Wie verändert die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Tatsächlich hat sich mein Arbeitsalltag wenig verändert, weil ich ohnehin viel im Homeoffice arbeite. Die größte Veränderung steht mit dem nun beginnenden Sommersemester an. Wir müssen davon ausgehen, dass wir unseren StudentInnen nicht persönlich begegnen dürfen und ausschließlich auf digitale Ressourcen und virtuelle Formate für die Seminargestaltung zurückgreifen müssen. Das ist für uns Lehrende ebenso wie für die StudentInnen eine völlig neue und ungewohnte Herausforderung.

Was ist die gravierendste Veränderung für die aktuelle Grenz- und Asylpolitik?

Die Asylpolitik ist vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Während es Anfang März noch so aussah, als würde die Europäische Union eine neue Krise in ähnlicher Dimension wie 2015 erleben, hat sich die Lage an der griechisch-türkischen Grenze nun vorübergehend beruhigt. Die Situation der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln ist jedoch weiterhin katastrophal und die Gefahren einer Ausbreitung des Coronavirus macht eine Evakuierung umso dringlicher.

In der Grenzpolitik sehen wir eine andere Dynamik: Abhängig von der Entwicklung nationaler Infektionszahlen haben die Mitgliedstaaten ihre Grenzen geschlossen. Wir sehen erneut, dass der Schengenraum angreifbar ist. Ähnliches haben wir während der Migrationskrise von 2015 erlebt. Diesmal sind die Maßnahmen jedoch drastischer. Die aktuell praktizierten kategorischen Grenzschließungen sind im Schengenraum beispiellos. Warum es diese Grenzschließungen geben muss, bleibt dabei unklar. Schließlich führt das weitgehende Einfrieren des öffentlichen Lebens (Schließung der Geschäfte, Kontakt- und Ausgangssperren) automatisch zu rückläufiger Mobilität und die Empfehlung, von Reisen im Inland abzusehen, wird auch befolgt. Symbolisch haben die Grenzschließungen hingegen eine deutliche Wirkung der Abschottung.

Kann man bereits jetzt erahnen, ob sich die Grenz- und Asylpolitik durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Die Grenzschließungen erschüttern den Schengenraum und stellen damit selbstverständlich geglaubte Errungenschaften in Frage. Trotzdem gehe ich davon aus, dass die Grenzschließungen vorübergehender Natur sein werden.

Die Asylpolitik wird nach der Corona-Krise garantiert wieder sehr weit oben auf der politischen Agenda stehen. Den sichersten Hinweis dafür liefern einerseits die Zuwanderungsdaten der vergangenen 20 Jahre und die Tatsache, dass der weltweite Migrationsdruck (kriegerische Konflikte, Terrorismus, extreme soziale Ungleichheiten, Klimaveränderungen) eher zu- als abnimmt.

Gehen Sie in Ihrem Buch auf ähnliche Aspekte ein, die für die aktuelle Krisen-Situation von Bedeutung sein könnten?

Aktuell erleben wir eine unvergleichliche Krise, die jede/n Einzelne/n im täglichen Leben betrifft und sich dadurch grundlegend von Krisen der vergangenen Jahre unterscheidet. Zudem wirkt die Corona-Krise auf fast alle politischen Bereiche ein. Sie entwickelt sich zur Krise für das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und ggf. auch für die gesamte Gesellschaft.

In meinem Buch gehe ich ausführlich auf die Migrationskrise von 2015 ein. Damals gab es ähnliche Muster, die nun bei der Bewältigung der Corona-Krise erneut beobachtbar sind: Dazu zählen nationale Alleingänge bei den Grenzschließungen, eine zweifelhafte Praxis der Solidarität und ein zögerliches Engagement der europäischen Institutionen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken so weit in das öffentliche Leben und den Wirtschafts- und Finanzsektor aller Mitgliedstaaten hinein, dass sie die europäische Staatengemeinschaft insgesamt ergreifen. Dennoch haben wir zunächst primär nationale Reaktionen gesehen. Es gibt Ansätze der loyalen Zusammenarbeit bei der Versorgung von schwer erkrankten Unionsbürgern und dem Bereitstellen von technischem Material. Am Beispiel der Diskussion um Kreditinstrumente in der Eurozone wird jedoch bereits wieder deutlich, dass um europäischen Zusammenhalt hart gerungen werden muss. In meinem Buch wird in der Rückschau zur Migrationskrise von 2015 deutlich, dass einer der wesentlichen Gründe für die Krisensituation der Mangel an europäischem Zusammenhalt war. Bis dato fehlt es an Solidarität und an der Bereitschaft, die Verantwortung in der europäischen Asylpolitik gemeinsam zu tragen. Es bleibt zu hoffen, dass sich im Umgang mit der Pandemie eine andere Dynamik einstellt.