interview

  1. "Sprache verändert sich, und das ist gut so"


    „Die Sprache verändert sich, und das ist gut so“ – Prof. Christa Dürscheid im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Beat Glogger in der Gesprächsreihe „Geisteswissenschaft konkret“ der Universität Zürich.

    Heißt es nun: “Während dem Fußballspiel“? Nein: Es heißt nach wie vor: „Während des Fußballspiels“ – denn die Präposition „während“ regiert den Genitiv, nicht den Dativ. Aber in der Umgangssprache beginnt der 3. Fall den 2. zu meucheln. Ist der Dativ also dem Genitiv sein Feind? Ja, sagt Prof. Christa Dürscheid, dann nämlich wenn es um die Einhaltung von Normen in der Sprache geht. Und Normen sind zumindest für den, der ein gewisses Sprachempfinden besitzt, eine Herzensangelegenheit. Andererseits verändert sich Sprache. Sie bleibt in Bewegung, integriert bislang unbekannte Elemente – wie die „Emojiis“ in den sozialen Netzwerken. Ein Unglück? Keineswegs! Denn es gilt: „Sprache verändert sich!“ sagt die Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. „Und das ist gut so!“

    Christa Dürscheid hat eine Professur für deutsche Sprache. Sie ist Trägerin des Konrad-Duden-Preises 2020 (https://www.duden.de/ueber_duden/konr...​) und veröffentlicht unter https://twitter.com/VariantenGra​ regelmäßig Tweets zur sprachlichen Variation im Deutschen.

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  2. Digitale Lehre: Interview mit Prof. Dr. Konstanze Marx


    "Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus."

    Hatten Sie vor der Corona-Pandemie schon Erfahrungen mit digitalen Lehrformaten?

    Ja, z.B. habe ich – motiviert durch die hervorragende Vorarbeit von Michael Beißwenger und seinem Team – das wikibasierte Planspiel Ortho & Graf zum Gegenstand eines Seminars für angehende Deutsch-Lehrkräfte gemacht. Überraschend für mich war, dass am Ende des Semesters alle Lehramtsstudierenden auf die Frage, ob sie dieses Spiel später im Unterricht einsetzen würden, eher zurückhaltend reagierten. Das war recht kurz bevor die Pandemie ausbrach. Im zurückliegenden Wintersemester gestaltete sich die Situation ganz anders. Wir haben ein Seminar in Kooperation mit einem Gymnasium durchgeführt, in dem die Studierenden schon sehr kompetent digitale Lehrveranstaltungen leiteten und die Notwendigkeit, sich mit solchen Formaten auseinanderzusetzen, gar nicht mehr bezweifelten.

    Wissenschaft lebt vom lebendigen Diskurs, vom Austausch der Blickwinkel. Kann digitale Lehre in ihrer Eindimensionalität wirklich Wissenschaft vermitteln? 

    Ich kann nicht erkennen, inwiefern digitale Lehre eindimensional sein soll. Es handelt sich hierbei um höchstkomplexe Formen der Wissensvermittlung über mindestens drei Säulen. Digitale Lehre integriert Kommunikation, technische Kompetenz/Affinität und wissenschaftliche Inhalte. Das Besondere an digitaler Lehre ist meines Erachtens, dass Dinge, die nicht gut laufen (oder schon in der Präsenzlehre nicht gut gelaufen sind), schonungslos sichtbar werden und umgekehrt sich eben auch funktionierende Konzepte bewähren. Ich bin äußerst dankbar für die Erfahrungen, die ich in diesem Kontext bislang sammeln konnte und für die Möglichkeiten, die sich daraus für kollaboratives und auch interdisziplinäres Lehren und Lernen einerseits aber auch für universitätsübergreifende Kooperationen andererseits ergeben (haben).

    Wie ist die menschliche Komponente im digitalen Unterricht? Kann man als Professor*in am Bildschirm das Engagement und Wissen seiner Studierenden wirklich gut nachvollziehen?

    Durch die digitale Lehre hat sich nicht verändert, dass hier Menschen miteinander interagieren – obgleich es natürlich durchaus auch sinnvolle Überlegungen gibt, Chatbots dort zu integrieren, wo es außerhalb der aktuell laufenden Lehrveranstaltung angemessen ist. Gerade die technische Vermittlung verdeutlicht, wo es defizitäre Kommunikation gibt (oder gab). Die allgemeinen Anforderungen an die zwischenmenschliche Interaktion haben sich verändert: Das betrifft das hohe Bedürfnis bereits auf alle Informationen zugreifen zu können, bevor überhaupt die Vorlesungszeit begonnen hat. Das betrifft den selbst erhobenen Anspruch, Kanäle für die Rückkopplung einzurichten und kontinuierlich zu monitoren. Auch bei den Formulierungen der Aufgabenstellungen ist immer noch mehr Präzision möglich. Im Besonderen kann ich nur sagen, dass sich der digitale (und damit auch geschützte) Seminarraum gerade da bewährt hat, wo es um brisante Daten geht, die eben Gegenstand meiner Forschung zu verbaler Gewalt, zu Tabuisierungen sind. So haben wir uns Interaktionsräume für emotional sehr fordernde Kommunikationssituationen erschlossen. Gern würde ich von der Sichtweise einer idealisierten Präsenzlehre Abstand nehmen. Auch wenn wir uns alle gemeinsam in einem Raum befinden, kann ich nicht vollständig nachvollziehen, über welchen Wissensstand alle anwesenden Studierenden verfügen, auch bringen sich in Präsenz nicht alle Teilnehmenden ostentativ engagiert in die Seminardiskussion ein oder kommen zu jeder Sitzung.

    Wie wird es bei Ihnen zukünftig aussehen? Welche „kampferprobten“ Konzepte nehmen Sie aus der Krise mit in die Lehre der Zukunft?

    Die Konzeptualisierung des mittlerweile einjährigen sehr produktiven, innovativen Lernprozesses bei allen Beteiligten als „Kampf“, erscheint mir nicht adäquat. Ich persönlich habe hervorragende Erfahrungen mit einer guten Kombination aus asynchronen Wissensvermittlungsformaten einerseits und diskursiven synchronen Elementen andererseits gemacht. Gerade in Vorlesungen habe ich so Zugang zu Fragen und Missverständnissen erhalten, für die es vorher gar keinen Raum gab. Als besonders fruchtbar hat sich auch die gemeinsame konzentrierte Datenanalyse herausgestellt, die möglicherweise auch deshalb so gut gelang, weil die sprachlichen Belege bei allen sprichwörtlich im Fokus – auf der Mitte des Bildschirms – standen und es rundherum keine Ablenkung gab. Auf solche und andere Formate werde ich gern auch später zurückgreifen. Auch die Archivierung von Seminarinhalten erachte ich als sinnvoll für die Studierenden, z.B. für die Wiederaufnahme in anderen Lehrveranstaltungen oder die Prüfungsvorbereitung. Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus. Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass das Gesamtpaket „Digitale Lehre“ einen enormen Mehraufwand für Dozierende bedeutet.

    Zur Autorin:
    Prof. Dr. Konstanze Marx ist Lehrstuhlinhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Deutsche Philologie.

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  3. Sprachen lernen in der Pubertät


    Interview mit Prof. Dr. Michaela Sambanis, Freie Universität Berlin zu „Sprachen lernen in der Pubertät“

    Warum sind Jugendliche eine besondere Zielgruppe für Ihre Forschungen?

    Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der weiß, dass diese Zielgruppe herausfordernd und manchmal auch anstrengend sein kann. Aber warum eigentlich?
    Die Jugendzeit ist die Phase, in der das Gehirn gezielt umgebaut wird, und zwar so, dass es bestmöglich an die Anforderungen angepasst ist, die es zu erbringen hat. Der Umbau beginnt im hinteren Bereich des Gehirns und läuft weiter bis nach vorne zu den präfrontalen Bereichen. Dort, hinter der Stirn, wird besonders intensiv und lange umgebaut. Die Umstrukturierung ist erst ca. mit 25 Jahren abgeschlossen. In den frontalen Regionen sind übergeordnete Steuer- und Kontrollfunktionen verortet. Sie werden aktiviert, wenn es gilt, etwas zu planen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, überlegt zu handeln usw., Leistungen, die Jugendlichen während bzw. wegen des Umbaus der dafür zuständigen Bereiche mitunter schwer fallen. Ein maßgeschneidertes und gründliches Ausreifen dieser Regionen ist aber für das gesamte weitere Leben enorm wichtig, deswegen wird diesem „Umbauabschnitt“ in der Jugend besonders viel Zeit und damit zugleich die Möglichkeit gegeben, sehr vielen Lerngelegenheiten begegnen zu können.
    Verschiedene Verhaltensweisen in der Pubertät lassen sich vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse besser verstehen und es fällt leichter, sie einzuordnen. Die Pubertät ist eine enorm wichtige Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen umfangreichen Entwicklungsschub macht. Aus diesem Grund ist die Zielgruppe der Jugendlichen eine besondere und eine besonders wichtige für meine Arbeit.

    Was können Lehrkräfte aus den Erkenntnissen zur Entwicklung des jugendlichen Gehirns lernen?

    Die Erkenntnisse der Hirnforschung können Lehrkräften dabei helfen, besser zu verstehen und eine gute Balance zwischen Gelassenheit und sinnvollen Regeln zu finden sowie entwicklungsgemäße Anreize zu schaffen. Das Gehirn braucht in dieser Phase neue Erfahrungen, um sich weiterentwickeln zu können. Deswegen suchen viele Jugendliche nach Freiraum und beginnen, Vorgaben infrage zu stellen. Besonders durch neue Herausforderungen gelingt es dem jugendlichen Gehirn letztendlich u.a., die schon erwähnten übergeordneten Funktionen, wie z.B. vorausschauendes Denken, weiterzuentwickeln.
    Befunde der Hirnforschung belegen außerdem, dass es Jugendlichen tatsächlich schwerer fällt, Versuchungen zu widerstehen. Gehirnbereiche, die auf Spaß reagieren, befinden sich in einer Phase des Wachstums und zeigen besondere Aktivität. Dadurch haben Situationen, die Spaß in Aussicht stellen, eine besondere Anziehungskraft auf Heranwachsende. Im Unterricht gibt es Situationen, in denen das Verlangen nach Spaß mit der Bereitschaft zu ernsthaftem Lernen konkurriert, und oftmals muss man als Lehrkraft konsequent sein. In anderen Fällen hingegen, ist es möglich, die Affinität der Jugendlichen für Spaß methodisch und didaktisch zu nutzen, z.B. indem man Abwechslung in den Unterricht bringt, altersgemäß-spielerische Aufgabenformate einsetzt, die Kreativität anspricht, mit Übungen aus dem Improtheater arbeitet etc. Sprachen lernen in der Pubertät enthält eine Sammlung mit erprobten Praxisimpulsen für den Fremdsprachenunterricht speziell bei Jugendlichen.

    Die Pubertät ist übrigens als eine Teilphase der Adoleszenz definiert. Sie setzt bei Mädchen etwa eineinhalb Jahre früher ein als bei Jungen, bei Mädchen ca. mit 10 Jahren, bei Jungen mit 11 bis 12. Das Faszinierende an dieser Entwicklungsphase sind ihre Potenziale: Die Pubertät ist vor allem eine Zeit besonderer Lernchancen und besitzt hohe Relevanz.

    Welche Chancen bietet diese Phase?

    Ein für das Sprachenlernen besonders wertvolles Potenzial, eröffnet die kognitive Entwicklung: Sie macht in der Jugendzeit beachtliche Fortschritte. Jugendliche können vernetzter denken als jüngere Kinder. Die Entwicklungen im jugendlichen Gehirn ermöglichen schnellere Reizweiterleitung, sodass Verbindungen nunmehr auch über längere Distanzen aufgebaut werden können, wodurch die Vernetzung ausdifferenziert und erweitert wird. Bei jüngeren Kindern laufen kognitive Prozesse eher in lokal begrenzten Hirnregionen ab. Durch die optimierte Vernetzung im Gehirn sind Heranwachsende in der Lage, abstrakter und komplexer zu denken. Das kann beim Sprachenlernen genutzt werden, z.B. durch Unterrichtsverfahren, die zur Reflexion anregen, eigene Strukturierungen anstoßen oder auf eine Metaebene führen.
    Eine weitere beachtenswerte Entwicklung betrifft die Kreativität: Hier zeigen sich Fortschritte im Laufe der Pubertät, ein Höchststand wird etwa im Alter von 16 erreicht. Jugendliche besitzen demzufolge großes kreatives Potenzial, auch wenn sie es aus Bequemlichkeit oder Scheu nicht immer von sich aus nutzen. Betrachtet man diesen Befund zusammen mit der ebenfalls nachgewiesenen Spaß-Affintät Heranwachsender, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche, altersgemäße Unterrichtsgestaltung (Theaterimpulse, Musik etc., mit humorvollen Texten arbeiten, das Gemeinschaftsgefühl stärkende Aktivitäten einsetzen,…).

    Viele Lehrkräfte und Eltern erleben die Pubertät vor allem als anstrengende Zeit. Warum vertreten Sie hingegen einen Stärken-Ansatz, nicht einen Defizit-Ansatz?

    Die frühe Kindheit und die Pubertät sind zwei entscheidende Entwicklungsphasen, in denen ganz viel Potenzial aufspringt, das für das Sprachenlernen genutzt werden kann. Der frühen Kindheit wird ihr besonderes Potenzial selten abgesprochen, bei der Pubertät hingegen sind viele erstaunt, dass auch sie eine Phase voller Chancen ist. Die Herausforderungen, die diese Entwicklungsphase mit sich bringt – übrigens nicht nur für Bezugspersonen, sondern auch für die Heranwachsenden selbst – stelle ich nicht infrage, aber wir schenken m.E. Defiziten recht viel Beachtung. Das gilt nicht nur für den Kontext Pubertät, sondern ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, auch in Lernkontexten. Dabei zeigt Entwicklungsförderung oft bessere Ergebnisse, wenn sie Stärken fokussiert, anstatt nur oder vorrangig Defizite. Individuelle Stärken bilden Ressourcen, an denen man ansetzen kann, um den Aufbau von Selbstvertrauen, Resilienz und Zuversicht zu unterstützen. Wenn man als Lernender erkennt, dass man Stärken besitzt, lässt es sich auf dieser Grundlage deutlich leichter, bereitwilliger und erfolgreicher weiterarbeiten, auch an Bereichen, in denen man noch nicht so gut aufgestellt ist.  

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  4. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Christiane Blenski


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

    Im Homeoffice konzipiere und texte ich schon seit 2001. Mein Arbeitszimmer ist groß, voller Bilder & Bücher, technisch top und nachmittags sonnig. Hier fließen mir neue Ideen und Worte schnell aus dem Kopf. Verändert ist, dass seit Mitte März das Telefon seltener klingelt und der E-Mail-Eingang leerer bleibt.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf die Eigenwerbung von Unternehmen?

    Es fehlt komplett die Möglichkeit, offline geschäftlich öffentlich zu sein, also zu Netzwerktreffen zu gehen oder sich auf Messen oder Märkten zu zeigen. Dazu kommt das Verschieben oder Absagen von Vorträgen – das hat auch mich echt getroffen. Denn genau jetzt hatte ich drei tolle Vortragstermine zum Vorstellen der Inhalte meines neuen Buches. Tatsächlich kann man sagen: alle anderen Werbewege stehen zur vollen Verfügung. Allerdings: Es ist aktuell wenig sinnvoll, Werbung für Angebote zu machen, die derzeit niemand nutzen kann wie z.B. Gruppentrainings oder Reisen.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Werbewege von Unternehmen durch die Pandemie dauerhaft verändern werden?

    Ja, man spürt, liest und sieht jetzt schon einen Veränderungstrend. Ich denke, es wird in vielen Branchen eine größere Behutsamkeit, Ehrlichkeit und Sensibilität in der Werbeansprache geben. Derzeit ist es übrigens so, dass ich dazu rate, auf Wirkung statt auf Werbung zu setzen und eher zu geben als zu nehmen. Das heißt zum Beispiel, die großartigen Sozialen Medien, sowie Mails, Videos oder auch Briefe zu nutzen, um während der Krise in der Nähe der Kunden und Interessenten zu bleiben. Wenn dann der Kaufwunsch wiedererwacht, ist man der erste Ansprechpartner. Aus Angst vor der Zukunft die Luft anzuhalten und nichts zu sagen, das schwächt die Loyalität von Kunden.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Werbung, die Sie sich sparen können“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Unbedingt! Vor allem beim Blick auf die vier Aufgaben der Werbung, lernt man die großen Chancen der Sozialen Medien kennen. Sie sind ein einzigartiges „Bleib-bei-mir“-Medium, das jetzt wichtiger ist als je zuvor. Haben die Leserinnen und Leser sich den roten Faden für seine aktive Eigenwerbung durch die Übungen im Buch erarbeitet, dann haben sie einen großen Ideen- und Themenfundus, den sie auch in schwierigen Zeiten nutzen können, um positiv auf sich aufmerksam zu machen – und das eben zu eher kleinen Werbekosten. Schließlich weiß man durch seinen roten Faden, welche Werbung man sich sparen kann, um sein Geld und seine Energie in andere Dinge zu Krisenbewältigung zu stecken.

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  5. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Christof Seeger und Julia F. Kost



    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Christof Seeger: Im Moment ist der eigentliche Semesterstart mit Präsenzveranstaltungen verschoben. Wir arbeiten gerade verstärkt an Veranstaltungsformaten des Distance Learning. Eine neue didaktische Erfahrung. Allerdings ist die Hochschule der Medien schon recht weit und wir haben den Vorteil, dass viele unserer Themen tatsächlich auch über digitale Kanäle kommuniziert werden können.

    Julia F. Kost: Als Dozentin bin ich ebenfalls dabei, meine Vorlesung für eine mögliche digitale Umsetzung vorzubereiten. Als Consultant muss ich für meine Kunden & Projekte natürlich ebenfalls umplanen – wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Wochen alle aus dem Homeoffice. Workshops, Abstimmungen und Konzeptarbeit im Team (ohne physisch im selben Raum zu sein) sind natürlich eine Herausforderung. Genauso die langen Stunden vor dem Bildschirm, ohne den nun leider gar nichts mehr geht.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Influencer und ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Christof Seeger: Ich sehe da speziell für die Influencer überhaupt keine große Veränderung in den Aktivitäten. Vielleicht haben viele Influencer sogar noch mehr Zulauf, da die Menschen zu Hause häufiger und intensiver im Internet unterwegs sind. Eine Einschränkung besteht nur in öffentlichen Auftritten. Aber im Netz ist ja alles wie gehabt.

    Julia F. Kost: Die Aktivitäten in Social Media sind natürlich nach wie vor möglich. Was den Influencern sicher fehlt, sind Gelegenheiten für Content – denn auch sie müssen ja nun „aus dem Homeoffice“ arbeiten, was je nach Schwerpunkt-Thema durchaus ein Problem darstellen kann. Reisen und Events, von denen man berichten kann, sind nicht möglich, es fehlt an Abwechslung bzgl. Drehorten, Alltag, Tätigkeiten etc.

    Eine weitere Herausforderung ist natürlich der „Freeze“ in der sich die Marketingwelt allgemein befindet. Es wurden sicher einige bereits geplante Kooperationen abgesagt aufgrund der Pandemie. Verständlicherweise, denn allzu fröhliche Werbung, die der Situation vielleicht sogar widerspricht, könnte bei den Zielgruppen durchaus Empörung auslösen. Wer hier schnell agiert und kreative Konzepte vorschlägt, die die Situation reflektieren, kann aber auch hier entgegenwirken.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Influencer Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Christof Seeger: Ich wage hier keine Prognose. Die Gesellschaft wird sich sicherlich verändern. Ein einfaches Zurück wird es so nicht geben. Wie und in welcher Form ist heute nicht absehbar. Es hängt sicherlich davon ab, wie lange das Virus unser öffentliches Leben beeinträchtigt.

    Julia F. Kost: Eine Prognose möchte ich auch nicht abgeben, aber eine Hoffnung kann ich äußern: In der Krise wird sich zeigen, wer wirklich etwas zu sagen hat. Kleine und große Influencer, die ihrer Community auch in der aktuellen Situation Orientierung geben (als Meinungsführer), authentische Inhalte liefern (kreativ & flexibel, ohne ihre Stimme zu verlieren) und die verantwortungsbewusst mit ihrer Reichweite umgehen, werden ohne Probleme die Krise überstehen (z.B. @annesauer91, Fechtmeisterin). Sie können ihre Community stärken, die Leute noch enger an sich binden und eventuell sogar ihre Reichweite ausbauen, weil sie durch ihre guten Inhalte weiterempfohlen werden. 

    Die weniger „guten“ Influencer, die mit viel heißer Luft arbeiten, bekommen Glaubwürdigkeitsprobleme und langweilen oder verprellen im schlimmsten Fall ihre Community mit nichtssagenden Inhalten, die nicht auf die Corona-Situation eingehen oder sich sogar über diverse Regeln hinwegsetzen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Influencer Marketing“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Christof Seeger: Wie schon erwähnt, ist die digitale Wirtschaft im Prinzip ja unabhängig von klassischen Methoden. Es kommt jetzt darauf an, wie die Unternehmen reagieren. Viele haben nachvollziehbarerweise nun eher existenzielle Sorgen, als sich um neue Vermarktungs- und Kommunikationswege zu kümmern, dennoch kann das Influencer-Marketing insgesamt an Bedeutung gewinnen, da viele Messen und direkten Kontakte im Moment nicht existieren.

    Julia F. Kost: Wir beschreiben in einem Exkurs in Kapitel 2.3 den Zusammenhang von Influencern und Popkultur. In einer gesellschaftlichen Krise gerät die bisherige Gewichtung von „Pop Life“ und „Alltag“ aus den Fugen. Alltägliche Bedürfnisse, die lange als „erfüllt“ wahrgenommen wurden, sind nicht mehr ganz so selbstverständlich (egal ob Einkaufen, Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung). Das Pop Life gerät somit etwas in den Hintergrund, ist aber gleichzeitig wichtig als emotionaler Ausgleich. Wenn sich die Bedürfnisse in der Gesellschaft so verändern, verändern sich auch die Erwartungen und Wünsche an Meinungsführer.

    Die Daseins-Berechtigung für Influencer ist ja nicht das Marketing, das man mit ihnen gestalten kann. Sie sind in erster Linie Meinungsführer oder Experten, die fachliche und/oder soziale Autorität und Vorbildfunktion besitzen und eine digitale Community unterhalten, die ähnliche Werte pflegt wie der Influencer selbst. Welche Eigenschaften einen klassischen Influencer ausmachen, haben wir im Buch ausführlich beschrieben (Kapitel 2) genauso die Kriterien für einen „hochwertigen“ Influencer (Kapitel 5.4), die zwar vor dem Hintergrund einer Markenkooperation aufgearbeitet sind, aber allgemein gültig sind.

    Für Unternehmen, die trotz der Krise (Influencer) Marketing betreiben, gilt noch stärker als vorher: auf den Marken-Fit achten und Influencer in ein Gesamtkonzept einbinden! (Kapitel 4 und 5)

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  6. Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Bernd Blessin


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    In meiner Tätigkeit als Leiter Personal und Organisation, Recht und Compliance (CCO) eines mittelständischen Versicherungsunternehmens sowie als Mitglied des Notfallteams bin ich aktuell doppelt gefordert. Neben der Aufrechterhaltung der operativen Arbeit in beiden Bereichen gilt es nun auch, diese Krise für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unser Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu gestalten oder ganz neue Lösungswege zu finden. „Arbeitsalltag“ ist passé! Die Veränderungen sind massiv und kommen fast stündlich. Das bedeutet: Entscheidungen von heute sind morgen vielleicht schon wieder obsolet und müssen neu getroffen werden.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Führungskräfte hinsichtlich ihrer Aufgaben und Herausforderungen durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    An zwei Beispielen aus meinem Unternehmen will ich die aktuellen Veränderungen schlaglichtartig deutlich machen: Führungsbeziehungen bzw. Entscheidungsprozesse.

    Gelebte Führungsbeziehungen mussten innerhalb weniger Wochen, wenn nicht gar Tagen, neu definiert werden. Als zentral organisiertes Unternehmen hat jede(r) einen Büroarbeitsplatz. Jetzt galt es für die Führungskräfte, möglichst rasch alle Mitarbeiter*innen Home Office-fähig zu machen: Also die notwendige Ausstattung besorgen und einsatzfähig machen, die Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation vertraut machen und die Arbeitsprozesse -wo notwendig- entsprechend anpassen. Die Führungsbeziehung wechselte von „face-to-face“ auf „remote“. Damit verändern sich Rücksprachen und Meetings, aber auch ad-hoc-Treffen auf dem Flur oder am Kaffeeautomat. Was in anderen Unternehmen vielleicht schon geübte Praxis sein mag (er)finden wir für uns gerade neu, wie etwa extensive Videochats oder Telkos oder eben virtuelle Teammeetings und Kaffeepausen. Verändern wird sich dadurch auch das Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*innen sowie der Anspruch an selbständiges und eigenverantwortliches arbeiten.

    Natürlich verändern sich dadurch auch Entscheidungsprozesse. Der kurze Weg über den Flur, der direkte persönliche Austausch bilateral oder im Team muss nun technisch überbrückt werden. Das geht selbstverständlich, braucht aber noch Übung. Auch werden Entscheidungen massiv durch die Krise beeinflusst. Was heute klar und eindeutig war, muss morgen vielleicht korrigiert werden. Das fordert viel Verständnis und eine hohe Fehlertoleranz. Beides hat sich bei und schlagartig verbessert, inkl. mehr miteinander und füreinander. Und es gibt plötzlich eine weitere Instanz, das Notfallteam. Dieses ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet und kann für alle im Unternehmen bindende Entscheidungen treffen. Manche erleben dies als Entmachtung, anderen gibt dies Sicherheit und Orientierung.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Führung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Führung hat sich schon immer verändert und wird sich auch weiter verändern. In der Diskussion der letzten Jahre war der Fokus m.E. zu stark auf den Sinn der Arbeit gerichtet („purpose“). Natürlich ist dieser wichtig! Das Selbstverständnis des Unternehmens sollte sich mit dem eigenen decken und Führungskräfte sollten dies aktiv verkörpern bzw. vorleben. Das ist aber sicherlich nur eine Seite der Medaille. In der aktuellen Situation wird die zweite Seite umso deutlicher, nämlich die Veränderung von Arbeitsplätzen, -prozessen oder -beziehungen, der notwendige Erwerb von Qualifikationen und die Gestaltung dieser Veränderungen. Wir haben dies beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) im Herbst 2019 für dieses Jahr unter das Motto „prepare“ gesetzt ;-)

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Führen und führen lassen“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    In „Führen und führen lassen“ werden Grundlagen der Führung aufgezeigt. Diese sind in jeder Führungssituation hilfreich, auch und gerade in der jetzigen Krise. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit „in, durch und mit Veränderungen führen“, also genau passend zur aktuellen Situation. Die Abschnitte „Führung in virtuellen Teamstrukturen“ oder „Change Management“ geben jeder Führungskraft gute Impulse für die derzeitigen Führungs-herausforderungen. Vielleicht hilft auch das eine oder andere Praxisbeispiel im Buch weiter …

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  7. Selbstmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dieter Brendt


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Noch wenige Tage vor den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hatte ich mit dem Träger einer großen Werkstatt für Behinderte einen Beratervertrag zur Organisationsentwicklung  abgestimmt. Alle dort vereinbarten Termine für Interviews, einer Kick-Off-Veranstaltung etc. wurden genauso abgesagt wie Workshops für andere Träger in unserer Region. Weder Supervisionen, Coachings oder Trainings noch Seminarveranstaltungen finden statt. Somit beschränkt sich mein Arbeitsalltag ausschließlich auf Tätigkeiten im Home-Office: Einzelberatungen per Telefon, Videokonferenzen und schriftliche Auftragsarbeiten wie Gutachten. Abgesehen davon warte ich auf Lockerungen der Beschränkungen, um die aufgeschobenen Termine außer Haus wieder ins Auge fassen und realisieren zu können. Im Hinblick auf meine Arbeit als Fachbuchautor möchte ich ebenfalls auf das Ende der Maßnahmen warten, um sie danach mit einem aktuellen Bezug wieder aufzunehmen. In erster Linie übe ich mich in Geduld und blicke gelassen und zuversichtlich nach vorne.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen?

    Aus meiner Sicht wirkt sich das Kontaktsperregebot in vielerlei Hinsicht stark beeinträchtigend aus, wobei wir zwischen mobilen und stationären Helfer*innen Unterschiede zu konstatieren haben. So wurde beispielsweise eine Hebamme gebeten die Wochenbettbetreuung einer Asylantin zu übernehmen. Schon der Versuch ein Vorgespräch zu führen scheiterte, weil „Dritten“ untersagt ist, das Heim, in dem die Asylantin untergebracht ist, zu betreten. Beratungen per Telefon gestalten sich zumeist sehr schwierig und erschweren die Betreuung. Gleiches gilt für mich als Supervisor. Als „Dritter“ beschränkt sich meine Arbeit auf Telefonate. Supervisionen in Heimen oder Krankenhäusern sind nicht mehr möglich, obwohl alle systemrelevanten Berufe über die Maßen gefordert sind und dringend eine Möglichkeit benötigen, ihre alltäglichen Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten. Man denke nur daran, in welchem besonderen Ausmaß Helfer*innen derzeitig gefordert sind, Patient*innen zu begleiten, wenn Familienmitgliedern der Besuch ihrer kranken, im schlimmsten Fall sterbenden Angehörigen verwehrt wird. Vor dem Hintergrund der von allen Seiten beklagten Personalknappheit drängt sich hier die Frage nahezu auf, wie das denn alles geschafft und verarbeitet werden soll.    

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen dauerhaft verändern wird?

    Allabendlich, pünktlich um 21 Uhr, treten wir gemeinsam mit vielen unserer Nachbarn in unserer Straße vor die Haustür und applaudieren, um allen Mitarbeitenden in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen unseren Dank und Respekt auszudrücken. Aktionen wie diese bringen unseren Helfer*innen eine Wertschätzung entgegen, an denen es ihnen bislang gemangelt hat, obwohl sie sie stets verdient haben. Ich hoffe, dass sie auch dazu beitragen, dass solche unsäglichen Geschehnisse, wie sie sich in der sinnentleerten Gewalt gegen Helfer*innen offenbart haben, endlich ein Ende finden. Und ich wünsche mir, dass unsere Entscheidungsträger endlich Geld in die Hand nehmen und Maßnahmen zur Beendigung des in der Pandemie nur noch mehr verschärften Pflegenotstandes ergreifen statt sich darauf zu beschränken, medienwirksam Ladungen von Schutzmasken an Flughäfen in Empfang zu nehmen oder einmalige steuerfreie Bonuszahlungen auszuloben. Es gilt, die Arbeitsplätze in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen attraktiver zu gestalten, damit dort zukünftig alle notwendigen Leistungen gesichert erbracht werden können. Aufgrund der bisherigen Bemühungen zur Reduzierung des Pflegenotstandes vor der Pandemie drängen sich aus meiner Sicht jedoch durchaus berechtigte Zweifel auf, dass sich in dieser Hinsicht nach der Pandemie etwas Grundlegendes ändert.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Stressfreie Selbstorganisation zur Burnoutvermeidung“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    In meinem Buch wird eingehend erörtert, dass sich die durch Zeit- und Personalknappheit sowie gesetzliche Auflagen erheblich belastete Situation im gesamten Gesundheits- und Sozialbereich nicht wegdiskutieren lässt. Der „Pflegenotstand“ hat sich durch die Pandemie wegen der damit einhergehenden Infektionsgefahr noch weiter verschärft und steht im direkten Widerspruch zum Kernanliegen der Helfer*innen, sich Zeit zu nehmen für eine angemessene Betreuung von Hilfsbedürftigen. Von daher dürfte auch mein dort formuliertes Statement weiterhin gelten, dass das Burnout-Risiko nirgendwo so stark ausgeprägt ist wie in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen. Die in dem Buch speziell an den Bedürfnissen dieser Berufsgruppen ausgerichteten Methoden des persönlichen Zeit-, Ziel- und Ressourcenmanagements im „Regelkreis des Selbstcoachings“ sind gerade heute mehr als geeignet, d. h. durchaus nützlich und relevant, Helfer*innen die Arbeit zu erleichtern, indem ihnen Möglichkeiten zur besseren Selbstorganisation an die Hand gegeben werden. Zudem werden Fach- und Führungskräften in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen Wege zur Stressprävention und Burnoutvermeidung erschlossen. Positive Rückmeldungen meiner Leser*innen bestätigen diese Sichtweise.  

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  8. Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Miriam Engel


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Dadurch, dass bis auf unabsehbare Zeit alle Seminare, Vorträge und einige Beratungen wegfallen, bilden die Restriktionen aufgrund der Corona-Pandemie ein hohes wirtschaftliches Risiko. Denn als Autorin allein kann ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten.
    Gleichzeitig sehe ich die Chance in der Krise, menschlich wieder die Gemeinschaft in den Mittelpunkt zu stellen – und nicht vorrangig das Wirtschaftswachstum.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf die Mitarbeiterführung in Unternehmen?

    Viele Unternehmen merken erst jetzt, wie wenig Digitalität in ihren Prozessen besteht. Wer schnell ist, kann jetzt neue Geschäftswege generieren.
    Auch hinsichtlich der Mitarbeiterführung sind in vielen Unternehmen die Strukturen nicht für Home-Office oder „überörtliches“ Arbeiten geschaffen. Führungskräfte fürchten Kontrollverlust – neben den existenziellen Ängsten.

    Wer aus dieser Krise gestärkt hervorgehen will, hat jetzt die Chance, sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen, damit meine ich hinsichtlich der inneren Haltung. Wer jetzt optimistisch bleibt, Wege und Lösungen sucht und sich als Führungskraft gegenüber seinen Mitarbeitenden positioniert – Orientierung und Sicherheit bietet – wird langfristig davon profitieren. Denn ich glaube, dass es mehr Menschen braucht, die als Vorbilder eine klare Haltung einnehmen und danach leben.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich die Mitarbeiterführung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser! Agilität bleibt heute kein abstrakter Begriff mehr, sondern findet direkte Anwendung, egal ob in bereits bestehenden Lösungen oder in der Improvisation. Das heißt, diese Haltung zur Unternehmensführung und zur Mitarbeiterführung ist eine wesentliche Kernkompetenz, die wir ohnehin brauchen, um in der Zukunft bestehen zu können. Jetzt ist die Zeit für alle gekommen, diesen Grundstein für die weitere Führung und Zusammenarbeit zu legen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Royal führen, loyal handeln“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    n meinem Buch geht es um die grundsätzliche Einstellung zur Führung. Ich gehe auf Erfahrungen ein und beleuchte, warum Mikromanagement, übertrie-bene Kontrolle, heute kontraproduktiv ist und wie Führungskräfte durch neue Denkweisen und kleine Veränderungen in ihrem Führungsalltag nachhaltig die Arbeitszufriedenheit in ihrem Unternehmen und die Loyalität und Treue ihrer Mitarbeitenden gewinnen – zeit- und ortsunabhängig.

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  9. Ausbildung heute \ 4 aktuelle Fragen an Dietmar Hartmann


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Ich arbeite seit dem 17.03.20 im Homeoffice, was ich vorher auch schon teilweise gemacht habe. Hier kam jetzt aber noch die momentane Unsicherheit ins Spiel. Alle Präsenzveranstaltungen, angefangen mit der Hochschule, Industriemeister Ausbildung und viele andere Aus- und Weiterbildungsrelevante Veranstaltungen wurden abgesagt. Für mich bedeutete das, dass wir kreative Lösungswege und innovative pädagogische und didaktische Konzepte brauchen. Webinare für verschiedene Zielgruppen auf verschiedenen virtuellen Plattformen bestimmten mein Tagesgeschäft. Mein Arbeitsalltag war länger und intensiver als zuvor.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in der betrieblichen Ausbildung?

    Die Herausforderung Ausbildungsinhalte gemäß Ausbildungsordnung im virtuellen Raum abzubilden. Wichtige Praxismodule sind weggefallen und müssen nachgeholt werden. Zeitliche und fachliche Taktungen wurde quasi außer Kraft gesetzt. Eine intensive Vorbereitung auf die Sommerprüfung war nur bedingt gewährleistet. Versäumnisse in der digitalen Transformation wurden direkt sichtbar. Kernkompetenzen wie der Umgang mit digitalen Endgeräten, virtuellen Klassenräumen und besondere pädagogische Herausforderungen waren gefragt und mussten umgesetzt werden. Selbstlern- und Recherchekompetenz für Lernende und Lehrende rückten vermehrt in den Vordergrund. Die Corona-Pandemie macht die „digitalen Versäumnisse“ in Aus- und Weiterbildung deutlich sichtbar, ist aber nicht unbedingt ihre Ursache.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in der betrieblichen Ausbildung dauerhaft verändern wird?

    Nein, das wäre ein Blick in die vielbeschworene Glaskugel. Mein Wunsch wäre, dass der Fokus mehr auf (digitale) Bildung in allen Bereichen gelegt wird. Angefangen von schulischer Bildung, außerschulischer Bildung, Aus- und Weiterbildung bis hin zum Hochschulbereich. Technische Voraussetzungen und Pädagogische sowie didaktische digitale Kompetenzen müssen dringend überprüft und optimiert werden. Bedeutet aber auch, dass mehr Wert auf Lernprozessbegleitung, Selbstlernkompetenz und Lernmotivation gelegt werden muss. Ausbildungsinhalte müssen überprüft werden, um der digitalen Handlungs- und Prozessorientierung gerecht zu werden. Wenn die Beschränkungen aufgehoben werden, muss dringend darauf geachtet werden nicht in gewohnte Muster zu verfallen, sondern die wichtigen positiven Erkenntnisse aus der virtuellen Ausbildungszeit zu analysieren und dauerhaft zu implementieren.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ausbildung heute“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Im Prinzip fast im ganzen Buch, aber hauptsächlich im Kapitel „Medieneinsatz in der Ausbildung“. Hier gehen wir intensiv auf die Themen Blended learning, Digitales Lernen, Virtual Reality, interaktive Lernprogramme ein. Der sinnvolle Einsatz von Youtube-Videos und die Einsatzmöglichkeiten neuer Technologien werden beschrieben. Generationenkompetenz, die Chance für die Generation Y und Z wird intensiv beleuchtet. Modern ausbilden! Aber wie? Ist die Überschrift für Lernprozessbegleitung, Selbst- und Recherchekompetenz und die zukünftigen Rollen der Ausbilder und Ausbilderinnen.

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  10. Beschwerdemanagement \ 4 aktuelle Fragen an Barbara Weyerer


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Der Arbeitsalltag hat sich auch bei mir insofern verändert, als dass die Arbeit von zu Hause aus dem Homeoffice erfolgt. Fand die Kommunikation bisher weitgehend von Face-to-Face statt, verlagert sich diese aktuell auf Telefonate, E-Mail-Verkehr und Skype-Konferenzen.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf den Umgang von Unternehmen mit den Kunden?

    Für die davon betroffenen Betriebe und Unternehmen ist die gravierendste Veränderung die Einstellung des Geschäftsbetriebes und der damit verbundene Wegfall des Kundenkontaktes. Je nach Branche wird auch hier der Weg zum Kunden verstärkt über telefonischem, postalischem oder elektronischem Weg (E-Mails, Newsletter, Apps) erfolgen.

    Entscheidend wird sein, beim Kunden bis zur Aufnahme des Geschäftsbetriebes Präsenz zu zeigen. Zum Beispiel durch Kommunikation eines Not(fall)betriebes, Erreichbarkeit der Mitarbeiter im Homeoffice, Ankündigung einer Aktionswoche bei Wiedereröffnung, Tag der Wiedereröffnung mit Rahmenprogramm usw.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Kontakt von Unternehmen zu den Kunden durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Um den Kundenkontakt aufrechtzuerhalten, bieten Geschäfte aktuell Home- und Lieferservice an. Ein Kundenservice, den diese bisher nicht praktizierten. Eine Veränderung könnte künftig in diesem Servicesegment liegen.

    Der Wirtschaftskreislauf muss trotz Pandemie am Laufen gehalten werden. Durch den eingeschränkten persönlichen Kontakt ist es denkbar, dass die Erreichbarkeit des Kunden vermehrt auf elektronischem Wege stattfinden wird. Die Kenntnis der diversen Kommunikationsdaten des Kunden wird daher ein noch wichtigerer Bestandteil zur Kundenkontaktpflege werden.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Beschwerdemanagement“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Speziell beim Beschwerdemanagement ist der persönliche Kontakt ein maßgeblicher Faktor. Fällt dieser, wie aufgrund der aktuellen Situation, weg, ist die Erreichbarkeit des Kunden auf den anderen "Kanälen" umso bedeutender. Das Unternehmen oder der Betrieb sollte dann, bezogen auf den Anlass (Corona-Virus), an die Mitwirkung des Kunden appellieren und ihm Möglichkeiten und Lösungen aufzeigen.

    Beispiel: Das Unternehmen selbst ist im Moment nicht in der Lage die Reparatur vorzunehmen. Allerdings besteht "krisenbedingt" eine Kooperation mit einem Mitbewerber, der die Reparatur übernehmen kann. Wichtig dabei ist die Zusicherung, das dem Kunden dadurch keine Nachteile entstehen.

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