Mehrsprachigkeit ist weltweit die Norm. Auch in Deutschland wachsen inzwischen rund 40% der Kinder mit mehr als einer Sprache auf, Tendenz steigend. Wir unterhalten uns mit Prof. Dr. Doreen Bryant und Prof. Dr. Tanja Rinker, Co-Direktorinnen des Mehrsprachigkeitszentrums in Tübingen (MiT) und Co-Autorinnen des Narr Studienbuchs „Der Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit”.

Das Mehrsprachigkeitszentrum in Tübingen (MiT) wurde 2018 gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie?

Das MiT ist Teil des internationalen Netzwerkes Bilingualism Matters, das zum Ziel hat, mehrsprachige Erziehung und Bildung und Mehrsprachigkeit allgemein weltweit zu fördern. Aktuell gibt es 27 sog. Branches in Europa, Nordamerika und Asien. Unser Zentrum in Tübingen ist eines davon.

Ende Oktober 2021 fand das jährliche Symposium des Netzwerks (Bilingualism Matters Research Symposium) mit über 300 Teilnehmenden aus aller Welt statt, bei dem wir auch mit einem Vortrag vertreten waren.

Das MiT agiert auf unterschiedlichen Ebenen: Wir halten Vorträge und geben Workshops für ErzieherInnen und Lehrkräfte sowie für Lehrkräfte, die im herkunftssprachlichen Unterricht tätig sind, initiieren Projekte, bieten Beratung für Familien und Institutionen. Wichtig war uns von Beginn an auch die Zusammenarbeit der Universität mit städtischen Einrichtungen.

Was sind denn typische Fragen, die Menschen im Bereich Mehrsprachigkeit haben?

Gerade für Eltern, die beide zwei oder mehr Sprachen sprechen, stellt sich häufig die Frage, ob ihr Kind mit mehreren Sprachen von Geburt an überfordert ist (Antwort: Das ist es nicht.). Eine andere Frage, mit der Eltern an uns herantreten, ist, ob sie mit ihrem Kind Deutsch sprechen sollen, obwohl sie selbst nicht so gut Deutsch sprechen (Antwort: Das sollten sie nicht.). Eine weitere Frage ist, ob Sprachmischungen (sog. Code-Switching) Zeichen mangelnder Sprachbeherrschung oder gar einer Sprachstörung sein können (Antwort: Das sind sie nicht; im Gegenteil, diese Mischungen sind in der Regel ganz systematisch und ein Zeichen von Kreativität im Umgang mit den zur Verfügung stehenden Sprachen).

Sie sind also beide im Bereich der Mehrsprachigkeit tätig. Was gab denn nun den Ausschlag zu diesem Buch?

Zum einen wurden wir immer wieder von Studierenden gefragt, ob es einen Überblick über den Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit gebe und zum anderen, wo sie zur Vorbereitung ihrer Examen oder für ihre Recherchen im Rahmen von Abschlussarbeiten Erwerbsstudien zum Deutschen als Zweitsprache finden können. Beide Anliegen haben wir versucht, in diesem Buch abzudecken: Den Überblick und vertiefte Einblicke in unterschiedliche Felder der Erwerbsforschung. Von Vorteil war hier, dass wir beide unterschiedliche Forschungsschwerpunkte haben und mit unterschiedlichen Methoden in unseren Projekten arbeiten.

Das Buch richtet sich im Wesentlichen an Studierende?

Bereits jetzt setzen wir das Buch selbst in unseren Lehrveranstaltungen ein, wichtig war uns aber von Beginn an, dass das Buch auch von Praktikern genutzt wird, insbesondere Lehrkräfte sowie Aus- und Fortbildende – eben alle, die sich detaillierte Einblicke in den Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit wünschen, um sich für ihr sprachdiagnostisches und sprachdidaktisches Handeln ein vertieftes Hintergrundwissen anzueignen und um konkrete Anregungen zu erhalten.

Gibt es denn in naher Zukunft Fort- oder Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte, die im Bereich der Sprachvermittlung und der Sprachförderung von Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit tätig sind?

Ja, im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGFS, https://dgfs.de). Den Auftakt bildet immer ein Lehrerinformationstag mit zahlreichen Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte. Der Lehrerinformationstag der DGFS fungiert als Brückenbauer zwischen Sprachwissenschaft und pädagogischer Anwendung. Im Fokus des Lehrerinformationstages auf der Jahrestagung 2022 stehen Performative Zugänge zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Sprachbildung im Fach. Auf Empfehlung des Regierungspräsidiums und auf Wunsch vieler Lehrkräfte, die pandemiebedingt im Februar keine Kapazitäten für eine Fortbildung haben, wurde der Lehrerinformationstag auf den Juni verschoben. Es werden am Nachmittag und Abend des 24.6.22 insgesamt acht praxisorientierte Workshops angeboten sowie ein Plenarvortrag. Interessierte Lehrkräfte können sich über die E-Mail-Adresse des Tübinger Mehrsprachigkeitszentrums (mehrsprachigkeit@ds.uni-tuebingen.de) unverbindlich melden. Sie erhalten dann weitere Detailinformationen.