Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

Die Krise bringt Herausforderungen aber auch die Chance, für eine bessere und effektivere Lehre die Weichen zu stellen. Sie zwingt Lehrende neue Wege zur Vermittlung von Informationen und Lerninhalten zu finden und die Studierenden noch stärker über digitale Methoden einzubinden. Der potenzielle Wegfall von Präsenz-veranstaltungen muss somit nicht unbedingt von Nachteil sein. Livestreams oder die Möglichkeit zu frei ausgewählten Zeitpunkten Vorträge und Podcasts zu konsumieren, können zur Folge haben, dass ein größerer Anteil der Studierenden die Inhalte der Seminare aufnimmt.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige politische Lage in den USA?

Direkt betroffen sind die Vorwahlen der Demokraten, die in bestimmten Einzelstaaten verschoben wurden. Da Joe Biden jedoch dank der Ergebnisse des „Super Tuesday“ und der darauffolgenden Wochen einen großen Vorsprung bei den Delegierten erworben hat, besitzt dies nur geringen Einfluss auf den schlussendlichen Ausgang. Die Krise hat als dominantes Thema des Wahljahres 2020 sicherlich einen „Make or Break“-Effekt bezüglich der Wiederwahlchancen Donald Trumps. Hat sich die Wirtschaft bis zum 4. Quartal wieder erholt und sollte das US-Gesundheitssystem die Herausforderungen meistern, könnte Trump als effektiver Krisenmanager den Wahlkampf bestreiten. Eine langwierige Rezession wird hingegen Trumps „Trumpfkarte“ der niedrigen Arbeitslosigkeit sowie des wirtschaftlichen Erfolges und Wachstums unbrauchbar machen. Joe Bidens Argument, dass dank seiner Erfahrung das Land in unsicheren Zeiten unter seiner Führung in sicheren Händen wäre und seine Präsidentschaft eine Rückkehr zur Normalität darstellen würde, könnte sich andererseits gerade inmitten der schlimmsten Pandemie der letzten 100 Jahre als entscheidender Faktor bei der Wählergewinnung herausstellen.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die politische Landschaft in den USA dauerhaft verändern wird?

Nach der letzten großen Wirtschaftskrise bildete sich auch als Reaktion auf die unter Präsident George W. Bush verabschiedeten staatlichen Hilfsmittel innerhalb der Republikanischen Partei die Tea Party. Sie schrieb sich unter anderem eine resolute und kompromisslose Verteidigung des „Small Government“ auf die Fahnen. Unter Präsident Trump scheinen nicht erst seit den jüngst verabschiedeten Notfallmaßnahmen die „Defizitfalken“ in der Republikanischen Partei zu einer bedrohten Spezies geworden zu sein. Hier besteht Potenzial für zukünftige innerparteiliche Konflikte, insbesondere wenn das momentan existierende übergeordnete Ziel des Erfolges in einem Wahljahr nicht mehr vorhanden ist.
Sollte die Krise gerade auch dank der in Washington verabschiedeten Hilfspakete gemeistert werden, so könnten am anderen ideologischen Ufer die Demokraten ihrerseits die massive staatliche Intervention als Argument für einen beständigen „starken Staat“ aufgreifen – in der Hoffnung, dass die Wählerschaft staatlichen Programmen freundlicher gestimmt ist. Somit könnte der linke Flügel der Partei in sozialpolitischen Fragen weiter an Einfluss gewinnen.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Republikanische Partei in den USA“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Ein Faktor, der die amerikanische Politik dominiert, ist der Polarisierungsgrad zwischen den beiden Parteien, der vornehmlich der im Buch erörterten ideologischen Radikalisierung der Republikaner geschuldet ist. Die grundsätzlich unterschiedlichen Werte und Ziele lassen sich nicht nur im Kongress, sondern ebenso auf der Ebene der Wählerschaft vorfinden. Demokraten und Republikaner leben in verschiedenen Welten mit verschiedenen Realitäten. Dies hat in der Krise dazu geführt, dass Republikanische Wähler lange die Ansicht vertraten, drastische Schritte gegen das Virus seien nicht notwendig – ganz im Gegenteil waren sie oftmals der Auffassung, die Kritik auf die Maßnahmen der Trump-Regierung sei nicht viel mehr als ein weiterer Versuch des (medialen) Mainstreams, Präsident Trump zu schaden. Das seit Jahrzehnten durch Republikanische Politiker bei ihrer Wählerschaft genährte Misstrauen gegenüber Medien und Experten ist ein Faktor, der für die schleppende Reaktion der amerikanischen Bundesbehörden auf die Epidemie mitverantwortlich ist.