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  1. Der Unternehmenskosmos neu gedacht

    "Der Unternehmenskosmos neu gedacht"

    Quelle: IHK Zeitschrift Wirtschaft Region Fulda 05/2021

    Die Autoren erinnern in „Alles neu“ an den grundlegenden Tatbestand, dass Unternehmen dort benötigt werden, wo ein Nutzen gestiftet werden soll, den eine Einzelperson nicht erwirken kann. Sie zeigen einerseits auf ganzheitliche Art und Weise die vielfältigen Herausforderungen der Unternehmen in einer äußerst dynamischen und disruptiven Umwelt auf. Gleichzeitig beschreiben sie Wege zu Lösungen, die nicht nur das betriebswirtschaftliche Problem lösen, sondern auch den Blick auf die ganzheitliche Verantwortung und werteorientiertes Handeln richtet.

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  2. "Sprache verändert sich, und das ist gut so"


    „Die Sprache verändert sich, und das ist gut so“ – Prof. Christa Dürscheid im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Beat Glogger in der Gesprächsreihe „Geisteswissenschaft konkret“ der Universität Zürich.

    Heißt es nun: “Während dem Fußballspiel“? Nein: Es heißt nach wie vor: „Während des Fußballspiels“ – denn die Präposition „während“ regiert den Genitiv, nicht den Dativ. Aber in der Umgangssprache beginnt der 3. Fall den 2. zu meucheln. Ist der Dativ also dem Genitiv sein Feind? Ja, sagt Prof. Christa Dürscheid, dann nämlich wenn es um die Einhaltung von Normen in der Sprache geht. Und Normen sind zumindest für den, der ein gewisses Sprachempfinden besitzt, eine Herzensangelegenheit. Andererseits verändert sich Sprache. Sie bleibt in Bewegung, integriert bislang unbekannte Elemente – wie die „Emojiis“ in den sozialen Netzwerken. Ein Unglück? Keineswegs! Denn es gilt: „Sprache verändert sich!“ sagt die Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. „Und das ist gut so!“

    Christa Dürscheid hat eine Professur für deutsche Sprache. Sie ist Trägerin des Konrad-Duden-Preises 2020 (https://www.duden.de/ueber_duden/konr...​) und veröffentlicht unter https://twitter.com/VariantenGra​ regelmäßig Tweets zur sprachlichen Variation im Deutschen.

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  3. Unternehmensethik

    "Das Thema Unternehmensethik ist inzwischen in der Wirtschaft weitgehend etabliert, es erhält aber durch die Coronakrise einen zusätzlichen Schub und erscheint in einem anderen Licht. Letztlich lässt es sich auf die Frage eindampfen, ob Leben und Gesundheit oder Gewinn und Wohlstand wichtiger sind.

    Elisabeth Göbel greift in ihrem Buch diese und andere Fragen auf, beschäftigt sich ausgiebig und differenziert mit ihnen und hat ein fundiertes Buch vorgelegt, an dem Ethikinteressierte nicht vorbeikommen."

    Quelle: getabstract.com

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  4. Digitale Lehre: Interview mit Prof. Dr. Konstanze Marx


    "Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus."

    Hatten Sie vor der Corona-Pandemie schon Erfahrungen mit digitalen Lehrformaten?

    Ja, z.B. habe ich – motiviert durch die hervorragende Vorarbeit von Michael Beißwenger und seinem Team – das wikibasierte Planspiel Ortho & Graf zum Gegenstand eines Seminars für angehende Deutsch-Lehrkräfte gemacht. Überraschend für mich war, dass am Ende des Semesters alle Lehramtsstudierenden auf die Frage, ob sie dieses Spiel später im Unterricht einsetzen würden, eher zurückhaltend reagierten. Das war recht kurz bevor die Pandemie ausbrach. Im zurückliegenden Wintersemester gestaltete sich die Situation ganz anders. Wir haben ein Seminar in Kooperation mit einem Gymnasium durchgeführt, in dem die Studierenden schon sehr kompetent digitale Lehrveranstaltungen leiteten und die Notwendigkeit, sich mit solchen Formaten auseinanderzusetzen, gar nicht mehr bezweifelten.

    Wissenschaft lebt vom lebendigen Diskurs, vom Austausch der Blickwinkel. Kann digitale Lehre in ihrer Eindimensionalität wirklich Wissenschaft vermitteln? 

    Ich kann nicht erkennen, inwiefern digitale Lehre eindimensional sein soll. Es handelt sich hierbei um höchstkomplexe Formen der Wissensvermittlung über mindestens drei Säulen. Digitale Lehre integriert Kommunikation, technische Kompetenz/Affinität und wissenschaftliche Inhalte. Das Besondere an digitaler Lehre ist meines Erachtens, dass Dinge, die nicht gut laufen (oder schon in der Präsenzlehre nicht gut gelaufen sind), schonungslos sichtbar werden und umgekehrt sich eben auch funktionierende Konzepte bewähren. Ich bin äußerst dankbar für die Erfahrungen, die ich in diesem Kontext bislang sammeln konnte und für die Möglichkeiten, die sich daraus für kollaboratives und auch interdisziplinäres Lehren und Lernen einerseits aber auch für universitätsübergreifende Kooperationen andererseits ergeben (haben).

    Wie ist die menschliche Komponente im digitalen Unterricht? Kann man als Professor*in am Bildschirm das Engagement und Wissen seiner Studierenden wirklich gut nachvollziehen?

    Durch die digitale Lehre hat sich nicht verändert, dass hier Menschen miteinander interagieren – obgleich es natürlich durchaus auch sinnvolle Überlegungen gibt, Chatbots dort zu integrieren, wo es außerhalb der aktuell laufenden Lehrveranstaltung angemessen ist. Gerade die technische Vermittlung verdeutlicht, wo es defizitäre Kommunikation gibt (oder gab). Die allgemeinen Anforderungen an die zwischenmenschliche Interaktion haben sich verändert: Das betrifft das hohe Bedürfnis bereits auf alle Informationen zugreifen zu können, bevor überhaupt die Vorlesungszeit begonnen hat. Das betrifft den selbst erhobenen Anspruch, Kanäle für die Rückkopplung einzurichten und kontinuierlich zu monitoren. Auch bei den Formulierungen der Aufgabenstellungen ist immer noch mehr Präzision möglich. Im Besonderen kann ich nur sagen, dass sich der digitale (und damit auch geschützte) Seminarraum gerade da bewährt hat, wo es um brisante Daten geht, die eben Gegenstand meiner Forschung zu verbaler Gewalt, zu Tabuisierungen sind. So haben wir uns Interaktionsräume für emotional sehr fordernde Kommunikationssituationen erschlossen. Gern würde ich von der Sichtweise einer idealisierten Präsenzlehre Abstand nehmen. Auch wenn wir uns alle gemeinsam in einem Raum befinden, kann ich nicht vollständig nachvollziehen, über welchen Wissensstand alle anwesenden Studierenden verfügen, auch bringen sich in Präsenz nicht alle Teilnehmenden ostentativ engagiert in die Seminardiskussion ein oder kommen zu jeder Sitzung.

    Wie wird es bei Ihnen zukünftig aussehen? Welche „kampferprobten“ Konzepte nehmen Sie aus der Krise mit in die Lehre der Zukunft?

    Die Konzeptualisierung des mittlerweile einjährigen sehr produktiven, innovativen Lernprozesses bei allen Beteiligten als „Kampf“, erscheint mir nicht adäquat. Ich persönlich habe hervorragende Erfahrungen mit einer guten Kombination aus asynchronen Wissensvermittlungsformaten einerseits und diskursiven synchronen Elementen andererseits gemacht. Gerade in Vorlesungen habe ich so Zugang zu Fragen und Missverständnissen erhalten, für die es vorher gar keinen Raum gab. Als besonders fruchtbar hat sich auch die gemeinsame konzentrierte Datenanalyse herausgestellt, die möglicherweise auch deshalb so gut gelang, weil die sprachlichen Belege bei allen sprichwörtlich im Fokus – auf der Mitte des Bildschirms – standen und es rundherum keine Ablenkung gab. Auf solche und andere Formate werde ich gern auch später zurückgreifen. Auch die Archivierung von Seminarinhalten erachte ich als sinnvoll für die Studierenden, z.B. für die Wiederaufnahme in anderen Lehrveranstaltungen oder die Prüfungsvorbereitung. Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus. Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass das Gesamtpaket „Digitale Lehre“ einen enormen Mehraufwand für Dozierende bedeutet.

    Zur Autorin:
    Prof. Dr. Konstanze Marx ist Lehrstuhlinhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Deutsche Philologie.

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  5. Sprachen lernen in der Pubertät


    Interview mit Prof. Dr. Michaela Sambanis, Freie Universität Berlin zu „Sprachen lernen in der Pubertät“

    Warum sind Jugendliche eine besondere Zielgruppe für Ihre Forschungen?

    Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der weiß, dass diese Zielgruppe herausfordernd und manchmal auch anstrengend sein kann. Aber warum eigentlich?
    Die Jugendzeit ist die Phase, in der das Gehirn gezielt umgebaut wird, und zwar so, dass es bestmöglich an die Anforderungen angepasst ist, die es zu erbringen hat. Der Umbau beginnt im hinteren Bereich des Gehirns und läuft weiter bis nach vorne zu den präfrontalen Bereichen. Dort, hinter der Stirn, wird besonders intensiv und lange umgebaut. Die Umstrukturierung ist erst ca. mit 25 Jahren abgeschlossen. In den frontalen Regionen sind übergeordnete Steuer- und Kontrollfunktionen verortet. Sie werden aktiviert, wenn es gilt, etwas zu planen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, überlegt zu handeln usw., Leistungen, die Jugendlichen während bzw. wegen des Umbaus der dafür zuständigen Bereiche mitunter schwer fallen. Ein maßgeschneidertes und gründliches Ausreifen dieser Regionen ist aber für das gesamte weitere Leben enorm wichtig, deswegen wird diesem „Umbauabschnitt“ in der Jugend besonders viel Zeit und damit zugleich die Möglichkeit gegeben, sehr vielen Lerngelegenheiten begegnen zu können.
    Verschiedene Verhaltensweisen in der Pubertät lassen sich vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse besser verstehen und es fällt leichter, sie einzuordnen. Die Pubertät ist eine enorm wichtige Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen umfangreichen Entwicklungsschub macht. Aus diesem Grund ist die Zielgruppe der Jugendlichen eine besondere und eine besonders wichtige für meine Arbeit.

    Was können Lehrkräfte aus den Erkenntnissen zur Entwicklung des jugendlichen Gehirns lernen?

    Die Erkenntnisse der Hirnforschung können Lehrkräften dabei helfen, besser zu verstehen und eine gute Balance zwischen Gelassenheit und sinnvollen Regeln zu finden sowie entwicklungsgemäße Anreize zu schaffen. Das Gehirn braucht in dieser Phase neue Erfahrungen, um sich weiterentwickeln zu können. Deswegen suchen viele Jugendliche nach Freiraum und beginnen, Vorgaben infrage zu stellen. Besonders durch neue Herausforderungen gelingt es dem jugendlichen Gehirn letztendlich u.a., die schon erwähnten übergeordneten Funktionen, wie z.B. vorausschauendes Denken, weiterzuentwickeln.
    Befunde der Hirnforschung belegen außerdem, dass es Jugendlichen tatsächlich schwerer fällt, Versuchungen zu widerstehen. Gehirnbereiche, die auf Spaß reagieren, befinden sich in einer Phase des Wachstums und zeigen besondere Aktivität. Dadurch haben Situationen, die Spaß in Aussicht stellen, eine besondere Anziehungskraft auf Heranwachsende. Im Unterricht gibt es Situationen, in denen das Verlangen nach Spaß mit der Bereitschaft zu ernsthaftem Lernen konkurriert, und oftmals muss man als Lehrkraft konsequent sein. In anderen Fällen hingegen, ist es möglich, die Affinität der Jugendlichen für Spaß methodisch und didaktisch zu nutzen, z.B. indem man Abwechslung in den Unterricht bringt, altersgemäß-spielerische Aufgabenformate einsetzt, die Kreativität anspricht, mit Übungen aus dem Improtheater arbeitet etc. Sprachen lernen in der Pubertät enthält eine Sammlung mit erprobten Praxisimpulsen für den Fremdsprachenunterricht speziell bei Jugendlichen.

    Die Pubertät ist übrigens als eine Teilphase der Adoleszenz definiert. Sie setzt bei Mädchen etwa eineinhalb Jahre früher ein als bei Jungen, bei Mädchen ca. mit 10 Jahren, bei Jungen mit 11 bis 12. Das Faszinierende an dieser Entwicklungsphase sind ihre Potenziale: Die Pubertät ist vor allem eine Zeit besonderer Lernchancen und besitzt hohe Relevanz.

    Welche Chancen bietet diese Phase?

    Ein für das Sprachenlernen besonders wertvolles Potenzial, eröffnet die kognitive Entwicklung: Sie macht in der Jugendzeit beachtliche Fortschritte. Jugendliche können vernetzter denken als jüngere Kinder. Die Entwicklungen im jugendlichen Gehirn ermöglichen schnellere Reizweiterleitung, sodass Verbindungen nunmehr auch über längere Distanzen aufgebaut werden können, wodurch die Vernetzung ausdifferenziert und erweitert wird. Bei jüngeren Kindern laufen kognitive Prozesse eher in lokal begrenzten Hirnregionen ab. Durch die optimierte Vernetzung im Gehirn sind Heranwachsende in der Lage, abstrakter und komplexer zu denken. Das kann beim Sprachenlernen genutzt werden, z.B. durch Unterrichtsverfahren, die zur Reflexion anregen, eigene Strukturierungen anstoßen oder auf eine Metaebene führen.
    Eine weitere beachtenswerte Entwicklung betrifft die Kreativität: Hier zeigen sich Fortschritte im Laufe der Pubertät, ein Höchststand wird etwa im Alter von 16 erreicht. Jugendliche besitzen demzufolge großes kreatives Potenzial, auch wenn sie es aus Bequemlichkeit oder Scheu nicht immer von sich aus nutzen. Betrachtet man diesen Befund zusammen mit der ebenfalls nachgewiesenen Spaß-Affintät Heranwachsender, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche, altersgemäße Unterrichtsgestaltung (Theaterimpulse, Musik etc., mit humorvollen Texten arbeiten, das Gemeinschaftsgefühl stärkende Aktivitäten einsetzen,…).

    Viele Lehrkräfte und Eltern erleben die Pubertät vor allem als anstrengende Zeit. Warum vertreten Sie hingegen einen Stärken-Ansatz, nicht einen Defizit-Ansatz?

    Die frühe Kindheit und die Pubertät sind zwei entscheidende Entwicklungsphasen, in denen ganz viel Potenzial aufspringt, das für das Sprachenlernen genutzt werden kann. Der frühen Kindheit wird ihr besonderes Potenzial selten abgesprochen, bei der Pubertät hingegen sind viele erstaunt, dass auch sie eine Phase voller Chancen ist. Die Herausforderungen, die diese Entwicklungsphase mit sich bringt – übrigens nicht nur für Bezugspersonen, sondern auch für die Heranwachsenden selbst – stelle ich nicht infrage, aber wir schenken m.E. Defiziten recht viel Beachtung. Das gilt nicht nur für den Kontext Pubertät, sondern ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, auch in Lernkontexten. Dabei zeigt Entwicklungsförderung oft bessere Ergebnisse, wenn sie Stärken fokussiert, anstatt nur oder vorrangig Defizite. Individuelle Stärken bilden Ressourcen, an denen man ansetzen kann, um den Aufbau von Selbstvertrauen, Resilienz und Zuversicht zu unterstützen. Wenn man als Lernender erkennt, dass man Stärken besitzt, lässt es sich auf dieser Grundlage deutlich leichter, bereitwilliger und erfolgreicher weiterarbeiten, auch an Bereichen, in denen man noch nicht so gut aufgestellt ist.  

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  6. Erfolgsgeheimnis Influencer


    Gespräch über Influencer Marketing mit Autorin, Beraterin und Dozentin

    Ob Julien Bam, Pamela Reif oder Gronkh: Influencer sind schillernde Persönlichkeiten, die gerade auf Kinder und Jugendliche eine besondere Faszination ausüben. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis? Warum wollen immer mehr Unternehmen mit ihnen kooperieren? Und was können sich Lehrkräfte von ihnen „abschauen“? Darüber und über die Zukunft der Influencer-Branche sprach Madeleine Hankele-Gauß vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg mit Julia Kost, Autorin des Buchs „Influencer Marketing“, Beraterin für digitales Marketing bei Mercedes-Benz Consulting und Dozentin an der Hochschule der Medien Stuttgart (HdM)

    Meinungsführer, Experte oder Unternehmer: Was macht einen Influencer aus?

    Influencer sind sehr vielseitig und viele sind alles ein bisschen – Unternehmer sind allerdings nicht alle. Den digitalen Influencer, der im engeren Sinne gemeint ist, macht einmal aus, dass er in den sozialen Medien präsent ist und dort eine gewisse Reichweite und Berühmtheit erlangt hat. Das bedeutet, dass sie oder er auch über eine Community [d.h. eine Gemeinschaft von Nutzerinnen und Nutzern, die gemeinsame Interessen und Werte teilt, Anm. d. Red.] verfügt, mit der sie oder er in regelmäßigem Austausch steht. Dies liegt daran, dass Influencer als Personen mit Autorität zu einem bestimmten Thema wahrgenommen werden – entweder durch veröffentlichte Inhalte oder Kompetenzen, manchmal auch nur durch Engagement oder Motivation.

    Worin liegt das Erfolgsgeheimnis von Influencern? Warum üben sie gerade auf Kinder und Jugendliche eine besondere Faszination aus?

    Als schillernde Persönlichkeiten, die Selbstvertrauen ausstrahlen, bieten Influencer für alle Altersklassen eine Identifikationsfläche. Dadurch, dass sie so viel von sich und ihrem Leben preisgeben, wirken sie glaubwürdig: Man hat das Gefühl, sie zu kennen. Meistens sind sie auch modern, probieren neue Sachen aus und inspirieren andere auf diese Weise. Gerade für Kinder und Jugendliche können sie so zu wichtigen Identifikationsfiguren werden, da sie aktiv auf der Suche nach Vorbildern sind. Influencer treten in der Regel dort in Erscheinung, wo junge Menschen sich ausprobieren, im sogenannten Poplife. Das können Momente, Menschen oder Orte sein, die ein bestimmtes Image, bestimmte Wünsche, Geschmäcker und Hobbys reflektieren. Mit ihrer Authentizität und Persönlichkeit schaffen Influencer es hier, andere mitzureißen.

    Entsteht für erfolgreiche Influencer irgendwann ein Spagat zwischen Professionalität und dem Ziel, für die Community noch authentisch zu wirken?

    Ja, total, ich würde aber sogar sagen, das ist der Spagat, den alle Influencer machen müssen. Gerade die sozialen Medien verleiten dazu, sich selbst besonders positiv darzustellen. Dazu gibt es aber auch Gegenbewegungen, die für mehr Natürlichkeit und Blicke hinter die Kulissen stehen. Trotzdem bleibt das Gezeigte ein Ausschnitt einer Person, die nur das von sich preisgibt, was sie preisgeben möchte. Einige Influencer tappen dabei in die Falle, zu viel zwischen verschiedenen Marken hin- und herzuwechseln und diese als ihre jeweilige Lieblingsmarke darzustellen.

    Als Sie an Ihrem Buch zu Influencer Marketing gearbeitet haben: Was war die für Sie überraschendste Erkenntnis zum Thema?

    Überraschend für mich war, dass viele Influencer, die nach gängiger Definition Influencer sind, sich selbst gar nicht so bezeichnen möchten. Das hängt sicherlich damit zusammen, dass Influencer in den Massenmedien in letzter Zeit ein schlechtes Image bekommen haben: Ihnen wird vorgeworfen, ihr Schaffen sei unprofessionell, Fake und keine richtige Arbeit. Deswegen definieren die einen sich über das Format. Sie bezeichnen sich nicht als Influencer, sondern als Blogger/-in oder Podcaster/-in. Andere nennen Influencer nur als eines von mehreren Standbeinen, wie zum Beispiel Unternehmer/-in, Autor/-in oder Coach.

    „Influencer sind erfolgreich damit, sehr viel persönlich und auf Augenhöhe zu kommunizieren“

    Beim Stichwort Influencer denken die meisten an Beauty, Lifestyle und Fitness – zum Beispiel in Person von Pamela Reif. Doch die Bandbreite von Influencern ist hoch. Welche Typen von Influencern unterscheidet die Forschung?

    So richtig einig ist sich die Forschung nicht. Viele nehmen die Followerzahl als eine Achse zur Unterscheidung von Influencern, die ein mehrstelliges Millionenpublikum erreichen, von denen, die nur eine begrenzte Reichweite haben. Die meisten Wissenschaftler/-innen unterscheiden auch zwischen „Poplife“ und „Dailylife“ – also Influencern, die moderne Lifestylethemen aufgreifen und eher die soziale Seite von sich zeigen, und solchen, die sich als Experten alltäglichen oder Nischenthemen widmen. Die Word of Mouth Marketing Association kennt zudem noch die Kategorie der „Professionals“, die durch ihr berufliches Auftreten Einfluss auf eine große Zahl von Menschen haben. Darunter fiel in der Vergangenheit zum Beispiel der Unternehmer Steve Jobs.

    Was können sich Lehrkräfte, Pädagoginnen und Pädagogen von Influencern „abschauen“, um Bildungsangebote zeitgemäß zu gestalten?

    Vorneweg: Nicht jede Lehrkraft muss können, was ein Influencer kann. Dafür ist es einfach zu komplex. Influencer sind erfolgreich damit, sehr viel persönlich und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Was immer gut funktioniert, sind außerdem Interaktionen und Challenges. Auf den Bildungskontext übertragen könnten das kreative Aktivitäten wie die eigene Gestaltung von Videos sein. Was man von Influencern dazu auf jeden Fall mitnehmen kann: Video müssen nicht perfekt sein. An sich ist es auch eine gute Idee, einfach mal Schüler/-innen danach zu fragen, welchen Influencern sie folgen und aus welchem Grund. Und wenn man Themen bearbeitet, könnte man auch einmal typische Influencer-Formate in den Unterricht aufnehmen, also eines ihrer Videos oder Podcasts anschauen und kritisch „auseinandernehmen“.

    Wie sieht das Geschäftsmodell von Influencern aus?

    So unterschiedlich Influencer sind, so unterschiedlich sind die Arten, wie sie ihr Geld verdienen – wenn sie überhaupt Geld verdienen. Manche verstehen sich auch als Blogger mit journalistischem Anspruch und schließen daher bezahlte Kooperationen aus. Stattdessen gehen sie Tauschgeschäfte ein, bei denen sie im Gegenzug für Berichterstattung Informationen erhalten. Das kann zum Beispiel eine Einladung zu einer Produktvorstellung sein. Viele Influencer verdienen ihr Geld jedoch über Werbung. Darunter fallen Werbeformate wie YouTube-Videos, Banner-Werbung auf Webseiten oder Affiliate Links. Das sind Links zu beworbenen Produkten. Sobald jemand auf diesen Link klickt und das Produkt kauft, erhält der Influencer dafür eine kleine Provision. Dazu kommen bezahlte Kooperationen mit Unternehmen. Die Entlohnung hierfür kann entweder ein Honorar für das Hochladen eines Videos oder das Posten eines Beitrags sein. Sie kann aber auch erfolgsbasiert nach Anzahl der Views oder Klicks erfolgen.

     
    „Transparenz gehört zu den größten Herausforderungen beim Influencer Marketing"
     
    Was versprechen sich Unternehmen von der Zusammenarbeit mit einem Influencer im Gegensatz zum Einsatz klassischer Werbemedien?

    Für Unternehmen ist sie auf jeden Fall eine Möglichkeit, andere Zielgruppen zu erreichen: neue oder jüngere Zielgruppen. Außer der Reichweite versprechen sie sich Imageeffekte und einen Storytelling-Ansatz – also Marketing, das nicht wie Marketing aussieht. Man spricht auch von Pull-Marketing: Ein Unternehmen lässt sich von potenziellen Kundinnen und Kunden finden. Es möchte, dass die Leute über das Unternehmen stolpern. Das Gegenteil davon ist Push-Marketing, zum Beispiel in Form von großflächiger Plakatwerbung. Um sich im Bereich des Pull-Marketing zu positionieren, eignen sich Influencer gut, da sie kreativer und greifbarer wirken als das Unternehmen selbst.

    Haben Sie ein Beispiel für eine gelungene oder auch eine misslungene Kooperation zwischen Unternehmen und Influencern?

    Ungeschickt ist es, wenn Unternehmen versuchen, Blogger oder YouTuber zu unterbinden. Es gibt zum Beispiel einen Influencer namens „Held der Steine“, der einen Spielwarenladen hat und viele Videos über Lego macht. Die Firma Lego wollte ihn abmahnen, weil er die Marke in seinen Videos nennt. Das ging natürlich nach hinten los, denn die Community des Influencers kann in solchen Fällen auch unangenehm werden. Positive Beispiele gibt es hingegen ganz viele. Ich folge zum Beispiel Isabel Kraus auf Instagram. Sie ist im Bereich Fitness unterwegs und entwickelt eigene Produkte, zuletzt eine Babytrage. Sie arbeitet mit verschiedenen Unternehmen zusammen und diese Kooperationen wirken nie aufdringlich, da sie sich für die beworbenen Themen selbst interessiert oder die Produkte im Alltag benutzt.

    Gerade für die Hauptzielgruppe Kinder und Jugendliche ist es häufig schwer zu beurteilen, ob ein Influencer Werbung für ein Produkt macht oder es aus freien Stücken empfiehlt. Welche Rolle spielt Transparenz beim Influencer Marketing?

    Transparenz gehört zu den größten Herausforderungen beim Influencer Marketing. Leider gibt es wenig Rechtssicherheit dazu. Es ist schwierig für die Influencer, zu wissen, was wie gekennzeichnet werden muss – selbst, wenn sie alles richtig machen wollen. Vielleicht haben sie ein Produkt kostenlos zugeschickt bekommen, sind aber gleichzeitig wirklich Fan einer Marke und äußern ihre ehrliche Meinung zu einem Produkt: Müssen sie einen Beitrag dann als Werbung kennzeichnen oder nicht? Leider gibt es daher unter Influencern einen Trend dazu, zu viel zu kennzeichnen. Das macht es im Ergebnis noch undurchsichtiger. Das geht so weit, dass manche Influencer bereits den Hinweis „Anzeige, weil Markennennung“ nutzen, wenn sie nur irgendwo in einem Beitrag das Wort „Cola“ benutzen und das als Werbung interpretiert werden könnte.
     
    Wenn Sie drei Prognosen zur Zukunft von Influencern abgeben müssten, welche wären das?

    Die allererste ist: Influencer werden uns erhalten bleiben. Zweitens werden die medialen Grenzen stärker verschwimmen. Influencer, die aus Social Media bekannt sind, werden immer stärker in anderen Medien wie Fernsehen, Zeitungen oder dem Buchmarkt vorkommen. Ich hoffe außerdem, dass sich die Influencer-Branche weiter professionalisieren wird, das heißt, dass sich Standards zur Werbekennzeichnung und journalistischen Sorgfaltspflicht definieren lassen. Es wäre schön, wenn sich nach dem Vorbild des Pressekodex eine „Netiquette fürs Internet“ herausbilden würde, der sich Influencer selbst unterlegen und bei Verstößen dann auch abgemahnt werden könnten. Dem spielt in die Hände, dass auch Influencer erwachsen werden und durch veränderte Lebensumstände – zum Beispiel als Eltern – ein anderes Verantwortungsbewusstsein entwickeln.

     

    Das Interview wurde erstmalig am 31.03.2021 auf dem Online-Portal des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg (www.lmz-bw.de) veröffentlicht.

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  7. Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Philipp Adorf


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

    Die Krise bringt Herausforderungen aber auch die Chance, für eine bessere und effektivere Lehre die Weichen zu stellen. Sie zwingt Lehrende neue Wege zur Vermittlung von Informationen und Lerninhalten zu finden und die Studierenden noch stärker über digitale Methoden einzubinden. Der potenzielle Wegfall von Präsenz-veranstaltungen muss somit nicht unbedingt von Nachteil sein. Livestreams oder die Möglichkeit zu frei ausgewählten Zeitpunkten Vorträge und Podcasts zu konsumieren, können zur Folge haben, dass ein größerer Anteil der Studierenden die Inhalte der Seminare aufnimmt.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige politische Lage in den USA?

    Direkt betroffen sind die Vorwahlen der Demokraten, die in bestimmten Einzelstaaten verschoben wurden. Da Joe Biden jedoch dank der Ergebnisse des „Super Tuesday“ und der darauffolgenden Wochen einen großen Vorsprung bei den Delegierten erworben hat, besitzt dies nur geringen Einfluss auf den schlussendlichen Ausgang. Die Krise hat als dominantes Thema des Wahljahres 2020 sicherlich einen „Make or Break“-Effekt bezüglich der Wiederwahlchancen Donald Trumps. Hat sich die Wirtschaft bis zum 4. Quartal wieder erholt und sollte das US-Gesundheitssystem die Herausforderungen meistern, könnte Trump als effektiver Krisenmanager den Wahlkampf bestreiten. Eine langwierige Rezession wird hingegen Trumps „Trumpfkarte“ der niedrigen Arbeitslosigkeit sowie des wirtschaftlichen Erfolges und Wachstums unbrauchbar machen. Joe Bidens Argument, dass dank seiner Erfahrung das Land in unsicheren Zeiten unter seiner Führung in sicheren Händen wäre und seine Präsidentschaft eine Rückkehr zur Normalität darstellen würde, könnte sich andererseits gerade inmitten der schlimmsten Pandemie der letzten 100 Jahre als entscheidender Faktor bei der Wählergewinnung herausstellen.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die politische Landschaft in den USA dauerhaft verändern wird?

    Nach der letzten großen Wirtschaftskrise bildete sich auch als Reaktion auf die unter Präsident George W. Bush verabschiedeten staatlichen Hilfsmittel innerhalb der Republikanischen Partei die Tea Party. Sie schrieb sich unter anderem eine resolute und kompromisslose Verteidigung des „Small Government“ auf die Fahnen. Unter Präsident Trump scheinen nicht erst seit den jüngst verabschiedeten Notfallmaßnahmen die „Defizitfalken“ in der Republikanischen Partei zu einer bedrohten Spezies geworden zu sein. Hier besteht Potenzial für zukünftige innerparteiliche Konflikte, insbesondere wenn das momentan existierende übergeordnete Ziel des Erfolges in einem Wahljahr nicht mehr vorhanden ist.
    Sollte die Krise gerade auch dank der in Washington verabschiedeten Hilfspakete gemeistert werden, so könnten am anderen ideologischen Ufer die Demokraten ihrerseits die massive staatliche Intervention als Argument für einen beständigen „starken Staat“ aufgreifen – in der Hoffnung, dass die Wählerschaft staatlichen Programmen freundlicher gestimmt ist. Somit könnte der linke Flügel der Partei in sozialpolitischen Fragen weiter an Einfluss gewinnen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Republikanische Partei in den USA“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Ein Faktor, der die amerikanische Politik dominiert, ist der Polarisierungsgrad zwischen den beiden Parteien, der vornehmlich der im Buch erörterten ideologischen Radikalisierung der Republikaner geschuldet ist. Die grundsätzlich unterschiedlichen Werte und Ziele lassen sich nicht nur im Kongress, sondern ebenso auf der Ebene der Wählerschaft vorfinden. Demokraten und Republikaner leben in verschiedenen Welten mit verschiedenen Realitäten. Dies hat in der Krise dazu geführt, dass Republikanische Wähler lange die Ansicht vertraten, drastische Schritte gegen das Virus seien nicht notwendig – ganz im Gegenteil waren sie oftmals der Auffassung, die Kritik auf die Maßnahmen der Trump-Regierung sei nicht viel mehr als ein weiterer Versuch des (medialen) Mainstreams, Präsident Trump zu schaden. Das seit Jahrzehnten durch Republikanische Politiker bei ihrer Wählerschaft genährte Misstrauen gegenüber Medien und Experten ist ein Faktor, der für die schleppende Reaktion der amerikanischen Bundesbehörden auf die Epidemie mitverantwortlich ist.

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  8. Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie: Merkel fordert mehr Tempo!


    Am 10. März 2021 hat das Bundeskabinett die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen. Kanzlerin Merkel fordert im Rahmen der Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2021 mehr Tempo bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.

    Was bringt die Nachhaltigkeitsstrategie Weiterentwicklung 2021?

    Auf diese Frage antwortet unser Autor Prof. Dr. Michael von Hauff als ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der TU Kaiserslautern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Umwelt- und Entwicklungsökonomie.

    Auf dem Nachhaltigkeitsgipfel 2019 hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres weltweit die „Decade of Action and Delivery for Sustainable Development“ ausgerufen. Das begründet er damit, dass die Gefahr besteht, – besser: sich abzeichnet – dass Ziele der Agenda 2030 verfehlt werden. Im März dieses Jahres erschien die deutsche „Nachhaltigkeitsstrategie Weiterentwicklung 2021“, in der diese Befürchtung ebenfalls klar zum Ausdruck kommt. Während das Vorwort der bisherigen Ausgaben zur Nachhaltigkeits-strategie durch ein „Lob der guten Taten“ gekennzeichnet war, kommt die Bundesregierung zu einer beachtlichen und wünschenswerten Ehrlichkeit.  Im Vorwort stellt die Bundeskanzlerin Merkel fest:

    „Um die Ziele der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und der Agenda 2030 zu erreichen, müssen wir den Weg einer wirklich anspruchsvollen Transformation gehen, der wichtige Bereiche wie Energie, Kreislaufwirtschaft, Wohnen, Verkehr, Ernährung und Landwirtschaft umfasst. In Deutschland wollen wir mit der Weiterentwicklung unserer Nachhaltigkeitsstrategie und insbesondere mit Bildung, Forschung und Innovationen den Transformationsprozess voran-bringen.“

    Zunächst ist festzustellen, dass die Weiterentwicklung 2021 durchaus positive Impulse enthält. Ein neuer Akzent sind die politischen Maßnahmen in Reaktion auf die Corona-Krise die auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene an der Agenda 2030 und ihren globalen Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet werden muss. Weiterhin wurde das vielfach zitierte Prinzip aus der UN-Resolution von 2015 explizit hervorgehoben: „leave no one behind.“ Eine wichtige, aber nicht ganz neue Forderung, ist jene nach mehr Kohärenz in der Politik. Positiv zu werten ist auch die weitere Ausdifferenzierung der Strategie: Die Weiterentwicklung 2021 enthält nun 72 Indikatoren und Ziele in 39 Bereichen und wurde somit im Verhältnis von ursprünglich 63 Indikatoren deutlich erweitert. Es kamen seit der Aktualisierung 2018 folgende Indikatoren hinzu:

    Globale Pandemie-Prävention, Frauen in Führungspositionen im öffentlichen Dienst des Bundes, Väterbeteiligung beim Elterngeld, Breitbandausbau, Kulturerbe/Zugang zum Kulturerbe und weltweiter Bodenschutz

     Ein weiterer wichtiger Akzent ist die Nennung von Transformationsbereichen. In ihnen werden mehrere Ziele zusammengeführt, indem die Wechselwirkungen der Ziele betont werden. Das soll an dem zuerst genannten Transformationsbe-reich verdeutlicht werden: Transformationsbereich Menschliches Wohlbefinden und Fähigkeiten zur sozialen Gerechtigkeit verknüpft die SDGs 1, 3, 4, 5, 8, 9 und 10.

    Es gibt aber auch die Fortschreibung von Inkonsistenten. Um diese anzugehen bzw. auszuräumen benötigt die Bundesregierung mehr Mut. Das soll an einem aktuellen Problem verdeutlicht werden. In dem Sustainable Development Goal 8 wird ein „dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ gefordert. Der Indikator ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. In der Literatur wird seit der ersten deutschen Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahr 2002 kritisiert, dass das BIP pro Kopf nicht den Anforderungen nachhaltiger Entwicklung entspricht, da weder die ökologischen noch die sozialen Effekte berücksichtigt werden. In dem Ziel 13 werden „umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels“ gefordert. Dabei ist hinreichend bekannt, dass mehr Wachstum, wie es wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme durch die Pandemie gefordert wird, den Klimawandel verschärft. Die Konsequenz daraus wäre, dass neben den Indikator Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) gestellt wird. Da das BIP pro Kopf schneller steigt als der NWI sollte analysiert werden, welche Gründe hierfür vorliegen. Hier könnte dann die nachhaltige Politikkohärenz umgesetzt werden.

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  9. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Christiane Blenski


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

    Im Homeoffice konzipiere und texte ich schon seit 2001. Mein Arbeitszimmer ist groß, voller Bilder & Bücher, technisch top und nachmittags sonnig. Hier fließen mir neue Ideen und Worte schnell aus dem Kopf. Verändert ist, dass seit Mitte März das Telefon seltener klingelt und der E-Mail-Eingang leerer bleibt.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf die Eigenwerbung von Unternehmen?

    Es fehlt komplett die Möglichkeit, offline geschäftlich öffentlich zu sein, also zu Netzwerktreffen zu gehen oder sich auf Messen oder Märkten zu zeigen. Dazu kommt das Verschieben oder Absagen von Vorträgen – das hat auch mich echt getroffen. Denn genau jetzt hatte ich drei tolle Vortragstermine zum Vorstellen der Inhalte meines neuen Buches. Tatsächlich kann man sagen: alle anderen Werbewege stehen zur vollen Verfügung. Allerdings: Es ist aktuell wenig sinnvoll, Werbung für Angebote zu machen, die derzeit niemand nutzen kann wie z.B. Gruppentrainings oder Reisen.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Werbewege von Unternehmen durch die Pandemie dauerhaft verändern werden?

    Ja, man spürt, liest und sieht jetzt schon einen Veränderungstrend. Ich denke, es wird in vielen Branchen eine größere Behutsamkeit, Ehrlichkeit und Sensibilität in der Werbeansprache geben. Derzeit ist es übrigens so, dass ich dazu rate, auf Wirkung statt auf Werbung zu setzen und eher zu geben als zu nehmen. Das heißt zum Beispiel, die großartigen Sozialen Medien, sowie Mails, Videos oder auch Briefe zu nutzen, um während der Krise in der Nähe der Kunden und Interessenten zu bleiben. Wenn dann der Kaufwunsch wiedererwacht, ist man der erste Ansprechpartner. Aus Angst vor der Zukunft die Luft anzuhalten und nichts zu sagen, das schwächt die Loyalität von Kunden.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Werbung, die Sie sich sparen können“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Unbedingt! Vor allem beim Blick auf die vier Aufgaben der Werbung, lernt man die großen Chancen der Sozialen Medien kennen. Sie sind ein einzigartiges „Bleib-bei-mir“-Medium, das jetzt wichtiger ist als je zuvor. Haben die Leserinnen und Leser sich den roten Faden für seine aktive Eigenwerbung durch die Übungen im Buch erarbeitet, dann haben sie einen großen Ideen- und Themenfundus, den sie auch in schwierigen Zeiten nutzen können, um positiv auf sich aufmerksam zu machen – und das eben zu eher kleinen Werbekosten. Schließlich weiß man durch seinen roten Faden, welche Werbung man sich sparen kann, um sein Geld und seine Energie in andere Dinge zu Krisenbewältigung zu stecken.

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  10. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Christof Seeger und Julia F. Kost



    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Christof Seeger: Im Moment ist der eigentliche Semesterstart mit Präsenzveranstaltungen verschoben. Wir arbeiten gerade verstärkt an Veranstaltungsformaten des Distance Learning. Eine neue didaktische Erfahrung. Allerdings ist die Hochschule der Medien schon recht weit und wir haben den Vorteil, dass viele unserer Themen tatsächlich auch über digitale Kanäle kommuniziert werden können.

    Julia F. Kost: Als Dozentin bin ich ebenfalls dabei, meine Vorlesung für eine mögliche digitale Umsetzung vorzubereiten. Als Consultant muss ich für meine Kunden & Projekte natürlich ebenfalls umplanen – wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Wochen alle aus dem Homeoffice. Workshops, Abstimmungen und Konzeptarbeit im Team (ohne physisch im selben Raum zu sein) sind natürlich eine Herausforderung. Genauso die langen Stunden vor dem Bildschirm, ohne den nun leider gar nichts mehr geht.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Influencer und ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Christof Seeger: Ich sehe da speziell für die Influencer überhaupt keine große Veränderung in den Aktivitäten. Vielleicht haben viele Influencer sogar noch mehr Zulauf, da die Menschen zu Hause häufiger und intensiver im Internet unterwegs sind. Eine Einschränkung besteht nur in öffentlichen Auftritten. Aber im Netz ist ja alles wie gehabt.

    Julia F. Kost: Die Aktivitäten in Social Media sind natürlich nach wie vor möglich. Was den Influencern sicher fehlt, sind Gelegenheiten für Content – denn auch sie müssen ja nun „aus dem Homeoffice“ arbeiten, was je nach Schwerpunkt-Thema durchaus ein Problem darstellen kann. Reisen und Events, von denen man berichten kann, sind nicht möglich, es fehlt an Abwechslung bzgl. Drehorten, Alltag, Tätigkeiten etc.

    Eine weitere Herausforderung ist natürlich der „Freeze“ in der sich die Marketingwelt allgemein befindet. Es wurden sicher einige bereits geplante Kooperationen abgesagt aufgrund der Pandemie. Verständlicherweise, denn allzu fröhliche Werbung, die der Situation vielleicht sogar widerspricht, könnte bei den Zielgruppen durchaus Empörung auslösen. Wer hier schnell agiert und kreative Konzepte vorschlägt, die die Situation reflektieren, kann aber auch hier entgegenwirken.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Influencer Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Christof Seeger: Ich wage hier keine Prognose. Die Gesellschaft wird sich sicherlich verändern. Ein einfaches Zurück wird es so nicht geben. Wie und in welcher Form ist heute nicht absehbar. Es hängt sicherlich davon ab, wie lange das Virus unser öffentliches Leben beeinträchtigt.

    Julia F. Kost: Eine Prognose möchte ich auch nicht abgeben, aber eine Hoffnung kann ich äußern: In der Krise wird sich zeigen, wer wirklich etwas zu sagen hat. Kleine und große Influencer, die ihrer Community auch in der aktuellen Situation Orientierung geben (als Meinungsführer), authentische Inhalte liefern (kreativ & flexibel, ohne ihre Stimme zu verlieren) und die verantwortungsbewusst mit ihrer Reichweite umgehen, werden ohne Probleme die Krise überstehen (z.B. @annesauer91, Fechtmeisterin). Sie können ihre Community stärken, die Leute noch enger an sich binden und eventuell sogar ihre Reichweite ausbauen, weil sie durch ihre guten Inhalte weiterempfohlen werden. 

    Die weniger „guten“ Influencer, die mit viel heißer Luft arbeiten, bekommen Glaubwürdigkeitsprobleme und langweilen oder verprellen im schlimmsten Fall ihre Community mit nichtssagenden Inhalten, die nicht auf die Corona-Situation eingehen oder sich sogar über diverse Regeln hinwegsetzen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Influencer Marketing“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Christof Seeger: Wie schon erwähnt, ist die digitale Wirtschaft im Prinzip ja unabhängig von klassischen Methoden. Es kommt jetzt darauf an, wie die Unternehmen reagieren. Viele haben nachvollziehbarerweise nun eher existenzielle Sorgen, als sich um neue Vermarktungs- und Kommunikationswege zu kümmern, dennoch kann das Influencer-Marketing insgesamt an Bedeutung gewinnen, da viele Messen und direkten Kontakte im Moment nicht existieren.

    Julia F. Kost: Wir beschreiben in einem Exkurs in Kapitel 2.3 den Zusammenhang von Influencern und Popkultur. In einer gesellschaftlichen Krise gerät die bisherige Gewichtung von „Pop Life“ und „Alltag“ aus den Fugen. Alltägliche Bedürfnisse, die lange als „erfüllt“ wahrgenommen wurden, sind nicht mehr ganz so selbstverständlich (egal ob Einkaufen, Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung). Das Pop Life gerät somit etwas in den Hintergrund, ist aber gleichzeitig wichtig als emotionaler Ausgleich. Wenn sich die Bedürfnisse in der Gesellschaft so verändern, verändern sich auch die Erwartungen und Wünsche an Meinungsführer.

    Die Daseins-Berechtigung für Influencer ist ja nicht das Marketing, das man mit ihnen gestalten kann. Sie sind in erster Linie Meinungsführer oder Experten, die fachliche und/oder soziale Autorität und Vorbildfunktion besitzen und eine digitale Community unterhalten, die ähnliche Werte pflegt wie der Influencer selbst. Welche Eigenschaften einen klassischen Influencer ausmachen, haben wir im Buch ausführlich beschrieben (Kapitel 2) genauso die Kriterien für einen „hochwertigen“ Influencer (Kapitel 5.4), die zwar vor dem Hintergrund einer Markenkooperation aufgearbeitet sind, aber allgemein gültig sind.

    Für Unternehmen, die trotz der Krise (Influencer) Marketing betreiben, gilt noch stärker als vorher: auf den Marken-Fit achten und Influencer in ein Gesamtkonzept einbinden! (Kapitel 4 und 5)

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