argumentation

  1. Rhetorik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Georg Nagler


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Als Rektor der Dualen Hochschule BW in Mannheim hatte ich die Pflicht, in Ausführung der Corona-Verordnung der Landesregierung den Präsenz-Studienbetrieb an der Hochschule am Freitag, dem 13. März, auf Null herunterzufahren. Wer sich der Bildung verpflichtet fühlt, wird wohl nachvollziehen, dass dies eine der deprimierendsten Erfahrungen meiner beruflichen Laufbahn war.

    Unser Motto war und ist: Gib Corona keine Chance!

    Wir haben also in kürzester Zeit den Betrieb der Hochschule – die ja keine Semesterferien kennt und daher immer Studierende in der Theoriephase bei sich hat – flächendeckend auf eLearning umgestellt. Seit 2 Wochen sind wir im HomeOffice/eLearning-Modus und ich muss gestehen: Es ruckelt zwar – aber es funktioniert. Die Professorenschaft und das nichtwissenschaftliche Personal sind in Rekordzeit umgestiegen. Aktuell dürften wir 80 % der Lehre online durchführen, manches geht leider (noch) nicht, wie etwa der Laborbetrieb oder Live-Seminare wie mein Rhetorik-Seminar.

    Mein Berufsleben besteht aktuell aus 5-6 Stunden Video-/Telefonkonferenz am Tag – und nicht nur ich, sondern auch viele Hochschulangehörige lernen die Vorzüge des Präsenzbetriebes einer Hochschule richtig zu schätzen.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation/Lage im Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung?

    Rhetorik und Verhandlungsführung im Online-Unterricht, das wäre schon eine eher surreale Praxis; dies muss ich also leider aufschieben. Hier und bei den seltenen Begegnungen im Hochschulflur lernt man den Wert persönlicher Live-Gespräche wirklich wieder zu schätzen. Was mich umtreibt, ist die Sorge für Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Tausenden von Studierenden: Wird es uns gelingen, so vielen wie möglich den Umgang mit der Pandemie sicher zu gewährleisten und dadurch schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu vermeiden, zumindest soweit es in unserer Macht liegt? Was ich hier spüre, ist auch in vielen Gesprächen das Verantwortungsgefühl unserer Studierenden gegenüber der älteren Generation, die nach den bisherigen Erkenntnissen ja ganz dramatisch der Pandemie ausgeliefert ist. Wir rücken in der Hochschule spürbar zusammen – das macht mich optimistisch für die Zukunft.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie der Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung dauerhaft verändern wird?

    Die Hochschullehre wird nach der Pandemie eine andere sein als vorher: Wir erleben im Zeitraffer den Einzug der Digitalität in einem Maß, das ich noch vor 6 Wochen nicht für möglich gehalten habe. Und es ist überwiegend positiv zu erfahren, wie viele damit proaktiv umgehen. Ich habe mit Professoren und Studierenden vereinbart, so bald wie möglich dazu neue Entwürfe für eine Digitale Duale Hochschule zu diskutieren und Strategien zu formulieren. Dabei wird auch der soziale Umgang miteinander nicht zu kurz kommen – digitale Einsamkeit in einer pandemischen Quarantäne, das ist ein Gefühl, das gerade viele Studierende in dramatischer Weise betrifft – und das sie so wohl nicht mehr wieder erleben wollen. Man sehnt sich nach Kommunikation und Austausch – das kann gerade für meine Arbeitsgebiete Rhetorik und Verhandlungsführung ein echter Schub sein.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Rhetorik-Matrix“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Die „Rhetorik-Matrix“ setzt den „homo communicans“ voraus: Kommunikation in ihrer großen Vielfalt und auch Verhandlungsführung als Ringen um gute Ergebnisse in einem fairen verantwortungsbewussten Setting. Gerade wenn in Zeichen des „social distancing“ und der „dehumanisierten“ Online-Kommunikation diese unmittelbare Kommunikation fehlt, spüren viele, wie identitätsbildend und auch sinnstiftend handwerklich gute und gelebte Kommunikation ist. Ein gutes Verhandlungsgespräch und das Erlebnis einer guten Rede, man spürt, wie das der Seele und dem Intellekt guttut. Von daher bin ich sehr optimistisch, dass die Befassung mit diesen Bereichen in ihrer gefühlten Bedeutung in der Zukunft sicherlich nicht abnehmen wird. Wer gut kommuniziert, ist auch in solchen Krisenzeiten gut unterwegs!

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  2. Argumentation \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kati Hannken-Illjes


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Verändert hat sich, dass viele Termine nun in Videokonferenzen, per Telefon oder Mail stattfinden. Dadurch wird manches knapper und kompakter, es fehlen aber oft auch die Zwischentöne, die es im Miteinander sonst gibt. Da ich momentan Studiendekanin an unserem Fachbereich bin, hat diese Zeit deutlich mehr Kommunikations- und Organisationsaufgaben mit sich gebracht. Als Lehrende bereite ich meine Vorlesung und meine Seminare so vor, dass sie auch aus der Distanz funktionieren. Das macht auch Spaß und gibt interessante Aspekte, zeigt aber auch die Grenzen des Lehrens auf Distanz.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation für Ihr Thema Argumentation?

    Die Frage, wie wir Entscheidungen unter Bedingungen von Unsicherheit treffen, ist eine essentiell rhetorische Frage und eine Frage für rhetorische Ansätze zur Argumentation. In der momentanen Situation erleben wir dies wie unter einem Brennglas. Gesellschaftliches und politisches Handeln erlangt Legitimität durch den Austausch von Argumenten – durch das Geben und Nehmen von Gründen – und durch die grundlegende Einstellung, bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen. Nun müssen wir sehr schnell aushandeln: Wer hat Glaubwürdigkeit, wer nicht, wie werden Entscheidungen begründet, welche Gründe und Topoi sind relevant? Sind das nur Gründe aus dem Feld der Virologie oder auch aus der Pädagogik, der Sozialmedizin, der Psychologie, der Politikwissenschaft usw. Wir müssen momentan Argumentationsanalyse im Schnelldurchlauf machen und zugleich brauchen wir nichts so sehr wie eine kritische Prüfung von Argumenten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie Ihr Thema Argumentation dauerhaft verändern wird?

    Ich hoffe, dass diese Krise zeigen wird, dass argumentativer Austausch die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft ist und sein muss und dass dieser nicht umgangen werden kann, wenn nicht dauerhafte negative Folgen für das Gemeinwesen entstehen sollen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch "Argumentation", auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Ich glaube ja: Die Frage „Was macht ein Argument zu einem guten Argument, wodurch erlangt es Geltung und Gültigkeit?“ ist für diese Debatte hochrelevant. Am wichtigsten ist dabei aus meiner Sicht die Spannung zwischen dialektischen und rhetorischen Ansätzen zur Argumentation. Die rhetorische Sicht interessiert sich dafür, wie und welche Argumente ein Publikum überzeugen: Sie fokussiert auf Effektivität. Ein Argument, das die Adressaten nicht erreicht, das nicht an das anschließen kann, was schon für wahr gehalten wird, läuft ins Leere. Zugleich ist hier immer eine hohe (dialektische) Skepsis angebracht, denn die reine Akzeptanz kann oder sollte – je nach Perspektive – kein Kriterium für ein gutes Argument sein. Was dann genau die Basis für die kritische Prüfung sein kann, ist umstritten: logische Schlüssigkeit, Wahrhaftigkeit, die kontrafaktische Annahme idealer Bedingungen?

    Ein weiteres Thema, das wir sowohl in dieser als auch in anderen aktuellen Debatten sehen, ist die enge Verbindung von Argumentieren und Erzählen. Argumentieren und Erzählen sind eben nicht zwei grundsätzlich entgegengesetzte Formen, einander zu überzeugen, sondern können ineinandergreifen, auch durch das Erzählen können wir argumentieren. Wenn man die Ansicht teilt, dass das Erzählen eine grundlegende Form des Verstehens und der Sinngebung ist, dann ist es vielleicht sogar eine besonders wirksame Form des Argumentierens (und hier wäre dann wieder Raum für die dialektische Skepsis …).

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