Wirtschaft

  1. Kooperation und Verantwortungsübernahme sind der Königsweg


    Kooperation und Verantwortungsübernahme sind der Königsweg

    Fragen an Friedrich Glauner zu Alles neu. Geschäftsidee, Geschäftsmodell, Unternehmensgründung (UVK Verlag, 2021)

    Die Voraussetzung, um im unternehmerischen Bereich „alles neu“ aufzustellen, sei es, die mentalen Barrieren des heutigen ökonomischen Denkens hinter sich zu lassen. Welche Fallen stellt dieses Denken den Unternehmerinnen und Unternehmern?

    Egal, mit welcher Brille wir unser wirtschaftliches Handeln betrachten, das heutige ökonomische Denken dreht sich um vier Zentralbegriffe, namentlich um die Vorstellungen von Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Ertrag. Zusammengenommen prägen sie das mentale Modell, mit dem wir unsere wirtschaftlichen Austauschbeziehungen interpretieren. Es unterstellt, dass erfolgreiches Wirtschaften auf einem Wettbewerb gründet, bei dem der gestalterische Umgang mit knappen Mitteln bei jenen zu Erträgen und Wohlstand führt, die die prinzipiell unbegrenzten Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kund*innen wecken und besser befriedigen als die Konkurrenz. Im Bann dieser Begriffe besteht unternehmerischer Erfolg aus zwei Bestandteilen. Erstens aus dem Anheizen der Wünsche und Bedürfnisse potentieller Kund*innen. Zweitens aus der Schöpfung von Erträgen. Erträge entstehen aber dabei nur dann, wenn der Rückfluss aus den knappen Mitteleinsätzen höher ist als die zur Befriedigung der Kundenbedürfnisse eingesetzten Mittel.

    So weit, so gut. Das ökonomische Glaubensbekenntnis der Viereinigkeit von Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Erträgen führt uns jedoch in vier mentale Fallen, die unser ökonomisches Handeln prägen: Wer in Kategorien der Knappheit denkt, handelt in der Psychologie von Angst und Gier. Es wird gehortet! Wer in Kategorien des Ertrags denkt, handelt in der Logik der Externalisierung. Man lagert nach Möglichkeit die Kosten seines Handelns aus! Wer in Kategorien des Wettbewerbs denkt, handelt in der Logik der Selbstbezüglichkeit und konzentriert sich auf den eigenen Vorteil! Wer in Kategorien des Wachstums denkt, handelt in der Logik der Dominanz. Man möchte mehr und mehr für sich gewinnen!

    Aus diesen Fallen, die das ökonomische Denken uns stellt, ergibt sich das paradoxe Phänomen der destruktiven Wohlstandsmehrung. Es besteht darin, dass wir mit unserem Wirtschaften einen in der Weltgeschichte noch nie dagewesenen Wohlstand für viele erarbeitet haben, der jedoch für die Menschheit insgesamt mehr und mehr zur Bedrohung wird. Denn das Denken in Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Erträgen führt uns in ein individuell rationales und als solches auch oft höchst erfolgreiches Handeln, das auf der Ebene der globalen Gesamtsysteme zu einer sich immer schneller drehenden Negativspirale aus Beschleunigung, Disruption, Konzentration und Ressourcenraubbau führt.

    Die Wachstums- und Ertragslogik unseres heutigen Wirtschaftens selbst führt systematisch zu Raubbaueffekten, die wie die Tatbestände zunehmender Ungleichheit, des Klimawandels, des Artensterbens, des Verlustes von fruchtbaren Mutterböden und sonstiger lebensrelevanter Ressourcen eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen. Das beruht darauf, dass wir als emotionale Wesen in Zeiten drohender Krisen und Gefahren noch verstärkter in den Mustern und mentalen Fallen handeln, die uns das ökonomische Denken stellt.

     

    Als zentrales Problem des heutigen Wirtschaftens identifizieren Sie die Notwendigkeit, in gesättigten Märkten Waren und Dienstleistungen verkaufen zu müssen – Konsum um des Konsums willen. Wie können Unternehmen diesem Problem, dass sie nicht unbedingt geschaffen, sondern vorgefunden haben, entkommen? Worin besteht der Ausweg?

    Den Ausweg haben Bernd Villhauer und ich in „Alles neu“ zu skizzieren versucht: Er zeigt sich, wo wir unser ökonomisches Handeln am Konzept der „Ethikologie“ ausrichten. Als Tübinger Entwicklungsmodell zukunftsfähigen Wirtschaftens wurde es von mir am Weltethos-Institut in Tübingen entwickelt. Der für viele sicherlich ungewohnte Begriff „Ethikologie“ verknüpft das ethisch-moralische Konzept eines humanen Wirtschaftens, das sich mit Menschen in den Dienst der Menschen stellt, mit den ökologischen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten ressourcenschöpfender Mehrwertketten, die die Austauschprozesse in der Natur prägen.

    Übertragen auf Unternehmen bedeutet „ethikologisch“ Wirtschaften, dass Unternehmen begreifen, dass auch sie lebende Systeme sind. Langfristig erfolgreich können sie in dieser Logik nur dann gedeihen, wenn sie ihre Leistungsprozesse an den Gesetzmäßigkeiten der Natur und des Lebendigen ausrichten. Das gelingt ihnen auch, wenn sie sich mit ihren Geschäftsmodellen nicht nur ökonomisch tragen, sondern mit ihren Leistungen dafür sorgen, dass die Ressourcenbasis aller das Unternehmen tragenden Sub-, Haupt- und Umgebungssysteme angereichert wird, aus denen heraus das Unternehmen lebt und wirkt. Kurz: Es gibt einen Ausweg aus dem ressourcenzerstörenden Konsumzwang, wenn wir in Produktions- und Konsumformen einschwenken, die auf den Ebenen der Mit-, Um- und Nachwelt zu Ressourcenschöpfungen führen.

     

    „Move fast and break things” war bis 2014 ein internes Motto bei Facebook, einem der erfolgreichsten Unternehmen der Geschichte. In ihrem Buch legen Sie Unternehmerinnen und Unternehmern nahe, auf Kooperation, Synergie, Symbiose und Achtsamkeit im Umgang mit der Mit-, Um- und sogar der Nachwelt umzuschwenken. Warum? Wie sollen sie dann noch Erfolg haben?

    Wer glaubt, dass sich langfristiger unternehmerischer Erfolg dort einstellt, wo Unternehmen im knappheitsfixierten Wettbewerb das Schumpetersche Prinzip der schöpferischen Zerstörung feiern und wie beispielsweise Facebook, Amazon und Co. mit disruptiven Geschäftsmodellen bestrebt sind, die Marktmacht auf sich alleine zu vereinen, sitzt der falschen Logik auf. Sie sägen dann nicht nur am ökonomischen Ast, auf dem sie sitzen, sondern legen damit auch die Axt an den Stamm und die lebensweltlichen Wurzeln an, von denen wir alle leben.

    Konkret: wenn wir weiter so wirtschaften und konsumieren wie bisher, droht uns aufgrund der ökologischen und sozialen Kosten des heutigen Ressourcenraubbaus der globale Kollaps. Wenn dieser eintritt, werden wir aufgrund unserer menschlichen Neigung, Konflikte und Nöte bevorzugt mit aggressiven und kriegerischen Mitteln lösen zu wollen, diesen Zusammenbruch möglicherweise noch beschleunigen. Dieses Schicksal ist uns aber nicht zwangsweise vorgezeichnet. Denn als vernunft- und sozialbegabte Wesen können wir uns auch anders entscheiden. Wir können uns darauf besinnen, dass Kooperation und Verantwortungsübernahme der Königsweg sind, wenn es gilt, komplexe Probleme und Gefahren zu bannen.

    Unternehmen, die sich für diese Tugenden entscheiden, finden im Paradigma ethikologischer Ressourcenschöpfung vielfältige Ansatzpunkte. Zu diesen gehören insbesondere alle nichtökonomischen Kapitalformen wie beispielsweise das im Unternehmen wirkende Bewusstseins-, Sinn- Sozial- und Wertekapital, mit dem die von jedem Unternehmen benötigten Motivations-, Kooperations- und Kommunikationsrenditen gehoben werden können.

     

    Als Gründe für den Kollaps von Gesellschaften führen Sie die Zerstörung der Ressourcengrundlage (die Kultur der Osterinseln) oder Ungleichheit an, die fatale Ausmaße angenommen hat (Französische Revolution). Mit der heutigen Weise des Wirtschaftens und der Wohlstandsproduktion steuern wir auf beide Kollapsfaktoren zu. Wie können Unternehmen dazu beitragen, beide Faktoren zu entschärfen?

    Ja, erstmals in der Geschichte der Menschheit schaukeln sich auf der Ebene der globalen Systeme Ressourcenraubbau- und Ungleichheitseffekte auf eine Weise auf, die zur Gefahr für die Globalgesellschaft wird. Dagegen helfen kann nur ein Wirtschaften, bei dem neben der unternehmerischen Primärnutzenstiftung Sekundärnutzenstiftungen im Fokus stehen, die auf den Ebenen der Mit-, Um- und Nachwelt drei Nutzendimensionen bedienen: die Gestaltung von Teilhabe-, von Befähigungs- sowie von Ressourcenschöpfungspotentialen, die auf den drei Ebenen zu tragfähigen Mehrwertstiftungen führen. Der Index für das Teilhabepotential beschreibt aus ökonomischer Sicht, wie viele Menschen aktiv in die Wertschöpfungsprozesse des unternehmerischen Leistungsversprechens eingebunden sind und davon profitieren. Der Index für das Befähigungspotential gibt Auskunft darüber, ob und wie ein Unternehmen mit seinen Leistungen und Prozessen zentrale positive menschliche Fähigkeiten wie beispielsweise Einfühlungsvermögen, Wissen, Können, Wollen, Bewusstsein, Verantwortungsübernahme, Kreativität, Lern- und Kooperationsbereitschaft befördern oder nicht. Und der Index für das Ressourcenschöpfungspotential eines Geschäftsmodells bemisst schließlich, ob und auf welche Weise ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell auf der Ebene der ökonomischen, sozialen, gesellschaftlichen und natürlichen Umgebungssysteme Mehrwerte und Ressourcen schöpft.

    Wo Unternehmen mit ihrem Leistungsversprechen – also ihren kundenbezogenen Primärnutzenstiftungen – zugleich auch auf der Ebene der Umgebungssysteme Teilhabe-, Befähigungs- und Ressourcenschöpfungspotentiale fördern, sorgen sie für ein Wachstum, dass mit unternehmerisch erfolgreichen Mitteln die heutigen Raubbauspiralen durchbrechen hilft.

     

    Kritiker*innen warnen vor dem Begriff des „grünen Wachstums“. In Ihrem Buch schlagen Sie jedoch ein Wachstum vor, dass sich nicht mehr als Raubbau an unseren sozialen und natürlichen Lebensbedingungen vollzieht, sondern als „Anreicherungsprozess“, der nicht verbraucht, sondern hinzufügt. Wie können wir uns dieses Wachstum vorstellen?

    Das beste Beispiel liefert uns die Natur selbst. Betrachten wir die Welt des Lebendigen mit dem Blick der Evolution, sticht folgendes Faktum ins Auge. 99 Prozent aller Arten, die im Verlauf der letzten rund 3,5 Milliarden Jahre gelebt haben, sind ausgestorben. Und das ohne unser Zutun. Zugleich ist die Mächtigkeit der dem Bereich des Lebendigen zur Verfügung stehenden Lebensbausteine kontinuierlich gewachsen. Dieses Paradox des Lebendigen erschließt sich wie folgt. Die Natur wirft über kurz oder lang alle Arten aus dem System, die nicht dazu beitragen, den Ressourcengrundstock des Gesamtsystems kontinuierlich anzureichern. An Bienen, Hummeln und Schmetterlingen ist das leicht sichtbar. Die ökologische Gesamtleistungsbilanz ihrer Bestäubungstätigkeit übersteigt bei weitem das, was sie daraus für sich und ihre Brut ziehen. Ein weiteres Beispiel ist der Beginn des Lebens vor rund 3,5 Milliarden Jahren. Er setzte ein mit der Entstehung von zunächst anaeroben Bakterien. In der damaligen Ursuppe verstoffwechselten diese Bakterien Stoffe so, dass dabei der Lebensbaustein Sauerstoff entstand. Aus ihm sowie weiteren organischen und anorganischen Stoffen erwuchs dann die Grundlage, aus der heraus sich alles weitere Leben entfaltete. Auch heute noch ist die Photosynthese der größte stoffliche Ressourcenschöpfungsprozess, bei dem in jedem Zyklus mehr und neue Lebensbausteine geschöpft werden, die die Basis für Lebendiges sind.

    Dass dieser Prozess der Ressourcenschöpfung auch auf Unternehmen übertragen werden kann zeigen die vielen Beispiele in „Alles neu“. Stellvertretend für sie ist der Babynahrungshersteller Hipp in Pfaffenhofen. Landwirtschaftsbetriebe, die an Hipp liefern wollen, müssen einen von Hipp vorgegebenen Anbau- und Bearbeitungsprozess einhalten. Er ist so ausgelegt, dass der Ackerboden mit jedem Pflanzzyklus nährstoffreicher wird und wächst. Das steht diametral den meisten der heutigen Anbaumethoden gegenüber, bei denen in vielen Fällen die Ackerböden immer mehr auslaugen. Das Beispiel von Hipp veranschaulicht deshalb, dass ressourcenschöpfende Anbaumethoden und ökonomisch höchst erfolgreiche Ertragserzielung die beiden Seiten der gleichen Erfolgsmedaille sind.

    Was wir daraus lernen können, ist das Kernanliegen von „Alles neu“. Wir können unsere Zukunft sichern, wenn wir als Einzelne wie auch als Gesellschaften und Unternehmen die Logik lebender Systeme mit der betriebswirtschaftlichen Logik der Unternehmung als prozessorientiertem Steuerungssystem so verknüpfen, dass der Prozess der Werte- und Ressourcenschöpfung ins Zentrum der Unternehmensentwicklung rückt. Wo das der Fall ist, schwenken Unternehmen in ein Wirtschaften ein, das mit ressourcenschöpfenden Geschäftsprozessen dazu beiträgt, dass wir als Menschheit eine gedeihliche Zukunft haben.

     

    Quelle: Das Interview wurde erstmalig auf dem Online-Portal des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Blog | agora42) veröffentlicht.

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  2. Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie: Merkel fordert mehr Tempo!


    Am 10. März 2021 hat das Bundeskabinett die Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie beschlossen. Kanzlerin Merkel fordert im Rahmen der Weiterentwicklung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie 2021 mehr Tempo bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele.

    Was bringt die Nachhaltigkeitsstrategie Weiterentwicklung 2021?

    Auf diese Frage antwortet unser Autor Prof. Dr. Michael von Hauff als ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der TU Kaiserslautern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Umwelt- und Entwicklungsökonomie.

    Auf dem Nachhaltigkeitsgipfel 2019 hat der Generalsekretär der Vereinten Nationen Antonio Guterres weltweit die „Decade of Action and Delivery for Sustainable Development“ ausgerufen. Das begründet er damit, dass die Gefahr besteht, – besser: sich abzeichnet – dass Ziele der Agenda 2030 verfehlt werden. Im März dieses Jahres erschien die deutsche „Nachhaltigkeitsstrategie Weiterentwicklung 2021“, in der diese Befürchtung ebenfalls klar zum Ausdruck kommt. Während das Vorwort der bisherigen Ausgaben zur Nachhaltigkeits-strategie durch ein „Lob der guten Taten“ gekennzeichnet war, kommt die Bundesregierung zu einer beachtlichen und wünschenswerten Ehrlichkeit.  Im Vorwort stellt die Bundeskanzlerin Merkel fest:

    „Um die Ziele der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie und der Agenda 2030 zu erreichen, müssen wir den Weg einer wirklich anspruchsvollen Transformation gehen, der wichtige Bereiche wie Energie, Kreislaufwirtschaft, Wohnen, Verkehr, Ernährung und Landwirtschaft umfasst. In Deutschland wollen wir mit der Weiterentwicklung unserer Nachhaltigkeitsstrategie und insbesondere mit Bildung, Forschung und Innovationen den Transformationsprozess voran-bringen.“

    Zunächst ist festzustellen, dass die Weiterentwicklung 2021 durchaus positive Impulse enthält. Ein neuer Akzent sind die politischen Maßnahmen in Reaktion auf die Corona-Krise die auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene an der Agenda 2030 und ihren globalen Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet werden muss. Weiterhin wurde das vielfach zitierte Prinzip aus der UN-Resolution von 2015 explizit hervorgehoben: „leave no one behind.“ Eine wichtige, aber nicht ganz neue Forderung, ist jene nach mehr Kohärenz in der Politik. Positiv zu werten ist auch die weitere Ausdifferenzierung der Strategie: Die Weiterentwicklung 2021 enthält nun 72 Indikatoren und Ziele in 39 Bereichen und wurde somit im Verhältnis von ursprünglich 63 Indikatoren deutlich erweitert. Es kamen seit der Aktualisierung 2018 folgende Indikatoren hinzu:

    Globale Pandemie-Prävention, Frauen in Führungspositionen im öffentlichen Dienst des Bundes, Väterbeteiligung beim Elterngeld, Breitbandausbau, Kulturerbe/Zugang zum Kulturerbe und weltweiter Bodenschutz

     Ein weiterer wichtiger Akzent ist die Nennung von Transformationsbereichen. In ihnen werden mehrere Ziele zusammengeführt, indem die Wechselwirkungen der Ziele betont werden. Das soll an dem zuerst genannten Transformationsbe-reich verdeutlicht werden: Transformationsbereich Menschliches Wohlbefinden und Fähigkeiten zur sozialen Gerechtigkeit verknüpft die SDGs 1, 3, 4, 5, 8, 9 und 10.

    Es gibt aber auch die Fortschreibung von Inkonsistenten. Um diese anzugehen bzw. auszuräumen benötigt die Bundesregierung mehr Mut. Das soll an einem aktuellen Problem verdeutlicht werden. In dem Sustainable Development Goal 8 wird ein „dauerhaftes, breitenwirksames und nachhaltiges Wirtschaftswachstum“ gefordert. Der Indikator ist das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf. In der Literatur wird seit der ersten deutschen Nachhaltigkeitsstrategie aus dem Jahr 2002 kritisiert, dass das BIP pro Kopf nicht den Anforderungen nachhaltiger Entwicklung entspricht, da weder die ökologischen noch die sozialen Effekte berücksichtigt werden. In dem Ziel 13 werden „umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels“ gefordert. Dabei ist hinreichend bekannt, dass mehr Wachstum, wie es wegen der zunehmenden wirtschaftlichen Probleme durch die Pandemie gefordert wird, den Klimawandel verschärft. Die Konsequenz daraus wäre, dass neben den Indikator Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der Nationale Wohlfahrtsindex (NWI) gestellt wird. Da das BIP pro Kopf schneller steigt als der NWI sollte analysiert werden, welche Gründe hierfür vorliegen. Hier könnte dann die nachhaltige Politikkohärenz umgesetzt werden.

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  3. Ausbildung heute \ 4 aktuelle Fragen an Dietmar Hartmann


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Ich arbeite seit dem 17.03.20 im Homeoffice, was ich vorher auch schon teilweise gemacht habe. Hier kam jetzt aber noch die momentane Unsicherheit ins Spiel. Alle Präsenzveranstaltungen, angefangen mit der Hochschule, Industriemeister Ausbildung und viele andere Aus- und Weiterbildungsrelevante Veranstaltungen wurden abgesagt. Für mich bedeutete das, dass wir kreative Lösungswege und innovative pädagogische und didaktische Konzepte brauchen. Webinare für verschiedene Zielgruppen auf verschiedenen virtuellen Plattformen bestimmten mein Tagesgeschäft. Mein Arbeitsalltag war länger und intensiver als zuvor.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in der betrieblichen Ausbildung?

    Die Herausforderung Ausbildungsinhalte gemäß Ausbildungsordnung im virtuellen Raum abzubilden. Wichtige Praxismodule sind weggefallen und müssen nachgeholt werden. Zeitliche und fachliche Taktungen wurde quasi außer Kraft gesetzt. Eine intensive Vorbereitung auf die Sommerprüfung war nur bedingt gewährleistet. Versäumnisse in der digitalen Transformation wurden direkt sichtbar. Kernkompetenzen wie der Umgang mit digitalen Endgeräten, virtuellen Klassenräumen und besondere pädagogische Herausforderungen waren gefragt und mussten umgesetzt werden. Selbstlern- und Recherchekompetenz für Lernende und Lehrende rückten vermehrt in den Vordergrund. Die Corona-Pandemie macht die „digitalen Versäumnisse“ in Aus- und Weiterbildung deutlich sichtbar, ist aber nicht unbedingt ihre Ursache.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in der betrieblichen Ausbildung dauerhaft verändern wird?

    Nein, das wäre ein Blick in die vielbeschworene Glaskugel. Mein Wunsch wäre, dass der Fokus mehr auf (digitale) Bildung in allen Bereichen gelegt wird. Angefangen von schulischer Bildung, außerschulischer Bildung, Aus- und Weiterbildung bis hin zum Hochschulbereich. Technische Voraussetzungen und Pädagogische sowie didaktische digitale Kompetenzen müssen dringend überprüft und optimiert werden. Bedeutet aber auch, dass mehr Wert auf Lernprozessbegleitung, Selbstlernkompetenz und Lernmotivation gelegt werden muss. Ausbildungsinhalte müssen überprüft werden, um der digitalen Handlungs- und Prozessorientierung gerecht zu werden. Wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, muss dringend darauf geachtet werden nicht in gewohnte Muster zu verfallen, sondern die wichtigen positiven Erkenntnisse aus der virtuellen Ausbildungszeit zu analysieren und dauerhaft zu implementieren.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ausbildung heute“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Im Prinzip fast im ganzen Buch, aber hauptsächlich im Kapitel „Medieneinsatz in der Ausbildung“. Hier gehen wir intensiv auf die Themen Blended learning, Digitales Lernen, Virtual Reality, interaktive Lernprogramme ein. Der sinnvolle Einsatz von Youtube-Videos und die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien werden beschrieben. Generationenkompetenz, die Chance für die Generation Y und Z wird intensiv beleuchtet. Modern ausbilden! Aber wie? Ist die Überschrift für Lernprozessbegleitung, Selbst- und Recherchekompetenz und die zukünftigen Rollen der Ausbilder und Ausbilderinnen.

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  4. Wirtschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Rolf Daxhammer


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Am 16.03.2020 war bei uns der Vorlesungsbetrieb bereits voll im Gange. Insofern versuchen wir jetzt über unterschiedliche remote-learning-tools die Studierenden inhaltlich zu versorgen. Darüber hinaus laufen die Betreuungen von Abschlussarbeiten, Hausarbeiten, usw. über online-meeting-tools. Außerdem betreuen wir sehr intensiv unsere Studierenden an den Partnerhochschulen weltweit, die ebenfalls durchgängig auf Krisenmodus geschaltet haben.

    Insofern hat sich für uns die Arbeitsintensität schlagartig bis an die Grenze des Machbaren erhöht.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Finance hinsichtlich der Verhaltensweisen der Akteure durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Die Finanzmärkte sind ein Spiegelbild der zukünftigen realwirtschaftlichen Entwicklungen. Insofern spiegelt sich dort die gleiche Unsicherheit, wie in fast allen anderen Bereichen des Lebens.

    Im Augenblick ist es bei aller Volatilität aus meiner Sicht bemerkenswert, dass Finanzmärkte im Großen und Ganzen noch reibungslos funktionieren. Das Zusammenspiel von Information und Emotion verläuft immer noch in nachvollziehbaren, geregelten Bahnen.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Behavioral Finance durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Ich denke, dass das Zusammenspiel von Informationsverarbeitung und Umgang mit Emotionen, das kennzeichnend ist für Finanzmärkte, nach der Krise noch mehr in den Vordergrund rücken wird. Ich erwarte insofern, dass die Behavioral Finance, die sich ja zentral mit diesen verhaltenswissenschaftlichen Phänomen beschäftigt, noch mehr in den Kernbereich der Finanzmarktanalyse vordringen wird.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Behavioral Finance“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Gerade die Kapitel, die sich mit Herdenverhalten und Spekulationsblasen beschäftigen, liefern an vielen Stellen eine Blaupause für die Interpretation der Kursverläufe von Wertpapieren in dieser Krisenphase.

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  5. Betriebswirtschaft \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Elisabeth Göbel


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    In meiner Rolle als Autorin nicht so sehr, da ich dabei schon immer überwiegend „Homeoffice“ gemacht habe. Bei meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten als Geschäftsführerin von zwei Vereinen gibt es schon die Veränderung, dass viele Absprachen über Telefon oder soziale Medien laufen und die direkten Kontakte eingeschränkt sind. Das Krisenmanagement in diesen Vereinen nimmt zurzeit viel Raum ein. Kontakte mit Studierenden finden natürlich kaum statt.

    Gibt es Veränderungen für Unternehmen hinsichtlich ihrer ethischen Verantwortung durch die Corona-Krise?

    Ich sehe im Moment eine bemerkenswerte Veränderung in der Werteskala. Es herrscht auf einmal breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens, dass Leben und körperliche Unversehrtheit der Menschen höher zu bewerten sind als Gewinn, Wohlstand und Arbeitsplätze. Gravierende negative wirtschaftliche Folgen werden in Kauf genommen, aus Solidarität mit den Menschen, die durch das Virus besonders gefährdet sind.  Die immer schon stattfindende Güterabwägung zwischen den wirtschaftlichen und den humanen Interessen, zwischen dem Gemeinwohl und dem Wohl einzelner Wirtschaftsakteure tritt offener zu Tage.  Und es wird deutlich, dass in der Vergangenheit wohl zu oft mit angeblichen Sachzwängen die humanen Interessen und das Gemeinwohl hintangestellt wurden. Man denke nur an den Klimawandel, der ja nach wie vor die ganze Menschheit bedroht. In der Klimadebatte wurden und werden zum Schutz wirtschaftlicher Interessen immer noch einschneidende Maßnahmen verzögert, verwässert oder ganz abgelehnt. Vielleicht lehrt uns die Corona-Krise ja, dass viel mehr möglich ist.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich die unternehmensethische Diskussion durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Die negativen Folgen einer Ökonomisierung der gesamten Lebenswelt werden im Moment sehr deutlich. Eine nur am Gewinn orientierte Marktwirtschaft führt nicht automatisch in allen Bereichen zu einer bestmöglichen Versorgung der Menschen.  Besonders klar zeigen sich die Schwächen der „unsichtbaren Hand“ des Marktes im Gesundheitswesen. Es muss bspw. auch „unwirtschaftliche“ Ressourcen in Krankenhäusern geben, damit sie flexibel genug bleiben. Die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten sicherzustellen, darf nicht allein dem Gewinninteresse privatwirtschaftlicher Akteure überlassen bleiben. Wenn die knapp werdende Schutzkleidung auf einmal zu horrenden Preisen angeboten wird – was ja der Logik des Marktes entspricht -, dann sorgt das bei vielen Menschen für Empörung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Idee der „sozialen Marktwirtschaft“, welche dem Staat eine starke ordnungspolitische Rolle zuschreibt, wiederbelebt wird.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Unternehmensethik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Nützlich finde ich die grundsätzliche Idee, dass Unternehmen in einer Marktwirtschaft ihrer sozialen Verantwortung nicht allein über die Gewinnmaximierung gerecht werden. Wenn die Politik jetzt feststellt, dass es „zynisch“ sei, Menschenleben den Gewinninteressen zu opfern, so galt das selbstverständlich auch schon vor Corona und gilt weiter nach Corona. Nur haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass wir die Bedrohung von Leben und Gesundheit vieler Menschen als Kollateralschaden einer florierenden Wirtschaft hinnehmen. Die Diskussion um die Unternehmensethik verdeutlicht, dass auch Unternehmen ständig eine Güterabwägung vornehmen müssen bei ihren Entscheidungen.

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  6. Tourismus \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Eigentlich stand in diesem Sommersemester mit Beginn am 1. April ein Forschungssemester in Kapstadt an. Es ging thematisch um „Female Empowerment in Tourism“. Aufgrund der Reisebeschränkungen musste ich dieses Vorhaben verschieben und werde ab nächster Woche Vorlesungen anbieten – allerdings online via Moodle und Microsoft Teams. Dementsprechend viel Zeit verbringe ich aktuell damit, meine Skripte zu erweitern und zu vertonen. Hinzu kommt, dass es momentan die Trennung zwischen Beruf und Familie nicht gibt, da die Kinder keine Schule haben und zuhause betreut werden müssen.

    Was ist aus Ihrer soziologischen Perspektive die gravierendste Veränderung auf den Tourismus durch das Virus?

    Kurz- und mittelfristig gesehen wird vielen Menschen bewusst werden, wie tief verwoben das Reisen mit ihrem Leben ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir über Jahrzehnte gereist sind, ist verschwunden und wir werden uns über jeden Ausflug freuen. Viele Unternehmen werden die Krise nicht überstehen. Langfristig bleibt abzuwarten, ob die beschriebene Wertschätzung auch dazu führt, dass im Tourismus tätige Personen stärker geschätzt werden. Wichtig wäre es, bereits jetzt an veränderten Angeboten und Strukturen zu arbeiten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Tourismus durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Das ist kaum zu beantworten, da diese weltumfassende Krise einmalig ist. Bisher hat sich der Tourismus jedoch von allen Krisen erholt.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Tourismussoziologie“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Ja. In Kapitel 4.1 gehe ich auf Bedrohungen ein. Die Aussagen können übernommen werden. Ich beziehe mich darauf, wie Menschen auf Krisen reagieren und wie Tourismus als System reagiert.

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