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  1. Brandschutz \ 4 Fragen an Prof. Hans-Joachim Gressmann


    Sie schreiben, dass die von der Brandschutzbehörde geforderten anlagentechnischen Brandschutzmaßnahmen oft als lästige Pflichtübung zur Erlangung der Baugenehmigung verstanden werden. Warum sind die brandschutztechnischen Forderungen oft so ungeliebt?

    Dies liegt m. E. daran, dass Architekten und Bauingenieure oft zunächst ausschließlich ihre Hauptaufgaben, den Entwurf und die Realisierung von Bauwerken nach den Vorstellungen der Bauherren, im Blick haben. Brandschutzfachleute betrachten die beabsichtigte Nutzung und die gestalterische Umsetzung eines Bauwerkes dagegen vornehmlich unter Risikogesichtspunkten. Die erwarteten Risiken gilt es so weit zu minimieren, dass ein aus brandschutztechnischer Sicht angemessenes Sicherheitsniveau erreicht wird. Leider führt dies dann häufig zu Konflikten: Der Architekt möchte unbedingt seinen Entwurf, dem der Bauherr schon zugestimmt hat, ohne Modifikationen realisieren, der Bauingenieur soll die Kosten so gering wie möglich halten. Letztendlich werden dann wegen des bereits fortgeschrittenen Entwurfsstadiums nicht selten Kompromisse erforderlich, die den Entwurfsverfassern nicht behagen oder die die Kosten – wie man meint unnötig – in die Höhe treiben, ohne die jedoch die Baugenehmigung nicht erlangt werden kann.

    Dieses Dilemma ist jedoch nicht zwangsläufig. Wenn frühzeitig Brandschutzfachleute in den Planungsprozess eingebunden werden, können diese oftmals Wege aufzeigen, die zu einer für alle Beteiligten guten Lösung führen, die Kosten in vertretbarem Rahmen halten und den Genehmigungsprozess zeitlich erheblich straffen. Der Schlüssel ist hier die frühzeitige Einbindung. Diese sollte bei anspruchsvollen Gebäuden möglichst schon dann erfolgen, wenn sich der gestalterische Entwurf verfestigt und bevor der Kostenrahmen für das Bauwerk definiert wird.

    Sie haben die Neuauflage aufgrund der Fortentwicklung der zu Grunde liegenden technischen Regeln überarbeitet und ergänzt. Auf welche technischen Neuerungen gehen Sie besonders ein? Gibt es innovative Brandschutzlösungen?

    Von großer Bedeutung für die Sicherheit der Nutzer von so genannten „kleinen Sonderbauten“ – hierzu gehören z. B. Kindertagesstätten, Wohnheime, Seniorenheime und kleine Hotels – ist eine nunmehr vorliegende technische Regelung für Brandwarnanlagen. Dadurch wird die seit langem bestehende Auffassung der Brandschutzdienststellen bestätigt, dass auch für diese baulichen Anlagen, für die das Baurecht nicht explizit eine Brandmeldeanlage fordert, auf Grund der erhöhten Risiken durch die Nutzer – Kinder, Geflüchtete, alte und/oder behinderte Menschen, etc. – das Sicherheitsniveau erhöht werden muss. Die derzeit noch als Vornorm vorliegende Regel der Technik schreibt einerseits die Verwendung der gleichen bewährten technischen Komponenten vor, wie bei vollwertigen Brandmeldeanlagen, erlaubt gegen über diesen jedoch etliche Erleichterungen, da Brandwarnanlagen in erster Linie für die Warnung der Nutzer und nicht für den Sachschutz ausgelegt sind.

    Sehr interessant ist die Weiterentwicklung ehemals rein mechanisch gesteuerter – und damit nicht immer zielgerichtet arbeitender – Wasser- und/oder Schaummonitoren zu intelligenten automatischen Monitorlöschanlagen. Diese werten die Daten von Video- oder Infrarotkameras aus und steuern über rechnergestützte Algorithmen die hinsichtlich Strahlform und Volumenstrom optimierten Löschmittelstrahlen zielgenau auf die Brandherde.

    Eine weitere wichtige Neuerung im Vorschriftenwerk stellen die neuen Regelungen zu Rauchschutz-Druckanlagen – RDA – dar. Sie straffen und vereinheitlichen die bisherigen technischen Vorgaben, senken allerdings auch bestimmte technische Anforderungen etwas ab.

    Was ist nach Ihrer Erfahrung als ehemaliger Leiter einer Feuerwehr die häufigste Ursache von Bränden in Industrieunternehmen?

    In Industrie- und Gewerbebetrieben sind technische Fehlfunktionen meines Wissens die häufigste Brandursache, gefolgt von menschlichem Fehlverhalten. Elektrische Einrichtungen und Geräte – seien es einfache IT-Drucker, Industriewaschmaschinen, Beschichtungsanlagen, Elektroverteilungen oder hochkomplexe Lagereinrichtungen – machen hiervon wiederum den Großteil aus. Auch Fehlfunktionen von Produktionseinrichtungen, die offenes Feuer oder heiße Oberflächen nutzen – hierzu gehören u. A. Anlagen, die Kunststoffe durch Aufschmelzen verarbeiten – sind hier zu nennen.

    Kann ich einen kleinen Brand selbst löschen? Welche Mittel stehen mir hier zur Verfügung und welche sollte ich tunlichst meiden?

    Grundsätzlich kann jedermann Entstehungsbrände löschen, solange deren Umfang dies ohne Selbstgefährdung ermöglicht. Dies gilt sogar dann, wenn keine Löschgeräte im engeren Sinne – also z. B. Feuerlöscher – vorhanden sind. So kann brennendes Fett in einem Topf häufig einfach durch Auflegen des Deckels gelöscht werden; die Anwendung von Wasser ist hier wegen der Gefahr einer Fettexplosion zu vermeiden. Der Entstehungsbrand eines Adventsgestecks ist durch ein darübergelegtes feuchtes Handtuch oder eine Decke aus Wolle beherrschbar. Brennende Elektrogeräte, wie z. B. eine Kaffeemaschine, ein Bügeleisen oder ein Fernsehgerät, müssen vor Löschversuchen immer durch Auslösen des Fehlerschutzschalters oder der Sicherung vom Netz getrennt werden.

    Laien sollten von Löschversuchen dann absehen, wenn der Umfang eines Brandes größer wird, als etwa eine große Aktentasche oder ein kleiner Koffer. Vor Löschversuchen ist stets abzuwägen, ob die Feuerwehr zusätzlich parallel oder vorher gerufen werden sollte. Wir Brandschutzfachleute empfehlen, die Feuerwehr immer zu alarmieren.

    Gut geeignet zur Bekämpfung von Entstehungsbränden sind CE-zertifizierte Feuerlöscher; für den Haushalts- und Bürobereich empfiehlt sich ein universell einsetzbarer ABC-Pulverlöscher. Sehr hilfreich können auch Löschspraydosen sein, die auch von ungeübten Personen ohne zusätzliche Einweisung genutzt werden können.

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  2. Onboarding von Azubis oder "Gekommen, um zu bleiben"


    Ein Blick in den im Mai erschienenen Berufsbildungsbericht 2021 zeigt: Der Ausbildungsmarkt schrumpft! Sicher eine Folge der Corona-Pandemie, aber auch andere Ursachen spielen eine Rolle. „Bei den nahezu parallelen Rückgängen von Angebot und Nachfrage verbinden sich langfristige Trends mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie“ heißt es. Umso wichtiger ist es, die Auszubildenden zu halten und damit zur Stabilisierung des Ausbildungsmarktes beizutragen.

    Dietmar Hartmann ist Aus- und Weiterbildungspädagoge und Dozent für Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen von Auszubildenden und Ausbilder:innen für namhafte Unternehmen deutschlandweit und Autor des Buches "Ausbildung heute" vom expert verlag. Er spricht hier darüber, wie wichtig jetzt das richtige Onboarding der neuen Auszubildenden in den Betrieben ist:

    Was sind nach Ihrer Einschätzung die Gründe für die häufigen Ausbildungsabbrüche?

    Es gibt viele Gründe für Ausbildungsabbrüche. Mangelnde bzw. falsche Kenntnisse oder Vorstellungen über die Ausbildungsinhalte des gewählten Berufs. Teilweise auch der „Quantensprung“ aus der allgemeinbildenden Schule in die berufliche Ausbildung (längerer Anfahrtsweg, längere Arbeits-/Ausbildungszeiten, verändertes Umfeld, veränderte Regeln). Schlechte bzw. keine Einführung in die Ausbildung seitens des Ausbildungsbetriebes, mangelnde Sensibilisierung oder keine Zeit seitens des Ausbildungspersonals, keine „Azubi-Onboarding-Veranstaltung“!

    Warum ist es so wichtig, neue Auszubildende im Betrieb von Anfang an richtig zu integrieren?

    Um eben drohende Ausbildungsabbrüche zu vermeiden. An besten beginnt Integration schon vor der Ausbildung (Praktika, Schnupperarbeiten etc.). Weiterhin ist es enorm wichtig, den Übergang in das Berufsleben praxisnah, authentisch aber auch behutsam zu gestalten!

    Welche Ideen gibt es für Betriebe, den Onboarding-Prozess richtig einzuleiten?

    Wichtig ist es, Ausbildungspersonal zu schulen bzw. auf die kommende Generation vorzubereiten oder geeignete Mitarbeiter:innen zu finden, die auch motiviert und bereit sind, sich auszubilden. Einführungstage bzw. eine Einführungswoche (Teambuilding mit Mitarbeiter:innen und Azubis, offene Fragen klären, Berufsschule mit Lehrer:innen kennenlernen, Eltern integrieren, Inhalte und Anforderungen der Ausbildung kennenlernen sowie die Inhalte der Standardberufsbildpositionen des jeweiligen Ausbildungsberufes. Etablierung von Ausbildungspaten z. B. Azubis aus höheren Ausbildungsjahren. Das sind nur einige Punkte. Sicher gibt es noch weitere Möglichkeiten, den Onboarding-Prozess für die Auszubildenden richtig einzuleiten.

    Gibt es Unterschiede im Onboarding von Azubis zum Onboarding von erfahrenen Mitarbeiter:innen?

    Ja, auf jeden Fall. Die Azubis kennen den betrieblichen Alltag in all seinen Facetten noch nicht, deshalb ist es enorm wichtig, einen speziellen auf die Azubis zugeschnittenen (Generationengerecht) Onboarding-Prozess zu generieren.

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  3. Selbstmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dieter Brendt


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Noch wenige Tage vor den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hatte ich mit dem Träger einer großen Werkstatt für Behinderte einen Beratervertrag zur Organisationsentwicklung  abgestimmt. Alle dort vereinbarten Termine für Interviews, einer Kick-Off-Veranstaltung etc. wurden genauso abgesagt wie Workshops für andere Träger in unserer Region. Weder Supervisionen, Coachings oder Trainings noch Seminarveranstaltungen finden statt. Somit beschränkt sich mein Arbeitsalltag ausschließlich auf Tätigkeiten im Home-Office: Einzelberatungen per Telefon, Videokonferenzen und schriftliche Auftragsarbeiten wie Gutachten. Abgesehen davon warte ich auf Lockerungen der Beschränkungen, um die aufgeschobenen Termine außer Haus wieder ins Auge fassen und realisieren zu können. Im Hinblick auf meine Arbeit als Fachbuchautor möchte ich ebenfalls auf das Ende der Maßnahmen warten, um sie danach mit einem aktuellen Bezug wieder aufzunehmen. In erster Linie übe ich mich in Geduld und blicke gelassen und zuversichtlich nach vorne.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen?

    Aus meiner Sicht wirkt sich das Kontaktsperregebot in vielerlei Hinsicht stark beeinträchtigend aus, wobei wir zwischen mobilen und stationären Helfer*innen Unterschiede zu konstatieren haben. So wurde beispielsweise eine Hebamme gebeten die Wochenbettbetreuung einer Asylantin zu übernehmen. Schon der Versuch ein Vorgespräch zu führen scheiterte, weil „Dritten“ untersagt ist, das Heim, in dem die Asylantin untergebracht ist, zu betreten. Beratungen per Telefon gestalten sich zumeist sehr schwierig und erschweren die Betreuung. Gleiches gilt für mich als Supervisor. Als „Dritter“ beschränkt sich meine Arbeit auf Telefonate. Supervisionen in Heimen oder Krankenhäusern sind nicht mehr möglich, obwohl alle systemrelevanten Berufe über die Maßen gefordert sind und dringend eine Möglichkeit benötigen, ihre alltäglichen Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten. Man denke nur daran, in welchem besonderen Ausmaß Helfer*innen derzeitig gefordert sind, Patient*innen zu begleiten, wenn Familienmitgliedern der Besuch ihrer kranken, im schlimmsten Fall sterbenden Angehörigen verwehrt wird. Vor dem Hintergrund der von allen Seiten beklagten Personalknappheit drängt sich hier die Frage nahezu auf, wie das denn alles geschafft und verarbeitet werden soll.    

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen dauerhaft verändern wird?

    Allabendlich, pünktlich um 21 Uhr, treten wir gemeinsam mit vielen unserer Nachbarn in unserer Straße vor die Haustür und applaudieren, um allen Mitarbeitenden in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen unseren Dank und Respekt auszudrücken. Aktionen wie diese bringen unseren Helfer*innen eine Wertschätzung entgegen, an denen es ihnen bislang gemangelt hat, obwohl sie sie stets verdient haben. Ich hoffe, dass sie auch dazu beitragen, dass solche unsäglichen Geschehnisse, wie sie sich in der sinnentleerten Gewalt gegen Helfer*innen offenbart haben, endlich ein Ende finden. Und ich wünsche mir, dass unsere Entscheidungsträger endlich Geld in die Hand nehmen und Maßnahmen zur Beendigung des in der Pandemie nur noch mehr verschärften Pflegenotstandes ergreifen statt sich darauf zu beschränken, medienwirksam Ladungen von Schutzmasken an Flughäfen in Empfang zu nehmen oder einmalige steuerfreie Bonuszahlungen auszuloben. Es gilt, die Arbeitsplätze in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen attraktiver zu gestalten, damit dort zukünftig alle notwendigen Leistungen gesichert erbracht werden können. Aufgrund der bisherigen Bemühungen zur Reduzierung des Pflegenotstandes vor der Pandemie drängen sich aus meiner Sicht jedoch durchaus berechtigte Zweifel auf, dass sich in dieser Hinsicht nach der Pandemie etwas Grundlegendes ändert.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Stressfreie Selbstorganisation zur Burnoutvermeidung“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    In meinem Buch wird eingehend erörtert, dass sich die durch Zeit- und Personalknappheit sowie gesetzliche Auflagen erheblich belastete Situation im gesamten Gesundheits- und Sozialbereich nicht wegdiskutieren lässt. Der „Pflegenotstand“ hat sich durch die Pandemie wegen der damit einhergehenden Infektionsgefahr noch weiter verschärft und steht im direkten Widerspruch zum Kernanliegen der Helfer*innen, sich Zeit zu nehmen für eine angemessene Betreuung von Hilfsbedürftigen. Von daher dürfte auch mein dort formuliertes Statement weiterhin gelten, dass das Burnout-Risiko nirgendwo so stark ausgeprägt ist wie in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen. Die in dem Buch speziell an den Bedürfnissen dieser Berufsgruppen ausgerichteten Methoden des persönlichen Zeit-, Ziel- und Ressourcenmanagements im „Regelkreis des Selbstcoachings“ sind gerade heute mehr als geeignet, d. h. durchaus nützlich und relevant, Helfer*innen die Arbeit zu erleichtern, indem ihnen Möglichkeiten zur besseren Selbstorganisation an die Hand gegeben werden. Zudem werden Fach- und Führungskräften in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen Wege zur Stressprävention und Burnoutvermeidung erschlossen. Positive Rückmeldungen meiner Leser*innen bestätigen diese Sichtweise.  

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  4. Ausbildung heute \ 4 aktuelle Fragen an Dietmar Hartmann


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Ich arbeite seit dem 17.03.20 im Homeoffice, was ich vorher auch schon teilweise gemacht habe. Hier kam jetzt aber noch die momentane Unsicherheit ins Spiel. Alle Präsenzveranstaltungen, angefangen mit der Hochschule, Industriemeister Ausbildung und viele andere Aus- und Weiterbildungsrelevante Veranstaltungen wurden abgesagt. Für mich bedeutete das, dass wir kreative Lösungswege und innovative pädagogische und didaktische Konzepte brauchen. Webinare für verschiedene Zielgruppen auf verschiedenen virtuellen Plattformen bestimmten mein Tagesgeschäft. Mein Arbeitsalltag war länger und intensiver als zuvor.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in der betrieblichen Ausbildung?

    Die Herausforderung Ausbildungsinhalte gemäß Ausbildungsordnung im virtuellen Raum abzubilden. Wichtige Praxismodule sind weggefallen und müssen nachgeholt werden. Zeitliche und fachliche Taktungen wurde quasi außer Kraft gesetzt. Eine intensive Vorbereitung auf die Sommerprüfung war nur bedingt gewährleistet. Versäumnisse in der digitalen Transformation wurden direkt sichtbar. Kernkompetenzen wie der Umgang mit digitalen Endgeräten, virtuellen Klassenräumen und besondere pädagogische Herausforderungen waren gefragt und mussten umgesetzt werden. Selbstlern- und Recherchekompetenz für Lernende und Lehrende rückten vermehrt in den Vordergrund. Die Corona-Pandemie macht die „digitalen Versäumnisse“ in Aus- und Weiterbildung deutlich sichtbar, ist aber nicht unbedingt ihre Ursache.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in der betrieblichen Ausbildung dauerhaft verändern wird?

    Nein, das wäre ein Blick in die vielbeschworene Glaskugel. Mein Wunsch wäre, dass der Fokus mehr auf (digitale) Bildung in allen Bereichen gelegt wird. Angefangen von schulischer Bildung, außerschulischer Bildung, Aus- und Weiterbildung bis hin zum Hochschulbereich. Technische Voraussetzungen und Pädagogische sowie didaktische digitale Kompetenzen müssen dringend überprüft und optimiert werden. Bedeutet aber auch, dass mehr Wert auf Lernprozessbegleitung, Selbstlernkompetenz und Lernmotivation gelegt werden muss. Ausbildungsinhalte müssen überprüft werden, um der digitalen Handlungs- und Prozessorientierung gerecht zu werden. Wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, muss dringend darauf geachtet werden nicht in gewohnte Muster zu verfallen, sondern die wichtigen positiven Erkenntnisse aus der virtuellen Ausbildungszeit zu analysieren und dauerhaft zu implementieren.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ausbildung heute“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Im Prinzip fast im ganzen Buch, aber hauptsächlich im Kapitel „Medieneinsatz in der Ausbildung“. Hier gehen wir intensiv auf die Themen Blended learning, Digitales Lernen, Virtual Reality, interaktive Lernprogramme ein. Der sinnvolle Einsatz von Youtube-Videos und die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien werden beschrieben. Generationenkompetenz, die Chance für die Generation Y und Z wird intensiv beleuchtet. Modern ausbilden! Aber wie? Ist die Überschrift für Lernprozessbegleitung, Selbst- und Recherchekompetenz und die zukünftigen Rollen der Ausbilder und Ausbilderinnen.

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  5. Unsere Luft – Besser als ihr Ruf?

    Interview mit Autor Prof. Dr.-Ing. Norbert Metz über die Luftqualität in Deutschland 


    In Ihrem Titel fragen Sie: „Unsere Luft - deutlich besser als ihr Ruf?“

    Seit Jahren haben die Konzentrationen für Kohlenmonoxid, die Summe der Kohlenwasserstoffe, Benzol, die polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, auch Benzo(a)pyren, Schwefeldioxid und Blei abgenommen und liegen weit unter den lufthygienischen Europäischen Grenzwerten. Seit wenigen Jahren werden auch die Grenzwerte für Feinstaub PM10 und PM2,5 unterschritten. Bei der kritischen Komponente NO2 zeigt sich seit Jahren nicht nur coronabedingt ein rückläufiger Trend. An verkehrsnahen Messstellen treten noch Überschreitungen auf, die in wenigen Jahren beendet sein werden. Die Spitzenwerte bei Ozon haben auch seit Jahren abgenommen. Die Luftqualität ist also definitiv besser geworden.

     

    Tatsächlich ist die Luftqualität in vielen Parametern gestiegen. Woran liegt das Ihrer Erfahrung nach?

    Die Ingenieure der Fahrzeughersteller sowohl bei den Pkw als auch bei den Nutzfahrzeugen konnten weitere technische Verbesserungen entwickeln und umsetzen. Das neue Testverfahren bei der Typprüfung hat jetzt die Abgasemissionen bei Pkws und Lieferfahrzeugen auch im realen Fahrbetrieb, bei tieferen Temperaturen und der Einbeziehung der Nebenaggregate, z.B. Klimaanlage abgesenkt. Die Penetration neuer Fahrzeuge mit minimalen Abgasemissionen und das Ausscheiden älterer Fahrzeuge verbessert laufend den Flottendurchschnitt im Hinblick auf Abgasemissionen und Kraftstoffverbrauch. Auch die weiteren behördlichen Maßnahmen wie Umweltzonen, Luftreinhaltepläne, situationsgemäße Geschwindigkeitsbeschränkungen haben dazu beigetragen. Ein coronabedingtes leicht geringeres Verkehrsaufkommen in den Städten hat eine Verstetigung des Verkehrsflusses bewirkt und damit die Abgasemissionen weiter verringert. Eventuell hat auch das Umweltbewusstsein bei einzelnen Bürgern dazu beigetragen.

     

    An welchen Punkten müsste die Gesetzgebung Ihrer Meinung nach ansetzen, um die Luft weiter zu verbessern?

    Die bereits beschlossenen Maßnahmen machen sich bereits bemerkbar. Weitere Verbesserungen wären Anreize zum Nachrüsten älterer Fahrzeuge, Weitere Maßnahmen zur Vermeidung von Stop-and-Go-Phasen, Intelligentere vernetzte Ampelschaltungen, Vergleichmäßigung des Verkehrsflusses, finanzielle Anreize zum Nutzen von verkehrsärmeren Zeiten in der rush-hour, mehr Vorteile bieten für Autofahrer mit abgasarmen Fahrzeugen, attraktivere Anreize zum Nutzen des ÖPNV, Maßnahmen zur Verringerung der Pendler (kürzere Wege zwischen Arbeit und Wohnen) durch bezahlbares Wohnen am Stadtrand, Maßnahmen zur Verringerung von Fahrten zur Arbeit (Home-office-Boni).

     

    Wird die Forcierung der E-Mobilität durch den Gesetzgeber in den nächsten zehn Jahren für bessere Luft sorgen?

    Der Gesetzgeber sollte nicht eine Technologie vorschreiben, sondern entsprechende Grenzwerte erlassen. Das würde den Ingenieuren ermöglichen alternative Lösungen zu entwickeln, z B. Wasserstofffahrzeuge oder Lösungen mit alternativen Kraftstoffen. Das hat sich vor 30 Jahren bei der Einführung des Katalysators auch bewährt. Jede abgasarme Form der Mobilität – auch die E-Mobilität – verbessert die Luftqualität auch an verkehrsnahen Messstellen. Situativ müssen auch weitere Emissionsquellen, wie Baufahrzeuge, der Hausbrand, Kraftwerke und Industriebetriebe im Auge behalten werden.

     

    Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Fakten und die Meinungen zur Luftqualität so eklatant auseinanderklaffen?

    Ein Grund könnte sein, dass die Berichterstattung in den Medien die komplexen Zusammenhänge zwischen der lokal entstehenden Emission, dem Beitrag von durch Ferntransport beteiligten Emissionen, den Einflüssen meteorologischer Parameter, chemischen Umwandlungen nicht verständlich genug dem interessierten Bürger darlegt. Die Medien könnten auch auf die Erfolge bei den oben erwähnten Abgaskomponenten hinweisen bevor sie den Fokus auf die noch notwendigen Verbesserungen bei den kritischen Problemen legen. In Einzelfällen ist ein Fortschritt bei der objektiven Berichterstattung zu erkennen. Die Messung der Luftqualität an verkehrsnahen Messstellen erzeugt den Eindruck, dass die Luft generell überall schlecht ist und dass der Straßenverkehr daran schuld ist.

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