und Schriftsteller, der versucht hat, die deutsch-italienische Faschismus-Tragödie geschichtlich aufzuarbeiten, dringend nötig gehabt und benötigen ihn noch immer. Die Geisteswissenschaftler haben versucht ihn zu führen. Das deutsche Feuilleton hat – mit ganz wenigen Ausnahmen – total versagt.

 

Sie kritisieren in Ihrer Biographie, im Vergleich zur internationalen Wahrnehmung, die „einzigartige“ Nicht- Rezeption des Romanciers Eco im deutschen Feuilleton. Wie erklärt sich das?


Eco ist bekennender Aristoteliker und er hat es gewagt, in seinen Romanen die Aktualität der aristotelischen Dichtungstheorie exemplarisch vorzuführen. Es sind Arbeiten, die unter Einsatz aller literarischen Mittel philosophisch-erkenntniskritische Probleme behandeln und sich dabei auf eine bis dahin unbekannt-radikale Art auch der Geschichtsschreibung bedienen, um die Dimension der Wahrscheinlichkeit des Erzählten zu erhöhen. Das musste vom deutschen Feuilleton als nackte Herausforderung verstanden werden, hat man in Deutschland doch in der Abwehrschlacht gegen den damaligen «Erbfeind Frankreich» und dessen «Klassizismus» Aristoteles über Bord geworfen und im Zeichen des «deutschen Idealismus» das intuitiv-genialische Schreiben zum Maßstab künstlerischer Produktion erhoben. Nach 1945 erreichte das, als Ausweichen vor der Vergangenheitsaufarbeitung, und dann im Kalten Krieg, als Abwehrschlacht gegen die «littérature engagée» und speziell den «sozialistischen Realismus», seinen Höhepunkt. Ja, es wurde tragischerweise nach der Wiedervereinigung zur absolutuniformen Kritikermaxime, die in der Forderung nach «aus-dem-Bauch-heraus- Schreiben» ihre karikaturale Standardisierung erlangte. Das ist in der Tat einzigartig in der Welt und gibt es nur im deutschen Feuilleton. Da Ecos Romane tatsächlicht nicht «aus-dem-Bauchheraus » geschrieben sind, ergießt sich seit 1982 eine Sturzflut negativer Besprechungen in dieses Feuilleton, das dem «professore» «Umbertus Ecus» bescheinigt, «Bildungsballast» über den Leser zu kippen. Der Welterfolg der Ecoschen Romane beweist, dass das deutsche Feuilleton Unrecht hat.

 

Bevor Eco als Prosa-Autor einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, war er bereits ein hoch geachteter Wissenschaftler – als Semiotiker, vor allem aber durch sein theoretisches Werk „Das offene Kunstwerk“. Inwieweit spielt das dort beschriebene Prinzip der Unabgeschlossenheit von Kunstwerken eine Rolle in den Romanen Ecos?


In Italien ist Eco schon zu Beginn der 60er Jahren als Gründungsmitglied der nach der «Gruppe 47» benannten Neo- Avantgarde-Bewegung «Gruppe 63» – als Verfasser außerordentlich erfolgreicher Parodien wie Nonita oder Pour un nouveau chat – bekannt. Und auch seine Arbeiten wie Die nichtexistente Struktur und speziell Das offene Kunstwerk sind von der italienischen Öffentlichkeit unter Einschluss des gesamten italienischen Feuilletons von links nach rechts als theoretische Schriften zur experimentellen Neo-Avantgarde-Produktion verstanden und besprochen worden. Als Eco sich als Semiotiker einen Namen macht, ist er in Italien schon längst ein bekannter Schriftsteller. Und als dieser wird er – wie seine Romane vom Namen der Rose bis zur Königin Loana beweisen – den ästhetischen Kriterien, die er in der «Gruppe 63» unter Einschluss des «offenen Endes» vertreten hat nie untreu werden. Ecos Romane sind die perfekte Fusion massenwirksamer Narrativik, experimentellem Schreibakt und Aufforderung an den Leser, selbst vernünftig gesellschaftlich tätig zu werden.

Eco hat sich in der italienischen Öffentlichkeit auch stark als Kritiker Berlusconis positioniert. Inwieweit ist dieses Engagement bedeutsam für die gesellschaftliche Rolle des Intellektuellen aus Ecos Sicht?


Eco ist seit frühester Jugend republikanisch-links engagiert. In Deutschland stünde er wohl dem linken Spektrum der Sozialdemokratie nahe. Das ist ein logisches Ergebnis seiner
Lebenserfahrung, die unter dem Faschismus begann und seine spätere Abkehr vom katholischen Glaubeneinschließt. Politisches Engagement gegen rechts und gar neofaschistisch ist für ihn eine moralische Selbstverständlichkeit. Berlusconi stand er daher von Anfang an ablehnend gegenüber. Zusammen mit anderen Intellektuellen, wie Claudio Magris, hat er dann später ein linksrepublikanisches Bürgerforum namens Libertà e Giustizia gegründet, in dem er – wie auch in seinen Kolumnen für L'Espresso-La Repubblica oder in Golem – offen gegen Berlusconi, aber auch und vor allem gegen dessen neofaschistische Bündnispartner Fini und Bossi, Stellung bezogen. Das war und ist in Italien nicht ungefährlich, und dass jetzt sogar der Piemont von der Lega Nord beherrscht wird, ist für Eco eine Tragödie, die ihn zwingen wird, auch weiter das Wort zu ergreifen: Die Lehren aus dem Mussolini-Faschismus sind in Italien offenkundig massenhaft verloren gegangen. Ein Grund mehr, in Deutschland endlich den angemessenen Dialog mit Eco zu führen – auch im Feuilleton!

Michael Nerlich 1939 geboren, war Professor für Spanische und Lateinamerikanische Literatur u.a. an den Universitäten von Berlin und Clermont-Ferrand. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u.a. der rororo-Monographie über Stendhal, sowie Gründer und langjähriger Herausgeber der Zeitschrift lendemains.
 
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