Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Ich bin es zwar gewohnt, im Home-Office zu arbeiten (gerade trage ich den Schreibschuldenberg kontinuierlich ab), aber vorlesungsfreie Zeit bedeutet normalerweise auch Reisen, fachlicher Austausch auf Konferenzen, das fehlt mir sehr.

Im Institut stehen sehr viele administrative Aufgaben an, die ich natürlich lieber im direkten Kontakt mit den Kolleg*innen angehe. Nun treffen wir uns zu regelmäßigen Videokonferenzen, es ist ein akzeptabler Kompromiss. Wie sich der Lehralltag gestalten wird, zeigt sich ab dem 20.4. Ich antizipiere einen deutlich größeren Zeitaufwand, weil es mir wichtig ist, so oft wie möglich mit meinen Studierenden zu interagieren. Freiräume, in denen Ideen im Diskurs entstehen konnten, wird man kaum simulieren können. Daher ist auch die Vorbereitung der Lehre natürlich anders als sonst. Das Semester muss nun minutiös geplant werden. Es braucht noch mehr als sonst eine Kurs-Choreographie. Lehrvideos müssen gescripted und aufgenommen werden. Dazu müssen wir uns mit neuen technischen Tools auseinandersetzen. Plattformen für synchrone Lehrveranstaltungen, die von der jeweiligen Universität präferiert werden, müssen erkundet und erprobt werden. Das Wissen darüber bereiten wir gerade auch für weniger affine Kolleg*innen auf. Auch über Twitter und Padlets werden Erfahrungen geteilt, damit Kolleg*innen und Studierende an anderen Universitäten davon profitieren können.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Internetlinguistik?

Die Internetlinguistik beschäftigt sich mit drei Fragestellungen: 1. Wie nimmt die Internettechnologie Einfluss auf unsere Sprache, auf unsere Kommunikation, auf unser Interaktionsverhalten und damit auch auf unsere Kultur? 2. Mit welchen Methoden können wir diese Prozesse untersuchen? 3. Wie können die Daten dazu erhoben, archiviert und für andere zugänglich gemacht werden? Zur ersten Fragestellung sagte ich unter 3. noch etwas. Es zeigt sich aber gerade jetzt, dass die Fragestellungen 2 und 3 vor allem kollaborativ bearbeitet werden. Forscher*innen haben ihre Vernetzungsaktivitäten einmal mehr verstärkt, und arbeiten auf mehreren Ebenen noch intensiver zusammen, um z.B. Wege zur Zugänglichkeit von Daten aufzuzeigen. Wie gut das gerade in unserem Feld ohne physischen Kontakt geht, wird dabei sehr deutlich.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich Ihr Bereich durch die Pandemie verändern wird? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

Die Interaktion in Sozialen Medien hat immer schon problematische Aspekte im gesellschaftlichen Diskurs besonders sichtbar gemacht. COVID-19 als weltweite Krise legt sich quasi darüber und wirkt wie ein doppeltes Brennglas: Verschwörungsmythen, Wissenschaftsskepsis, Verbale Gewalt, Rassismus werden noch deutlicher. Aber auch Solidarisierungsstrategien lassen sich vermehrt beobachten. Das sind natürlich wichtige Prozesse, die internetlinguistisch untersucht werden. Darüber hinaus nutzen immer mehr Menschen bildbasierte technisch vermittelte Interaktionsformate. Es gibt natürlich schon Forschung dazu, wie diese in Alltagsinteraktionen eingebunden wird. Dass sie aber Alltagsinteraktionen und berufliche Interaktion in einem bislang nicht gekannten Ausmaß ersetzt, ist für die Internetlinguistik höchst relevant.

Gehen Sie in Ihrem Lehr- und Arbeitsbuch „Internetlinguistik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Wir beschreiben in unserem Buch ja sprachliche Phänomene in Sozialen Medien auf unterschiedlichen Beschreibungsebenen. Typischerweise können wir neue lexikalische Phänomene (etwa Corona-Komposita, z.B. Corona-ProtesteCorostern) wieder sehr schnell beobachten, und zwar in der Social-Media-Interaktion, die sich als Datenbasis zur Zeit umso mehr anbietet. Face-to-Face-Interaktionen sind ja derzeit auf ein Minimum reduziert oder finden eben auch technisch vermittelt statt. Auch  pragmatische Phänomene, wie z.B. der Metadiskurs #Connicorona, der sich Ende März entwickelte, lässt sich mit den im Buch beschriebenen Routinen zu vergleichbaren Phänomenen beschreiben. Darüber hinaus sind die Überlegungen zur Methodik und Ethik wichtiger denn je.