interview

  1. Globalisierte Welt gleich globalisierte Kommunikation?



    Ein Interview mit Dr. Anne Grüne und Prof. Kai Hafez von der Universität Erfurt über die Blockaden der globalen Kommunikation

    Gibt es eigentlich schon eine funktionierende „Globale Kommunikation?“

    Die gibt es durchaus, und zwar in allen Feldern: in den klassischen Medien, in sozialen Medien ebenso wie in der grenzüberschreitenden Interaktion von politischen Systemen, im Bereich der Wirtschaftskommunikation wie auch in der weiteren Gesellschaft und zwischen Individuen, im Alltag, im Tourismus usw. Das Problem ist aber, dass sich Umfang und Qualität der Kommunikation nicht so einheitlich positiv entwickeln, wie oft gedacht wird, wenn davon die Rede ist, dass wir in einem „Zeitalter zunehmender globaler Vernetzung“ leben. Mythos und Realität vermischen sich hier stark und in vielen Bereichen bleibt unsere globale Kommunikationsfähigkeit hinter den dynamischen Austauschbeziehungen gerade im globalen Wirtschafts- und Warenverkehr zurück. Eine Welt vernetzt sich, mit der wir aber nicht immer hinreichend im Austausch stehen. Daraus entsteht bei vielen Menschen Unverständnis und Widerstand – eine Sprachlosigkeit, die gerade rechte politische Kräfte für sich zu nutzen suchen, wenn sie ihre neonationalistischen Projekte betreiben. Die kommunikative Bewältigung des globalen Wandels gelingt nur sehr begrenzt. Wir zeichnen diese Probleme theoretisch nach und versuchen, den empirischen Forschungsstand darzulegen. Wir glauben, dass ein solcher Überblick nötig ist, um die Fort- wie auch die Rückschritte der globalen Beziehungen besser zu verstehen. 

    Wer sind die Träger dieser Kommunikation?

    In unserem Buch sprechen wir hier zum Teil von globalen Informations- und Kommunikationseliten, die wir von den oft stärker lokal verhafteten Menschen abgrenzen. Wir verwenden dabei keinen traditionellen Elitenbegriff, sondern einen dynamischen. Elite kann jede/r sein, Sie, ich, wir, gerade die neuen digitalen Medien eröffnen hier neue Chancen. Der Elitenbegriff weist aber durchaus darauf hin, dass globalen Kommunikationskompetenz auch eine Ressource von Macht ist, die durchaus gleichwertig mit den klassischen Kapitalsorten wie „Gewalt“ und „Kapital“ sein kann. Hier liegt aber zugleich aus unserer Sicht ein Problem, da die Fixierung auf „Medien“ – Presse, Rundfunk, digitale und soziale Medien – als Träger der globalen Moderne – in sozialen Bewegungen, in Lebenswelten und zunehmend auch in politischen Institutionen – die direkte zwischenmenschliche Kommunikation immer mehr in den Hintergrund drängt. Unsere Analyse zeigt aber, dass in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft globale Kommunikation de facto in hohem Maße auf diesen direkten Begegnungen basiert und diese Welt in nicht geringem Maße stabilisiert – man denke nur an die klassische Diplomatie. Die Vorstellung einer zunehmenden und wünschenswerten Mediatisierung von Globalisierung bietet daher neben Chancen auch zahlreiche Risiken. Wir beobachten diese Welt mehr als dass wir mit ihr interagieren. Wir bilden eine Weltgesellschaft, die zugleich ohne einen Weltstaat auskommen muss und in der wir möglicherweise eher die Potentiale großer und kleiner Weltgemeinschaften im Blick behalten sollten, die durch direkte Interaktion entstehen können: mit „dem Fremden“ reden statt über ihn oder sie; den anderen als theoretisches Subjekt ernst nehmen, statt ihn oder sie nur als empirische Evidenzmasse zu behandeln. Die Blockaden der globalen Kommunikation entstehen auch durch eine Technik- und Medienfixierung der Moderne, die eine Aneignung des Globalen in letzter Instanz unmöglich macht.   

    Stehen nicht unterschiedliche kulturelle Konzepte von Gesellschaften und der Kommunikation in ihnen einer funktionierenden globalen Kommunikation entgegen?

    Genau das halten wir für völlig unbelegt und wissenschaftlich überholt. „Kultur“, „Nation“ und „Religion“ werden kommunikativ konstruiert und wenn kulturelle und rassistische Feindbilder existieren hat dies am Ende wenig mit einer mythologisierten Essenz – einem vermeintlichen asiatischen, westlichen, islamischen Wesen usw. – und vielmehr mit konkreten Akteuren und ihren Interpretationen und Deutungen der Welt zu tun. Es gibt am Ende keine einheitlichen Identitäten, sondern bestenfalls kommunizierte Stereotope, die uns eine Unvereinbarkeit der Welt suggerieren wollen. Gerade die großen Institutionen wie die Massenmedien spielen hier eine Rolle als hochproblematische Weltbildapparate, die uns zu oft eine chaotische Außenwelt suggerieren und dabei im Grunde vor allem ihre eigenen Vorurteile und die ihrer Politiker*innen und Mediennutzer*innen widerspiegeln. Die weißen Flecken unserer Nachrichtengeographie sind unglaublich beharrlich und lassen auch in der Moderne uralte Klischees hochgradig virulent erscheinen. Ob „böse Chinesen“, „faule Griechen“ oder „fanatische Muslime“: wir kriegen das alles jeden Tag frei Haus in unser Wohnzimmer geliefert, wir verstehen es aber oft nicht. Natürlich gibt es auch exzellente Auslandsberichterstattung – aber Umfang und Qualität könnten oft besser sein und die ehemalige revisionistische Haltung, dass die Massenmedien – und übrigens auch die Sozialen Medien – an der Globalisierung strukturell scheitern, hat sich längst als neue orthodoxe Lehrmeinung in der Wissenschaft durchgesetzt. Auch das diskutieren wir in unserem Buch und wir versuchen zumindest ansatzweise alternative Entwicklungswege für die Zukunft aufzuzeigen.

    Was muss geschehen, um eine professionelle, auf journalistischen Maßstäben basierende, globale Kommunikation möglich zu machen?

    Die Massenmedien müssen sich aus der Umklammerung durch den Nationalstaat befreien. Ein transnationales Mediensystem – ein Weltmediensystem – gibt es ja bis heute überhaupt nicht. Die Vorzeigesender wie CNN oder Al-Jazeera sind alle fest in der Hand nationaler Eigentümer, die zwar einen globalen Anspruch hegen, im Grunde aber sehr deutlich ihre jeweiligen nationalen Agenden verfolgen. Wenn „journalistische Maßstäbe“ bedeutet, dass Medien die Welt objektiv betrachten sollten, dann müssen wir mehr, ausgewogener und viel kontextbezogener über die Welt berichten. Die „Domestizierung“ von Nachrichten, das zeigen wir in dem Handbuch, ist ein weltweit von Forscher*innen nachgewiesenes Phänomen, das überall ähnlich abläuft und hochgradig „schräge“ Weltbilder erzeugt. Komplizierte Prozesse wie den Aufstieg Chinas zur Weltmacht oder die kulturelle Bewältigung des Postkolonialismus in der islamischen Welt können wir so nicht verstehen. Eine Reform der Medien ist erforderlich, die nicht nur die journalistische Profession verändert (Stichwort interkulturelle Kompetenz und Ausbildung), sondern auch die Bindung der Medien an kapitalistische Absatzinteressen und den starken Einfluss staatlicher politischer Propaganda hinterfragt. Ein transnationales Mediensystem wäre hier ein Fernziel – eine stärkere Förderung einer kosmopolitischen Medienethik ein durchaus realistisches Nahziel.

    Autoreninformation:

    Prof. Dr. Kai Hafez ist Inhaber der Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen / Kommunikationskulturen an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

    Dr. Anne Grüne ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Kommunikationswissenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

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  2. Ein Jahr werben mit Corona – was hat sich verändert? 4 Fragen an Marketingexpertin Christiane Blenski


    Vor einem Jahr ist Ihr Buch „Werbung, die Sie sich sparen können“ erschienen – was können Sie heute UnternehmerInnen für Ihre Werbung anderes raten als damals?

    Mein Rat bleibt gleich. Hatten Sie in der Krise finanzielle Einbußen, dann haben Sie den Reflex, erstmal total zu sparen. Dagegen habe ich nichts, denn bei den Werbekosten sollten Sie immer gut überlegen, ob teure Maßnahme wirklich etwas bringen. Marketing ist ja kein Sprint, den man mal eben mit einer superteureren Knaller-Aktion gewinnt. Werben bedeutet ein stetes öffentliches Bewegen, mit dem man immer neu Aufmerksamkeit für das eigene Angebot erzeugt. Dabei folgt man idealerweise einem strategischen roten Faden, den man bei mir bekommt oder sich mit dem Buch selbst erarbeiten kann. Grundsätzlich sind es oft die kleinen, feinen Werbemaßnahmen, mit denen Sie punkten. Zum Beispiel das Restaurant, das nicht einfach nur eine Liste mit den kommenden Mittagsmenüs bei Facebook postet, sondern Bilder von leckeren Zutaten oder fertigen Menüs. Das weckt Appetit!

    Was tut man also, wenn man jetzt mit der Werbung neu loslegen will?

    Wer jetzt verstärkt die Werbetrommel rühren will, hat die Aufgabe nicht nur zu informieren „Wir sind wieder offen“. Das freut zwar Sie als UnternehmerIn und auch die Stammkundschaft, aber gerade neue KundInnen brauchen mehr Anreiz zum Geldausgeben als nur Freude oder Solidarität. Machen Sie mit Bildern in Anzeigen oder Videos online neu Lust auf Ihr Angebot oder Ihre Produkte.

    Nach mehr als einem Jahr Corona gibt es langsam wieder Aussicht auf Normalität. Holt man jetzt seine alte Werbung wieder hervor oder braucht es neue Werbekonzepte?

    In Vielem können Sie weitermachen wie vorher. Die Bedarfe und Wünsche sind ja weiterhin da oder kommen schnell zurück wie die Nachfrage nach Festsälen, Hotelzimmern oder Theaterkarten. Allerdings muss man seine Werbung auch ein Stückweit verändern. Denn: Wir alle sind sensibler geworden durch die Corona-Erfahrung. Das hat zwei Werbe-Trends enorm verstärkt: mehr Echtheit und mehr Verantwortung. Das Echte zeigt sich z.B. darin, dass das unmittelbare „Du“ sich 2020 sehr weit in der Kommunikation durchgesetzt hat, weil es mehr Nähe schafft. Gleichzeitig wird es nach der Corona-Erfahrung noch positiver wahrgenommen, wenn Unternehmen öffentlich und in ihrer Arbeitsweise mehr Verantwortung übernehmen. Das zeigt sich in ökologischeren Verpackungen oder Zutaten quer durch alle Branchen – ob bei Autos oder Rasierern, bei Dienstleistung oder Ernährung.

    Gibt es durch Corona eine Veränderung in Bezug auf die Werbe-Instrumente?

    In der Krise wollte niemand Flyer mitnehmen. Da konnte man sich das Drucken und Auslegen sparen. Doch das kommt wieder. Dafür waren alle online. So ist es beispielsweise für lokale Einzelhändler, Veranstalter und Gastronomen sinnvoll, sich auch nach Corona in den sozialen Medien weiter aktiv zu zeigen, wie es viele nur unter dem Druck der Krise zum ersten Mal gemacht haben. Damit würde ich jetzt nicht aufhören. Der kurzfristige Sommertrend, Masken oder Hygieneprodukte zum Werbemittel mit Logo zu machen, den sehe ich allerdings als beendet an.

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  3. Kooperation und Verantwortungsübernahme sind der Königsweg


    Kooperation und Verantwortungsübernahme sind der Königsweg

    Fragen an Friedrich Glauner zu Alles neu. Geschäftsidee, Geschäftsmodell, Unternehmensgründung (UVK Verlag, 2021)

    Die Voraussetzung, um im unternehmerischen Bereich „alles neu“ aufzustellen, sei es, die mentalen Barrieren des heutigen ökonomischen Denkens hinter sich zu lassen. Welche Fallen stellt dieses Denken den Unternehmerinnen und Unternehmern?

    Egal, mit welcher Brille wir unser wirtschaftliches Handeln betrachten, das heutige ökonomische Denken dreht sich um vier Zentralbegriffe, namentlich um die Vorstellungen von Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Ertrag. Zusammengenommen prägen sie das mentale Modell, mit dem wir unsere wirtschaftlichen Austauschbeziehungen interpretieren. Es unterstellt, dass erfolgreiches Wirtschaften auf einem Wettbewerb gründet, bei dem der gestalterische Umgang mit knappen Mitteln bei jenen zu Erträgen und Wohlstand führt, die die prinzipiell unbegrenzten Wünsche und Bedürfnisse ihrer Kund*innen wecken und besser befriedigen als die Konkurrenz. Im Bann dieser Begriffe besteht unternehmerischer Erfolg aus zwei Bestandteilen. Erstens aus dem Anheizen der Wünsche und Bedürfnisse potentieller Kund*innen. Zweitens aus der Schöpfung von Erträgen. Erträge entstehen aber dabei nur dann, wenn der Rückfluss aus den knappen Mitteleinsätzen höher ist als die zur Befriedigung der Kundenbedürfnisse eingesetzten Mittel.

    So weit, so gut. Das ökonomische Glaubensbekenntnis der Viereinigkeit von Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Erträgen führt uns jedoch in vier mentale Fallen, die unser ökonomisches Handeln prägen: Wer in Kategorien der Knappheit denkt, handelt in der Psychologie von Angst und Gier. Es wird gehortet! Wer in Kategorien des Ertrags denkt, handelt in der Logik der Externalisierung. Man lagert nach Möglichkeit die Kosten seines Handelns aus! Wer in Kategorien des Wettbewerbs denkt, handelt in der Logik der Selbstbezüglichkeit und konzentriert sich auf den eigenen Vorteil! Wer in Kategorien des Wachstums denkt, handelt in der Logik der Dominanz. Man möchte mehr und mehr für sich gewinnen!

    Aus diesen Fallen, die das ökonomische Denken uns stellt, ergibt sich das paradoxe Phänomen der destruktiven Wohlstandsmehrung. Es besteht darin, dass wir mit unserem Wirtschaften einen in der Weltgeschichte noch nie dagewesenen Wohlstand für viele erarbeitet haben, der jedoch für die Menschheit insgesamt mehr und mehr zur Bedrohung wird. Denn das Denken in Knappheit, Wettbewerb, Wachstum und Erträgen führt uns in ein individuell rationales und als solches auch oft höchst erfolgreiches Handeln, das auf der Ebene der globalen Gesamtsysteme zu einer sich immer schneller drehenden Negativspirale aus Beschleunigung, Disruption, Konzentration und Ressourcenraubbau führt.

    Die Wachstums- und Ertragslogik unseres heutigen Wirtschaftens selbst führt systematisch zu Raubbaueffekten, die wie die Tatbestände zunehmender Ungleichheit, des Klimawandels, des Artensterbens, des Verlustes von fruchtbaren Mutterböden und sonstiger lebensrelevanter Ressourcen eine Gefahr für den Fortbestand der Menschheit darstellen. Das beruht darauf, dass wir als emotionale Wesen in Zeiten drohender Krisen und Gefahren noch verstärkter in den Mustern und mentalen Fallen handeln, die uns das ökonomische Denken stellt.

     

    Als zentrales Problem des heutigen Wirtschaftens identifizieren Sie die Notwendigkeit, in gesättigten Märkten Waren und Dienstleistungen verkaufen zu müssen – Konsum um des Konsums willen. Wie können Unternehmen diesem Problem, dass sie nicht unbedingt geschaffen, sondern vorgefunden haben, entkommen? Worin besteht der Ausweg?

    Den Ausweg haben Bernd Villhauer und ich in „Alles neu“ zu skizzieren versucht: Er zeigt sich, wo wir unser ökonomisches Handeln am Konzept der „Ethikologie“ ausrichten. Als Tübinger Entwicklungsmodell zukunftsfähigen Wirtschaftens wurde es von mir am Weltethos-Institut in Tübingen entwickelt. Der für viele sicherlich ungewohnte Begriff „Ethikologie“ verknüpft das ethisch-moralische Konzept eines humanen Wirtschaftens, das sich mit Menschen in den Dienst der Menschen stellt, mit den ökologischen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten ressourcenschöpfender Mehrwertketten, die die Austauschprozesse in der Natur prägen.

    Übertragen auf Unternehmen bedeutet „ethikologisch“ Wirtschaften, dass Unternehmen begreifen, dass auch sie lebende Systeme sind. Langfristig erfolgreich können sie in dieser Logik nur dann gedeihen, wenn sie ihre Leistungsprozesse an den Gesetzmäßigkeiten der Natur und des Lebendigen ausrichten. Das gelingt ihnen auch, wenn sie sich mit ihren Geschäftsmodellen nicht nur ökonomisch tragen, sondern mit ihren Leistungen dafür sorgen, dass die Ressourcenbasis aller das Unternehmen tragenden Sub-, Haupt- und Umgebungssysteme angereichert wird, aus denen heraus das Unternehmen lebt und wirkt. Kurz: Es gibt einen Ausweg aus dem ressourcenzerstörenden Konsumzwang, wenn wir in Produktions- und Konsumformen einschwenken, die auf den Ebenen der Mit-, Um- und Nachwelt zu Ressourcenschöpfungen führen.

     

    „Move fast and break things” war bis 2014 ein internes Motto bei Facebook, einem der erfolgreichsten Unternehmen der Geschichte. In ihrem Buch legen Sie Unternehmerinnen und Unternehmern nahe, auf Kooperation, Synergie, Symbiose und Achtsamkeit im Umgang mit der Mit-, Um- und sogar der Nachwelt umzuschwenken. Warum? Wie sollen sie dann noch Erfolg haben?

    Wer glaubt, dass sich langfristiger unternehmerischer Erfolg dort einstellt, wo Unternehmen im knappheitsfixierten Wettbewerb das Schumpetersche Prinzip der schöpferischen Zerstörung feiern und wie beispielsweise Facebook, Amazon und Co. mit disruptiven Geschäftsmodellen bestrebt sind, die Marktmacht auf sich alleine zu vereinen, sitzt der falschen Logik auf. Sie sägen dann nicht nur am ökonomischen Ast, auf dem sie sitzen, sondern legen damit auch die Axt an den Stamm und die lebensweltlichen Wurzeln an, von denen wir alle leben.

    Konkret: wenn wir weiter so wirtschaften und konsumieren wie bisher, droht uns aufgrund der ökologischen und sozialen Kosten des heutigen Ressourcenraubbaus der globale Kollaps. Wenn dieser eintritt, werden wir aufgrund unserer menschlichen Neigung, Konflikte und Nöte bevorzugt mit aggressiven und kriegerischen Mitteln lösen zu wollen, diesen Zusammenbruch möglicherweise noch beschleunigen. Dieses Schicksal ist uns aber nicht zwangsweise vorgezeichnet. Denn als vernunft- und sozialbegabte Wesen können wir uns auch anders entscheiden. Wir können uns darauf besinnen, dass Kooperation und Verantwortungsübernahme der Königsweg sind, wenn es gilt, komplexe Probleme und Gefahren zu bannen.

    Unternehmen, die sich für diese Tugenden entscheiden, finden im Paradigma ethikologischer Ressourcenschöpfung vielfältige Ansatzpunkte. Zu diesen gehören insbesondere alle nichtökonomischen Kapitalformen wie beispielsweise das im Unternehmen wirkende Bewusstseins-, Sinn- Sozial- und Wertekapital, mit dem die von jedem Unternehmen benötigten Motivations-, Kooperations- und Kommunikationsrenditen gehoben werden können.

     

    Als Gründe für den Kollaps von Gesellschaften führen Sie die Zerstörung der Ressourcengrundlage (die Kultur der Osterinseln) oder Ungleichheit an, die fatale Ausmaße angenommen hat (Französische Revolution). Mit der heutigen Weise des Wirtschaftens und der Wohlstandsproduktion steuern wir auf beide Kollapsfaktoren zu. Wie können Unternehmen dazu beitragen, beide Faktoren zu entschärfen?

    Ja, erstmals in der Geschichte der Menschheit schaukeln sich auf der Ebene der globalen Systeme Ressourcenraubbau- und Ungleichheitseffekte auf eine Weise auf, die zur Gefahr für die Globalgesellschaft wird. Dagegen helfen kann nur ein Wirtschaften, bei dem neben der unternehmerischen Primärnutzenstiftung Sekundärnutzenstiftungen im Fokus stehen, die auf den Ebenen der Mit-, Um- und Nachwelt drei Nutzendimensionen bedienen: die Gestaltung von Teilhabe-, von Befähigungs- sowie von Ressourcenschöpfungspotentialen, die auf den drei Ebenen zu tragfähigen Mehrwertstiftungen führen. Der Index für das Teilhabepotential beschreibt aus ökonomischer Sicht, wie viele Menschen aktiv in die Wertschöpfungsprozesse des unternehmerischen Leistungsversprechens eingebunden sind und davon profitieren. Der Index für das Befähigungspotential gibt Auskunft darüber, ob und wie ein Unternehmen mit seinen Leistungen und Prozessen zentrale positive menschliche Fähigkeiten wie beispielsweise Einfühlungsvermögen, Wissen, Können, Wollen, Bewusstsein, Verantwortungsübernahme, Kreativität, Lern- und Kooperationsbereitschaft befördern oder nicht. Und der Index für das Ressourcenschöpfungspotential eines Geschäftsmodells bemisst schließlich, ob und auf welche Weise ein Produkt, eine Dienstleistung oder ein Geschäftsmodell auf der Ebene der ökonomischen, sozialen, gesellschaftlichen und natürlichen Umgebungssysteme Mehrwerte und Ressourcen schöpft.

    Wo Unternehmen mit ihrem Leistungsversprechen – also ihren kundenbezogenen Primärnutzenstiftungen – zugleich auch auf der Ebene der Umgebungssysteme Teilhabe-, Befähigungs- und Ressourcenschöpfungspotentiale fördern, sorgen sie für ein Wachstum, dass mit unternehmerisch erfolgreichen Mitteln die heutigen Raubbauspiralen durchbrechen hilft.

     

    Kritiker*innen warnen vor dem Begriff des „grünen Wachstums“. In Ihrem Buch schlagen Sie jedoch ein Wachstum vor, dass sich nicht mehr als Raubbau an unseren sozialen und natürlichen Lebensbedingungen vollzieht, sondern als „Anreicherungsprozess“, der nicht verbraucht, sondern hinzufügt. Wie können wir uns dieses Wachstum vorstellen?

    Das beste Beispiel liefert uns die Natur selbst. Betrachten wir die Welt des Lebendigen mit dem Blick der Evolution, sticht folgendes Faktum ins Auge. 99 Prozent aller Arten, die im Verlauf der letzten rund 3,5 Milliarden Jahre gelebt haben, sind ausgestorben. Und das ohne unser Zutun. Zugleich ist die Mächtigkeit der dem Bereich des Lebendigen zur Verfügung stehenden Lebensbausteine kontinuierlich gewachsen. Dieses Paradox des Lebendigen erschließt sich wie folgt. Die Natur wirft über kurz oder lang alle Arten aus dem System, die nicht dazu beitragen, den Ressourcengrundstock des Gesamtsystems kontinuierlich anzureichern. An Bienen, Hummeln und Schmetterlingen ist das leicht sichtbar. Die ökologische Gesamtleistungsbilanz ihrer Bestäubungstätigkeit übersteigt bei weitem das, was sie daraus für sich und ihre Brut ziehen. Ein weiteres Beispiel ist der Beginn des Lebens vor rund 3,5 Milliarden Jahren. Er setzte ein mit der Entstehung von zunächst anaeroben Bakterien. In der damaligen Ursuppe verstoffwechselten diese Bakterien Stoffe so, dass dabei der Lebensbaustein Sauerstoff entstand. Aus ihm sowie weiteren organischen und anorganischen Stoffen erwuchs dann die Grundlage, aus der heraus sich alles weitere Leben entfaltete. Auch heute noch ist die Photosynthese der größte stoffliche Ressourcenschöpfungsprozess, bei dem in jedem Zyklus mehr und neue Lebensbausteine geschöpft werden, die die Basis für Lebendiges sind.

    Dass dieser Prozess der Ressourcenschöpfung auch auf Unternehmen übertragen werden kann zeigen die vielen Beispiele in „Alles neu“. Stellvertretend für sie ist der Babynahrungshersteller Hipp in Pfaffenhofen. Landwirtschaftsbetriebe, die an Hipp liefern wollen, müssen einen von Hipp vorgegebenen Anbau- und Bearbeitungsprozess einhalten. Er ist so ausgelegt, dass der Ackerboden mit jedem Pflanzzyklus nährstoffreicher wird und wächst. Das steht diametral den meisten der heutigen Anbaumethoden gegenüber, bei denen in vielen Fällen die Ackerböden immer mehr auslaugen. Das Beispiel von Hipp veranschaulicht deshalb, dass ressourcenschöpfende Anbaumethoden und ökonomisch höchst erfolgreiche Ertragserzielung die beiden Seiten der gleichen Erfolgsmedaille sind.

    Was wir daraus lernen können, ist das Kernanliegen von „Alles neu“. Wir können unsere Zukunft sichern, wenn wir als Einzelne wie auch als Gesellschaften und Unternehmen die Logik lebender Systeme mit der betriebswirtschaftlichen Logik der Unternehmung als prozessorientiertem Steuerungssystem so verknüpfen, dass der Prozess der Werte- und Ressourcenschöpfung ins Zentrum der Unternehmensentwicklung rückt. Wo das der Fall ist, schwenken Unternehmen in ein Wirtschaften ein, das mit ressourcenschöpfenden Geschäftsprozessen dazu beiträgt, dass wir als Menschheit eine gedeihliche Zukunft haben.

     

    Quelle: Das Interview wurde erstmalig auf dem Online-Portal des philosophischen Wirtschaftsmagazins agora42 (Blog | agora42) veröffentlicht.

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  4. Autor in ZDF Kulturmagazin "Aspekte"

    „Wer die Fülle des Lebens erfahren will, sagt Hartmut Rosa, muss seinen Radius verkleinern.“

    Unser Autor Prof. Hartmut Rosa, Soziologe an der Uni Erfurt und Uni Jena, in der ZDF-Sendung „Aspekte“ vom 30.04.2021 über die Wirkung der Stille auf den Menschen.

    Univ. Prof. Dr. Hartmut Rosa, Lehrstuhl für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena; seit Oktober 2013 auch Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Forschungsschwerpunkte: Theorien der Moderne, Zeitsoziologie, Kommunitarismus.

    In seinem Buch "Gesellschaftstheorie", das er zusammen mit Dr. Jörg Oberthür herausgebracht hat, schreibt er über dynamische Veränderungen der Gesellschaft und Gesellschaftstheorie als "Work in Progress".

     

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  5. "Sprache verändert sich, und das ist gut so"


    „Die Sprache verändert sich, und das ist gut so“ – Prof. Christa Dürscheid im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Beat Glogger in der Gesprächsreihe „Geisteswissenschaft konkret“ der Universität Zürich.

    Heißt es nun: “Während dem Fußballspiel“? Nein: Es heißt nach wie vor: „Während des Fußballspiels“ – denn die Präposition „während“ regiert den Genitiv, nicht den Dativ. Aber in der Umgangssprache beginnt der 3. Fall den 2. zu meucheln. Ist der Dativ also dem Genitiv sein Feind? Ja, sagt Prof. Christa Dürscheid, dann nämlich wenn es um die Einhaltung von Normen in der Sprache geht. Und Normen sind zumindest für den, der ein gewisses Sprachempfinden besitzt, eine Herzensangelegenheit. Andererseits verändert sich Sprache. Sie bleibt in Bewegung, integriert bislang unbekannte Elemente – wie die „Emojiis“ in den sozialen Netzwerken. Ein Unglück? Keineswegs! Denn es gilt: „Sprache verändert sich!“ sagt die Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. „Und das ist gut so!“

    Christa Dürscheid hat eine Professur für deutsche Sprache. Sie ist Trägerin des Konrad-Duden-Preises 2020 (https://www.duden.de/ueber_duden/konr...​) und veröffentlicht unter https://twitter.com/VariantenGra​ regelmäßig Tweets zur sprachlichen Variation im Deutschen.

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  6. Philosophie \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Dagmar Fenner


    Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Da ich schon immer zuhause gearbeitet habe und der größte Teil der Kommunikation über E-Mail, Telefon oder Skype erfolgt, ändert sich für mich persönlich wenig. Nur die geplanten Vorträge an Tagungen oder Symposien fallen natürlich aus oder werden auf den Herbst verschoben.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Ethik?

    In der Ethik werden zwei Bereiche unterschieden, in denen es anlässlich der aktuellen Pandemie zu beträchtlichen Veränderungen gekommen ist: Die Individual- oder Strebensethik befasst sich mit dem guten und glücklichen Leben des Einzelnen. Für die meisten Menschen verengt sich gerade der Handlungsspielraum so stark, dass ihr psychisches Wohlbefinden in Gefahr ist. Viele können das Zusammensein mit Freunden und Verwandten schwer missen, Eltern kommen durch Homeoffice und gleichzeitige Kinder- und Hausaufgabenbetreuung an ihre Belastungsgrenzen und Soloselbständige sehen ihre jahrelang mühsam erarbeitete Existenz bedroht.

    Aus der sozialethischen oder moralischen Perspektive bemüht man sich demgegenüber um ein respektvolles und gerechtes Zusammenleben der Menschen. Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr sind im Zeichen der Solidarität paradoxerweise alle Gesellschaftsmitglieder zur sozialen Distanz aufgerufen. Da jeder Mensch ein potentielles Risiko für die eigene Gesundheit oder gar das Leben darstellt, wächst die Angst und das gegenseitige Misstrauen in der Öffentlichkeit. Während viele Menschen panisch egoistische Hamsterkäufe tätigen, lässt sich aber auch eine erhöhte Hilfsbereitschaft z.B. bei Einkäufen für ältere Menschen in der Nachbarschaft beobachten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie ethische Fragestellungen (dauerhaft) verändern werden? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

    Von der Pandemie sind kaum direkte Impulse für neue Forschungsrichtungen in der Ethik zu erwarten. Bei der in meinem Band vorwiegend behandelten Allgemeinen Ethik geht es um eine zeit- und kontextunabhängige Begründung allgemeiner Kriterien oder Prinzipien zur Beurteilung des menschlichen Handelns. Es werden also z.B. zentrale Werte oder Rechte wie Leben, Gesundheit, Freiheit oder Bildung erörtert, die in der aktuellen Krisensituation bedroht sind, teilweise in Konflikt miteinander geraten und in gesellschaftlichen und politischen Debatten gegeneinander abgewogen werden müssen: Wie weit dürfen etwa die moralisch schützenswerten Rechte auf Freiheit und Bildung des Einzelnen vom Staat eingeschränkt werden, um Leben und Gesundheit aller Bürger zu schützen?

    Für die Diskussionen der Angewandten Ethik, die solche allgemeine Beurteilungskriterien oder Prinzipien auf konkrete gesellschaftliche Probleme oder Handlungsfelder anwendet, steuert die Krise einige interessante Anschauungsbeispiele bei.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ethik. Wie soll ich handeln?“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Es ergibt sich ein Konflikt zwischen verschiedenen ethischen Grundtypen oder Begründungsmodellen, die ich in meinem Buch ausführlich darlege: Aus Sicht der konsequentialistischen Ethik zählen bei der ethischen Beurteilung des Handelns allein die Handlungsfolgen. Die in der Krise zu ergreifenden Maßnahmen müssen sich entsprechend mit Blick auf den zu erwartenden Gesamtnutzen bzw. die Minimierung der Schadenssumme rechtfertigen lassen. Das können z.B. möglichst geringe wirtschaftliche Einbußen oder möglichst wenig Freiheitsbeschränkungen sein. Während es eine ethische Frage ist, welche Werte zu berücksichtigen oder vorrangig sind, müssen Virologen oder Wirtschaftsanalysten die empirische Frage klären, bei welchen konkreten Maßnahmen welche Konsequenzen zu erwarten sind. Problematisch sind solche konsequantialistisch-utilitaristische Überlegungen, weil einzelne Menschen oder Randgruppen wie z.B. betagte Menschen der Hochrisikogruppe für den Gesamtnutzen geopfert werden könnten.

    Gemäß der deontologischen Ethik haben jedoch alle Menschen unverletzliche moralische Rechte wie diejenigen auf Würde und körperliche Unversehrtheit, sodass sie auch für einen noch so großen (z.B. wirtschaftlichen) Nutzen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Aus dieser kantianischen Sicht darf menschliches Leben also nicht gegen ‚Dollars‘ verrechnet werden. Allerdings können Einkommenseinbußen infolge eines stillgelegten Unternehmens auch die Existenz vieler Familien bedrohen oder die verminderten Steuereinnahmen zu geringeren staatlichen Transferleistungen führen.

    Höchst dramatisch sind natürlich akute Ausnahmesituationen wie in italienischen Krankenhäusern, in denen die Ärzte aufgrund der gegebenen Umstände wie z.B. mangelnde Beatmungsgeräte oder Intensivbetten nicht allen infizierten Patienten helfen können. Nur in solchen medizinischen Notfällen dürfen konsequentialistische Prinzipien wie etwa das der Triage zum Einsatz kommen, indem z.B. Patienten mit besseren Überlebenschancen vorrangig behandelt werden.

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  7. Digitale Lehre: Interview mit Prof. Dr. Konstanze Marx


    "Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus."

    Hatten Sie vor der Corona-Pandemie schon Erfahrungen mit digitalen Lehrformaten?

    Ja, z.B. habe ich – motiviert durch die hervorragende Vorarbeit von Michael Beißwenger und seinem Team – das wikibasierte Planspiel Ortho & Graf zum Gegenstand eines Seminars für angehende Deutsch-Lehrkräfte gemacht. Überraschend für mich war, dass am Ende des Semesters alle Lehramtsstudierenden auf die Frage, ob sie dieses Spiel später im Unterricht einsetzen würden, eher zurückhaltend reagierten. Das war recht kurz bevor die Pandemie ausbrach. Im zurückliegenden Wintersemester gestaltete sich die Situation ganz anders. Wir haben ein Seminar in Kooperation mit einem Gymnasium durchgeführt, in dem die Studierenden schon sehr kompetent digitale Lehrveranstaltungen leiteten und die Notwendigkeit, sich mit solchen Formaten auseinanderzusetzen, gar nicht mehr bezweifelten.

    Wissenschaft lebt vom lebendigen Diskurs, vom Austausch der Blickwinkel. Kann digitale Lehre in ihrer Eindimensionalität wirklich Wissenschaft vermitteln? 

    Ich kann nicht erkennen, inwiefern digitale Lehre eindimensional sein soll. Es handelt sich hierbei um höchstkomplexe Formen der Wissensvermittlung über mindestens drei Säulen. Digitale Lehre integriert Kommunikation, technische Kompetenz/Affinität und wissenschaftliche Inhalte. Das Besondere an digitaler Lehre ist meines Erachtens, dass Dinge, die nicht gut laufen (oder schon in der Präsenzlehre nicht gut gelaufen sind), schonungslos sichtbar werden und umgekehrt sich eben auch funktionierende Konzepte bewähren. Ich bin äußerst dankbar für die Erfahrungen, die ich in diesem Kontext bislang sammeln konnte und für die Möglichkeiten, die sich daraus für kollaboratives und auch interdisziplinäres Lehren und Lernen einerseits aber auch für universitätsübergreifende Kooperationen andererseits ergeben (haben).

    Wie ist die menschliche Komponente im digitalen Unterricht? Kann man als Professor*in am Bildschirm das Engagement und Wissen seiner Studierenden wirklich gut nachvollziehen?

    Durch die digitale Lehre hat sich nicht verändert, dass hier Menschen miteinander interagieren – obgleich es natürlich durchaus auch sinnvolle Überlegungen gibt, Chatbots dort zu integrieren, wo es außerhalb der aktuell laufenden Lehrveranstaltung angemessen ist. Gerade die technische Vermittlung verdeutlicht, wo es defizitäre Kommunikation gibt (oder gab). Die allgemeinen Anforderungen an die zwischenmenschliche Interaktion haben sich verändert: Das betrifft das hohe Bedürfnis bereits auf alle Informationen zugreifen zu können, bevor überhaupt die Vorlesungszeit begonnen hat. Das betrifft den selbst erhobenen Anspruch, Kanäle für die Rückkopplung einzurichten und kontinuierlich zu monitoren. Auch bei den Formulierungen der Aufgabenstellungen ist immer noch mehr Präzision möglich. Im Besonderen kann ich nur sagen, dass sich der digitale (und damit auch geschützte) Seminarraum gerade da bewährt hat, wo es um brisante Daten geht, die eben Gegenstand meiner Forschung zu verbaler Gewalt, zu Tabuisierungen sind. So haben wir uns Interaktionsräume für emotional sehr fordernde Kommunikationssituationen erschlossen. Gern würde ich von der Sichtweise einer idealisierten Präsenzlehre Abstand nehmen. Auch wenn wir uns alle gemeinsam in einem Raum befinden, kann ich nicht vollständig nachvollziehen, über welchen Wissensstand alle anwesenden Studierenden verfügen, auch bringen sich in Präsenz nicht alle Teilnehmenden ostentativ engagiert in die Seminardiskussion ein oder kommen zu jeder Sitzung.

    Wie wird es bei Ihnen zukünftig aussehen? Welche „kampferprobten“ Konzepte nehmen Sie aus der Krise mit in die Lehre der Zukunft?

    Die Konzeptualisierung des mittlerweile einjährigen sehr produktiven, innovativen Lernprozesses bei allen Beteiligten als „Kampf“, erscheint mir nicht adäquat. Ich persönlich habe hervorragende Erfahrungen mit einer guten Kombination aus asynchronen Wissensvermittlungsformaten einerseits und diskursiven synchronen Elementen andererseits gemacht. Gerade in Vorlesungen habe ich so Zugang zu Fragen und Missverständnissen erhalten, für die es vorher gar keinen Raum gab. Als besonders fruchtbar hat sich auch die gemeinsame konzentrierte Datenanalyse herausgestellt, die möglicherweise auch deshalb so gut gelang, weil die sprachlichen Belege bei allen sprichwörtlich im Fokus – auf der Mitte des Bildschirms – standen und es rundherum keine Ablenkung gab. Auf solche und andere Formate werde ich gern auch später zurückgreifen. Auch die Archivierung von Seminarinhalten erachte ich als sinnvoll für die Studierenden, z.B. für die Wiederaufnahme in anderen Lehrveranstaltungen oder die Prüfungsvorbereitung. Gute Lehre kommt für mich fortan nicht mehr ohne digitale Elemente aus. Dabei darf natürlich nicht außer Acht gelassen werden, dass das Gesamtpaket „Digitale Lehre“ einen enormen Mehraufwand für Dozierende bedeutet.

    Zur Autorin:
    Prof. Dr. Konstanze Marx ist Lehrstuhlinhaberin für Germanistische Sprachwissenschaft an der Universität Greifswald und Geschäftsführende Direktorin des Instituts für Deutsche Philologie.

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  8. Sprachen lernen in der Pubertät


    Interview mit Prof. Dr. Michaela Sambanis, Freie Universität Berlin zu „Sprachen lernen in der Pubertät“

    Warum sind Jugendliche eine besondere Zielgruppe für Ihre Forschungen?

    Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der weiß, dass diese Zielgruppe herausfordernd und manchmal auch anstrengend sein kann. Aber warum eigentlich?
    Die Jugendzeit ist die Phase, in der das Gehirn gezielt umgebaut wird, und zwar so, dass es bestmöglich an die Anforderungen angepasst ist, die es zu erbringen hat. Der Umbau beginnt im hinteren Bereich des Gehirns und läuft weiter bis nach vorne zu den präfrontalen Bereichen. Dort, hinter der Stirn, wird besonders intensiv und lange umgebaut. Die Umstrukturierung ist erst ca. mit 25 Jahren abgeschlossen. In den frontalen Regionen sind übergeordnete Steuer- und Kontrollfunktionen verortet. Sie werden aktiviert, wenn es gilt, etwas zu planen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, überlegt zu handeln usw., Leistungen, die Jugendlichen während bzw. wegen des Umbaus der dafür zuständigen Bereiche mitunter schwer fallen. Ein maßgeschneidertes und gründliches Ausreifen dieser Regionen ist aber für das gesamte weitere Leben enorm wichtig, deswegen wird diesem „Umbauabschnitt“ in der Jugend besonders viel Zeit und damit zugleich die Möglichkeit gegeben, sehr vielen Lerngelegenheiten begegnen zu können.
    Verschiedene Verhaltensweisen in der Pubertät lassen sich vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse besser verstehen und es fällt leichter, sie einzuordnen. Die Pubertät ist eine enorm wichtige Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen umfangreichen Entwicklungsschub macht. Aus diesem Grund ist die Zielgruppe der Jugendlichen eine besondere und eine besonders wichtige für meine Arbeit.

    Was können Lehrkräfte aus den Erkenntnissen zur Entwicklung des jugendlichen Gehirns lernen?

    Die Erkenntnisse der Hirnforschung können Lehrkräften dabei helfen, besser zu verstehen und eine gute Balance zwischen Gelassenheit und sinnvollen Regeln zu finden sowie entwicklungsgemäße Anreize zu schaffen. Das Gehirn braucht in dieser Phase neue Erfahrungen, um sich weiterentwickeln zu können. Deswegen suchen viele Jugendliche nach Freiraum und beginnen, Vorgaben infrage zu stellen. Besonders durch neue Herausforderungen gelingt es dem jugendlichen Gehirn letztendlich u.a., die schon erwähnten übergeordneten Funktionen, wie z.B. vorausschauendes Denken, weiterzuentwickeln.
    Befunde der Hirnforschung belegen außerdem, dass es Jugendlichen tatsächlich schwerer fällt, Versuchungen zu widerstehen. Gehirnbereiche, die auf Spaß reagieren, befinden sich in einer Phase des Wachstums und zeigen besondere Aktivität. Dadurch haben Situationen, die Spaß in Aussicht stellen, eine besondere Anziehungskraft auf Heranwachsende. Im Unterricht gibt es Situationen, in denen das Verlangen nach Spaß mit der Bereitschaft zu ernsthaftem Lernen konkurriert, und oftmals muss man als Lehrkraft konsequent sein. In anderen Fällen hingegen, ist es möglich, die Affinität der Jugendlichen für Spaß methodisch und didaktisch zu nutzen, z.B. indem man Abwechslung in den Unterricht bringt, altersgemäß-spielerische Aufgabenformate einsetzt, die Kreativität anspricht, mit Übungen aus dem Improtheater arbeitet etc. Sprachen lernen in der Pubertät enthält eine Sammlung mit erprobten Praxisimpulsen für den Fremdsprachenunterricht speziell bei Jugendlichen.

    Die Pubertät ist übrigens als eine Teilphase der Adoleszenz definiert. Sie setzt bei Mädchen etwa eineinhalb Jahre früher ein als bei Jungen, bei Mädchen ca. mit 10 Jahren, bei Jungen mit 11 bis 12. Das Faszinierende an dieser Entwicklungsphase sind ihre Potenziale: Die Pubertät ist vor allem eine Zeit besonderer Lernchancen und besitzt hohe Relevanz.

    Welche Chancen bietet diese Phase?

    Ein für das Sprachenlernen besonders wertvolles Potenzial, eröffnet die kognitive Entwicklung: Sie macht in der Jugendzeit beachtliche Fortschritte. Jugendliche können vernetzter denken als jüngere Kinder. Die Entwicklungen im jugendlichen Gehirn ermöglichen schnellere Reizweiterleitung, sodass Verbindungen nunmehr auch über längere Distanzen aufgebaut werden können, wodurch die Vernetzung ausdifferenziert und erweitert wird. Bei jüngeren Kindern laufen kognitive Prozesse eher in lokal begrenzten Hirnregionen ab. Durch die optimierte Vernetzung im Gehirn sind Heranwachsende in der Lage, abstrakter und komplexer zu denken. Das kann beim Sprachenlernen genutzt werden, z.B. durch Unterrichtsverfahren, die zur Reflexion anregen, eigene Strukturierungen anstoßen oder auf eine Metaebene führen.
    Eine weitere beachtenswerte Entwicklung betrifft die Kreativität: Hier zeigen sich Fortschritte im Laufe der Pubertät, ein Höchststand wird etwa im Alter von 16 erreicht. Jugendliche besitzen demzufolge großes kreatives Potenzial, auch wenn sie es aus Bequemlichkeit oder Scheu nicht immer von sich aus nutzen. Betrachtet man diesen Befund zusammen mit der ebenfalls nachgewiesenen Spaß-Affintät Heranwachsender, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche, altersgemäße Unterrichtsgestaltung (Theaterimpulse, Musik etc., mit humorvollen Texten arbeiten, das Gemeinschaftsgefühl stärkende Aktivitäten einsetzen,…).

    Viele Lehrkräfte und Eltern erleben die Pubertät vor allem als anstrengende Zeit. Warum vertreten Sie hingegen einen Stärken-Ansatz, nicht einen Defizit-Ansatz?

    Die frühe Kindheit und die Pubertät sind zwei entscheidende Entwicklungsphasen, in denen ganz viel Potenzial aufspringt, das für das Sprachenlernen genutzt werden kann. Der frühen Kindheit wird ihr besonderes Potenzial selten abgesprochen, bei der Pubertät hingegen sind viele erstaunt, dass auch sie eine Phase voller Chancen ist. Die Herausforderungen, die diese Entwicklungsphase mit sich bringt – übrigens nicht nur für Bezugspersonen, sondern auch für die Heranwachsenden selbst – stelle ich nicht infrage, aber wir schenken m.E. Defiziten recht viel Beachtung. Das gilt nicht nur für den Kontext Pubertät, sondern ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, auch in Lernkontexten. Dabei zeigt Entwicklungsförderung oft bessere Ergebnisse, wenn sie Stärken fokussiert, anstatt nur oder vorrangig Defizite. Individuelle Stärken bilden Ressourcen, an denen man ansetzen kann, um den Aufbau von Selbstvertrauen, Resilienz und Zuversicht zu unterstützen. Wenn man als Lernender erkennt, dass man Stärken besitzt, lässt es sich auf dieser Grundlage deutlich leichter, bereitwilliger und erfolgreicher weiterarbeiten, auch an Bereichen, in denen man noch nicht so gut aufgestellt ist.  

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  9. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Christof Seeger und Julia F. Kost



    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Christof Seeger: Im Moment ist der eigentliche Semesterstart mit Präsenzveranstaltungen verschoben. Wir arbeiten gerade verstärkt an Veranstaltungsformaten des Distance Learning. Eine neue didaktische Erfahrung. Allerdings ist die Hochschule der Medien schon recht weit und wir haben den Vorteil, dass viele unserer Themen tatsächlich auch über digitale Kanäle kommuniziert werden können.

    Julia F. Kost: Als Dozentin bin ich ebenfalls dabei, meine Vorlesung für eine mögliche digitale Umsetzung vorzubereiten. Als Consultant muss ich für meine Kunden & Projekte natürlich ebenfalls umplanen – wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Wochen alle aus dem Homeoffice. Workshops, Abstimmungen und Konzeptarbeit im Team (ohne physisch im selben Raum zu sein) sind natürlich eine Herausforderung. Genauso die langen Stunden vor dem Bildschirm, ohne den nun leider gar nichts mehr geht.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Influencer und ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Christof Seeger: Ich sehe da speziell für die Influencer überhaupt keine große Veränderung in den Aktivitäten. Vielleicht haben viele Influencer sogar noch mehr Zulauf, da die Menschen zu Hause häufiger und intensiver im Internet unterwegs sind. Eine Einschränkung besteht nur in öffentlichen Auftritten. Aber im Netz ist ja alles wie gehabt.

    Julia F. Kost: Die Aktivitäten in Social Media sind natürlich nach wie vor möglich. Was den Influencern sicher fehlt, sind Gelegenheiten für Content – denn auch sie müssen ja nun „aus dem Homeoffice“ arbeiten, was je nach Schwerpunkt-Thema durchaus ein Problem darstellen kann. Reisen und Events, von denen man berichten kann, sind nicht möglich, es fehlt an Abwechslung bzgl. Drehorten, Alltag, Tätigkeiten etc.

    Eine weitere Herausforderung ist natürlich der „Freeze“ in der sich die Marketingwelt allgemein befindet. Es wurden sicher einige bereits geplante Kooperationen abgesagt aufgrund der Pandemie. Verständlicherweise, denn allzu fröhliche Werbung, die der Situation vielleicht sogar widerspricht, könnte bei den Zielgruppen durchaus Empörung auslösen. Wer hier schnell agiert und kreative Konzepte vorschlägt, die die Situation reflektieren, kann aber auch hier entgegenwirken.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Influencer Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Christof Seeger: Ich wage hier keine Prognose. Die Gesellschaft wird sich sicherlich verändern. Ein einfaches Zurück wird es so nicht geben. Wie und in welcher Form ist heute nicht absehbar. Es hängt sicherlich davon ab, wie lange das Virus unser öffentliches Leben beeinträchtigt.

    Julia F. Kost: Eine Prognose möchte ich auch nicht abgeben, aber eine Hoffnung kann ich äußern: In der Krise wird sich zeigen, wer wirklich etwas zu sagen hat. Kleine und große Influencer, die ihrer Community auch in der aktuellen Situation Orientierung geben (als Meinungsführer), authentische Inhalte liefern (kreativ & flexibel, ohne ihre Stimme zu verlieren) und die verantwortungsbewusst mit ihrer Reichweite umgehen, werden ohne Probleme die Krise überstehen (z.B. @annesauer91, Fechtmeisterin). Sie können ihre Community stärken, die Leute noch enger an sich binden und eventuell sogar ihre Reichweite ausbauen, weil sie durch ihre guten Inhalte weiterempfohlen werden. 

    Die weniger „guten“ Influencer, die mit viel heißer Luft arbeiten, bekommen Glaubwürdigkeitsprobleme und langweilen oder verprellen im schlimmsten Fall ihre Community mit nichtssagenden Inhalten, die nicht auf die Corona-Situation eingehen oder sich sogar über diverse Regeln hinwegsetzen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Influencer Marketing“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Christof Seeger: Wie schon erwähnt, ist die digitale Wirtschaft im Prinzip ja unabhängig von klassischen Methoden. Es kommt jetzt darauf an, wie die Unternehmen reagieren. Viele haben nachvollziehbarerweise nun eher existenzielle Sorgen, als sich um neue Vermarktungs- und Kommunikationswege zu kümmern, dennoch kann das Influencer-Marketing insgesamt an Bedeutung gewinnen, da viele Messen und direkten Kontakte im Moment nicht existieren.

    Julia F. Kost: Wir beschreiben in einem Exkurs in Kapitel 2.3 den Zusammenhang von Influencern und Popkultur. In einer gesellschaftlichen Krise gerät die bisherige Gewichtung von „Pop Life“ und „Alltag“ aus den Fugen. Alltägliche Bedürfnisse, die lange als „erfüllt“ wahrgenommen wurden, sind nicht mehr ganz so selbstverständlich (egal ob Einkaufen, Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung). Das Pop Life gerät somit etwas in den Hintergrund, ist aber gleichzeitig wichtig als emotionaler Ausgleich. Wenn sich die Bedürfnisse in der Gesellschaft so verändern, verändern sich auch die Erwartungen und Wünsche an Meinungsführer.

    Die Daseins-Berechtigung für Influencer ist ja nicht das Marketing, das man mit ihnen gestalten kann. Sie sind in erster Linie Meinungsführer oder Experten, die fachliche und/oder soziale Autorität und Vorbildfunktion besitzen und eine digitale Community unterhalten, die ähnliche Werte pflegt wie der Influencer selbst. Welche Eigenschaften einen klassischen Influencer ausmachen, haben wir im Buch ausführlich beschrieben (Kapitel 2) genauso die Kriterien für einen „hochwertigen“ Influencer (Kapitel 5.4), die zwar vor dem Hintergrund einer Markenkooperation aufgearbeitet sind, aber allgemein gültig sind.

    Für Unternehmen, die trotz der Krise (Influencer) Marketing betreiben, gilt noch stärker als vorher: auf den Marken-Fit achten und Influencer in ein Gesamtkonzept einbinden! (Kapitel 4 und 5)

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  10. Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Bernd Blessin


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    In meiner Tätigkeit als Leiter Personal und Organisation, Recht und Compliance (CCO) eines mittelständischen Versicherungsunternehmens sowie als Mitglied des Notfallteams bin ich aktuell doppelt gefordert. Neben der Aufrechterhaltung der operativen Arbeit in beiden Bereichen gilt es nun auch, diese Krise für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unser Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu gestalten oder ganz neue Lösungswege zu finden. „Arbeitsalltag“ ist passé! Die Veränderungen sind massiv und kommen fast stündlich. Das bedeutet: Entscheidungen von heute sind morgen vielleicht schon wieder obsolet und müssen neu getroffen werden.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Führungskräfte hinsichtlich ihrer Aufgaben und Herausforderungen durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    An zwei Beispielen aus meinem Unternehmen will ich die aktuellen Veränderungen schlaglichtartig deutlich machen: Führungsbeziehungen bzw. Entscheidungsprozesse.

    Gelebte Führungsbeziehungen mussten innerhalb weniger Wochen, wenn nicht gar Tagen, neu definiert werden. Als zentral organisiertes Unternehmen hat jede(r) einen Büroarbeitsplatz. Jetzt galt es für die Führungskräfte, möglichst rasch alle Mitarbeiter*innen Home Office-fähig zu machen: Also die notwendige Ausstattung besorgen und einsatzfähig machen, die Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation vertraut machen und die Arbeitsprozesse -wo notwendig- entsprechend anpassen. Die Führungsbeziehung wechselte von „face-to-face“ auf „remote“. Damit verändern sich Rücksprachen und Meetings, aber auch ad-hoc-Treffen auf dem Flur oder am Kaffeeautomat. Was in anderen Unternehmen vielleicht schon geübte Praxis sein mag (er)finden wir für uns gerade neu, wie etwa extensive Videochats oder Telkos oder eben virtuelle Teammeetings und Kaffeepausen. Verändern wird sich dadurch auch das Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*innen sowie der Anspruch an selbständiges und eigenverantwortliches arbeiten.

    Natürlich verändern sich dadurch auch Entscheidungsprozesse. Der kurze Weg über den Flur, der direkte persönliche Austausch bilateral oder im Team muss nun technisch überbrückt werden. Das geht selbstverständlich, braucht aber noch Übung. Auch werden Entscheidungen massiv durch die Krise beeinflusst. Was heute klar und eindeutig war, muss morgen vielleicht korrigiert werden. Das fordert viel Verständnis und eine hohe Fehlertoleranz. Beides hat sich bei und schlagartig verbessert, inkl. mehr miteinander und füreinander. Und es gibt plötzlich eine weitere Instanz, das Notfallteam. Dieses ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet und kann für alle im Unternehmen bindende Entscheidungen treffen. Manche erleben dies als Entmachtung, anderen gibt dies Sicherheit und Orientierung.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Führung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Führung hat sich schon immer verändert und wird sich auch weiter verändern. In der Diskussion der letzten Jahre war der Fokus m.E. zu stark auf den Sinn der Arbeit gerichtet („purpose“). Natürlich ist dieser wichtig! Das Selbstverständnis des Unternehmens sollte sich mit dem eigenen decken und Führungskräfte sollten dies aktiv verkörpern bzw. vorleben. Das ist aber sicherlich nur eine Seite der Medaille. In der aktuellen Situation wird die zweite Seite umso deutlicher, nämlich die Veränderung von Arbeitsplätzen, -prozessen oder -beziehungen, der notwendige Erwerb von Qualifikationen und die Gestaltung dieser Veränderungen. Wir haben dies beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) im Herbst 2019 für dieses Jahr unter das Motto „prepare“ gesetzt ;-)

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Führen und führen lassen“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    In „Führen und führen lassen“ werden Grundlagen der Führung aufgezeigt. Diese sind in jeder Führungssituation hilfreich, auch und gerade in der jetzigen Krise. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit „in, durch und mit Veränderungen führen“, also genau passend zur aktuellen Situation. Die Abschnitte „Führung in virtuellen Teamstrukturen“ oder „Change Management“ geben jeder Führungskraft gute Impulse für die derzeitigen Führungs-herausforderungen. Vielleicht hilft auch das eine oder andere Praxisbeispiel im Buch weiter …

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