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  1. "Armut ist kein Krisenphänomen!"


    Armut ist greifbar! Sie ist aber auch vielschichtig. Prof. Dr. Andreas Koch lehrt und forscht am Fachbereich Soziologie und Geographie der Universität Salzburg sowie am Zentrum für Ethik und Armutsforschung. Im Frage-Antwort-Stil beleuchtet er in seinem Buch u.a. historische, ökonomische und politische sowie gesellschaftliche und geografische Aspekte der Armut. Dabei geht er auch auf die aktuelle wissenschaftliche Debatte und Formen der Armutsbekämpfung ein. 

    Wie definieren Sie Armut?

    Armut ist für mich ein Zustand, in dem eine kritische Beziehungsungleichheit herrscht. Es gibt viele Arten von Beziehungsungleichheit, zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Migrant:innen und Gebürtigen – und auch innerhalb dieser Gruppen. Ein absolutes Maß für Beziehungsungleichheit bzw. Beziehungsgleichheit existiert nicht. Sie beruht auf der Durchsetzungsmacht der jeweils privilegierten Positionen.

    Woher stammen diese Ungleichheiten in der Beziehung?

    Beziehungsungleichheit ist in Gesellschaften strukturell angelegt und als solche für weitere Ungleichheiten wie Chancen-, Leistungs- und Teilhabeungleichheit verantwortlich. Eine angemessene Definition von Armut fordert nun nicht, eine umfassende Beziehungsgleichheit herzustellen. Dies würde dem liberalen Prinzip individueller Freiheit widersprechen. Das Ziel besteht aber darin, sachlich und sozial nicht zu rechtfertigende Unterschiede zu kritisieren - und Wege aufzuzeigen, wie sie reduziert werden können.

    Wie äußern sich die Unterschiede?

    Bedürftigkeit und Not sind in der Regel das Ergebnis von Benachteiligungen der Beziehungen unter den Menschen. Mangelnde Gesundheitsversorgung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglohn, Wohnungslosigkeit, Bildungsexklusion und Umweltbeeinträchtigungen beruhen wesentlich auf der Verteidigung individuell und gruppenspezifisch erwirkter Privilegien, die jedoch gesamtgesellschaftlich nicht legitimierbar sind.    

    Das Nachhaltigkeitsziel SDG 1 ‚keine Armut‘ fordert, bis 2030 „Armut in allen ihren Formen und überall“ zu beenden. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass dieses Ziel erreicht wird?

    Armut in all ihren Formen und überall bis 2030 zu beenden, ist ein politisches Statement, das eine symbolische Wirkung entfaltet. Ob und wie weit es gelingen wird, dieses Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, hängt wesentlich von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und dem Willen der Gesellschaft ab. In einer auf Leistung und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft bleibt die Verwirklichung des Ziels unwahrscheinlich. Manche halten Leistungsgerechtigkeit für ein faires Beurteilungskriterium, einige stehen dem Wachstumsglauben fatalistisch oder opportunistisch gegenüber, und wieder andere ziehen sich stillschweigend zurück.

    Was kann Sozialpolitik in einer solchen Lage erreichen?

    In dieser Gemengelage zeigt sich die Kraft der Solidarität mit armutsbetroffenen Menschen punktuell (z.B. Spenden), aber nicht nachhaltig. Sozialpolitik ähnelt einem Reparaturbetrieb zur Aufrechterhaltung der bestehenden materiellen Klassenverhältnisse. Ihr fehlt jedoch der erklärte gemeinsame Wille zum Umbau dieser Verhältnisse. Und ihr fehlt die Kraft resilienter Armutsbewältigung, die in Krisenzeiten nicht nur kurzfristig Geld bereitstellt, sondern Regeln als Leitplanken errichtet, wie zum Beispiel kommunalen Wohnraum oder lokale Subsistenzwirtschaft.

    Sie gehen in Ihrem Buch auch auf Strategien der Armutsbekämpfung ein. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?

    Die wichtigste Strategie ist, Armut lokal zu bewältigen. Auch wenn wir zweifellos von einer globalisierten und digitalisierten Umwelt umgeben sind, so spielt sich das physische Leben doch an konkreten Orten mit ihren materiellen Gegebenheiten und sozialen Normen ab. Diese sozial-ökologischen Verhältnisse legen nicht fest, wie wir zu leben haben, vielmehr hängt es von den individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen ab, welche Einschränkungen und Gelegenheiten uns unsere Lebensorte bieten. Die individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen wiederum sind von den Verfügungsspielräumen geprägt, die jeder und jedem Einzelnen von uns durch Geld, Eigentum, soziale Beziehungen, kulturelle Werte und Infrastrukturen zur Verfügung stehen. Da diese Güter zwischen Menschen und Räumen sehr ungleich verteilt sind, bieten sich lokale Maßnahmen des sozialen Ausgleichs an. Hierzu gehören genossenschaftliche Wohnprojekte, die gemeinschaftliche Produktion von z.B. Lebensmittel oder die gemeinschaftliche Nutzung von Gebrauchsgegenständen.

    Sie berufen sich damit auf das Prinzip der Subsidiarität, Verantwortung dahin zu delegieren, wo sie entsteht. ... 

    ...ja, aber für eine erfolgversprechende Umsetzung dezentraler Armutsbewältigung braucht es als politische Strategie eine Ergänzung territorialer Räume um Netzwerke. Orte verbinden sich miteinander, um zu tauschen – Produkte, Wissen, Erfahrung – oder sich gegenseitig zu unterstützen. Die bestehende Ausschließlichkeit von territorial-administrativen Räumen führt zu einer Inklusion von Leistungen nach innen und einer Exklusion jener, die nicht dazugehören. Zudem verschärft es den Konkurrenzdruck von Gemeinden, Ländern, Staaten um Einwohner und Unternehmen.

    Den Medien zufolge hat die Armut in Deutschland durch die Corona-Pandemie einen neuen Höchststand erreicht. Wer ist in Deutschland von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen besonders betroffen?

    Die Corona-Pandemie ist für viele Menschen ein tiefer Einschnitt in ihren Lebensalltag gewesen, der bis heute anhält. Einkommenskürzung oder gar Jobverlust auf der einen Seite, Überstunden auf der anderen; eingeschränkte Mobilität mit Home-Office und Home-Schooling, demgegenüber hochgradige Präsenz in den so genannten systemrelevanten Berufen. Obwohl die Krise also viele getroffen hat, zeigt sich zugleich: Armut ist ein strukturelles Problem und kein Krisenphänomen. In Deutschland lag die Armutsquote im Pandemiejahr 2020 bei 16,1 Prozent und ist gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Punkte gestiegen. Die Coronapolitik mit u.a. Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramm hat durchaus Wirkung gezeigt. Es fehlte aber eine nachhaltige Armutspolitik in den Bereichen Wohnen (Miete und Energiekosten), der Versorgung mit Lebensmitteln, der Unterstützung von Menschen in Ausbildung, usw. Große Haushalte, Alleinerziehende, Erwerbslose oder Menschen mit Migrationshintergrund sind von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders betroffen. 

    Wer sollte Ihr Buch „Armut? Klare Antworten aus erster Hand!“ lesen?

    Im Mittelpunkt des Buches steht die Auseinandersetzung mit der Funktionalisierung von Armut und der damit einhergehenden Instrumentalisierung armutsbetroffener Menschen. Es argumentiert gegen die Annahme, Armut sei Ursache oder Folge von sozialer Schwäche. Dieser Standpunkt wird schwerpunktmäßig aus einer historischen und geographischen Perspektive vertreten und dabei aufgezeigt, wie sehr Raum und Zeit Konstanten unterschiedlicher armutspolitischer Debatten sind. Daher richtet sich das Buch an alle, die sich für diese Zusammenhänge interessieren.

    Das Buch legt zudem einen geographischen Schwerpunkt auf Deutschland und Europa und blendet eine globale Perspektive damit bewusst aus. Dafür nehmen die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Armut und ihre Behandlung im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einen größeren Raum ein.           

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  2. Homeoffice und mobiles Arbeiten? 5 Fragen an Prof. Florian Kunze


    Die Corona-Situation hat zu einer massiven Transformation der Arbeitswelt geführt. Von jetzt auf gleich wurde für Millionen von Beschäftigten das mobile Arbeiten im Homeoffice zur Realität. Im Future of Work Lab an der Universität Konstanz haben Prof. Florian Kunze und seine Mitarbeiter:innen Kilian Hampel und Sophia Zimmermann diese Entwicklung seit Beginn des ersten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lockdowns im März 2020 durch empirische wissenschaftliche Forschung begleitet.

    Im August 2021 erschien nun das Buch „Homeoffice und mobiles Arbeiten? Frag doch einfach!“, in dem der aktuelle Stand der Management- und Organisationsforschung zum Thema Homeoffice und mobiles Arbeiten systematisch aufgearbeitet und über die Fragenstruktur in konkrete Empfehlungen für verschiedene Anspruchsgruppen in der Arbeitswelt und Gesellschaft überführt wurde. 5 Fragen an Prof. Florian Kunze zum Thema: 

    Seit Juni 2021 ist die Homeoffice-Pflicht vorbei. Schaut man sich die aktuellen Zahlen an, so scheint die Zahl der Beschäftigten im Homeoffice abzunehmen. Versuchen die Firmen nun, den Trend wieder umzukehren?

    Wir sehen aktuell in der Tat, dass die Frequenz der mobilen Arbeit in vielen Unternehmen gegenüber der Hochzeit der Corona-Pandemie etwas rückläufig ist. Meine Prognose ist aber, dass Homeoffice und mobiles Arbeiten zur neuen Realität in vielen Organisation, auch nach Corona werden wird. In vielen Firmen werden aktuell Betriebsvereinbarungen getroffen, die eine mobile Arbeitswelt verstetigen. Zusätzlich wird auch durch Bewerber:innen, die mobiles Arbeiten als Selbstverständlichkeit ansehen, zunehmend Druck auf die Arbeitgeber ausgeübt werden, solche flexiblen Arbeitsmodelle auch langfristig anzubieten.

    Viele bemängeln, dass durch Homeoffice die Unternehmenskultur leidet. Sie beschreiben in Ihrem Buch „Homeoffice und mobiles Arbeiten? Frag doch einfach!“ wie sich der Teamzusammenhalt in virtuellen Teams stärken lässt. Wie funktioniert das?

    Für erfolgreiche virtuelle Zusammenarbeit in Teams ist es essenziell, dass eine Vertrauenskultur erarbeitet wird. Wichtig hierfür ist es, eine Kultur der psychologischen Sicherheit zu kreieren, in der Kritik, Fehler und Probleme offen diskutiert werden können. Führungskräfte sind hier besonders in ihrer Vorbildrolle gefragt, um eine solche Kultur zu schaffen.

    Manche Arbeitgeber bezweifeln die Produktivität ihrer Beschäftigten im Homeoffice. Sie haben in Ihrer Studie die Produktivität der Kommunikationstools untersucht. Mit welchem Ergebnis?

    Interessanterweise sind asynchrone Kommunikationstools, wie E-Mails von den Mitarbeitenden am höchsten in ihrer Produktivität eingeschätzt worden. Dies bedeutet aber nicht, dass man auf synchrone Kommunikation, wie zum Beispiel in Videokonferenzen komplett verzichten sollte. Videokonferenzen, auch wenn diese von unseren Studienteilnehmenden als sehr belastend angesehen werden, haben ihre Berechtigung und ihren Nutzen, wenn es darum geht, in einer virtuellen Beziehung Vertrauen und einen sozialen Zusammenhalt zwischen Teammitgliedern zu entwickeln.

    Trotzdem die Homeoffice-Pflicht vorbei ist, gibt es viele Angebote der Unternehmen für ihre Beschäftigten: Freiwilliges Rückkehr-Angebot ins Büro oder Übergangsfristen. Durch die moderate Impfbeteiligung in Deutschland befürchten viele Unternehmen aber einen Corona-Herbst. Wird die Anzahl der Mitarbeiter:innen, die ins Homeoffice gehen, dann wieder steigen?

    Wenn wir eine neuerliche Verschärfung der Coronalage erfahren, ist es durchaus möglich, dass mobiles Arbeiten auch wieder zum Gesundheits- und Infektionsschutz eingesetzt werden wird. In unsere Konstanzer Homeoffice Studie haben wir gesehen, dass dies auch sehr sinnvoll ist. So gab es im vergangenen Winter um den Faktor 8 erhöhte Infektionszahlen in den Betrieben, in denen weiter viele Präsenzmeeting stattgefunden haben, im Vergleich zu den Betrieben, die stark auf virtuelle Zusammenarbeit gesetzt haben. 

    „Hybride Arbeitsmodelle“ sind nun im Gespräch. Firmen wollen die Vorteile des Büros und des mobilen Arbeitens so gut es geht miteinander verbinden. Was bedeutet das konkret? Was kommt auf die Unternehmen zu?

    Hybride Arbeitsmodelle sind in der Tat die Herausforderung für Unternehmen und Mitarbeitende, um die Veränderungen, die sich durch Corona ergeben haben, jetzt erfolgreich in nachhaltige Arbeitsprozesse zu überführen. Dafür müssen sowohl die Voraussetzungen einer erfolgreichen mobilen Arbeitsumgebung geschaffen werden wie eine ausreichende IT-Ausstattung im Homeoffice und Führungskräfte, die für das mobile Arbeiten geschult sind. Gleichzeitig müssen die Organisationen auch stärker darauf hinarbeiten, dass ihre Büroumgebung eine stärker soziale Interaktion und einen informellen Austausch zwischen den Beschäftigten ermöglicht. Denn wenn Mitarbeitende bewusst einige Tage pro Woche ins Büro kommen, sollte ein großer Teil der Zeit, die sie dort verbringen auch für soziale Interaktionen genutzt werden, die besonders für kreative Ergebnisse in Teams, Abteilungen und ganzen Unternehmen unerlässlich sind.

    Autoreninformation:
    Prof. Dr. Florian Kunze ist Professor für Organizational Studies an der Universität Konstanz. Er hat an der Universität St. Gallen promoviert und an mehreren renommierten internationalen Universitäten geforscht und gelehrt. Seine Forschungsinteressen liegen in der Digitalisierung der Arbeitswelt, Generationenmanagement in Unternehmen und erfolgreiche Führung für Individuen, Teams und Unternehmen. Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit berät Professor Florian Kunze regelmäßig Organisationen zur erfolgreichen Implementierung einer effektiven Führungskultur und Personalmanagementpraktiken.

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