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  1. Autorin erhält Tiburtius-Preis 2022


    Herzlichen Glückwunsch!

    Wir gratulieren unserer Autorin Marion Acker! Sie erhielt für ihre Dissertation "Schreiben im Widerspruch" bei der Vergabe des „Tiburtius-Preises 2022 – Preis der Berliner Hochschulen“ einen der drei Anerkennungspreise!

    Ihre Studie fragt nach der Bedeutung des Sprechens und Schreibens für die Mitteilung und den Vollzug von Gefühlen der Zugehörigkeit. In Auseinandersetzung mit dem Werk zweier literarischer Gegenwartsautorinnen, Herta Müller und Ilma Rakusa, entwickelt sie das affektpoetologische Programm eines Schreibens im Wi(e)derspruch, das literaturwissenschaftliche Verfahren erstmalig mit Ansätzen der sozialwissenschaftlich grundierten Zugehörigkeitsforschung verbindet und sich an ein interdisziplinär aufgeschlossenes Lesepublikum richtet.

    Die Autorin

    Marion Acker lehrt und forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Deutsche und Niederländische Philologie der Freien Universität Berlin.

    Der Preis

    Der Preis ist benannt nach dem Professor Joachim Tiburtius, der von 1951 bis 1963 Senator für Volksbildung in Berlin war. Die Landeskonferenz der Rektoren und Präsidenten der Berliner Hochschulen (LKRP) verleiht jährlich 3 Preise sowie zusätzlich 3 Anerkennungspreise an Doktorand*innen der Berliner Hochschulen für hervorragende Dissertationen und 3 Preise an Absolvent*innen der Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften für hervorragende Masterarbeiten.

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  2. Wenn Bilder zu Wörtern werden – Interview mit Dr. Laura Drepper


    Im neuen Band „Ebenen des Narrativen in Bildimpulsen und Erzähltexten“ werden Wirkungspotentiale von Bildern empirisch untersucht. Es zeigt sich, dass die Bildgestaltung Einfluss auf den narrativen Sprachgebrauch nimmt und bei visuellen Erzählimpulsen berücksichtigt werden sollte. Dr. Laura Drepper von der Universität Paderborn über ihre Ergebnisse:

    Welche Arten von Bildergeschichten haben Sie untersucht?

    In meiner Arbeit habe ich mich mit gezeichneten Bildern beschäftigt, die eine Geschichte erzählen. Im Vordergrund stehen zwei Bildergeschichten: Eine selbstgezeichnete Bildergeschichte, die sich an typischen Bildergeschichten aus Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien anlehnt, und eine Bildergeschichte aus Ausschnitten des textlosen Bilderbuchs „Die Torte ist weg!“ des niederländischen Illustrators Thé Tjong-Khing. Am Ende der Arbeit werden Bilderbücher vorgestellt, die für unterschiedliche Gestaltungsmöglichkeiten von Bildern stehen, z.B. das Bilderbuch „Die Fundsache“ von Shaun Tan. Dieses Bilderbuch zeichnet sich dadurch aus, dass sehr wenige Merkmale enthalten sind, die auf realistische Konzeptionen und Strukturen unserer Lebenswelt zurückzuführen sind.

    Was sind Ihre zentralen Erkenntnisse? Wie müssen Bilder gestaltet sein, damit sie höheren Erzählanreiz haben?

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    Der Vergleich der Erzählungen zu einer selbstgezeichneten Bildergeschichte – angelehnt an Bildergeschichten aus Schulmaterialien – und der Bildergeschichte aus dem textlosen Bilderbuch „Die Torte ist weg!“ zeigt, dass ein Kind eine bessere Erzählung ausgehend von Bildern aus „Die Torte ist weg!“ verfasst: Die Erzählungen weisen mehr grammatische Narrationsmarker (z.B. Präteritum) auf, eine umfassende Darstellung der fiktiven Erzählwelt (z.B. durch die Einführung von Figuren, Raum und Zeit), eine stärkere narrative Struktur durch den Aufbau von Orientierung, Komplikation und Auflösung sowie einen häufigeren Gebrauch von poetisch-evozierenden Sprachgebrauchsmustern (z.B. die Verwendung von literarischen Sprachformen wie Eines schönen Sommermorgens ergab es sich, dass…). Die beiden Bildergeschichten unterscheiden sich in ihrer Gestaltung: Die selbstgezeichnete Bildergeschichte hat einen stärkeren Bezug zur alltäglichen Lebenswelt (z.B. Geburtstag feiern), die Bildergeschichte zu „Die Torte ist weg!“ ist stärker phantastisch gestaltet und ästhetisch ansprechender. In sprachlich-narrativen Lernprozessen sollten daher phantastisch gestaltete und ästhetisch anspruchsvolle Bilder eingesetzt werden, da sie für Kinder einen höheren Erzählanreiz haben. Um Bilder auf ihr Potential als Erzählanlass zu analysieren, kann das abgeleitete Gestaltungskontinuum genutzt werden: Bilder mit einer starken Ausprägung der visuellen Narration und einer magischen Gestaltung der Handlungen, Figuren und Räume bieten für Kinder einen hohen Erzählanreiz.

    Sie sprechen von einem „Gestaltungskontinuum“, das Sie festgestellt haben. Worin besteht das?

    Das Gestaltungskontinuum für narratoästhetische Bilder erfasst vier Kategorien der Bildgestaltung: Die Ausprägung der visuellen Narration, die Handlungsdarstellung, die Figurendarstellung und die Raumdarstellung. Die visuelle Narration differenziert zwischen einer starken und schwachen Ausprägung für die Gestaltung der visuellen Erzählinstanz, der Verwendung von bildkompositorischen Narrationsmarkern und der Verwendung von bildinhaltlichen Narrationsmarkern. Mit der visuellen Erzählinstanz werden Merkmale wie die Einstellung oder Perspektive auf das Bild erfasst. Bildkompositorische Narrationsmarker beinhalten z.B. die Darstellung von Bewegungsabläufen durch eine schräge oder gerade Haltung der Figuren. Und mit bildinhaltlichen Narrationsmarkern werden beispielsweise visuelle Leitmotive, die als roter Faden immer wieder in der Geschichte auftauchen, bestimmt.

    Das Kontinuum zur Darstellung der Handlung, der Figuren und des Raums erstreckt sich von einer lebensweltlichen zu einer phantastischen Gestaltung und wird durch drei bzw. vier Abstufungen ausdifferenziert. Alle drei Darstellungsformen (Handlung, Figuren, Raum) können entweder literarisiert, fingiert oder magisch sein: Literarisierte Darstellungen repräsentieren etwas real Geschehenes, wie z.B. die Erfindung der Glühbirne durch Edison oder die bildliche Darstellung einer Figur als Einstein. Fingierte Darstellungen erfüllen die Konzeptionen der Realität, verweisen aber nicht auf etwas explizit Stattgefundenes. Als fingierte Handlung könnte z.B. der Diebstahl einer Torte auf einer Geburtstagsfeier visualisiert werden. Eine magische Darstellung greift auf phantastische Konzeptionen zurück, z.B. das Fliegen auf einem Teppich oder ein Dorf aus fliegenden Schiffen. Zusätzlich zu den drei Darstellungsformen können personifizierte Figuren, wenn Tiere oder Gegenstände vermenschlicht werden, sowie minimalistische Räume angeführt werden. Von einem minimalistischen Raum kann gesprochen werden, wenn nur durch wenige Elemente, wie einzelne Gräser oder einen einzelnen Baum, das räumliche Umfeld angedeutet, aber nicht vollständig skizziert wird. Für die verschiedenen Abstufungen werden anhand aktueller Bilderbücher prototypische Beispiele gegeben, die als Orientierung für die Analyse von Bildern dienen sollen.

    Wenn Sie eine Checkliste für Lehrende für die Praxis aus den Erkenntnissen der Studie zusammenstellen würden: Welche Punkte würden Sie darin aufnehmen?

    •         Die Gestaltung der Bilder nimmt Einfluss auf die Erzählfähigkeiten der Kinder.

    •         Bilder sollten bewusst ausgewählt werden, wenn sie als visuelle Erzählanlässe fungieren.

    •         Nicht alle Bilder stellen einen geeigneten visuellen Erzählanlass dar.

    •         Bilder in sprachlich-narrativen Lernprozessen sollten phantastisch gestaltet und ästhetisch anspruchsvoll sein.

    •         Bilder aus (textlosen) Bilderbüchern können sich sehr gut als Erzählanlass in sprachlich-narrativen Lernprozessen eignen. 

    •         Das Angebot von Bildergeschichten über szenische Bilder zu einzelnen Bildimpulsen bietet die Möglichkeit zur Differenzierung.

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  3. Angewandte Ethik: 3 Fragen an Prof. Dagmar Fenner


    Was genau haben wir unter „Angewandter Ethik“ zu verstehen?

    Angewandte Ethik ist eine noch junge, sich seit den 1960er Jahren entwickelnde wissenschaftliche Disziplin, die allgemeine ethische Prinzipien oder Beurteilungskriterien auf spezifische menschliche Handlungsbereiche anzuwenden versucht. Sie umfasst entsprechend viele sogenannte Bereichsethiken wie z.B. die Medizin-, Natur-, Medien- oder Wirtschaftsethik, die sich mit den moralischen Konflikten in den jeweiligen Praxisfeldern beschäftigen. Viele dieser Probleme etwa im Gesundheitsbereich oder im Umgang mit der Natur verschärften sich durch die enormen wissenschaftlich-technischen Entwicklungen im 20. Jahrhundert. Ziel der Angewandten Ethik ist es, mit der kritischen Prüfung von Positionen und Argumenten zur Entscheidungsfindung in aktuellen gesellschaftlichen Fragen beizutragen. 

    Was sind für Sie aktuelle ethische Fragen?

    Ganz dringliche Fragen stellen sich zurzeit zweifellos im Bereich der Natur- oder Umweltethik: Die Schulstreiks der internationalen Bewegung „Fridays for Future“ haben weltweit das Bewusstsein für die verheerenden Folgen des Klimawandels wie extreme Wetterlagen, Anstieg des Wasserspiegels und Landverlusten geschärft. Großen Aufschwung hat auch die Tierethik erlebt, in der es neben klassischen Problemen der Tierversuche und Massentierhaltung gerade vermehrt um die Frage geht, ob heute überhaupt noch Fleisch gegessen werden darf. Für den Verzicht oder doch die Reduktion des Fleischkonsums sprechen starke Argumente wie etwa ökologische Argumente, die auf negative Folgen der Tierhaltung wie hohe Treibhausgasemissionen, Wasserverunreinigungen oder Abholzungen von Wäldern für den Anbau von Tierfutter hinweisen. Neben vielen anderen fällt auch das Argument der Welternährung ins Gewicht, weil die Nahrungsgewinnung durch Mästen und Töten von Tieren höchst ineffizient ist im Vergleich zur vegetarischen bzw. veganen Ernährung.

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    In welchen weiteren gesellschaftlichen Konfliktfeldern kann die Angewandte Ethik helfen?

    Zum Beispiel bei der Versachlichung und Strukturierung der immer wieder aufflammenden emotionalen Debatten über Sterbehilfe in der Medizinethik. Oder auch bezüglich der zunehmenden Probleme mit der Informationsflut, mit Echokammer-Effekten, Fake-News, Hass und Hetze im Internet, die in der Medienethik behandelt werden. An Aufmerksamkeit gewinnt zudem die Roboterethik innerhalb der Technikethik, in der autonome Fahrzeuge oder auch Pflegeroboter auf dem Prüfstand stehen. Letztere versprechen dem akuten Pflegenotstand Abhilfe zu leisten, ohne aber menschliche Pflegekräfte ersetzen zu können. Angewandte Ethik nimmt jedoch niemandem die persönliche Entscheidungsfindung und Verantwortung ab. Vielmehr will sie mit einer systematischen und sorgfältigen Analyse der Standpunkte die ethische Urteilskraft der Menschen schärfen, damit sie eine eigene, gut begründete Stellungnahme entwickeln können.

    Autoreninformation:
    Prof. Dr. Dagmar Fenner ist Titularprofessorin für Philosophie am Departement Künste, Medien, Philosophie der Universität Basel und Lehrbeauftragte für Ethik an verschiedenen deutschen Universitäten und Hochschulen (Tübingen, Karlsruhe, Kassel u.a.). Sie ist Autorin zahlreicher philosophischer Bücher, die sich auch an ein größeres Publikum richten. Als UTB erschienen sind von ihr bereits „Selbstoptimierung und Enhancement. Ein ethischer Grundriss“ (2019) und „Ethik. Wie soll ich handeln?“ (Zweitauflage 2020).

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  4. Gütesiegel für unsere Volontariate

    Stolz präsentieren wir unser erneutes Gütesiegel der Jungen Verlags- und Medienmenschen e.V. für unsere Volontariate!

    Die Urkunden wurden im Rahmen der Frankfurter Buchmesse 2022 von Kathrin Windholz und Tobias Mohr (AG Nachwuchsrechte) an die ausgezeichneten Verlage übergeben.

    Tobias Mohr im Interview auf boersenblatt.net: „Wir gratulieren den diesjährigen Gütesiegel-Trägern. Natürlich freuen wir uns sehr darüber, dass wir die jeweiligen Gütesiegel für Carlsen und Narr Francke Attempto verlängern können und die beiden Häuser dazu beitragen, wichtige und oftmals fehlende Ausbildungsstandards dauerhaft zu festigen und zu etablieren."

    Das Gütesiegel ist ein tolles Qualitätsmerkmal für die Ausbildung von Volontär:innen in der Buchbranche und wir sind sehr stolz und glücklich, dass unser Gütesiegel bis 2025 verlängert wurde! 

    Der Junge Verlags- und Medienmenschen e. V. ist mit über 800 Mitgliedern in 12 Städtegruppen der größte Nachwuchsverein der Buch- und Medienbranche.

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  5. Erfolgreiche Teilnahme am KLIMAfit-Projekt

    Mit großer Freude und ein wenig Stolz präsentieren wir unsere Urkunde zur erfolgreichen Teilnahme am Projekt "KLIMAfit"!
     
    Im Rahmen des Pilotprojektes des Landes Baden-Württemberg wurde die Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG als eines von sieben Tübinger Unternehmen als "KLIMAfit Betrieb" ausgezeichnet
     
    (Bildquelle: Anne Faden)
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  6. Toxische Sprache und geistige Gewalt

    "Die Autorin betont die frühchristlichen Wurzeln des Antisemitismus und zeigt, wie ein sich seit 2000 Jahren nicht verändernder Kern antijüdischer Vorstellungen in immer neuen Formen Ausdruck findet."

    Quelle: Marc Neugröschel, Jungle World 29, 21. Juli 2022

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  7. Performative Zugänge zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ)

    "Mit dem vorliegenden Buch wird ein überaus sehr gelungenes Werk dargelegt, das die Grenzen von DaF und DaZ überwindet, indem es vorhandene Theorien und Modelle aus einem bestimmten Kontext auf neue Konzepte und Konstellationen überträgt, modifiziert und anpasst. (...) Das Projekt überzeugt (...) insbesondere durch konkrete Unterrichtsverlaufspläne."

    Quelle: Nimet Tan, daz-portal. Ausgabe 23/6, Juli 2022

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  8. "Judenfeindliche Sätze sind geistiges Gift!"


    Wie Stereotype in unserer Sprache seit zwei Jahrtausenden auch unsere Einstellungen zu Menschen prägen. Welche Folgen das hat. Und warum wir endlich etwas dagegen tun sollten. Interview mit der Antisemitismus- und Sprachforscherin Monika Schwarz-Friesel:

    Sie sprechen von einem Gift, das die Köpfe vernebelt und Hass sät ....

    MSF: Der Name dieses Giftes lautet Antisemitismus. Oder, noch klarer ausgedrückt: Es ist der Judenhass. Dieses Gift ist seit Jahrhunderten Bestandteil der westlichen DNA, des europäischen Kultur-Genoms. Es schleicht sich in vielen Fällen unbemerkt ein, vergiftet aber durch beständige Dosierung. Und durch den globalen digitalen Austausch weist seine massenhafte Ausbreitung ein noch nie gewesenes Ausmaß auf.

    Sie erkennen Antisemitismus in unsere Sprache als alltäglich. Welche Beispiele gibt es dafür?

    MSF: Es ist der Autofahrer, der einen Radfahrer in Berlin im Vorbeifahren als „Du Jude!“ beschimpft. Der Student, der auf die Frage nach dem Aussehen eines anderen Studierenden sagt „der mit der jüdischen Nase“. Die Dozentin, die vom „jüdischen Landraub in Palästina“ spricht. Die Fußballfans, die „Juden-Jena, Juden-Jena“ grölen. Die alte Dame, die vom „scheußlichen Judenzopf“ ihrer Enkeltochter berichtet, einer „hässlichen verfitzten Spliss-Frisur“. Es ist der Postbote, der vom „jüdischen Geld-Klein-Klein“ eines Kollegen berichtet, der Pfarrer, der von der mildtätigen verzeihenden Ethik des Christentums spricht und wie diese den „alttestamentarischen Rachegedanken ablöste“. Der Beispiele gibt es viele!

    Sie sagen, die toxische Struktur ist Teil der kulturellen Grundsubstanz unserer Gesellschaft, vor allem aber auch unseres kommunikativen Gedächtnisses. Woran machen Sie das fest?

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    MSF: Es waren Sprachstrukturen, die über die Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation das Bild „der Juden“ prägen. Ihre Macht und ihre Wirkung werden bis heute unterschätzt. Zudem gibt es zahlreiche süße Ummantelungen durch Begriffe wie „Meinungsfreiheit“, „Diskursvielfalt“ oder „Kritik“, die die toxische Semantik verschleiern. Das Phänomen abzutun mit „Es ist nur Sprache und keine reale Gewalt“ verkennt nicht nur die entscheidende Rolle der Sprache bei der Entstehung, Weitergabe, Verbreitung und Speicherung judenfeindlichen Gedankenguts, sondern auch ihr Vorbereitungspotenzial für non-verbale Gewalt. Gewalt entsteht immer im Kopf.

    Warum ist es so wichtig, dass man die Rolle der Sprache beim Antisemitismus in den Mittelpunkt der Aufklärung und Bekämpfung stellt?

    MSF: Wir müssen uns nicht nur wegen der Attentäter, Bombenleger, Synagogen-Attentäter, Denkmal- und Friedhofsschänder oder der Flaggenverbrenner sorgen, sondern auch wegen der Sprachtäter und geistigen Brandstifter. Sie sind es, die das Gift immer wieder von Neuem in die Welt tragen und es mit jeder judenfeindlichen Sprachhandlung konsolidieren und intensivieren.

    Wo sitzen Ihrer Erfahrung nach die Giftmischer? Ist das ein besonderes Merkmal für radikale Kreise?

    MSF: Es sind keineswegs nur die Ränder der Gesellschaft, die uns Sorgen bereiten müssen. Denn sie sind nicht der alleinige Nährboden für judenfeindliche Gedanken und Gefühle. Die Geschichte der Judenfeindschaft zeigt: Es waren und sind stets die Gebildeten aus der Mitte, die einflussreich als Vordenker und geistige Giftmischer agieren. Das antisemitische Ressentiment mit seinen Facetten der Abneigung und des Hasses wird weiter gegeben durch die Sprachgebrauchsmuster der Mitte. Diese trägt es in die sozialen Ecken, diese bestätigen die Radikalen, geben ihnen geistige Nahrung.

    Sie stellen fest, dass viele Produzenten judenfeindlicher Äußerungen sich nicht im Klaren darüber sind, dass sie antisemitische Gedanken artikulieren. Wie konnte Antisemitismus so tief in die Alltagssprache eindringen?

    MSF: Die toxische Bedeutung von Wörtern schleicht sich oft unbemerkt in unseren Geist ein, sie hinterlässt aber Spuren, löst Assoziationen aus, prägt zum Teil langfristig Einstellungen und Gefühle. Das geistige Gift des judenfeindlichen Ressentiments kam vor 2000 Jahren durch die Verdammungsrhetorik der frühen Kirchengelehrten in die Welt. Es breitete sich von dort aus, nahm zeitgemäße Elemente in seine Substanz auf und wurde über die Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil des Denk- und Lebensraumes.

    Was muss geschehen, damit die Kette des sprachlichen und kulturellen Antisemitismus endlich durchtrennt wird? Was sind Ihre Forderungen an unsere Gesellschaft?

    MSF: Sprache zu benutzen ist geistige Herrschaftshandlung. Entsprechend ist Sprachgebrauch Macht- und Gewaltausübung. Eine Sprache zu benutzen bedeutet, Geist in die Welt zu tragen. Dieser Geist, die Semantik von Wörtern, Sätzen und Texten, kann Welt abbilden oder Welt erschaffen, kann gravierende Auswirkungen auch für die physische Realität haben. Mit den Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke geben wir Impulse in die Köpfe unserer Mitmenschen. Diese können positiv oder negativ, freundlich oder feindselig sein. Judenfeindliche Äußerungen sind geistiges Gift. Wir tragen dafür die Verantwortung. Wir entscheiden. Wir wählen die Wörter aus.


    Die Autorin:
    Monika Schwarz-Friesel ist eine international führende Expertin auf dem Gebiet Antisemitismus und Sprache. Die Kognitionswissenschaftlerin ist Ordinaria und Fachgebietsleiterin am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin.

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  9. Performativität: Sprachen lernen mit dem ganzen Körper


    Unterricht körperlicher gestalten und erfahrungsbasiertes Lernen ermöglichen – Prof. Dr. Doreen Bryant und Prof. Dr. Alexandra L. Zepter, Autorinnen von "Performative Zugänge zu Deutsch als Zweitsprache (DaZ)", erklären im Interview, warum diese Aspekte des performativen Lernens auch oder gerade im Bereich des Erwerbs von Deutsch als Zweitsprache zunehmend in den Blick rücken:

    Warum sind performative Zugänge besonders geeignet für das sprachliche bzw. zweitsprachliche Lernen?

    Der größte Pluspunkt von performativen Zugängen ist, dass sie ─ durch den stärkeren Einbezug des eigenen Wahrnehmens, Fühlens und Handelns, durch die Betonung von kreativen und spielerischen Aspekten ─ oftmals mehr Schüler:innen ansprechen, motivieren und mitnehmen ─ auch solche, die sich in einem ‚klassischen‘ Sprachunterricht, in dem alle Schüler:innen auf ihren Plätzen sitzenbleiben, eher schwertun. Darunter sind viele Schüler:innen, die wir im Rahmen von Sprachfördermaßnahmen vielleicht gerade erreichen möchten. Außerdem eignen sich performative Zugänge auch deshalb besonders für heterogene Gruppen, weil ein eher ganzheitlich orientiertes und kreatives Arbeiten viele Möglichkeiten für Differenzierung bei gleichzeitig gemeinsamem inklusivem Lernen eröffnet.

    Sie beziehen sich in Ihrem Buch auf Embodiment-Theorien. Warum und wie stellen sie eine theoretische Grundlage für performative Zugänge zu sprachlichem Lernen dar?

    Sprache ist ja grundsätzlich ein großartiges Instrument. Wir können, wenn wir eine Sprache gut beherrschen, über alles Mögliche sprechen ─ über das, was wir in der Welt wahrnehmen, was wir erfahren haben, was wir uns vorstellen, was wir fühlen etc.

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    Nach dem so genannten Erfahrungsspurenansatz ─ ein Ansatz aus dem Spektrum der Embodiment-Theorien ─ sind die Prozesse, die kognitiv ablaufen, wenn wir etwas wahrnehmen, wenn wir uns bewegen und handeln, nicht kategorisch verschieden von den mentalen Prozessen, die involviert sind, wenn wir über Wahrnehmungen, Handlungen, Bewegungen etc. sprechen. Wenn wir z.B. ein Wort wie ‚Flugzeug‘ sprachlich verarbeiten, dann werden mental ‚Spuren‘ von zurückliegenden Erfahrungen aktiviert, in denen wir vielleicht ein Flugzeug am Himmel gesehen, nach oben gezeigt, es gehört haben und so weiter. Generell geht man in Embodiment-Theorien davon aus, dass der Körper und mit ihm Sinneswahrnehmung, Bewegung, Emotionen eine wesentliche Rolle bei der Entwicklung von Kognition und Sprache spielen.

    Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, auch beim Sprachunterricht mit Konzepten und Methoden zu arbeiten, die reale Wahrnehmungen, körperlich durchgeführte Handlungen, Bewegungen etc. beim Lernen stärker mit einbeziehen und derart quasi als Verstärkung wirken und den Zugang zum sprachlichen Lerngegenstand erleichtern ─ z.B. durch handlungsbegleitendes Sprechen, durch die Kombination von sprachlichem Lernen und Bewegung und/oder Rollenspiel.

    Ihr Buch trägt den Titelzusatz: „Ein Lehr- und Praxisbuch“. Wie gelingt Ihnen die Verknüpfung von Theorie und Praxis?

    Das Buch besteht aus zwei Teilen, die eng miteinander verlinkt sind. Im ersten Teil geben wir Einblicke in die theoretischen Grundlagen ─ kognitionstheoretisch, spracherwerbstheoretisch, sprachwissenschaftlich und sprachdidaktisch ─ und wir haken auch genauer nach, was unter dem Begriff der Performativität und des performativen Zugangs zu verstehen ist. Da es ein Lehrbuch ist und sich sowohl fürs Selbststudium als auch für die Seminar- und Workshop-Arbeit eignen soll, gibt es generell viele begleitende Aktivierungs- und Lernaufgaben. Der zweite Teil des Buchs schlägt dann die Brücke zur Praxis und wird hier sehr konkret. Wir stellen insgesamt 13 verschiedene performative Zugänge vor ─ wobei wir auf der einen Seite die klassischen sprachlichen Lernbereiche Mündlichkeit und Schriftlichkeit adressieren, auf der anderen Seite aber auch performativitätsbezogen verschiedene Schwerpunkte setzen: z.B. sprachliches Lernen mit Rhythmus und Musik, durch Bewegung, durch Handeln, mit Dramapädagogik/Theaterspiel.

    Und wie konkret sind die praktischen Anregungen im Teil II?

    Sehr konkret. In jedem Kapitel gibt es ein Unterrichtsbeispiel ─ in der E-Library dazu passendes Unterrichtsmaterial und einen digitalen Stundenverlauf. So sind die Unterrichtsentwürfe ohne viel Aufwand sofort einsetzbar. Wir haben bereits Rückmeldungen von einigen Lehrkräften erhalten, die die Beispiele umgesetzt und erprobt haben. Zu unserer Freude sind alle sehr begeistert. Auch hier haben wir das Feedback erhalten, dass sich durch die performativen Zugänge viele Schüler:innen persönlich angesprochen und auf ihren jeweils individuellen Sprachlernständen „abgeholt“ fühlen und dass der Unterricht „leichter“ wird, weil er mehr Freude macht.

    Enthält das Buch auch Anregungen für Schülerinnen und Schüler, die noch über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse verfügen?

    Ja, durchaus. Man denke zum Beispiel an die Schüler:innen aus der Ukraine. In Folge des Krieges sind ja seit Februar mehr als 90.000 Kinder und Jugendliche vom deutschen Schulsystem aufgenommen worden. Sie müssen nun sehr schnell die deutsche Sprache lernen, um auch am Fachunterricht teilnehmen zu können. Die performativen Zugänge des Buches nehmen sowohl alle schulischen Altersstufen von der (frühen) Grundschule über die Sekundarstufen bis hin zur Berufsschule in den Blick als auch alle Sprachniveaustufen. Ein Kapitel zum Spracheinstieg in der Grundschule nutzt z.B. Bilder, Bilderbücher und Emotionen als Erzählimpulse, ein anderes Kapitel setzt auf dramagrammatisches Arbeiten in Alphabetisierungskursen mit (jungen) Erwachsenen. Allgemein können die Vorschläge natürlich auch weitergedacht und für andere Gruppen adaptiert werden; auch dazu gibt es Anregungen.

    Sind die methodischen Vorschläge Ihres Buches ausschließlich auf den Sprachunterricht zugeschnitten?

    Keineswegs. Auch der sprachsensible, sprachbildende Fachunterricht kann von den methodischen Anregungen profitieren. Exemplarisch wird dies im Buch u.a. für die Kunst des Debattierens im Rahmen des Geographieunterrichts, für Rhythmicals im Musikunterricht und für den Einsatz verschiedener Inszenierungstechniken (auch) im Fachunterricht Deutsch aufgezeigt.   

    Gibt es weitere Aktivitäten, die in naher Zukunft zum Thema Performativität geplant sind?

    Ja, das Thema ist zu unserer großen Freude sehr angesagt und nachgefragt. Allein in den nächsten drei Monaten finden einige sprachdidaktisch bedeutsame Veranstaltungen statt, auf denen wir Inhalte des Buches präsentieren werden:

    Am 24. Juni 2022 tagt die Lehramtsinitiative der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaften (DGfS) an der Universität Tübingen zum Thema „Performative Zugänge zu DaZ und Sprachbildung im Fach“. Hier sind wir an drei Workshops beteiligt: 1) Performativ-ästhetische Dimensionen des generativen Schreibens; 2) Handlungsorientierter Sprach- und Schriftgebrauch (HOSS); und 3) Dramagrammatik: Einsatzmöglichkeiten und Variationen. Noch gibt es ein paar freie Plätze ─ bei Interesse kann man sich unter mehrsprachigkeit@ds.uni-tuebingen.de melden und über die gebührenfreie Fortbildung informieren lassen und für einzelne Workshops anmelden.

    Am 1./2. Juli 2022 sind wir dann an der Universität Leipzig und gestalten im Rahmen der Grammatikdidaktik-AG der deutschdidaktischen Gesellschaft Symposion Deutschdidaktik (SDD) einen Workshop zu performativen Konzepten grammatischen Lernens in der Zweitsprache.

    Und vom 15. bis 20. August 2022 findet in Wien die Internationale Tagung der Deutschlehrer:innen (IDT) statt, an der wir mit einem Vortrag zu sprachförderlichen Potenzialen von Inszenierungstechniken teilnehmen.

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  10. Streit um Wörter


    Immer wieder werden in Politik und Gesellschaft teils heftige Debatten um die richtigen Wörter geführt. Beispielsweise darüber, ob mit Lehrer auch Lehrerinnen gemeint sind oder ob Wörter wie Mohr und Zigeuner verboten werden müssen. Die dialogische Analyse ausgewählter Streitpunkte will weder harmonisieren noch dominieren, sondern wesentliche Argumentationslinien anschaulich und nachvollziehbar machen. Die Publikation hilft, Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen und eigenes und fremdes Sprachhandeln zu beurteilen, Ablehnungen oder Mitvollzug von Entwicklungen auf Sachkenntnis zu gründen. Unsere Autorin Dr. Christine Römer vom Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena im Gespräch über „Streit um Wörter“:

    Was hat Sie an diesem Thema vor allem interessiert?

    Der Streit um richtige, angemessene Benennungen wird sowohl in der Linguistik, Journalistik als auch der Öffentlichkeit erbittert geführt. Mein Interesse gilt dabei den Fragen, wie man den aktuellen Disput um die „richtigen Wörter“ entschärfen und in einen Dialog überführen kann; wie man kommunikative Kompetenz erreichen kann, die beinhaltet, dass Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen als notwendig zu betrachten sind. Andere Meinungen akzeptieren, schließt auch das Akzeptieren der Verwendung anderer Benennungen ein, natürlich nur, wenn sie nicht als Waffen, um sprachlich zu diskriminieren, verwendet werden.

    Sie nennen Beispiele für umstrittene Wörter: Können Sie uns am Beispiel von „Mohr“ oder „Zigeuner“ zeigen, wie man den Streit beilegen kann?

    M.E. kann man den Streit nicht beilegen, jedoch konstruktiv-kritische Sprachreflexionen initiieren. Dazu gehört, unterschiedliche Positionen anhören und mit linguistischen Methoden hinterfragen. Es gehört auch dazu, nach den Ursachen vertretener Positionen zu forschen und Auswirkungen verlangter Veränderungen aufzeigen. Bei dem Beispiel „Mohr“ hilft eine Analyse der Wortverwendung weiter.

    Das Wort „Mohr“ ist schon lange in der deutschen Sprache und bezeichnete bereits im Mittelalter Menschen mit dunkler Hautfarbe (´dunkelhäutiger Bewohner Mauretaniens´) und ist heute veraltet. Dass es wie „Neger“ eine rassistische und verletzende Stigmatisierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe vornehme, wie Aktivisten in Berlin als Begründung in einer Petition zur Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße darlegten, nehmen nicht alle an. Auch nicht alle nehmen eine Bedeutungsgleichheit von Neger und Mohr an. In der Thüringer Stadt Eisenberg findet alljährlich im Juni das „Eisenberger Mohrenfest“ statt (https://www.mohrenfest.de/), das sich auf eine Heimatsage um einen Mohr beruft, der auch Teil des Eisenberger Stadtwappens und historisch positiv konnotiert ist, weshalb der Bürgermeister, der Stadtrat und die Einwohnerschaft auch der Meinung sind, dass „Mohr“ eine positive Bedeutung habe. Auch die umstrittene Berliner Mohrenstraße hat die Benennung „Straße der/des Mohren“ nicht mit abwertender Absicht erhalten. Das statistisch erhobene Wortprofil von „der Mohr“ im Wörterbuch „Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute“ (DWDS)  (https://www.dwds.de/wb/Mohr#wp-1) zeigt, dass „Mohr“ heute nicht in abwertenden Kontexten verwendet wird. Am häufigsten wird es als Teil der Redensart „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ verwendet.

    Ein weiterer Streitpunkt in der gesellschaftlichen Debatte ist das Gendern. Was wäre aus Ihrer Sicht der Sprachwissenschaftlerin ein Mittel, dem Thema die Schärfe zu nehmen?

    Die Schärfe kann aus der Debatte genommen werden, wenn man auch als Linguistin die existierende Varianz akzeptiert, die besonders in der Alltagssprache existiert. Außerdem sollte abgewartet werden, wie sich die Sprache in Bezug auf die „Geschlechtergerechtigkeit“ weiterentwickelt.

    Wenn Sie den Überzeugungen der jeweiligen Kontrahenten auf den Grund gehen: Welcher Methode bedienen Sie sich dabei?

    Ich gehe dabei primär vom Kommunikationsmodell des Sprachpsychologen Schulz von Thun aus. Dieses Modell hebt hervor, dass Kommunikationen nicht nur sachliche Informationen sondern auch Einstellungen der Sprechenden übermitteln und durch die Beziehungsebene geprägt sind, dass Gefühle, Ängste und Emotionen mitkommuniziert werden. Hinzu kommt, dass mit dem Kommunikationsereignis bei den Angesprochenen etwas erreicht werden soll. Es gilt also zu erkunden, auf welcher Ebene argumentiert wird und wo es zur gestörten Kommunikation bzw. anderen Auffassungen kommt.

    So argumentieren Linguisten auf der Sachebene, wenn sie betonen, dass das „generische Maskulinum“ ein etablierter grammatischer Mechanismus in der deutschen Sprache sei: Eine Bezeichnung mit männlichem Geschlecht (Genus) bezieht sich in der Regel auf alle biologischen Geschlechter (Sexus). Man müsse auch dabei zwischen einer grammatischen und semantischen Kategorie unterscheiden. So bezeichnen Präsensformen auch zukünftige und vergangene Ereignisse oder Singularformen auch eine Mehrzahl („das Personal“). Diejenigen, die das generische Maskulinum ablehnen, argumentieren in der Regel nicht auf der Sachebene. Sie meinen beispielsweise, dass sie mit dem Maskulinum nur mitgemeint sind und äußern ihre Überzeugung, dass sie deshalb explizit bezeichnet werden sollen.

    Sie sprechen auch von den „Gefühlen der Streitenden“. Inwieweit fließen diese in Ihr Konzept des Verstehens ein?

    Wie schon angesprochen, können Wörter und Wendungen auch emotive Befindlichkeiten der Sprechenden anzeigen. Dies wird von der modernen Sprachwissenschaft und natürlich auch von mir in die Sprachanalyse einbezogen.

    Wenn man sich die berechtigte Kritik an der stark vereinfachenden Wendung „alte weiße Männer“ anschaut, muss man die Entstehungsgeschichte einbeziehen. Die Emotionen und Ziele der Bürgerrechtsbewegungen im 20. Jahrhundert und in den Kämpfen der Identitätspolitik haben dazu geführt, dass die Wendung zum ideologischen Kampfbegriff geworden ist.

    Ihr Buch trägt dazu bei, „Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen“. Dabei spielt für Sie die „Sachkenntnis“ eine wichtige Rolle. Wie wenden Sie diese Sachkenntnis an?

    Mir ist es wichtig aufzuzeigen, dass Sprachwandel ein notwendiger natürlicher Prozess ist, der zum Erhalt der Funktionsfähigkeit natürlicher Sprachen beiträgt. Dieser Wandel läuft in verschiedenen Sprachmodulen nach jeweils eigenen Prinzipien ab. Schon in der Vergangenheit wurde Sprachwandel öfters mit der Vorstellung des Verfalls der deutschen Sprache verknüpft. Dies trifft beispielsweise auf die Erweiterung des deutschen Wortschatzes durch die Aufnahme von Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen zu, die zu Ängsten vor einer Überfremdung der deutschen Sprache führte und führt.

    „Sachkenntnis“ zeigt, dass diese Ängste aktuell unbegründet sind, da der Anteil an Fremdwörtern nur bei ca. 5% liegt. Die beklagte „Anglizismenschwemme“ ist nur in Teilbereichen feststellbar. So kommen speziell in der Werbesprache Anglizismen überproportional zum Einsatz.

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