Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Selbstverständlich hat sich auch mein Arbeitsalltag durch die Corona-Krise stark verändert: Unsere Hochschule ist geschlossen, ich arbeite von Zuhause, Vorlesungen und Seminare finden nicht mehr in Präsenzform statt, sondern sind ins Internet gewechselt. Dort gibt es dann auch Besprechungen mit den Kollegen. Ich glaube aber, dass in dieser Veränderung auch eine Chance liegt. Erstens, sich noch stärker mit digitalen Lern- und Lehrmethoden auseinanderzusetzen und zweitens, wenn es die Situation ermöglicht, strategische Entscheidungen zu treffen, um sich gut auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten.

Was ist die gravierendste Veränderung für Marketing-Profis hinsichtlich ihrer Instrumente und Aktivitäten durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Die Kunden sind derzeit für Marketingmaßnahmen kaum ansprechbar. Das gilt sowohl für die Konsumenten als auch für die Unternehmen. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten liegt gerade sehr stark auf dem eigenen Alltag, vielleicht auf den allgemeinen Sorgen bezüglich der Krise, aber auch auf ganz konkreten Sorgen, z.B. um den eigenen Arbeitsplatz. Und auch die Aufmerksamkeit der Unternehmen liegt gerade auf der Haltung des Geschäftsmodells, der Sicherung der Liquidität und, ganz allgemein gesagt, den finanziellen Sorgen, in die viele Unternehmen derzeit geraten. Das heißt, Aufmerksamkeit für Marketingmaßnahmen ist fast gar nicht vorhanden, sodass es sehr schwierig ist, jetzt in dieser Zeit neue Produkte einzuführen, Preisaktionen zu machen oder Kommunikationskampagnen durchzuführen. Kampagnen im öffentlichen Raum sind fast nutzlos, weil Menschen kaum mehr das Haus verlassen und auch große Unternehmen, die große Kampagnen gestartet haben, die sich auf Ereignisse wie die Fußball Europameisterschaft oder die Olympischen Spiele beziehen, haben das Geld für diese Kampagnen fast vollständig verschwendet.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Die Systematik des Marketings wird sich nicht verändern, aber es mag schon sein, dass sich die Inhalte des Marketings etwas anders akzentuieren werden. Ich meine, dass es nach der Krise in Deutschland zu einer recht zügigen wirtschaftlichen Erholung kommen wird und ich glaube, dass damit eine große Erleichterung in den westlichen Gesellschaften einhergeht. Und deswegen glaube ich, dass Inhalte bei den Marketingmaßnahmen eine größere Rolle spielen werden, die auf den sozialen Charakter von Produkten und Dienstleistungen, auf das Zusammengehörigkeitsgefühl abzielen werden. Veranstaltungen, Konzerte, Gastronomie – all das wird sicher, ebenso wie die Touristik, stärker beworben werden. Und das mit dem Aspekt des Nachkrisenphänomens, also dass jetzt die Krise vorbei ist und dass es jetzt darum geht, vielleicht wieder die Dinge zu tun, die man vorher nicht tun konnte. Ein anderer Effekt könnte sein, dass insbesondere das Wohlfühlen zuhause noch eine größere Rolle spielen wird und von daher Produkte stärker und anders beworben werden, bei denen es darum geht, dass man sich ein schönes Zuhause macht.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Marketing Schritt für Schritt“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Ich lege in meinem Buch ein großes Augenmerk darauf, wie wichtig es ist, dass Marketing ein systematischer Prozess im Unternehmen ist. Und das hat sich jetzt auch in der Krise nicht verändert. Es geht darum, seine Ziele festzulegen, natürlich den Gegebenheiten anzupassen und zu justieren und dann den strategischen Kompass beizubehalten, um gut vorbereitet zu sein für die Zeit nach der Krise. Denn das wird natürlich eine Zeit, in der die richtige Justierung von Marketingmaßnahmen im Marketingmix sehr wichtig sein wird. Wir sehen ja auch jetzt schon in der Krise, dass Unternehmen unterschiedlich gut und erfolgreich darin sind, diese besondere Situation gegenüber den Kunden, den Lieferanten aber auch den Mitarbeitern zu kommunizieren.