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  1. Angewandte Ethik: 3 Fragen an Prof. Dagmar Fenner


    Was genau haben wir unter „Angewandter Ethik“ zu verstehen?

    Angewandte Ethik ist eine noch junge, sich seit den 1960er Jahren entwickelnde wissenschaftliche Disziplin, die allgemeine ethische Prinzipien oder Beurteilungskriterien auf spezifische menschliche Handlungsbereiche anzuwenden versucht. Sie umfasst entsprechend viele sogenannte Bereichsethiken wie z.B. die Medizin-, Natur-, Medien- oder Wirtschaftsethik, die sich mit den moralischen Konflikten in den jeweiligen Praxisfeldern beschäftigen. Viele dieser Probleme etwa im Gesundheitsbereich oder im Umgang mit der Natur verschärften sich durch die enormen wissenschaftlich-technischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Ziel der Angewandten Ethik ist es, mit der kritischen Prüfung von Positionen und Argumenten zur Entscheidungsfindung in aktuellen gesellschaftlichen Fragen beizutragen. 

    Was sind für Sie aktuelle ethische Fragen?

    Ganz dringliche Fragen stellen sich zurzeit zweifellos im Bereich der Natur- oder Umweltethik: Die Schulstreiks der internationalen Bewegung „Fridays for Future“ haben weltweit das Bewusstsein für die verheerenden Folgen des Klimawandels wie extreme Wetterlagen, Anstieg des Wasserspiegels und Landverlusten geschärft. Großen Aufschwung hat auch die Tierethik erlebt, in der es neben klassischen Problemen der Tierversuche und Massentierhaltung gerade vermehrt um die Frage geht, ob heute überhaupt noch Fleisch gegessen werden darf. Für den Verzicht oder doch die Reduktion des Fleischkonsums sprechen starke Argumente wie etwa ökologische Argumente, die auf negative Folgen der Tierhaltung wie hohe Treibhausgasemissionen, Wasserverunreinigungen oder Abholzungen von Wäldern für den Anbau von Tierfutter hinweisen. Neben vielen anderen fällt auch das Argument der Welternährung ins Gewicht, weil die Nahrungsgewinnung durch Mästen und Töten von Tieren höchst ineffizient ist im Vergleich zur vegetarischen bzw. veganen Ernährung.

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    In welchen weiteren gesellschaftlichen Konfliktfeldern kann die Angewandte Ethik helfen?

    Zum Beispiel bei der Versachlichung und Strukturierung der immer wieder aufflammenden emotionalen Debatten über Sterbehilfe in der Medizinethik. Oder auch bezüglich der zunehmenden Probleme mit der Informationsflut, mit Echokammer-Effekten, Fake-News, Hass und Hetze im Internet, die in der Medienethik behandelt werden. An Aufmerksamkeit gewinnt zudem die Roboterethik innerhalb der Technikethik, in der autonome Fahrzeuge oder auch Pflegeroboter auf dem Prüfstand stehen. Letztere versprechen dem akuten Pflegenotstand Abhilfe zu leisten, ohne aber menschliche Pflegekräfte ersetzen zu können. Angewandte Ethik nimmt jedoch niemandem die persönliche Entscheidungsfindung und Verantwortung ab. Vielmehr will sie mit einer systematischen und sorgfältigen Analyse der Standpunkte die ethische Urteilskraft der Menschen schärfen, damit sie eine eigene, gut begründete Stellungnahme entwickeln können.

    Autoreninformation:
    Prof. Dr. Dagmar Fenner ist Titularprofessorin für Philosophie am Departement Künste, Medien, Philosophie der Universität Basel und Lehrbeauftragte für Ethik an verschiedenen deutschen Universitäten und Hochschulen (Tübingen, Karlsruhe, Kassel u.a.). Sie ist Autorin zahlreicher philosophischer Bücher, die sich auch an ein größeres Publikum richten. Als UTB erschienen sind von ihr bereits „Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss“ (2019) und „Ethik. Wie soll ich handeln?“ (Zweitauflage 2020).

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  2. Philosophie \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Dagmar Fenner


    Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Da ich schon immer zuhause gearbeitet habe und der größte Teil der Kommunikation über E-Mail, Telefon oder Skype erfolgt, ändert sich für mich persönlich wenig. Nur die geplanten Vorträge an Tagungen oder Symposien fallen natürlich aus oder werden auf den Herbst verschoben.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Ethik?

    In der Ethik werden zwei Bereiche unterschieden, in denen es anlässlich der aktuellen Pandemie zu beträchtlichen Veränderungen gekommen ist: Die Individual- oder Strebensethik befasst sich mit dem guten und glücklichen Leben des Einzelnen. Für die meisten Menschen verengt sich gerade der Handlungsspielraum so stark, dass ihr psychisches Wohlbefinden in Gefahr ist. Viele können das Zusammensein mit Freunden und Verwandten schwer missen, Eltern kommen durch Homeoffice und gleichzeitige Kinder- und Hausaufgabenbetreuung an ihre Belastungsgrenzen und Soloselbständige sehen ihre jahrelang mühsam erarbeitete Existenz bedroht.

    Aus der sozialethischen oder moralischen Perspektive bemüht man sich demgegenüber um ein respektvolles und gerechtes Zusammenleben der Menschen. Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr sind im Zeichen der Solidarität paradoxerweise alle Gesellschaftsmitglieder zur sozialen Distanz aufgerufen. Da jeder Mensch ein potentielles Risiko für die eigene Gesundheit oder gar das Leben darstellt, wächst die Angst und das gegenseitige Misstrauen in der Öffentlichkeit. Während viele Menschen panisch egoistische Hamsterkäufe tätigen, lässt sich aber auch eine erhöhte Hilfsbereitschaft z.B. bei Einkäufen für ältere Menschen in der Nachbarschaft beobachten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie ethische Fragestellungen (dauerhaft) verändern werden? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

    Von der Pandemie sind kaum direkte Impulse für neue Forschungsrichtungen in der Ethik zu erwarten. Bei der in meinem Band vorwiegend behandelten Allgemeinen Ethik geht es um eine zeit- und kontextunabhängige Begründung allgemeiner Kriterien oder Prinzipien zur Beurteilung des menschlichen Handelns. Es werden also z.B. zentrale Werte oder Rechte wie Leben, Gesundheit, Freiheit oder Bildung erörtert, die in der aktuellen Krisensituation bedroht sind, teilweise in Konflikt miteinander geraten und in gesellschaftlichen und politischen Debatten gegeneinander abgewogen werden müssen: Wie weit dürfen etwa die moralisch schützenswerten Rechte auf Freiheit und Bildung des Einzelnen vom Staat eingeschränkt werden, um Leben und Gesundheit aller Bürger zu schützen?

    Für die Diskussionen der Angewandten Ethik, die solche allgemeine Beurteilungskriterien oder Prinzipien auf konkrete gesellschaftliche Probleme oder Handlungsfelder anwendet, steuert die Krise einige interessante Anschauungsbeispiele bei.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ethik. Wie soll ich handeln?“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Es ergibt sich ein Konflikt zwischen verschiedenen ethischen Grundtypen oder Begründungsmodellen, die ich in meinem Buch ausführlich darlege: Aus Sicht der konsequentialistischen Ethik zählen bei der ethischen Beurteilung des Handelns allein die Handlungsfolgen. Die in der Krise zu ergreifenden Maßnahmen müssen sich entsprechend mit Blick auf den zu erwartenden Gesamtnutzen bzw. die Minimierung der Schadenssumme rechtfertigen lassen. Das können z.B. möglichst geringe wirtschaftliche Einbußen oder möglichst wenig Freiheitsbeschränkungen sein. Während es eine ethische Frage ist, welche Werte zu berücksichtigen oder vorrangig sind, müssen Virologen oder Wirtschaftsanalysten die empirische Frage klären, bei welchen konkreten Maßnahmen welche Konsequenzen zu erwarten sind. Problematisch sind solche konsequantialistisch-utilitaristische Überlegungen, weil einzelne Menschen oder Randgruppen wie z.B. betagte Menschen der Hochrisikogruppe für den Gesamtnutzen geopfert werden könnten.

    Gemäß der deontologischen Ethik haben jedoch alle Menschen unverletzliche moralische Rechte wie diejenigen auf Würde und körperliche Unversehrtheit, sodass sie auch für einen noch so großen (z.B. wirtschaftlichen) Nutzen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Aus dieser kantianischen Sicht darf menschliches Leben also nicht gegen ‚Dollars‘ verrechnet werden. Allerdings können Einkommenseinbußen infolge eines stillgelegten Unternehmens auch die Existenz vieler Familien bedrohen oder die verminderten Steuereinnahmen zu geringeren staatlichen Transferleistungen führen.

    Höchst dramatisch sind natürlich akute Ausnahmesituationen wie in italienischen Krankenhäusern, in denen die Ärzte aufgrund der gegebenen Umstände wie z.B. mangelnde Beatmungsgeräte oder Intensivbetten nicht allen infizierten Patienten helfen können. Nur in solchen medizinischen Notfällen dürfen konsequentialistische Prinzipien wie etwa das der Triage zum Einsatz kommen, indem z.B. Patienten mit besseren Überlebenschancen vorrangig behandelt werden.

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