interview

  1. Influencer: Männlein und Weiblein im Charaktercheck


    Der "Sniper" als zielsicherer Scharfschütze oder die kreative "Mamabloggerin"? Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Social-Media-Experte Dr. Frederik Weinert charakterisiert in seinem Buch "Hexendoktor, Sniper oder Sexgöttin" die unterschiedlichen Influencer-Typen und gibt Tipps, wie Unternehmen das für ihr Image nutzen können:

    Influencer:innen sind die neuen Werbestars. Warum sind sie glaubhafter als viele klassische Promis?

    FW: Influencer:innen entwickeln so etwas wie eine Freundschaft zu den Fans. Diese starke soziale Bindung beeinflusst die Kaufentscheidungen, daher auch die Bezeichnung Influencer Marketing. Die digitalen Werbestars interagieren emotional mit den Fans, schicken Herzchen und stehen den Fans mit Rat und Tat zur Seite. Auf diese Weise sind Influencer:innen wertvolle Bezugspersonen, die teilweise einen größeren Einfluss auf das echte Leben haben als Eltern, echte Freunde oder der Hausarzt. Die Gefahr ist, dass Influencer:innen in den Sozialen Medien oft nur eine Show abziehen bzw. sich so verhalten, wie es die Fans erwarten. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn ein Blick ins klassische Fernsehen zeigt, dass auch dort Stars wie Thomas Gottschalk, Elton oder Oli Pocher immer lustig sind. Genau wie Fernsehstars bauen sich Internetstars ein verlässliches Image auf. Das ist harte Arbeit und kein Zufall. Es ist eine Strategie, und diese Strategie gepaart mit starker sozialer Bindung und fachlicher Expertise macht die Influencer:innen glaubwürdiger als klassische Promis.

    Wie erklären Sie sich als Medienwissenschaftler den Hype um Influencer:innen, also einem „Idol“, dem man folgt? Welches psychologische bzw. soziale Motiv vermuten Sie dahinter?

    FW: Influencer:innen zeigen sich sexy, interessant und einzigartig. Allein das wirkt auf viele Menschen sehr anziehend. Die Internetstars sind allesamt erfolgreich, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Es ist normal, dass sich Menschen an Mentoren wenden, z. B. an Arbeitskolleg:innen oder Vorgesetzte, die eine größere Expertise haben. Durch gezielte Adaption versucht der Mensch, sich seinen Vorbildern anzupassen, ihnen nachzueifern. Außerdem mögen Menschen das Gefühl, Anerkennung zu erhalten. Wenn Internetstars öffentlich auf Instagram mit einem Fan schreiben, entsteht ein Glücksgefühl, eine Form von Wertschätzung. Außerdem erfüllen Influencer:innen soziale Bedürfnisse wie Freundschaft und Zugehörigkeitsgefühle. Diese Community macht süchtig, was dazu führt, dass Fans den Handlungen und Handlungsanweisungen des Idols folgen. Das betrifft Verhaltensweisen und Kaufentscheidungen sowie Weiterempfehlungen. Unternehmen und Marken tun deshalb gut daran, mit Influencer:innen zu kooperieren, z. B. in den Bereichen Mode, Tourismus und Technik. Eine Kooperation erhöht sowohl die Reichweite als auch den Absatz.

    Was raten Sie Unternehmen, die noch keine Erfahrung mit Influencern haben? Wie finden sie die richtige Person?

    FW: Die Lokalpresse studieren. Da gibt es immer wieder Berichte über regionale Influencer:innen, die interessant sein könnten. Es ist außerdem wichtig, selbst zu schauen, ob es passende Gesichter in den Sozialen Medien gibt, die zur Marke passen, z. B. über Hashtags und Suchfunktionen. Mein neues Buch „Hexendoktor, Sniper oder Sexgöttin. Wie Unternehmen die Zusammenarbeit mit Influencer:innen optimieren“ ist die optimale Entscheidungshilfe, sowohl für Unternehmen als auch für Influencer:innen. Das Buch zeigt, welche Influencertypen es gibt, welche Stärken sie haben und wie die erste Kontaktaufnahme gelingt.

    Welcher Ihrer zehn Influencer-Typen ist Ihnen persönlich am sympathischsten?

    FW: Ich mag den Guru als digitalen Trendsetter, weil ich mich selbst sehr für Technik und Innovation interessiere. Technik-Influencer sind meistens sehr kompetent und glaubwürdig. Außerdem gefällt mir das Tattoogirl als Influencertyp, weil diese weiblichen Internetstars mit ihrer brachialen Ästhetik optimal spielen und dadurch sehr stark auffallen und sich perfekt für alternative Marken eignen.  Ziemlich cool finde ich das Alien als Paradiesvogel unter den Internetstars, weil dieser Influencertyp ideal zu neuen Marken und starken Start-ups passt, die sich etwas trauen. Ich kann versprechen, dass für jedes Unternehmen ein passender Influencertyp dabei ist, beispielsweise die Mamabloggerin für Kindernahrung, Drogerieartikel usw. oder Clown als Komiker, der jedes Produkt und jede Dienstleistung als Erlebnis darstellt.

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  2. "Judenfeindliche Sätze sind geistiges Gift!"


    Wie Stereotype in unserer Sprache seit zwei Jahrtausenden auch unsere Einstellungen zu Menschen prägen. Welche Folgen das hat. Und warum wir endlich etwas dagegen tun sollten. Interview mit der Antisemitismus- und Sprachforscherin Monika Schwarz-Friesel:

    Sie sprechen von einem Gift, das die Köpfe vernebelt und Hass sät ....

    MSF: Der Name dieses Giftes lautet Antisemitismus. Oder, noch klarer ausgedrückt: Es ist der Judenhass. Dieses Gift ist seit Jahrhunderten Bestandteil der westlichen DNA, des europäischen Kultur-Genoms. Es schleicht sich in vielen Fällen unbemerkt ein, vergiftet aber durch beständige Dosierung. Und durch den globalen digitalen Austausch weist seine massenhafte Ausbreitung ein noch nie gewesenes Ausmaß auf.

    Sie erkennen Antisemitismus in unsere Sprache als alltäglich. Welche Beispiele gibt es dafür?

    MSF: Es ist der Autofahrer, der einen Radfahrer in Berlin im Vorbeifahren als „Du Jude!“ beschimpft. Der Student, der auf die Frage nach dem Aussehen eines anderen Studierenden sagt „der mit der jüdischen Nase“. Die Dozentin, die vom „jüdischen Landraub in Palästina“ spricht. Die Fußballfans, die „Juden-Jena, Juden-Jena“ grölen. Die alte Dame, die vom „scheußlichen Judenzopf“ ihrer Enkeltochter berichtet, einer „hässlichen verfitzten Spliss-Frisur“. Es ist der Postbote, der vom „jüdischen Geld-Klein-Klein“ eines Kollegen berichtet, der Pfarrer, der von der mildtätigen verzeihenden Ethik des Christentums spricht und wie diese den „alttestamentarischen Rachegedanken ablöste“. Der Beispiele gibt es viele!

    Sie sagen, die toxische Struktur ist Teil der kulturellen Grundsubstanz unserer Gesellschaft, vor allem aber auch unseres kommunikativen Gedächtnisses. Woran machen Sie das fest?

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    MSF: Es waren Sprachstrukturen, die über die Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation das Bild „der Juden“ prägen. Ihre Macht und ihre Wirkung werden bis heute unterschätzt. Zudem gibt es zahlreiche süße Ummantelungen durch Begriffe wie „Meinungsfreiheit“, „Diskursvielfalt“ oder „Kritik“, die die toxische Semantik verschleiern. Das Phänomen abzutun mit „Es ist nur Sprache und keine reale Gewalt“ verkennt nicht nur die entscheidende Rolle der Sprache bei der Entstehung, Weitergabe, Verbreitung und Speicherung judenfeindlichen Gedankenguts, sondern auch ihr Vorbereitungspotenzial für non-verbale Gewalt. Gewalt entsteht immer im Kopf.

    Warum ist es so wichtig, dass man die Rolle der Sprache beim Antisemitismus in den Mittelpunkt der Aufklärung und Bekämpfung stellt?

    MSF: Wir müssen uns nicht nur wegen der Attentäter, Bombenleger, Synagogen-Attentäter, Denkmal- und Friedhofsschänder oder der Flaggenverbrenner sorgen, sondern auch wegen der Sprachtäter und geistigen Brandstifter. Sie sind es, die das Gift immer wieder von Neuem in die Welt tragen und es mit jeder judenfeindlichen Sprachhandlung konsolidieren und intensivieren.

    Wo sitzen Ihrer Erfahrung nach die Giftmischer? Ist das ein besonderes Merkmal für radikale Kreise?

    MSF: Es sind keineswegs nur die Ränder der Gesellschaft, die uns Sorgen bereiten müssen. Denn sie sind nicht der alleinige Nährboden für judenfeindliche Gedanken und Gefühle. Die Geschichte der Judenfeindschaft zeigt: Es waren und sind stets die Gebildeten aus der Mitte, die einflussreich als Vordenker und geistige Giftmischer agieren. Das antisemitische Ressentiment mit seinen Facetten der Abneigung und des Hasses wird weiter gegeben durch die Sprachgebrauchsmuster der Mitte. Diese trägt es in die sozialen Ecken, diese bestätigen die Radikalen, geben ihnen geistige Nahrung.

    Sie stellen fest, dass viele Produzenten judenfeindlicher Äußerungen sich nicht im Klaren darüber sind, dass sie antisemitische Gedanken artikulieren. Wie konnte Antisemitismus so tief in die Alltagssprache eindringen?

    MSF: Die toxische Bedeutung von Wörtern schleicht sich oft unbemerkt in unseren Geist ein, sie hinterlässt aber Spuren, löst Assoziationen aus, prägt zum Teil langfristig Einstellungen und Gefühle. Das geistige Gift des judenfeindlichen Ressentiments kam vor 2000 Jahren durch die Verdammungsrhetorik der frühen Kirchengelehrten in die Welt. Es breitete sich von dort aus, nahm zeitgemäße Elemente in seine Substanz auf und wurde über die Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil des Denk- und Lebensraumes.

    Was muss geschehen, damit die Kette des sprachlichen und kulturellen Antisemitismus endlich durchtrennt wird? Was sind Ihre Forderungen an unsere Gesellschaft?

    MSF: Sprache zu benutzen ist geistige Herrschaftshandlung. Entsprechend ist Sprachgebrauch Macht- und Gewaltausübung. Eine Sprache zu benutzen bedeutet, Geist in die Welt zu tragen. Dieser Geist, die Semantik von Wörtern, Sätzen und Texten, kann Welt abbilden oder Welt erschaffen, kann gravierende Auswirkungen auch für die physische Realität haben. Mit den Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke geben wir Impulse in die Köpfe unserer Mitmenschen. Diese können positiv oder negativ, freundlich oder feindselig sein. Judenfeindliche Äußerungen sind geistiges Gift. Wir tragen dafür die Verantwortung. Wir entscheiden. Wir wählen die Wörter aus.


    Die Autorin:
    Monika Schwarz-Friesel ist eine international führende Expertin auf dem Gebiet Antisemitismus und Sprache. Die Kognitionswissenschaftlerin ist Ordinaria und Fachgebietsleiterin am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin.

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  3. Performativität: Sprachen lernen mit dem ganzen Körper


    Unterricht körperlicher gestalten und erfahrungsbasiertes Lernen ermöglichen – Prof. Dr. Doreen Bryant und Prof. Dr. Alexandra L. Zepter, Autorinnen von "Performative Zugänge zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ)", erklären im Interview, warum diese Aspekte des performativen Lernens auch oder gerade im Bereich des Erwerbs von Deutsch als Zweitsprache zunehmend in den Blick rücken:

    Warum sind performative Zugänge besonders geeignet für das sprachliche bzw. zweitsprachliche Lernen?

    Der größte Pluspunkt von performativen Zugängen ist, dass sie ─ durch den stärkeren Einbezug des eigenen Wahrnehmens, Fühlens und Handelns, durch die Betonung von kreativen und spielerischen Aspekten ─ oftmals mehr Schüler:innen ansprechen, motivieren und mitnehmen ─ auch solche, die sich in einem ‚klassischen‘ Sprachunterricht, in dem alle Schüler:innen auf ihren Plätzen sitzenbleiben, eher schwertun. Darunter sind viele Schüler:innen, die wir im Rahmen von Sprachfördermaßnahmen vielleicht gerade erreichen möchten. Außerdem eignen sich performative Zugänge auch deshalb besonders für heterogene Gruppen, weil ein eher ganzheitlich orientiertes und kreatives Arbeiten viele Möglichkeiten für Differenzierung bei gleichzeitig gemeinsamem inklusivem Lernen eröffnet.

    Sie beziehen sich in Ihrem Buch auf Embodiment-Theorien. Warum und wie stellen sie eine theoretische Grundlage für performative Zugänge zu sprachlichem Lernen dar?

    Sprache ist ja grundsätzlich ein großartiges Instrument. Wir können, wenn wir eine Sprache gut beherrschen, über alles Mögliche sprechen ─ über das, was wir in der Welt wahrnehmen, was wir erfahren haben, was wir uns vorstellen, was wir fühlen etc. Nach dem so genannten Erfahrungsspurenansatz ─ ein Ansatz aus dem Spektrum der Embodiment-Theorien ─ sind die Prozesse, die kognitiv ablaufen, wenn wir etwas wahrnehmen, wenn wir uns bewegen und handeln, nicht kategorisch verschieden von den mentalen Prozessen, die involviert sind, wenn wir über Wahrnehmungen, Handlungen, Bewegungen etc. sprechen. Wenn wir z.B. ein Wort wie ‚Flugzeug‘ sprachlich verarbeiten, dann werden mental ‚Spuren‘ von zurückliegenden Erfahrungen aktiviert, in denen wir vielleicht ein Flugzeug am Himmel gesehen, nach oben gezeigt, es gehört haben und so weiter. Generell geht man in Embodiment-Theorien davon aus, dass der Körper und mit ihm Sinneswahrnehmung, Bewegung, Emotionen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Kognition und Sprache spielen.

    Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, auch beim Sprachunterricht mit Konzepten und Methoden zu arbeiten, die reale Wahrnehmungen, körperlich durchgeführte Handlungen, Bewegungen etc. beim Lernen stärker mit einbeziehen und derart quasi als Verstärkung wirken und den Zugang zum sprachlichen Lerngegenstand erleichtern ─ z.B. durch handlungsbegleitendes Sprechen, durch die Kombination von sprachlichem Lernen und Bewegung und/oder Rollenspiel.

    Ihr Buch trägt den Titelzusatz: „Ein Lehr- und Praxisbuch“. Wie gelingt Ihnen die Verknüpfung von Theorie und Praxis?

    Das Buch besteht aus zwei Teilen, die eng miteinander verlinkt sind. Im ersten Teil geben wir Einblicke in die theoretischen Grundlagen ─ kognitionstheoretisch, spracherwerbstheoretisch, sprachwissenschaftlich und sprachdidaktisch ─ und wir haken auch genauer nach, was unter dem Begriff der Performativität und des performativen Zugangs zu verstehen ist. Da es ein Lehrbuch ist und sich sowohl fürs Selbststudium als auch für die Seminar- und Workshop-Arbeit eignen soll, gibt es generell viele begleitende Aktivierungs- und Lernaufgaben. Der zweite Teil des Buchs schlägt dann die Brücke zur Praxis und wird hier sehr konkret. Wir stellen insgesamt 13 verschiedene performative Zugänge vor ─ wobei wir auf der einen Seite die klassischen sprachlichen Lernbereiche Mündlichkeit und Schriftlichkeit adressieren, auf der anderen Seite aber auch performativitätsbezogen verschiedene Schwerpunkte setzen: z.B. sprachliches Lernen mit Rhythmus und Musik, durch Bewegung, durch Handeln, mit Dramapädagogik/Theaterspiel.

    Und wie konkret sind die praktischen Anregungen im Teil II?

    Sehr konkret. In jedem Kapitel gibt es ein Unterrichtsbeispiel ─ in der E-Library dazu passendes Unterrichtsmaterial und einen digitalen Stundenverlauf. So sind die Unterrichtsentwürfe ohne viel Aufwand sofort einsetzbar. Wir haben bereits Rückmeldungen von einigen Lehrkräften erhalten, die die Beispiele umgesetzt und erprobt haben. Zu unserer Freude sind alle sehr begeistert. Auch hier haben wir das Feedback erhalten, dass sich durch die performativen Zugänge viele Schüler:innen persönlich angesprochen und auf ihren jeweils individuellen Sprachlernständen „abgeholt“ fühlen und dass der Unterricht „leichter“ wird, weil er mehr Freude macht.

    Enthält das Buch auch Anregungen für Schülerinnen und Schüler, die noch über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse verfügen?

    Ja, durchaus. Man denke zum Beispiel an die Schüler:innen aus der Ukraine. In Folge des Krieges sind ja seit Februar mehr als 90.000 Kinder und Jugendliche vom deutschen Schulsystem aufgenommen worden. Sie müssen nun sehr schnell die deutsche Sprache lernen, um auch am Fachunterricht teilnehmen zu können. Die performativen Zugänge des Buches nehmen sowohl alle schulischen Altersstufen von der (frühen) Grundschule über die Sekundarstufen bis hin zur Berufsschule in den Blick als auch alle Sprachniveaustufen. Ein Kapitel zum Spracheinstieg in der Grundschule nutzt z.B. Bilder, Bilderbücher und Emotionen als Erzählimpulse, ein anderes Kapitel setzt auf dramagrammatisches Arbeiten in Alphabetisierungskursen mit (jungen) Erwachsenen. Allgemein können die Vorschläge natürlich auch weitergedacht und für andere Gruppen adaptiert werden; auch dazu gibt es Anregungen.

    Sind die methodischen Vorschläge Ihres Buches ausschließlich auf den Sprachunterricht zugeschnitten?

    Keineswegs. Auch der sprachsensible, sprachbildende Fachunterricht kann von den methodischen Anregungen profitieren. Exemplarisch wird dies im Buch u.a. für die Kunst des Debattierens im Rahmen des Geographieunterrichts, für Rhythmicals im Musikunterricht und für den Einsatz verschiedener Inszenierungstechniken (auch) im Fachunterricht Deutsch aufgezeigt.   

    Gibt es weitere Aktivitäten, die in naher Zukunft zum Thema Performativität geplant sind?

    Ja, das Thema ist zu unserer großen Freude sehr angesagt und nachgefragt. Allein in den nächsten drei Monaten finden einige sprachdidaktisch bedeutsame Veranstaltungen statt, auf denen wir Inhalte des Buches präsentieren werden:

    Am 24. Juni 2022 tagt die Lehramtsinitiative der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaften (DGfS) an der Universität Tübingen zum Thema „Performative Zugänge zu DaZ und Sprachbildung im Fach“. Hier sind wir an drei Workshops beteiligt: 1) Performativ-ästhetische Dimensionen des generativen Schreibens; 2) Handlungsorientierter Sprach- und Schriftgebrauch (HOSS); und 3) Dramagrammatik: Einsatzmöglichkeiten und Variationen. Noch gibt es ein paar freie Plätze ─ bei Interesse kann man sich unter mehrsprachigkeit@ds.uni-tuebingen.de melden und über die gebührenfreie Fortbildung informieren lassen und für einzelne Workshops anmelden.

    Am 1./2. Juli 2022 sind wir dann an der Universität Leipzig und gestalten im Rahmen der Grammatikdidaktik-AG der deutschdidaktischen Gesellschaft Symposion Deutschdidaktik (SDD) einen Workshop zu performativen Konzepten grammatischen Lernens in der Zweitsprache.

    Und vom 15. bis 20. August 2022 findet in Wien die Internationale Tagung der Deutschlehrer:innen (IDT) statt, an der wir mit einem Vortrag zu sprachförderlichen Potenzialen von Inszenierungstechniken teilnehmen.

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  4. Reisetrends der Deutschen: 3 Fragen an Julian Reif


    © Deutsches Institut für Tourismusforschung

    Julian Reif ist Vorstand des Deutschen Instituts fürTourismusforschung und Mitherausgeber des "Tourismusatlas Deutschland".

    Welche Reisetrends beobachten Sie aktuell bei Urlaubern?

    Die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass sich die Präferenzen änderten. So beobachteten wir bspw. eine verstärkte Nutzung des eigenen PKW als Anreisemittel, Ferienwohnungen und -häuser, Reisemobile waren stark nachgefragt oder auch Reiseformen wie Camping, die das Social Distancing erlauben, waren und sind immer noch im Trend. Mit Blick auf die Reiseziele ist und bleibt Deutschland das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Auch wenn die starke Inlandszuwendung aus dem Jahr 2020 im vergangenen Jahr nicht mehr so stark zu beobachten war, verreisen die Deutschen auch weiterhin im Inland. In Bezug auf die Aktivitäten zeigte sich während der Pandemie ein Boom der Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern oder Ähnliches. Auf der anderen Seite verzeichnen Indoor-Aktivitäten, insbesondere Events, deutliche Rückgänge. In Summe orientieren sich die Urlauber jedoch am bewährten Reiseverhalten. So ist „Abstand zum Alltag haben“ für die meisten Menschen seit vielen Jahren ein wichtiges Motiv im Urlaub. Derzeit sehen wir einen Anstieg von hedonistischen Motiven im Urlaub, wie Spaß und Freude haben, sich verwöhnen lassen oder auch gesundheitliche Aspekte. Dies ist sicherlich einem gewissen Nachholeffekt von Corona geschuldet, bei dem man sich nun etwas gönnen möchte. Ein weiterer Indikator für diesen Effekt ist die große Reiselust der Deutschen: Rund 61% der Deutschen haben Lust zu verreisen – ein neuer Höchstwert. Gleichwohl werden sich sicher nicht alle Reisepläne in konkrete Buchungen überführen lassen.

    Was wird sich hier in den nächsten Jahren tun?

    Wir gehen davon aus, dass die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – und zwar auf allen Ebenen – die Branche in den nächsten Jahren stark beschäftigen werden. Das Thema „Digitales Besuchermanagement“, also das Messen von Touristenströmen mit Hilfe von sensorbasierten Messinstrumenten, sei es lokal oder global, und das Ausspielen dieser Informationen an potenzielle Besucherinnen und Besucher wird eine wichtige Rolle im Destinationsmanagement spielen. Nicht nur aufgrund der gestiegenen Anforderungen durch die Corona-Pandemie, sondern auch um die durch Menschenansammlungen entstehenden negativ wahrgenommenen Effekte seitens der Einwohnerinnen und Einwohner aber auch der Touristinnen und Touristen selbst zu minimieren. Dies wird nicht nur im urbanen Raum eine wichtige Rolle spielen, sondern auch in ländlichen, besonders tourismusintensiven Regionen.

    Mit Blick auf die Nachhaltigkeit schreiben wir der Tourismusakzeptanz der Einheimischen zukünftig eine wichtige Rolle zu. Wurde bis vor kurzem die Sicht der Einwohnerinnen und Einwohner auf die touristische Entwicklung in ihrem Ort nur unzureichend in touristischen Entwicklungskonzepten berücksichtigt, erscheint aus derzeitiger Sicht eine nachhaltige Tourismusentwicklung in den Destinationen ohne eine Berücksichtigung dieser Perspektive als unmöglich. Bundesweit beobachten wir seit 2019 zwar eine allgemein positive Einstellung der Einheimischen gegenüber dem Tourismus, jedoch sehen wir eine Tendenz zur Stagnation. In Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit haben wir es weiterhin mit einem paradoxen Verhalten zu tun: Auf der einen Seite sagen 47% der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren, dass ihr Urlaub möglichst ökologisch verträglich, ressourcenschonend und umweltfreundlich sein soll, und auf der anderen Seite war lediglich bei 5% der Urlaubsreisen Nachhaltigkeit der entscheidende Faktor bei der Angebotswahl. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist seit langer Zeit als „Attitude Behavior Gap“ bekannt und es wird darauf ankommen, Angebote so nachhaltig zu gestalten, dass sie nicht aufgrund der Nachhaltigkeit gebucht werden, sondern weil sie die Bedürfnisse der Nachfrage befriedigt.

    Wird der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen haben?

    Die Auswirkungen der fürchterlichen und dramatischen Lage in der Ukraine lassen keine seriösen Prognosen auf das Reiseverhalten der Nachfrage und die Tourismusbranche zu. Allerdings ist jetzt schon deutlich, dass die steigenden Energiepreise sich auswirken werden. Dies trifft nicht nur erdgebundene Reisen mit dem PKW durch die derzeit stark ansteigenden Preise für Treibstoff, sondern auch Fluggesellschaften geben die steigenden Energiekosten über die Ticketpreise an die Kundinnen und Kunden weiter. Dies betrifft dann aller Voraussicht nach die Urlaubsziele am Mittelmeer. Durch die derzeitige Situation einer möglichen Stagflation, also einer gleichzeitigen Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung und einer Inflation, besteht die Gefahr, dass den potenziellen Touristinnen und Touristen weniger Geld zum Reisen übrigbleibt. Allerdings sind die Grundvoraussetzungen für touristische Reisen (Lust, Geld und Zeit) bei den Deutschen gegeben. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Tourismus sich bei exogenen Krisen wie Terroranschlägen oder Naturkatastrophen recht resilient gezeigt hat. Die Nachfrage an Reisen blieb relativ stabil, es änderten sich lediglich die Reisezielpräferenzen oder ausgeführte Aktivitäten.

    Der Autor: Dr. Julian Reif, Vorstands- und Gründungsmitglied des Deutschen Instituts für Tourismusforschung, studierte an den Universitäten Bonn und Fribourg Geographie mit den Nebenfächern Soziologie und Ethnologie. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Deutschen Institut für Tourismusforschung (ehemals Institut für Management und Tourismus) der FH Westküste. Seine Forschungsinteressen sind touristische Nachfragetrends, Städtetourismus, Auswirkungen des Tourismus und aktionsräumliches Verhalten.

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  5. Streit um Wörter


    Immer wieder werden in Politik und Gesellschaft teils heftige Debatten um die richtigen Wörter geführt. Beispielsweise darüber, ob mit Lehrer auch Lehrerinnen gemeint sind oder ob Wörter wie Mohr und Zigeuner verboten werden müssen. Die dialogische Analyse ausgewählter Streitpunkte will weder harmonisieren noch dominieren, sondern wesentliche Argumentationslinien anschaulich und nachvollziehbar machen. Die Publikation hilft, Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen und eigenes und fremdes Sprachhandeln zu beurteilen, Ablehnungen oder Mitvollzug von Entwicklungen auf Sachkenntnis zu gründen. Unsere Autorin Dr. Christine Römer vom Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena im Gespräch über „Streit um Wörter“:

    Was hat Sie an diesem Thema vor allem interessiert?

    Der Streit um richtige, angemessene Benennungen wird sowohl in der Linguistik, Journalistik als auch der Öffentlichkeit erbittert geführt. Mein Interesse gilt dabei den Fragen, wie man den aktuellen Disput um die „richtigen Wörter“ entschärfen und in einen Dialog überführen kann; wie man kommunikative Kompetenz erreichen kann, die beinhaltet, dass Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen als notwendig zu betrachten sind. Andere Meinungen akzeptieren, schließt auch das Akzeptieren der Verwendung anderer Benennungen ein, natürlich nur, wenn sie nicht als Waffen, um sprachlich zu diskriminieren, verwendet werden.

    Sie nennen Beispiele für umstrittene Wörter: Können Sie uns am Beispiel von „Mohr“ oder „Zigeuner“ zeigen, wie man den Streit beilegen kann?

    M.E. kann man den Streit nicht beilegen, jedoch konstruktiv-kritische Sprachreflexionen initiieren. Dazu gehört, unterschiedliche Positionen anhören und mit linguistischen Methoden hinterfragen. Es gehört auch dazu, nach den Ursachen vertretener Positionen zu forschen und Auswirkungen verlangter Veränderungen aufzeigen. Bei dem Beispiel „Mohr“ hilft eine Analyse der Wortverwendung weiter.

    Das Wort „Mohr“ ist schon lange in der deutschen Sprache und bezeichnete bereits im Mittelalter Menschen mit dunkler Hautfarbe (´dunkelhäutiger Bewohner Mauretaniens´) und ist heute veraltet. Dass es wie „Neger“ eine rassistische und verletzende Stigmatisierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe vornehme, wie Aktivisten in Berlin als Begründung in einer Petition zur Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße darlegten, nehmen nicht alle an. Auch nicht alle nehmen eine Bedeutungsgleichheit von Neger und Mohr an. In der Thüringer Stadt Eisenberg findet alljährlich im Juni das „Eisenberger Mohrenfest“ statt (https://www.mohrenfest.de/), das sich auf eine Heimatsage um einen Mohr beruft, der auch Teil des Eisenberger Stadtwappens und historisch positiv konnotiert ist, weshalb der Bürgermeister, der Stadtrat und die Einwohnerschaft auch der Meinung sind, dass „Mohr“ eine positive Bedeutung habe. Auch die umstrittene Berliner Mohrenstraße hat die Benennung „Straße der/des Mohren“ nicht mit abwertender Absicht erhalten. Das statistisch erhobene Wortprofil von „der Mohr“ im Wörterbuch „Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute“ (DWDS)  (https://www.dwds.de/wb/Mohr#wp-1) zeigt, dass „Mohr“ heute nicht in abwertenden Kontexten verwendet wird. Am häufigsten wird es als Teil der Redensart „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ verwendet.

    Ein weiterer Streitpunkt in der gesellschaftlichen Debatte ist das Gendern. Was wäre aus Ihrer Sicht der Sprachwissenschaftlerin ein Mittel, dem Thema die Schärfe zu nehmen?

    Die Schärfe kann aus der Debatte genommen werden, wenn man auch als Linguistin die existierende Varianz akzeptiert, die besonders in der Alltagssprache existiert. Außerdem sollte abgewartet werden, wie sich die Sprache in Bezug auf die „Geschlechtergerechtigkeit“ weiterentwickelt.

    Wenn Sie den Überzeugungen der jeweiligen Kontrahenten auf den Grund gehen: Welcher Methode bedienen Sie sich dabei?

    Ich gehe dabei primär vom Kommunikationsmodell des Sprachpsychologen Schulz von Thun aus. Dieses Modell hebt hervor, dass Kommunikationen nicht nur sachliche Informationen sondern auch Einstellungen der Sprechenden übermitteln und durch die Beziehungsebene geprägt sind, dass Gefühle, Ängste und Emotionen mitkommuniziert werden. Hinzu kommt, dass mit dem Kommunikationsereignis bei den Angesprochenen etwas erreicht werden soll. Es gilt also zu erkunden, auf welcher Ebene argumentiert wird und wo es zur gestörten Kommunikation bzw. anderen Auffassungen kommt.

    So argumentieren Linguisten auf der Sachebene, wenn sie betonen, dass das „generische Maskulinum“ ein etablierter grammatischer Mechanismus in der deutschen Sprache sei: Eine Bezeichnung mit männlichem Geschlecht (Genus) bezieht sich in der Regel auf alle biologischen Geschlechter (Sexus). Man müsse auch dabei zwischen einer grammatischen und semantischen Kategorie unterscheiden. So bezeichnen Präsensformen auch zukünftige und vergangene Ereignisse oder Singularformen auch eine Mehrzahl („das Personal“). Diejenigen, die das generische Maskulinum ablehnen, argumentieren in der Regel nicht auf der Sachebene. Sie meinen beispielsweise, dass sie mit dem Maskulinum nur mitgemeint sind und äußern ihre Überzeugung, dass sie deshalb explizit bezeichnet werden sollen.

    Sie sprechen auch von den „Gefühlen der Streitenden“. Inwieweit fließen diese in Ihr Konzept des Verstehens ein?

    Wie schon angesprochen, können Wörter und Wendungen auch emotive Befindlichkeiten der Sprechenden anzeigen. Dies wird von der modernen Sprachwissenschaft und natürlich auch von mir in die Sprachanalyse einbezogen.

    Wenn man sich die berechtigte Kritik an der stark vereinfachenden Wendung „alte weiße Männer“ anschaut, muss man die Entstehungsgeschichte einbeziehen. Die Emotionen und Ziele der Bürgerrechtsbewegungen im 20. Jahrhundert und in den Kämpfen der Identitätspolitik haben dazu geführt, dass die Wendung zum ideologischen Kampfbegriff geworden ist.

    Ihr Buch trägt dazu bei, „Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen“. Dabei spielt für Sie die „Sachkenntnis“ eine wichtige Rolle. Wie wenden Sie diese Sachkenntnis an?

    Mir ist es wichtig aufzuzeigen, dass Sprachwandel ein notwendiger natürlicher Prozess ist, der zum Erhalt der Funktionsfähigkeit natürlicher Sprachen beiträgt. Dieser Wandel läuft in verschiedenen Sprachmodulen nach jeweils eigenen Prinzipien ab. Schon in der Vergangenheit wurde Sprachwandel öfters mit der Vorstellung des Verfalls der deutschen Sprache verknüpft. Dies trifft beispielsweise auf die Erweiterung des deutschen Wortschatzes durch die Aufnahme von Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen zu, die zu Ängsten vor einer Überfremdung der deutschen Sprache führte und führt.

    „Sachkenntnis“ zeigt, dass diese Ängste aktuell unbegründet sind, da der Anteil an Fremdwörtern nur bei ca. 5% liegt. Die beklagte „Anglizismenschwemme“ ist nur in Teilbereichen feststellbar. So kommen speziell in der Werbesprache Anglizismen überproportional zum Einsatz.

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  6. "Armut ist kein Krisenphänomen!"


    Armut ist greifbar! Sie ist aber auch vielschichtig. Prof. Dr. Andreas Koch lehrt und forscht am Fachbereich Soziologie und Geographie der Universität Salzburg sowie am Zentrum für Ethik und Armutsforschung. Im Frage-Antwort-Stil beleuchtet er in seinem Buch u.a. historische, ökonomische und politische sowie gesellschaftliche und geografische Aspekte der Armut. Dabei geht er auch auf die aktuelle wissenschaftliche Debatte und Formen der Armutsbekämpfung ein. 

    Wie definieren Sie Armut?

    Armut ist für mich ein Zustand, in dem eine kritische Beziehungsungleichheit herrscht. Es gibt viele Arten von Beziehungsungleichheit, zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Migrant:innen und Gebürtigen – und auch innerhalb dieser Gruppen. Ein absolutes Maß für Beziehungsungleichheit bzw. Beziehungsgleichheit existiert nicht. Sie beruht auf der Durchsetzungsmacht der jeweils privilegierten Positionen.

    Woher stammen diese Ungleichheiten in der Beziehung?

    Beziehungsungleichheit ist in Gesellschaften strukturell angelegt und als solche für weitere Ungleichheiten wie Chancen-, Leistungs- und Teilhabeungleichheit verantwortlich. Eine angemessene Definition von Armut fordert nun nicht, eine umfassende Beziehungsgleichheit herzustellen. Dies würde dem liberalen Prinzip individueller Freiheit widersprechen. Das Ziel besteht aber darin, sachlich und sozial nicht zu rechtfertigende Unterschiede zu kritisieren - und Wege aufzuzeigen, wie sie reduziert werden können.

    Wie äußern sich die Unterschiede?

    Bedürftigkeit und Not sind in der Regel das Ergebnis von Benachteiligungen der Beziehungen unter den Menschen. Mangelnde Gesundheitsversorgung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglohn, Wohnungslosigkeit, Bildungsexklusion und Umweltbeeinträchtigungen beruhen wesentlich auf der Verteidigung individuell und gruppenspezifisch erwirkter Privilegien, die jedoch gesamtgesellschaftlich nicht legitimierbar sind.    

    Das Nachhaltigkeitsziel SDG 1 ‚keine Armut‘ fordert, bis 2030 „Armut in allen ihren Formen und überall“ zu beenden. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass dieses Ziel erreicht wird?

    Armut in all ihren Formen und überall bis 2030 zu beenden, ist ein politisches Statement, das eine symbolische Wirkung entfaltet. Ob und wie weit es gelingen wird, dieses Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, hängt wesentlich von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und dem Willen der Gesellschaft ab. In einer auf Leistung und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft bleibt die Verwirklichung des Ziels unwahrscheinlich. Manche halten Leistungsgerechtigkeit für ein faires Beurteilungskriterium, einige stehen dem Wachstumsglauben fatalistisch oder opportunistisch gegenüber, und wieder andere ziehen sich stillschweigend zurück.

    Was kann Sozialpolitik in einer solchen Lage erreichen?

    In dieser Gemengelage zeigt sich die Kraft der Solidarität mit armutsbetroffenen Menschen punktuell (z.B. Spenden), aber nicht nachhaltig. Sozialpolitik ähnelt einem Reparaturbetrieb zur Aufrechterhaltung der bestehenden materiellen Klassenverhältnisse. Ihr fehlt jedoch der erklärte gemeinsame Wille zum Umbau dieser Verhältnisse. Und ihr fehlt die Kraft resilienter Armutsbewältigung, die in Krisenzeiten nicht nur kurzfristig Geld bereitstellt, sondern Regeln als Leitplanken errichtet, wie zum Beispiel kommunalen Wohnraum oder lokale Subsistenzwirtschaft.

    Sie gehen in Ihrem Buch auch auf Strategien der Armutsbekämpfung ein. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?

    Die wichtigste Strategie ist, Armut lokal zu bewältigen. Auch wenn wir zweifellos von einer globalisierten und digitalisierten Umwelt umgeben sind, so spielt sich das physische Leben doch an konkreten Orten mit ihren materiellen Gegebenheiten und sozialen Normen ab. Diese sozial-ökologischen Verhältnisse legen nicht fest, wie wir zu leben haben, vielmehr hängt es von den individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen ab, welche Einschränkungen und Gelegenheiten uns unsere Lebensorte bieten. Die individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen wiederum sind von den Verfügungsspielräumen geprägt, die jeder und jedem Einzelnen von uns durch Geld, Eigentum, soziale Beziehungen, kulturelle Werte und Infrastrukturen zur Verfügung stehen. Da diese Güter zwischen Menschen und Räumen sehr ungleich verteilt sind, bieten sich lokale Maßnahmen des sozialen Ausgleichs an. Hierzu gehören genossenschaftliche Wohnprojekte, die gemeinschaftliche Produktion von z.B. Lebensmittel oder die gemeinschaftliche Nutzung von Gebrauchsgegenständen.

    Sie berufen sich damit auf das Prinzip der Subsidiarität, Verantwortung dahin zu delegieren, wo sie entsteht. ... 

    ...ja, aber für eine erfolgversprechende Umsetzung dezentraler Armutsbewältigung braucht es als politische Strategie eine Ergänzung territorialer Räume um Netzwerke. Orte verbinden sich miteinander, um zu tauschen – Produkte, Wissen, Erfahrung – oder sich gegenseitig zu unterstützen. Die bestehende Ausschließlichkeit von territorial-administrativen Räumen führt zu einer Inklusion von Leistungen nach innen und einer Exklusion jener, die nicht dazugehören. Zudem verschärft es den Konkurrenzdruck von Gemeinden, Ländern, Staaten um Einwohner und Unternehmen.

    Den Medien zufolge hat die Armut in Deutschland durch die Corona-Pandemie einen neuen Höchststand erreicht. Wer ist in Deutschland von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen besonders betroffen?

    Die Corona-Pandemie ist für viele Menschen ein tiefer Einschnitt in ihren Lebensalltag gewesen, der bis heute anhält. Einkommenskürzung oder gar Jobverlust auf der einen Seite, Überstunden auf der anderen; eingeschränkte Mobilität mit Home-Office und Home-Schooling, demgegenüber hochgradige Präsenz in den so genannten systemrelevanten Berufen. Obwohl die Krise also viele getroffen hat, zeigt sich zugleich: Armut ist ein strukturelles Problem und kein Krisenphänomen. In Deutschland lag die Armutsquote im Pandemiejahr 2020 bei 16,1 Prozent und ist gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Punkte gestiegen. Die Coronapolitik mit u.a. Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramm hat durchaus Wirkung gezeigt. Es fehlte aber eine nachhaltige Armutspolitik in den Bereichen Wohnen (Miete und Energiekosten), der Versorgung mit Lebensmitteln, der Unterstützung von Menschen in Ausbildung, usw. Große Haushalte, Alleinerziehende, Erwerbslose oder Menschen mit Migrationshintergrund sind von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders betroffen. 

    Wer sollte Ihr Buch „Armut? Klare Antworten aus erster Hand!“ lesen?

    Im Mittelpunkt des Buches steht die Auseinandersetzung mit der Funktionalisierung von Armut und der damit einhergehenden Instrumentalisierung armutsbetroffener Menschen. Es argumentiert gegen die Annahme, Armut sei Ursache oder Folge von sozialer Schwäche. Dieser Standpunkt wird schwerpunktmäßig aus einer historischen und geographischen Perspektive vertreten und dabei aufgezeigt, wie sehr Raum und Zeit Konstanten unterschiedlicher armutspolitischer Debatten sind. Daher richtet sich das Buch an alle, die sich für diese Zusammenhänge interessieren.

    Das Buch legt zudem einen geographischen Schwerpunkt auf Deutschland und Europa und blendet eine globale Perspektive damit bewusst aus. Dafür nehmen die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Armut und ihre Behandlung im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einen größeren Raum ein.           

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  7. Die Tendenz zur Mehrsprachigkeit steigt




    Mehrsprachigkeit ist weltweit die Norm. Auch in Deutschland wachsen inzwischen rund 40% der Kinder mit mehr als einer Sprache auf, Tendenz steigend. Wir unterhalten uns mit Prof. Dr. Doreen Bryant und Prof. Dr. Tanja Rinker, Co-Direktorinnen des Mehrsprachigkeitszentrums in Tübingen (MiT) und Co-Autorinnen des Narr Studienbuchs „Der Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit”.

    Das Mehrsprachigkeitszentrum in Tübingen (MiT) wurde 2018 gegründet. Welche Ziele verfolgen Sie?

    Das MiT ist Teil des internationalen Netzwerkes Bilingualism Matters, das zum Ziel hat, mehrsprachige Erziehung und Bildung und Mehrsprachigkeit allgemein weltweit zu fördern. Aktuell gibt es 27 sog. Branches in Europa, Nordamerika und Asien. Unser Zentrum in Tübingen ist eines davon.

    Ende Oktober 2021 fand das jährliche Symposium des Netzwerks (Bilingualism Matters Research Symposium) mit über 300 Teilnehmenden aus aller Welt statt, bei dem wir auch mit einem Vortrag vertreten waren.

    Das MiT agiert auf unterschiedlichen Ebenen: Wir halten Vorträge und geben Workshops für ErzieherInnen und Lehrkräfte sowie für Lehrkräfte, die im herkunftssprachlichen Unterricht tätig sind, initiieren Projekte, bieten Beratung für Familien und Institutionen. Wichtig war uns von Beginn an auch die Zusammenarbeit der Universität mit städtischen Einrichtungen.

    Was sind denn typische Fragen, die Menschen im Bereich Mehrsprachigkeit haben?

    Gerade für Eltern, die beide zwei oder mehr Sprachen sprechen, stellt sich häufig die Frage, ob ihr Kind mit mehreren Sprachen von Geburt an überfordert ist (Antwort: Das ist es nicht.). Eine andere Frage, mit der Eltern an uns herantreten, ist, ob sie mit ihrem Kind Deutsch sprechen sollen, obwohl sie selbst nicht so gut Deutsch sprechen (Antwort: Das sollten sie nicht.). Eine weitere Frage ist, ob Sprachmischungen (sog. Code-Switching) Zeichen mangelnder Sprachbeherrschung oder gar einer Sprachstörung sein können (Antwort: Das sind sie nicht; im Gegenteil, diese Mischungen sind in der Regel ganz systematisch und ein Zeichen von Kreativität im Umgang mit den zur Verfügung stehenden Sprachen).

    Sie sind also beide im Bereich der Mehrsprachigkeit tätig. Was gab denn nun den Ausschlag zu diesem Buch?

    Zum einen wurden wir immer wieder von Studierenden gefragt, ob es einen Überblick über den Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit gebe und zum anderen, wo sie zur Vorbereitung ihrer Examen oder für ihre Recherchen im Rahmen von Abschlussarbeiten Erwerbsstudien zum Deutschen als Zweitsprache finden können. Beide Anliegen haben wir versucht, in diesem Buch abzudecken: Den Überblick und vertiefte Einblicke in unterschiedliche Felder der Erwerbsforschung. Von Vorteil war hier, dass wir beide unterschiedliche Forschungsschwerpunkte haben und mit unterschiedlichen Methoden in unseren Projekten arbeiten.

    Das Buch richtet sich im Wesentlichen an Studierende?

    Bereits jetzt setzen wir das Buch selbst in unseren Lehrveranstaltungen ein, wichtig war uns aber von Beginn an, dass das Buch auch von Praktikern genutzt wird, insbesondere Lehrkräfte sowie Aus- und Fortbildende – eben alle, die sich detaillierte Einblicke in den Erwerb des Deutschen im Kontext von Mehrsprachigkeit wünschen, um sich für ihr sprachdiagnostisches und sprachdidaktisches Handeln ein vertieftes Hintergrundwissen anzueignen und um konkrete Anregungen zu erhalten.

    Gibt es denn in naher Zukunft Fort- oder Weiterbildungsangebote für Lehrkräfte, die im Bereich der Sprachvermittlung und der Sprachförderung von Deutsch im Kontext von Mehrsprachigkeit tätig sind?

    Ja, im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft (DGFS, https://dgfs.de). Den Auftakt bildet immer ein Lehrerinformationstag mit zahlreichen Fortbildungsangeboten für Lehrkräfte. Der Lehrerinformationstag der DGFS fungiert als Brückenbauer zwischen Sprachwissenschaft und pädagogischer Anwendung. Im Fokus des Lehrerinformationstages auf der Jahrestagung 2022 stehen Performative Zugänge zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und Sprachbildung im Fach. Auf Empfehlung des Regierungspräsidiums und auf Wunsch vieler Lehrkräfte, die pandemiebedingt im Februar keine Kapazitäten für eine Fortbildung haben, wurde der Lehrerinformationstag auf den Juni verschoben. Es werden am Nachmittag und Abend des 24.6.22 insgesamt acht praxisorientierte Workshops angeboten sowie ein Plenarvortrag. Interessierte Lehrkräfte können sich über die E-Mail-Adresse des Tübinger Mehrsprachigkeitszentrums (mehrsprachigkeit@ds.uni-tuebingen.de) unverbindlich melden. Sie erhalten dann weitere Detailinformationen.

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  8. Storytelling: "Menschen denken in Geschichten"


    Sie sagten einmal „Menschen denken in Geschichten, nicht in Fakten." Wie erzählt man eigentlich eine Geschichte?

    Weil die Frage ja so komplex ist, habe ich extra mein Buch geschrieben. Das wage ich kaum in einem kurzen Blogbeitrag zu beantworten.

    Sie sind Drehbuchautor u.a. von Serien wie der „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, oder „In aller Freundschaft“. Aktuell planen Sie auf der Grundlage Ihres Buches ein Forschungsprojekt über African Storytelling. Was genau hat es damit auf sich?

    Das Buch hat einen offenen Ansatz, der im Gegensatz zu vielen anderen Lehrbüchern aus dem Bereich nicht dominant auf ein Medium wie Film oder Literatur konzentriert ist, oder nur mit Beispielen aus der westlichen Erzähltradition arbeitet, sondern möglichst viele Perspektiven berücksichtigt. Dadurch ist das Buch auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen interessant. So wird zum Beispiel gerade an einer arabischen Übersetzung gearbeitet. Mit der nigerianischen Filmwissenschaftlerin Dr. Ezinne Ezepue arbeite ich auf Grundlage des Buches nun an der Frage, was ein afrikanischer Blick auf Storytelling wäre, der sich möglicherweise von gewohnten Ansätzen wie z.B. dem Hollywood Erzählkino unterscheidet. Wir freuen uns, dass das Projekt von der Humboldt-Stiftung gefördert wird. Und vielleicht erscheint ja in zwei Jahren das Buch über African Storytelling auch bei UTB.

    Sie unterrichten an der Internationalen Filmschule Köln den Masterstudiengang „Serial Storytelling“. Wie kein anderes Medium vermag die Serie Einfluss auf ganze Generationen zu nehmen. Woran liegt das?

    Erzählungen können als eine besonders wirkungsvolle Technik betrachtet werden, mit der Menschen Informationen kommunizieren. Geschichten transportieren dabei vielmehr als nur Fakten. In der Art und Weise, wie Storyteller Figuren, ein Setting oder Wendungen konstruieren und Emotionen kontextualisieren, machen sie klar, wie sie die Realität und ihre Umwelt sehen. Dabei erleben die Rezipierenden die Geschichten durch die Emotionalisierung der Erzählung und die empathische Spiegelung im wahrsten Sinne des Wortes mit. Neurobiologische Untersuchungen belegen, dass bei der Rezeption von erzählten Erlebnissen bei Erzählenden und Rezipierenden die gleichen Hirnareale stimuliert werden. Diese Areale sind wiederum die gleichen, die auch beim realen Erleben der entsprechenden Handlungen und Ereignisse aktiv sind.

    Serielle Erzählungen sind aus meiner Sicht deshalb so wirkungsvoll, weil die Rezipierenden die erzählte Welt immer wieder besuchen können, sich mit den Figuren emotional verbinden und eine tiefe, intensive Beziehung mit den Charakteren eingehen können. Durch ihre Länge können serielle Erzählungen sehr viel mehr Perspektiven berücksichtigen – ein extrem wichtiger Faktor in einer Zeit, in der wir diskutieren, wie wir marginalisierte Stimmen sowie Minderheiten besser repräsentieren können, in Erzählungen wie in der Realität.  Dies sind nur einige der Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass Geschichten so eine nachhaltige Kommunikationsform sind und deshalb in so starkem Maß den öffentlichen Diskurs beeinflussen – oftmals mehr als eine objektivierte, faktenbasierte Kommunikation das tun würde. Dafür gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Belegen.

    Was ist für Sie ein besonders gelungenes Beispiel für ein gutes „Storytelling“?

    Die Storyworlds von Disney, die seit fast 100 Jahren Menschen begeistern. Märchen, die seit Jahrhunderten erzählt werden. Die Odyssee und die Ilias, die auch nach 3000 Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Das Marvel Cinematic Universe, das transkulturell ein Milliardenpublikum fesselt.

    Auf welche Weise kann man Stories in PR, Politik oder Wissenschaftskommunikation einsetzen?

    Auf verschiedenste Weise, so wie es ganz viele Agenturen, Politiker und Marketingfachleute tun. Meine Frage wäre vor allem: Wie sollte man sie nicht einsetzen? Aus meiner Sicht sollte man keine Geschichten erzählen, die Menschen manipulieren, verführen oder belügen. Menschen glauben. Geschichten eher als Fakten, deshalb hat man als Geschichtenerzähler auch immer eine große Verantwortung.

    Warum braucht es noch ein englisches Buch zu Storytelling? Gibt es da nicht genügend aus dem amerikanischen Raum?

    In dem Buch werden das erste Mal verschiedene dramaturgische Theorien, akademische Ansätze, aktuelle Forschungsliteratur und praktische Erfahrung miteinander verbunden. Dieser Ansatz fehlt bislang noch im englischsprachigen Raum. Zudem hat das Buch durch seinen modularen Aufbau einen sehr offenen Ansatz und ist weniger direktiv als die amerikanischen Dramaturgie-Ratgeber, die sehr apodiktisch den Ansatz des Hollywood-Erzählkinos verfolgen. Da ist wenig Platz für neue erzählerische Phänomene wie Games oder andere Erzähltraditionen aus Asien oder Afrika. Gerade wenn wir über eine neue Diversität im Erzählen sprechen, müssen wir uns dem Thema Dramaturgie mit einer Offenheit nähren, die auch Platz für andere Stimmen bietet. Was manche Leser kritisieren ist, dass mein Buch keine Bauanleitung für Geschichten liefert, sondern nur die Werkzeuge und Elemente zeigt, mit denen man eine gelungene Geschichten erzählen kann. Den kreativen Prozess ersetzt das natürlich nicht. Will es auch nicht – der soll den Leser*innen überlassen werden, die ihre eigenen Geschichten kreieren wollen. Mein Buch ist nur eine Hilfestellung und ein Werkzeugkasten.  

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  9. Veränderungsprozesse: Auf die Werte kommt es an


    "Das Leben gehört den Lebendigen an, und wer lebt, muss auf Wechsel gefasst sein" oder "Nichts ist so beständig wie der Wandel!" Wir kennen sie alle, die schönen Zitate zur Veränderung, der wir uns immer wieder aufs Neue stellen sollen. Aber wie funktioniert das eigentlich mit der Veränderung – privat und im Arbeitsalltag? Unser Autor Michael Mayer stellt in seinem neuen Buch "Die Business-Toolbox" genau die Werkzeuge und Tools vor, um diesen Veränderungsprozess positiv zu gestalten. Ein wenig verrät er uns schon hier im Interview:

    Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Veränderungsarbeit mit Menschen einfach und wirkungsvoll gestaltet werden kann. Kann Veränderungsarbeit wirklich ein einfacher Prozess sein?

    Immer wieder stoße ich in meiner Praxis auf die Annahme von Führungskräften und Mitarbeitern, dass Veränderung schwierig und langwierig sei. Allein diese Annahme hat die Wirkung einer „self fulfilling prophecy“ und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass anstehende Veränderungen tatsächlich schwieriger als notwendig werden können. Andererseits hat uns z.B. „Corona“ gezeigt, wie schnell Veränderung gehen kann. Alle Mitarbeiter mussten sich in kurzer Zeit an die veränderte Situation anpassen, mehr Verantwortung übernehmen, flexibler werden, selbstständiger Arbeiten, neue Techniken nutzen, die Zusammenarbeit neu organisieren unabhängig von Geschlecht, Alter und Position. Die Frage die dahinter steht ist, ob das wirklich nur in Notsituationen funktioniert oder auch in anderen Kontexten möglich ist? Viele Menschen erzählen mir rückblickend mit Stolz, wie sie diese Situation in kurzer Zeit eigenständig gemeistert haben. Sie haben ihr Tun als extrem sinnvollen Beitrag zum Unternehmenserhalt erlebt.

    Was können wir uns unter dem von Ihnen entwickelten Dilligentia-Wertemodell © vorstellen?

    Das Dilligentia-Wertemodell© ist eine einfache Struktur für nachhaltige und erfolgreiche Veränderung. Es ermöglicht Unternehmen, Teams und Menschen ihr bewusstes und unbewusstes Verhalten in eine gewollte Richtung zu entwickeln, in dem sie sich ihres Sinns, ihrer langfristigen Ziele, ihrer Werte bewusst werden und ihr zukünftiges Verhalten danach ausrichten. Sinnvolle Dinge zu tun, ist das was uns am meisten motiviert. Langfristige, sinnorientierte Ziele geben uns in diesen unsicheren Zeiten Orientierung und die richtigen Werte unterstützen uns bei deren Umsetzung. Viele, mit denen ich spreche, behaupten: „Haben wir auch, steht in unserem Leitbild“. Dann frage ich tiefer: „ Kennen Sie die Werte des Leitbildes, wird es auch im Alltag gelebt?“ Dann geraten die Befragten ins Stocken, müssen überlegen was im Leitbild steht und gestehen ein, dass das Leitbild in ihrem Alltag kaum eine Rolle spielt. Zu komplex, nicht wichtig genug, keine Zeit, zu unkonkret, zu viel blabla, keine Nachhaltigkeit, kein Mehrwert für Mitarbeiter, wird von den Führungskräften nicht vorgelebt ... die Gründe für das Scheitern vieler Leitbilder sind vielfältig und omnipräsent. Das Dilligentia Wertemodell © legt deshalb den Schwerpunkt auf Eigenentwicklung, Einfachheit, Wirksamkeit, persönliche Verantwortung und vor allem praktische Anwendung im Alltag. Es erzeugt das, was in der heutigen Zeit von vielen vermisst wird – einen stabilen Kern in unsicheren Zeiten.

    Sie helfen Unternehmen, die limitierenden Faktoren zu beseitigen, die Performance, Wachstum und Erfolg behindern. Was ist aus Ihrer Erfahrung der häufigste Faktor, der im Veränderungsprozess limitierend wirkt?

    Die Werte (Erfahrungen), die wir im Laufe unseres Lebens entwickelt haben, lenken unser bewusstes und unbewusstes Verhalten. Sie entscheiden darüber was uns wichtig bzw. unwichtig ist. Sind diese Werte zu unterschiedlich, resultieren daraus unterschiedliche Verhaltensweisen, Auffassungen, Prioritäten und Wahrheiten. Das ist die eigentliche Ursache für Differenzen, Konflikte, gestörte Kommunikation, suboptimale Zusammenarbeit, ineffizientes Arbeiten ... Das ist die eigentliche Ursache warum Digitalisierung, Changeprojekte und Agilität in der Praxis scheitern bzw. suboptimale Ergebnisse liefern. Peter Drucker, einer der Pioniere der modernen Managementlehre sagte einmal: „In Übereinstimmung zu bringen. was wir über unsere Wertevorstellungen sagen und wie wir Sie leben, kann ungeahnte Kräfte freisetzen.“

    Agilität versus Planerfüllung: Welche Tipps geben Sie Führungskräften, die in dem oft belastenden Dilemma stecken, auf der einen Seite flexibleres Arbeiten anzustreben und auf der anderen Seite Druck in Bezug auf die Zielerreichung machen zu müssen?

    Ich kenne dieses Dilemma aus eigener Erfahrung sehr gut. Druck in Bezug auf die Zielerreichung auszuüben, kann kurzfristig mal wirksam sein – langfristig ist es destruktiv und mit erheblichen Nebenwirkungen verbunden. Meine Empfehlung: Verändern Sie den Fokus. Höhere Ziele sind nur erreichbar, wenn Sie und die Mitarbeiter ihr bisheriges Verhalten ändern – sonst würde ja alles beim Alten bleiben. Werden Sie vom Ziele- zum Verhaltensmanager. Schaffen Sie einen Raum, in dem sich die Mitarbeiter so entwickeln können, dass sowohl der Mitarbeiter als auch das Unternehmen davon profitieren. Der Grad der Zielerreichung ist nur ein Spiegel, wie gut Sie Ihr eigenes Verhalten (Vorbildfunktion) und das der Mitarbeiter „gemanaged“ haben.

    Gibt es ein Tool aus Ihrer „Schatzkiste“, das Sie persönlich am meisten schätzen?

    In meinen Workshops, Trainings und Coachings erlebe ich aktuell wie die Belastung der Menschen aus unterschiedlichen Gründen exponentiell ansteigt. Deshalb würde ich, wenn Sie gestatten, gerne zwei „Tools“ vorstellen. Ich persönlich mache jeden Morgen eine kurze Meditation/Atemübung. Sie hilft mir, in meine Mitte zu kommen, eine gute Gedankenqualität zu haben und mit Achtsamkeit und Energie in den Tag zu starten. Diese Regelmäßigkeit hat einen positiven Nebeneffekt: Mein Körper verbindet die gedankliche Konzentration auf den Atem mit den zuvor beschriebenen Effekten. Oft reicht untertags allein der Gedanke an eine bewusste Atmung schon aus, um wieder mehr in meine Mitte zu kommen. Das zweite Tool wird quasi im Gehen erledigt. Ich lenke in einem ersten Schritt meine Achtsamkeit darauf wie ich gehe. Wenn ich dann den linken Fuß aufsetze sage ich zu mir: „Ja zum Leben“. Wenn ich den rechten Fuß aufsetze sage ich zu mir: „Danke fürs Leben“. Das mache ich dann eine Weile, während des Gehens, beim Warten an der Supermarktkasse oder auf dem Weg von einem Meeting zum nächsten. Dadurch relativieren sich für mich viele Probleme und ich bin dankbar für die vielen kleinen positiven Dinge, die mir im Alltag begegnen. Probieren Sie es einfach einmal aus und beobachten was passiert. Beide Beispiele zeigen, dass Veränderung einfach und wirksam sein kann, wenn Sie es wirklich wollen.

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  10. Brandschutz \ 4 Fragen an Prof. Hans-Joachim Gressmann


    Sie schreiben, dass die von der Brandschutzbehörde geforderten anlagentechnischen Brandschutzmaßnahmen oft als lästige Pflichtübung zur Erlangung der Baugenehmigung verstanden werden. Warum sind die brandschutztechnischen Forderungen oft so ungeliebt?

    Dies liegt m. E. daran, dass Architekten und Bauingenieure oft zunächst ausschließlich ihre Hauptaufgaben, den Entwurf und die Realisierung von Bauwerken nach den Vorstellungen der Bauherren, im Blick haben. Brandschutzfachleute betrachten die beabsichtigte Nutzung und die gestalterische Umsetzung eines Bauwerkes dagegen vornehmlich unter Risikogesichtspunkten. Die erwarteten Risiken gilt es so weit zu minimieren, dass ein aus brandschutztechnischer Sicht angemessenes Sicherheitsniveau erreicht wird. Leider führt dies dann häufig zu Konflikten: Der Architekt möchte unbedingt seinen Entwurf, dem der Bauherr schon zugestimmt hat, ohne Modifikationen realisieren, der Bauingenieur soll die Kosten so gering wie möglich halten. Letztendlich werden dann wegen des bereits fortgeschrittenen Entwurfsstadiums nicht selten Kompromisse erforderlich, die den Entwurfsverfassern nicht behagen oder die die Kosten – wie man meint unnötig – in die Höhe treiben, ohne die jedoch die Baugenehmigung nicht erlangt werden kann.

    Dieses Dilemma ist jedoch nicht zwangsläufig. Wenn frühzeitig Brandschutzfachleute in den Planungsprozess eingebunden werden, können diese oftmals Wege aufzeigen, die zu einer für alle Beteiligten guten Lösung führen, die Kosten in vertretbarem Rahmen halten und den Genehmigungsprozess zeitlich erheblich straffen. Der Schlüssel ist hier die frühzeitige Einbindung. Diese sollte bei anspruchsvollen Gebäuden möglichst schon dann erfolgen, wenn sich der gestalterische Entwurf verfestigt und bevor der Kostenrahmen für das Bauwerk definiert wird.

    Sie haben die Neuauflage aufgrund der Fortentwicklung der zu Grunde liegenden technischen Regeln überarbeitet und ergänzt. Auf welche technischen Neuerungen gehen Sie besonders ein? Gibt es innovative Brandschutzlösungen?

    Von großer Bedeutung für die Sicherheit der Nutzer von so genannten „kleinen Sonderbauten“ – hierzu gehören z. B. Kindertagesstätten, Wohnheime, Seniorenheime und kleine Hotels – ist eine nunmehr vorliegende technische Regelung für Brandwarnanlagen. Dadurch wird die seit langem bestehende Auffassung der Brandschutzdienststellen bestätigt, dass auch für diese baulichen Anlagen, für die das Baurecht nicht explizit eine Brandmeldeanlage fordert, auf Grund der erhöhten Risiken durch die Nutzer – Kinder, Geflüchtete, alte und/oder behinderte Menschen, etc. – das Sicherheitsniveau erhöht werden muss. Die derzeit noch als Vornorm vorliegende Regel der Technik schreibt einerseits die Verwendung der gleichen bewährten technischen Komponenten vor, wie bei vollwertigen Brandmeldeanlagen, erlaubt gegen über diesen jedoch etliche Erleichterungen, da Brandwarnanlagen in erster Linie für die Warnung der Nutzer und nicht für den Sachschutz ausgelegt sind.

    Sehr interessant ist die Weiterentwicklung ehemals rein mechanisch gesteuerter – und damit nicht immer zielgerichtet arbeitender – Wasser- und/oder Schaummonitoren zu intelligenten automatischen Monitorlöschanlagen. Diese werten die Daten von Video- oder Infrarotkameras aus und steuern über rechnergestützte Algorithmen die hinsichtlich Strahlform und Volumenstrom optimierten Löschmittelstrahlen zielgenau auf die Brandherde.

    Eine weitere wichtige Neuerung im Vorschriftenwerk stellen die neuen Regelungen zu Rauchschutz-Druckanlagen – RDA – dar. Sie straffen und vereinheitlichen die bisherigen technischen Vorgaben, senken allerdings auch bestimmte technische Anforderungen etwas ab.

    Was ist nach Ihrer Erfahrung als ehemaliger Leiter einer Feuerwehr die häufigste Ursache von Bränden in Industrieunternehmen?

    In Industrie- und Gewerbebetrieben sind technische Fehlfunktionen meines Wissens die häufigste Brandursache, gefolgt von menschlichem Fehlverhalten. Elektrische Einrichtungen und Geräte – seien es einfache IT-Drucker, Industriewaschmaschinen, Beschichtungsanlagen, Elektroverteilungen oder hochkomplexe Lagereinrichtungen – machen hiervon wiederum den Großteil aus. Auch Fehlfunktionen von Produktionseinrichtungen, die offenes Feuer oder heiße Oberflächen nutzen – hierzu gehören u. A. Anlagen, die Kunststoffe durch Aufschmelzen verarbeiten – sind hier zu nennen.

    Kann ich einen kleinen Brand selbst löschen? Welche Mittel stehen mir hier zur Verfügung und welche sollte ich tunlichst meiden?

    Grundsätzlich kann jedermann Entstehungsbrände löschen, solange deren Umfang dies ohne Selbstgefährdung ermöglicht. Dies gilt sogar dann, wenn keine Löschgeräte im engeren Sinne – also z. B. Feuerlöscher – vorhanden sind. So kann brennendes Fett in einem Topf häufig einfach durch Auflegen des Deckels gelöscht werden; die Anwendung von Wasser ist hier wegen der Gefahr einer Fettexplosion zu vermeiden. Der Entstehungsbrand eines Adventsgestecks ist durch ein darübergelegtes feuchtes Handtuch oder eine Decke aus Wolle beherrschbar. Brennende Elektrogeräte, wie z. B. eine Kaffeemaschine, ein Bügeleisen oder ein Fernsehgerät, müssen vor Löschversuchen immer durch Auslösen des Fehlerschutzschalters oder der Sicherung vom Netz getrennt werden.

    Laien sollten von Löschversuchen dann absehen, wenn der Umfang eines Brandes größer wird, als etwa eine große Aktentasche oder ein kleiner Koffer. Vor Löschversuchen ist stets abzuwägen, ob die Feuerwehr zusätzlich parallel oder vorher gerufen werden sollte. Wir Brandschutzfachleute empfehlen, die Feuerwehr immer zu alarmieren.

    Gut geeignet zur Bekämpfung von Entstehungsbränden sind CE-zertifizierte Feuerlöscher; für den Haushalts- und Bürobereich empfiehlt sich ein universell einsetzbarer ABC-Pulverlöscher. Sehr hilfreich können auch Löschspraydosen sein, die auch von ungeübten Personen ohne zusätzliche Einweisung genutzt werden können.

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