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  1. Lesestoff für’s Wintersemester

    Lesestoff für’s Wintersemester

    Endlich sind sie da, unsere Novitäten für’s zweite Halbjahr 2022!

    Hier ist sicher für jedes Semester was dabei. Viel Spaß beim Stöbern unter www.narr.de/vorschau!

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  2. Toxische Sprache und geistige Gewalt

    "Die Autorin betont die frühchristlichen Wurzeln des Antisemitismus und zeigt, wie ein sich seit 2000 Jahren nicht verändernder Kern antijüdischer Vorstellungen in immer neuen Formen Ausdruck findet."

    Quelle: Marc Neugröschel, Jungle World 29, 21. Juli 2022

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  3. "Judenfeindliche Sätze sind geistiges Gift!"


    Wie Stereotype in unserer Sprache seit zwei Jahrtausenden auch unsere Einstellungen zu Menschen prägen. Welche Folgen das hat. Und warum wir endlich etwas dagegen tun sollten. Interview mit der Antisemitismus- und Sprachforscherin Monika Schwarz-Friesel:

    Sie sprechen von einem Gift, das die Köpfe vernebelt und Hass sät ....

    MSF: Der Name dieses Giftes lautet Antisemitismus. Oder, noch klarer ausgedrückt: Es ist der Judenhass. Dieses Gift ist seit Jahrhunderten Bestandteil der westlichen DNA, des europäischen Kultur-Genoms. Es schleicht sich in vielen Fällen unbemerkt ein, vergiftet aber durch beständige Dosierung. Und durch den globalen digitalen Austausch weist seine massenhafte Ausbreitung ein noch nie gewesenes Ausmaß auf.

    Sie erkennen Antisemitismus in unsere Sprache als alltäglich. Welche Beispiele gibt es dafür?

    MSF: Es ist der Autofahrer, der einen Radfahrer in Berlin im Vorbeifahren als „Du Jude!“ beschimpft. Der Student, der auf die Frage nach dem Aussehen eines anderen Studierenden sagt „der mit der jüdischen Nase“. Die Dozentin, die vom „jüdischen Landraub in Palästina“ spricht. Die Fußballfans, die „Juden-Jena, Juden-Jena“ grölen. Die alte Dame, die vom „scheußlichen Judenzopf“ ihrer Enkeltochter berichtet, einer „hässlichen verfitzten Spliss-Frisur“. Es ist der Postbote, der vom „jüdischen Geld-Klein-Klein“ eines Kollegen berichtet, der Pfarrer, der von der mildtätigen verzeihenden Ethik des Christentums spricht und wie diese den „alttestamentarischen Rachegedanken ablöste“. Der Beispiele gibt es viele!

    Sie sagen, die toxische Struktur ist Teil der kulturellen Grundsubstanz unserer Gesellschaft, vor allem aber auch unseres kommunikativen Gedächtnisses. Woran machen Sie das fest?

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    MSF: Es waren Sprachstrukturen, die über die Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation das Bild „der Juden“ prägen. Ihre Macht und ihre Wirkung werden bis heute unterschätzt. Zudem gibt es zahlreiche süße Ummantelungen durch Begriffe wie „Meinungsfreiheit“, „Diskursvielfalt“ oder „Kritik“, die die toxische Semantik verschleiern. Das Phänomen abzutun mit „Es ist nur Sprache und keine reale Gewalt“ verkennt nicht nur die entscheidende Rolle der Sprache bei der Entstehung, Weitergabe, Verbreitung und Speicherung judenfeindlichen Gedankenguts, sondern auch ihr Vorbereitungspotenzial für non-verbale Gewalt. Gewalt entsteht immer im Kopf.

    Warum ist es so wichtig, dass man die Rolle der Sprache beim Antisemitismus in den Mittelpunkt der Aufklärung und Bekämpfung stellt?

    MSF: Wir müssen uns nicht nur wegen der Attentäter, Bombenleger, Synagogen-Attentäter, Denkmal- und Friedhofsschänder oder der Flaggenverbrenner sorgen, sondern auch wegen der Sprachtäter und geistigen Brandstifter. Sie sind es, die das Gift immer wieder von Neuem in die Welt tragen und es mit jeder judenfeindlichen Sprachhandlung konsolidieren und intensivieren.

    Wo sitzen Ihrer Erfahrung nach die Giftmischer? Ist das ein besonderes Merkmal für radikale Kreise?

    MSF: Es sind keineswegs nur die Ränder der Gesellschaft, die uns Sorgen bereiten müssen. Denn sie sind nicht der alleinige Nährboden für judenfeindliche Gedanken und Gefühle. Die Geschichte der Judenfeindschaft zeigt: Es waren und sind stets die Gebildeten aus der Mitte, die einflussreich als Vordenker und geistige Giftmischer agieren. Das antisemitische Ressentiment mit seinen Facetten der Abneigung und des Hasses wird weiter gegeben durch die Sprachgebrauchsmuster der Mitte. Diese trägt es in die sozialen Ecken, diese bestätigen die Radikalen, geben ihnen geistige Nahrung.

    Sie stellen fest, dass viele Produzenten judenfeindlicher Äußerungen sich nicht im Klaren darüber sind, dass sie antisemitische Gedanken artikulieren. Wie konnte Antisemitismus so tief in die Alltagssprache eindringen?

    MSF: Die toxische Bedeutung von Wörtern schleicht sich oft unbemerkt in unseren Geist ein, sie hinterlässt aber Spuren, löst Assoziationen aus, prägt zum Teil langfristig Einstellungen und Gefühle. Das geistige Gift des judenfeindlichen Ressentiments kam vor 2000 Jahren durch die Verdammungsrhetorik der frühen Kirchengelehrten in die Welt. Es breitete sich von dort aus, nahm zeitgemäße Elemente in seine Substanz auf und wurde über die Jahrhunderte hinweg fester Bestandteil des Denk- und Lebensraumes.

    Was muss geschehen, damit die Kette des sprachlichen und kulturellen Antisemitismus endlich durchtrennt wird? Was sind Ihre Forderungen an unsere Gesellschaft?

    MSF: Sprache zu benutzen ist geistige Herrschaftshandlung. Entsprechend ist Sprachgebrauch Macht- und Gewaltausübung. Eine Sprache zu benutzen bedeutet, Geist in die Welt zu tragen. Dieser Geist, die Semantik von Wörtern, Sätzen und Texten, kann Welt abbilden oder Welt erschaffen, kann gravierende Auswirkungen auch für die physische Realität haben. Mit den Bedeutungen sprachlicher Ausdrücke geben wir Impulse in die Köpfe unserer Mitmenschen. Diese können positiv oder negativ, freundlich oder feindselig sein. Judenfeindliche Äußerungen sind geistiges Gift. Wir tragen dafür die Verantwortung. Wir entscheiden. Wir wählen die Wörter aus.


    Die Autorin:
    Monika Schwarz-Friesel ist eine international führende Expertin auf dem Gebiet Antisemitismus und Sprache. Die Kognitionswissenschaftlerin ist Ordinaria und Fachgebietsleiterin am Institut für Sprache und Kommunikation der TU Berlin.

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  4. Streit um Wörter


    Immer wieder werden in Politik und Gesellschaft teils heftige Debatten um die richtigen Wörter geführt. Beispielsweise darüber, ob mit Lehrer auch Lehrerinnen gemeint sind oder ob Wörter wie Mohr und Zigeuner verboten werden müssen. Die dialogische Analyse ausgewählter Streitpunkte will weder harmonisieren noch dominieren, sondern wesentliche Argumentationslinien anschaulich und nachvollziehbar machen. Die Publikation hilft, Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen und eigenes und fremdes Sprachhandeln zu beurteilen, Ablehnungen oder Mitvollzug von Entwicklungen auf Sachkenntnis zu gründen. Unsere Autorin Dr. Christine Römer vom Institut für Germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena im Gespräch über „Streit um Wörter“:

    Was hat Sie an diesem Thema vor allem interessiert?

    Der Streit um richtige, angemessene Benennungen wird sowohl in der Linguistik, Journalistik als auch der Öffentlichkeit erbittert geführt. Mein Interesse gilt dabei den Fragen, wie man den aktuellen Disput um die „richtigen Wörter“ entschärfen und in einen Dialog überführen kann; wie man kommunikative Kompetenz erreichen kann, die beinhaltet, dass Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen als notwendig zu betrachten sind. Andere Meinungen akzeptieren, schließt auch das Akzeptieren der Verwendung anderer Benennungen ein, natürlich nur, wenn sie nicht als Waffen, um sprachlich zu diskriminieren, verwendet werden.

    Sie nennen Beispiele für umstrittene Wörter: Können Sie uns am Beispiel von „Mohr“ oder „Zigeuner“ zeigen, wie man den Streit beilegen kann?

    M.E. kann man den Streit nicht beilegen, jedoch konstruktiv-kritische Sprachreflexionen initiieren. Dazu gehört, unterschiedliche Positionen anhören und mit linguistischen Methoden hinterfragen. Es gehört auch dazu, nach den Ursachen vertretener Positionen zu forschen und Auswirkungen verlangter Veränderungen aufzeigen. Bei dem Beispiel „Mohr“ hilft eine Analyse der Wortverwendung weiter.

    Das Wort „Mohr“ ist schon lange in der deutschen Sprache und bezeichnete bereits im Mittelalter Menschen mit dunkler Hautfarbe (´dunkelhäutiger Bewohner Mauretaniens´) und ist heute veraltet. Dass es wie „Neger“ eine rassistische und verletzende Stigmatisierung von Menschen mit dunkler Hautfarbe vornehme, wie Aktivisten in Berlin als Begründung in einer Petition zur Umbenennung der U-Bahn-Station Mohrenstraße darlegten, nehmen nicht alle an. Auch nicht alle nehmen eine Bedeutungsgleichheit von Neger und Mohr an. In der Thüringer Stadt Eisenberg findet alljährlich im Juni das „Eisenberger Mohrenfest“ statt (https://www.mohrenfest.de/), das sich auf eine Heimatsage um einen Mohr beruft, der auch Teil des Eisenberger Stadtwappens und historisch positiv konnotiert ist, weshalb der Bürgermeister, der Stadtrat und die Einwohnerschaft auch der Meinung sind, dass „Mohr“ eine positive Bedeutung habe. Auch die umstrittene Berliner Mohrenstraße hat die Benennung „Straße der/des Mohren“ nicht mit abwertender Absicht erhalten. Das statistisch erhobene Wortprofil von „der Mohr“ im Wörterbuch „Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute“ (DWDS)  (https://www.dwds.de/wb/Mohr#wp-1) zeigt, dass „Mohr“ heute nicht in abwertenden Kontexten verwendet wird. Am häufigsten wird es als Teil der Redensart „Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen“ verwendet.

    Ein weiterer Streitpunkt in der gesellschaftlichen Debatte ist das Gendern. Was wäre aus Ihrer Sicht der Sprachwissenschaftlerin ein Mittel, dem Thema die Schärfe zu nehmen?

    Die Schärfe kann aus der Debatte genommen werden, wenn man auch als Linguistin die existierende Varianz akzeptiert, die besonders in der Alltagssprache existiert. Außerdem sollte abgewartet werden, wie sich die Sprache in Bezug auf die „Geschlechtergerechtigkeit“ weiterentwickelt.

    Wenn Sie den Überzeugungen der jeweiligen Kontrahenten auf den Grund gehen: Welcher Methode bedienen Sie sich dabei?

    Ich gehe dabei primär vom Kommunikationsmodell des Sprachpsychologen Schulz von Thun aus. Dieses Modell hebt hervor, dass Kommunikationen nicht nur sachliche Informationen sondern auch Einstellungen der Sprechenden übermitteln und durch die Beziehungsebene geprägt sind, dass Gefühle, Ängste und Emotionen mitkommuniziert werden. Hinzu kommt, dass mit dem Kommunikationsereignis bei den Angesprochenen etwas erreicht werden soll. Es gilt also zu erkunden, auf welcher Ebene argumentiert wird und wo es zur gestörten Kommunikation bzw. anderen Auffassungen kommt.

    So argumentieren Linguisten auf der Sachebene, wenn sie betonen, dass das „generische Maskulinum“ ein etablierter grammatischer Mechanismus in der deutschen Sprache sei: Eine Bezeichnung mit männlichem Geschlecht (Genus) bezieht sich in der Regel auf alle biologischen Geschlechter (Sexus). Man müsse auch dabei zwischen einer grammatischen und semantischen Kategorie unterscheiden. So bezeichnen Präsensformen auch zukünftige und vergangene Ereignisse oder Singularformen auch eine Mehrzahl („das Personal“). Diejenigen, die das generische Maskulinum ablehnen, argumentieren in der Regel nicht auf der Sachebene. Sie meinen beispielsweise, dass sie mit dem Maskulinum nur mitgemeint sind und äußern ihre Überzeugung, dass sie deshalb explizit bezeichnet werden sollen.

    Sie sprechen auch von den „Gefühlen der Streitenden“. Inwieweit fließen diese in Ihr Konzept des Verstehens ein?

    Wie schon angesprochen, können Wörter und Wendungen auch emotive Befindlichkeiten der Sprechenden anzeigen. Dies wird von der modernen Sprachwissenschaft und natürlich auch von mir in die Sprachanalyse einbezogen.

    Wenn man sich die berechtigte Kritik an der stark vereinfachenden Wendung „alte weiße Männer“ anschaut, muss man die Entstehungsgeschichte einbeziehen. Die Emotionen und Ziele der Bürgerrechtsbewegungen im 20. Jahrhundert und in den Kämpfen der Identitätspolitik haben dazu geführt, dass die Wendung zum ideologischen Kampfbegriff geworden ist.

    Ihr Buch trägt dazu bei, „Tendenzen der Sprachentwicklung zu verstehen“. Dabei spielt für Sie die „Sachkenntnis“ eine wichtige Rolle. Wie wenden Sie diese Sachkenntnis an?

    Mir ist es wichtig aufzuzeigen, dass Sprachwandel ein notwendiger natürlicher Prozess ist, der zum Erhalt der Funktionsfähigkeit natürlicher Sprachen beiträgt. Dieser Wandel läuft in verschiedenen Sprachmodulen nach jeweils eigenen Prinzipien ab. Schon in der Vergangenheit wurde Sprachwandel öfters mit der Vorstellung des Verfalls der deutschen Sprache verknüpft. Dies trifft beispielsweise auf die Erweiterung des deutschen Wortschatzes durch die Aufnahme von Wörtern und Wendungen aus anderen Sprachen zu, die zu Ängsten vor einer Überfremdung der deutschen Sprache führte und führt.

    „Sachkenntnis“ zeigt, dass diese Ängste aktuell unbegründet sind, da der Anteil an Fremdwörtern nur bei ca. 5% liegt. Die beklagte „Anglizismenschwemme“ ist nur in Teilbereichen feststellbar. So kommen speziell in der Werbesprache Anglizismen überproportional zum Einsatz.

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  5. Leseprobe "Die Entscheidung"

    Für Hochschulabsolvent:innen und Promovierte gibt es eine Vielzahl spannender beruflicher Perspektiven, die sie nach ihrem Abschluss einschlagen können. Dabei stellt sich immer die Frage: Welche Richtung passt für mich? Diese Entscheidung ist nicht einfach. Das hat die #IchbinHanna-Debatte gezeigt. Viele junge Wissenschaftler:innen berichten von befristeten Verträgen und ihren damit verbundenen Sorgen.

    Eine Orientierung zur Entscheidung, ob Wissenschaftskarriere oder nicht, und wenn ja, in welche Richtung, möchte dieser Roman bieten. Die Protagonistin Amisha stellt alternative Berufswege anhand von realen Beispielen vor. So erfahren die Leser:innen, welche Optionen zur Wahl stehen und welche Anforderungen jeweils gestellt werden. Zahlreiche Tools, Checklisten, Selbstanalysen und Fallbeispiele helfen dabei. Ein gleichermaßen informativer wie unterhaltsamer Ratgeberroman für Studierende, Promovierende, Post-Docs.

    Leseprobe aus "Die Entscheidung. Ein Ratgeberroman über akademische Berufswege" von Reinhold Haller

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  6. Storyporting statt Storytelling

    Storytelling hat seine Stärken u. a. in der anschaulichen Vermittlung von Erfahrungswissen. Doch in der öffentlichen Kommunikation werden Narrative zunehmend manipulativ missbraucht.

    Dieses Buch liefert die Storyporting-Methode: Seriöses Storytelling konvergiert mit evidenzbasiertem Reporting, woraus eine Kommunikationsform entsteht, die subjektive Wahrnehmung und Analyse verbindet. Praxisbeispiele und Tools zeigen die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten des Storyportings auf, etwa bei Änderungsprozessen in Unternehmen, Kommunen und Organisationen.

    Das Buch richtet sich an Lehrende, Studierende, Funktionsträger:innen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Medien und Bildung sowie an interessierte Bürger:innen.

    Im Video erklären die Autor:innen Prof. Prof. Dr. Rainer Nübel und Prof. Dr. Susanne Doppler erklären im Video den dreistufigen Prozess des Storyporting:

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  7. "Armut ist kein Krisenphänomen!"


    Armut ist greifbar! Sie ist aber auch vielschichtig. Prof. Dr. Andreas Koch lehrt und forscht am Fachbereich Soziologie und Geographie der Universität Salzburg sowie am Zentrum für Ethik und Armutsforschung. Im Frage-Antwort-Stil beleuchtet er in seinem Buch u.a. historische, ökonomische und politische sowie gesellschaftliche und geografische Aspekte der Armut. Dabei geht er auch auf die aktuelle wissenschaftliche Debatte und Formen der Armutsbekämpfung ein. 

    Wie definieren Sie Armut?

    Armut ist für mich ein Zustand, in dem eine kritische Beziehungsungleichheit herrscht. Es gibt viele Arten von Beziehungsungleichheit, zwischen Frauen und Männern, Kindern und Erwachsenen, Migrant:innen und Gebürtigen – und auch innerhalb dieser Gruppen. Ein absolutes Maß für Beziehungsungleichheit bzw. Beziehungsgleichheit existiert nicht. Sie beruht auf der Durchsetzungsmacht der jeweils privilegierten Positionen.

    Woher stammen diese Ungleichheiten in der Beziehung?

    Beziehungsungleichheit ist in Gesellschaften strukturell angelegt und als solche für weitere Ungleichheiten wie Chancen-, Leistungs- und Teilhabeungleichheit verantwortlich. Eine angemessene Definition von Armut fordert nun nicht, eine umfassende Beziehungsgleichheit herzustellen. Dies würde dem liberalen Prinzip individueller Freiheit widersprechen. Das Ziel besteht aber darin, sachlich und sozial nicht zu rechtfertigende Unterschiede zu kritisieren - und Wege aufzuzeigen, wie sie reduziert werden können.

    Wie äußern sich die Unterschiede?

    Bedürftigkeit und Not sind in der Regel das Ergebnis von Benachteiligungen der Beziehungen unter den Menschen. Mangelnde Gesundheitsversorgung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, Niedriglohn, Wohnungslosigkeit, Bildungsexklusion und Umweltbeeinträchtigungen beruhen wesentlich auf der Verteidigung individuell und gruppenspezifisch erwirkter Privilegien, die jedoch gesamtgesellschaftlich nicht legitimierbar sind.    

    Das Nachhaltigkeitsziel SDG 1 ‚keine Armut‘ fordert, bis 2030 „Armut in allen ihren Formen und überall“ zu beenden. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass dieses Ziel erreicht wird?

    Armut in all ihren Formen und überall bis 2030 zu beenden, ist ein politisches Statement, das eine symbolische Wirkung entfaltet. Ob und wie weit es gelingen wird, dieses Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, hängt wesentlich von den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und dem Willen der Gesellschaft ab. In einer auf Leistung und Konkurrenz ausgerichteten Gesellschaft bleibt die Verwirklichung des Ziels unwahrscheinlich. Manche halten Leistungsgerechtigkeit für ein faires Beurteilungskriterium, einige stehen dem Wachstumsglauben fatalistisch oder opportunistisch gegenüber, und wieder andere ziehen sich stillschweigend zurück.

    Was kann Sozialpolitik in einer solchen Lage erreichen?

    In dieser Gemengelage zeigt sich die Kraft der Solidarität mit armutsbetroffenen Menschen punktuell (z.B. Spenden), aber nicht nachhaltig. Sozialpolitik ähnelt einem Reparaturbetrieb zur Aufrechterhaltung der bestehenden materiellen Klassenverhältnisse. Ihr fehlt jedoch der erklärte gemeinsame Wille zum Umbau dieser Verhältnisse. Und ihr fehlt die Kraft resilienter Armutsbewältigung, die in Krisenzeiten nicht nur kurzfristig Geld bereitstellt, sondern Regeln als Leitplanken errichtet, wie zum Beispiel kommunalen Wohnraum oder lokale Subsistenzwirtschaft.

    Sie gehen in Ihrem Buch auch auf Strategien der Armutsbekämpfung ein. Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten?

    Die wichtigste Strategie ist, Armut lokal zu bewältigen. Auch wenn wir zweifellos von einer globalisierten und digitalisierten Umwelt umgeben sind, so spielt sich das physische Leben doch an konkreten Orten mit ihren materiellen Gegebenheiten und sozialen Normen ab. Diese sozial-ökologischen Verhältnisse legen nicht fest, wie wir zu leben haben, vielmehr hängt es von den individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen ab, welche Einschränkungen und Gelegenheiten uns unsere Lebensorte bieten. Die individuellen Wahrnehmungen und Vorstellungen wiederum sind von den Verfügungsspielräumen geprägt, die jeder und jedem Einzelnen von uns durch Geld, Eigentum, soziale Beziehungen, kulturelle Werte und Infrastrukturen zur Verfügung stehen. Da diese Güter zwischen Menschen und Räumen sehr ungleich verteilt sind, bieten sich lokale Maßnahmen des sozialen Ausgleichs an. Hierzu gehören genossenschaftliche Wohnprojekte, die gemeinschaftliche Produktion von z.B. Lebensmittel oder die gemeinschaftliche Nutzung von Gebrauchsgegenständen.

    Sie berufen sich damit auf das Prinzip der Subsidiarität, Verantwortung dahin zu delegieren, wo sie entsteht. ... 

    ...ja, aber für eine erfolgversprechende Umsetzung dezentraler Armutsbewältigung braucht es als politische Strategie eine Ergänzung territorialer Räume um Netzwerke. Orte verbinden sich miteinander, um zu tauschen – Produkte, Wissen, Erfahrung – oder sich gegenseitig zu unterstützen. Die bestehende Ausschließlichkeit von territorial-administrativen Räumen führt zu einer Inklusion von Leistungen nach innen und einer Exklusion jener, die nicht dazugehören. Zudem verschärft es den Konkurrenzdruck von Gemeinden, Ländern, Staaten um Einwohner und Unternehmen.

    Den Medien zufolge hat die Armut in Deutschland durch die Corona-Pandemie einen neuen Höchststand erreicht. Wer ist in Deutschland von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen besonders betroffen?

    Die Corona-Pandemie ist für viele Menschen ein tiefer Einschnitt in ihren Lebensalltag gewesen, der bis heute anhält. Einkommenskürzung oder gar Jobverlust auf der einen Seite, Überstunden auf der anderen; eingeschränkte Mobilität mit Home-Office und Home-Schooling, demgegenüber hochgradige Präsenz in den so genannten systemrelevanten Berufen. Obwohl die Krise also viele getroffen hat, zeigt sich zugleich: Armut ist ein strukturelles Problem und kein Krisenphänomen. In Deutschland lag die Armutsquote im Pandemiejahr 2020 bei 16,1 Prozent und ist gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Punkte gestiegen. Die Coronapolitik mit u.a. Kurzarbeitergeld und Konjunkturprogramm hat durchaus Wirkung gezeigt. Es fehlte aber eine nachhaltige Armutspolitik in den Bereichen Wohnen (Miete und Energiekosten), der Versorgung mit Lebensmitteln, der Unterstützung von Menschen in Ausbildung, usw. Große Haushalte, Alleinerziehende, Erwerbslose oder Menschen mit Migrationshintergrund sind von den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie besonders betroffen. 

    Wer sollte Ihr Buch „Armut? Klare Antworten aus erster Hand!“ lesen?

    Im Mittelpunkt des Buches steht die Auseinandersetzung mit der Funktionalisierung von Armut und der damit einhergehenden Instrumentalisierung armutsbetroffener Menschen. Es argumentiert gegen die Annahme, Armut sei Ursache oder Folge von sozialer Schwäche. Dieser Standpunkt wird schwerpunktmäßig aus einer historischen und geographischen Perspektive vertreten und dabei aufgezeigt, wie sehr Raum und Zeit Konstanten unterschiedlicher armutspolitischer Debatten sind. Daher richtet sich das Buch an alle, die sich für diese Zusammenhänge interessieren.

    Das Buch legt zudem einen geographischen Schwerpunkt auf Deutschland und Europa und blendet eine globale Perspektive damit bewusst aus. Dafür nehmen die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen von Armut und ihre Behandlung im Rahmen der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen einen größeren Raum ein.           

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  8. Frauen, geht in Führung!


    „Führung ist ein Muskel, der trainiert werden muss!“

    Unsere Autorin Janine Tychsen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema „Frauen in Führung“ und geht mit ihrem Buch „Frauen, geht in Führung! 90 Tage Führungsmuskeltraining!“ einen neuen Weg der Führungskräfteentwicklung. Es ermutigt jede einzelne Frau, Führung zu übernehmen – für sich selbst und andere – und mit ihrer Persönlichkeit  das „System Führung“ mitzugestalten und zu verändern. Für sie ist Führung ein Muskel, der regelmäßig trainiert werden muss – mental und körperlich. Wie das funktioniert, darüber sprechen wir mit Janine Tychsen im Interview:

    Frauen zweifeln oft an ihren Fähigkeiten, nörgeln an sich herum, trauen sich im Arbeitsalltag vieles nicht. Sind Frauen zu selbstkritisch?

    Frauen denken tendenziell kritischer über sich und bleiben oft stecken in ihren Gedanken. Sie beschäftigen sich stark mit Fragen wie: Wie komme ich an? Werde ich respektiert? Bin ich interessant genug? Kann ich das? Kann das nicht jemand anderes besser als ich? Will ich das überhaupt? Oft finden sie sich in einer Abwärtsspirale negativer und blockierender Gedanken wieder und bleiben im Zustand des Zweifelns. Ich wünschte, Frauen wären noch viel selbstkritischer! In dem Sinne, dass sie sich wirklich mit sich und ihren Fragen, Ängsten und Zweifeln auf einer tieferen Ebene auseinandersetzen – unabhängig von den Erwartungen und Meinungen anderer Menschen. So könnten sie ihre Ängste und Sorgen enttarnen und nach und nach auflösen.

    Ihre Coaching-Angebote lauten nicht – wie oft üblich – „Stress-, Resilienz- oder Selbstmanagement“, sondern „Sprint“, „Staffellauf“ oder „Marathon“. Warum die Sport-Metapher?

    Es braucht ein ganz klares JA zur Führung. Neue Rahmenbedingungen für das Privatleben, Loslassen und Verzicht gehören dazu. Führung erfordert Fokus, Entscheidungsstärke, Mut, Geduld, Durchhaltevermögen und vieles mehr. All das sind Führungsmuskeln, die trainiert werden können. Wie bei einem Marathon, den wir auch nicht von heute auf morgen laufen. Führung ist keine Aufgabe und im Übrigen auch keine Position. Sie ist eine Einstellung, eine Lebensphilosophie. Führung ist ein Prozess, der nur in der Realität trainiert werden kann. Das zu lernen ist harte, aber lohnenswerte Arbeit. Wichtige Führungsmuskel sind beispielsweise Ausdauer und ein langer Atem. Nicht gleich aufgeben, immer dranbleiben!

    Ihnen ist es wichtig, Balance von Körper, Geist, Emotionen und Umwelt herzustellen. Warum ist das relevant?

    Ich war selbst in führenden Positionen tätig. Dankend blicke ich auf über 20 Jahre Berufserfahrungen als Angestellte in großen Wirtschaftsunternehmen und in Wissenschaftsorganisationen zurück. Mit diesem Erfahrungsschatz und heute, als erfahrene Coach für Frauen in Führung, weiß ich, dass wir zuallererst eine innere Klarheit herstellen müssen. Fast alle Führungsansätze beginnen auf einer strukturellen Ebene. Sie lehren Führungsstile, behandeln das Lösen komplexer Aufgaben, zeigen Möglichkeiten auf, erfolgreich im und mit dem Team zu arbeiten, erklären Abläufe. All das ist wichtig. Es ist jedoch zu kurz gedacht und führt häufig dazu, dass Frauen in Führung das Gefühl des Scheiterns erleben, weil sie sich den Aufgaben und Herausforderungen nicht gewachsen fühlen.

    Wie kann eine solche ganzheitliche Balance gelingen?

    Inner work first – das ist mein Ansatz. Von der Selbstführung zur Führung. Das heißt, jede Frau, die in Führung gehen will oder sich in der Führung weiterentwickeln möchte, sollte zuallererst bei sich selbst anfangen und sich mindestens folgende Fragen ehrlich beantworten: Will ich wirklich diese Führungsposition und wenn ja, warum und wie kann ich sie für mich gestalten? Bin ich bereit, Kritik einzustecken, Konflikte auszutragen und nicht von jedem gemocht zu werden? Die Antworten auf diese Fragen sind die absolute Entscheidungsgrundlage. Wenn wir diese innere Stabilität hergestellt haben, entspannen auch unser Körper und unser Geist, was erfolgsentscheidend ist.

    Sie coachen, so schreiben Sie, von „Innen nach Außen“ und möchten den Spirit der Frauen wecken. Was meinen Sie damit?

    Nehmen wir an, ein Bewerbungsgespräch für die nächsthöhere Führungsposition steht an. Dieses Bewerbungsgespräch ist zuallererst ein neutraler Umstand, ein Termin. Sobald Sie anfangen darüber nachzudenken, laden Sie dieses Bewerbungsgespräch mit einer Bedeutung auf: Sie denken entweder positiv und mit Vorfreude an das Gespräch, oder bekommen Zweifel. An diesem Punkt beginnt die Arbeit von „Innen nach Außen“. Im Buch stelle ich unter anderem ausführlich die Gedankenspirale vor – ein Werkzeug, das Selbstzweifel schnell auflösen kann. Es ist stets der Umgang mit den Dingen. Es sind nicht die Dinge selbst. Diesen und weitere Ansätze vereine ich in meinem „multi:sphere Coachingansatz“, der Führung ganzheitlich betrachtet: Ausgehend von der inneren Arbeit – der Selbstführung – hin zur Führung mit allen damit einhergehenden Themen wie Arbeitsorganisation, Teamführung, Zeitmanagement, Meetingstrukturen u. v. m.

    Was müsste sich ändern, damit Frauen selbstbewusst Führung übernehmen und mit Ihrem Wirken das „System Führung“ mitgestalten und verändern?

    Das „System Führung“ muss sich auf zwei Ebenen verändern, die miteinander verzahnt sind: auf der strukturellen und auf der individuellen Ebene. Strukturell: Seit Beginn der Pandemie hat sich die Arbeitswelt komplett verändert. Oft zu Lasten der Arbeitnehmer:innen. Diese rasanten Umstellungen auf der Arbeitsebene stehen im Widerspruch zu der alteingesessenen Führungsetage, die sich gar nicht oder nur sehr langsam mitverändert. Auf der individuellen Ebene bringt das neue Arbeiten große Flexibilität mit sich. Dies erfordert wiederum eine selbstbestimmte Positionierung der Frauen. Zahlreiche Gespräche mit Frauen über ihre Herausforderungen haben mich veranlasst, dieses Buch zu schreiben. Es legt den Finger in die Wunde des Wandels, ohne den Wandel selbst zu bewerten.

    Anmerkung: Wenn ich von weiblichen Führungspersönlichkeiten rede, meine ich Frauen in verantwortlichen Positionen, die Menschen, Unternehmen, Projekte oder Prozesse führen.

    Kontakt: https://www.janine-tychsen.de/ 

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  9. Storytelling: "Menschen denken in Geschichten"


    Sie sagten einmal „Menschen denken in Geschichten, nicht in Fakten." Wie erzählt man eigentlich eine Geschichte?

    Weil die Frage ja so komplex ist, habe ich extra mein Buch geschrieben. Das wage ich kaum in einem kurzen Blogbeitrag zu beantworten.

    Sie sind Drehbuchautor u.a. von Serien wie der „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, oder „In aller Freundschaft“. Aktuell planen Sie auf der Grundlage Ihres Buches ein Forschungsprojekt über African Storytelling. Was genau hat es damit auf sich?

    Das Buch hat einen offenen Ansatz, der im Gegensatz zu vielen anderen Lehrbüchern aus dem Bereich nicht dominant auf ein Medium wie Film oder Literatur konzentriert ist, oder nur mit Beispielen aus der westlichen Erzähltradition arbeitet, sondern möglichst viele Perspektiven berücksichtigt. Dadurch ist das Buch auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen interessant. So wird zum Beispiel gerade an einer arabischen Übersetzung gearbeitet. Mit der nigerianischen Filmwissenschaftlerin Dr. Ezinne Ezepue arbeite ich auf Grundlage des Buches nun an der Frage, was ein afrikanischer Blick auf Storytelling wäre, der sich möglicherweise von gewohnten Ansätzen wie z.B. dem Hollywood Erzählkino unterscheidet. Wir freuen uns, dass das Projekt von der Humboldt-Stiftung gefördert wird. Und vielleicht erscheint ja in zwei Jahren das Buch über African Storytelling auch bei UTB.

    Sie unterrichten an der Internationalen Filmschule Köln den Masterstudiengang „Serial Storytelling“. Wie kein anderes Medium vermag die Serie Einfluss auf ganze Generationen zu nehmen. Woran liegt das?

    Erzählungen können als eine besonders wirkungsvolle Technik betrachtet werden, mit der Menschen Informationen kommunizieren. Geschichten transportieren dabei vielmehr als nur Fakten. In der Art und Weise, wie Storyteller Figuren, ein Setting oder Wendungen konstruieren und Emotionen kontextualisieren, machen sie klar, wie sie die Realität und ihre Umwelt sehen. Dabei erleben die Rezipierenden die Geschichten durch die Emotionalisierung der Erzählung und die empathische Spiegelung im wahrsten Sinne des Wortes mit. Neurobiologische Untersuchungen belegen, dass bei der Rezeption von erzählten Erlebnissen bei Erzählenden und Rezipierenden die gleichen Hirnareale stimuliert werden. Diese Areale sind wiederum die gleichen, die auch beim realen Erleben der entsprechenden Handlungen und Ereignisse aktiv sind.

    Serielle Erzählungen sind aus meiner Sicht deshalb so wirkungsvoll, weil die Rezipierenden die erzählte Welt immer wieder besuchen können, sich mit den Figuren emotional verbinden und eine tiefe, intensive Beziehung mit den Charakteren eingehen können. Durch ihre Länge können serielle Erzählungen sehr viel mehr Perspektiven berücksichtigen – ein extrem wichtiger Faktor in einer Zeit, in der wir diskutieren, wie wir marginalisierte Stimmen sowie Minderheiten besser repräsentieren können, in Erzählungen wie in der Realität.  Dies sind nur einige der Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass Geschichten so eine nachhaltige Kommunikationsform sind und deshalb in so starkem Maß den öffentlichen Diskurs beeinflussen – oftmals mehr als eine objektivierte, faktenbasierte Kommunikation das tun würde. Dafür gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Belegen.

    Was ist für Sie ein besonders gelungenes Beispiel für ein gutes „Storytelling“?

    Die Storyworlds von Disney, die seit fast 100 Jahren Menschen begeistern. Märchen, die seit Jahrhunderten erzählt werden. Die Odyssee und die Ilias, die auch nach 3000 Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Das Marvel Cinematic Universe, das transkulturell ein Milliardenpublikum fesselt.

    Auf welche Weise kann man Stories in PR, Politik oder Wissenschaftskommunikation einsetzen?

    Auf verschiedenste Weise, so wie es ganz viele Agenturen, Politiker und Marketingfachleute tun. Meine Frage wäre vor allem: Wie sollte man sie nicht einsetzen? Aus meiner Sicht sollte man keine Geschichten erzählen, die Menschen manipulieren, verführen oder belügen. Menschen glauben. Geschichten eher als Fakten, deshalb hat man als Geschichtenerzähler auch immer eine große Verantwortung.

    Warum braucht es noch ein englisches Buch zu Storytelling? Gibt es da nicht genügend aus dem amerikanischen Raum?

    In dem Buch werden das erste Mal verschiedene dramaturgische Theorien, akademische Ansätze, aktuelle Forschungsliteratur und praktische Erfahrung miteinander verbunden. Dieser Ansatz fehlt bislang noch im englischsprachigen Raum. Zudem hat das Buch durch seinen modularen Aufbau einen sehr offenen Ansatz und ist weniger direktiv als die amerikanischen Dramaturgie-Ratgeber, die sehr apodiktisch den Ansatz des Hollywood-Erzählkinos verfolgen. Da ist wenig Platz für neue erzählerische Phänomene wie Games oder andere Erzähltraditionen aus Asien oder Afrika. Gerade wenn wir über eine neue Diversität im Erzählen sprechen, müssen wir uns dem Thema Dramaturgie mit einer Offenheit nähren, die auch Platz für andere Stimmen bietet. Was manche Leser kritisieren ist, dass mein Buch keine Bauanleitung für Geschichten liefert, sondern nur die Werkzeuge und Elemente zeigt, mit denen man eine gelungene Geschichten erzählen kann. Den kreativen Prozess ersetzt das natürlich nicht. Will es auch nicht – der soll den Leser*innen überlassen werden, die ihre eigenen Geschichten kreieren wollen. Mein Buch ist nur eine Hilfestellung und ein Werkzeugkasten.  

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  10. Brandschutz \ 4 Fragen an Prof. Hans-Joachim Gressmann


    Sie schreiben, dass die von der Brandschutzbehörde geforderten anlagentechnischen Brandschutzmaßnahmen oft als lästige Pflichtübung zur Erlangung der Baugenehmigung verstanden werden. Warum sind die brandschutztechnischen Forderungen oft so ungeliebt?

    Dies liegt m. E. daran, dass Architekten und Bauingenieure oft zunächst ausschließlich ihre Hauptaufgaben, den Entwurf und die Realisierung von Bauwerken nach den Vorstellungen der Bauherren, im Blick haben. Brandschutzfachleute betrachten die beabsichtigte Nutzung und die gestalterische Umsetzung eines Bauwerkes dagegen vornehmlich unter Risikogesichtspunkten. Die erwarteten Risiken gilt es so weit zu minimieren, dass ein aus brandschutztechnischer Sicht angemessenes Sicherheitsniveau erreicht wird. Leider führt dies dann häufig zu Konflikten: Der Architekt möchte unbedingt seinen Entwurf, dem der Bauherr schon zugestimmt hat, ohne Modifikationen realisieren, der Bauingenieur soll die Kosten so gering wie möglich halten. Letztendlich werden dann wegen des bereits fortgeschrittenen Entwurfsstadiums nicht selten Kompromisse erforderlich, die den Entwurfsverfassern nicht behagen oder die die Kosten – wie man meint unnötig – in die Höhe treiben, ohne die jedoch die Baugenehmigung nicht erlangt werden kann.

    Dieses Dilemma ist jedoch nicht zwangsläufig. Wenn frühzeitig Brandschutzfachleute in den Planungsprozess eingebunden werden, können diese oftmals Wege aufzeigen, die zu einer für alle Beteiligten guten Lösung führen, die Kosten in vertretbarem Rahmen halten und den Genehmigungsprozess zeitlich erheblich straffen. Der Schlüssel ist hier die frühzeitige Einbindung. Diese sollte bei anspruchsvollen Gebäuden möglichst schon dann erfolgen, wenn sich der gestalterische Entwurf verfestigt und bevor der Kostenrahmen für das Bauwerk definiert wird.

    Sie haben die Neuauflage aufgrund der Fortentwicklung der zu Grunde liegenden technischen Regeln überarbeitet und ergänzt. Auf welche technischen Neuerungen gehen Sie besonders ein? Gibt es innovative Brandschutzlösungen?

    Von großer Bedeutung für die Sicherheit der Nutzer von so genannten „kleinen Sonderbauten“ – hierzu gehören z. B. Kindertagesstätten, Wohnheime, Seniorenheime und kleine Hotels – ist eine nunmehr vorliegende technische Regelung für Brandwarnanlagen. Dadurch wird die seit langem bestehende Auffassung der Brandschutzdienststellen bestätigt, dass auch für diese baulichen Anlagen, für die das Baurecht nicht explizit eine Brandmeldeanlage fordert, auf Grund der erhöhten Risiken durch die Nutzer – Kinder, Geflüchtete, alte und/oder behinderte Menschen, etc. – das Sicherheitsniveau erhöht werden muss. Die derzeit noch als Vornorm vorliegende Regel der Technik schreibt einerseits die Verwendung der gleichen bewährten technischen Komponenten vor, wie bei vollwertigen Brandmeldeanlagen, erlaubt gegen über diesen jedoch etliche Erleichterungen, da Brandwarnanlagen in erster Linie für die Warnung der Nutzer und nicht für den Sachschutz ausgelegt sind.

    Sehr interessant ist die Weiterentwicklung ehemals rein mechanisch gesteuerter – und damit nicht immer zielgerichtet arbeitender – Wasser- und/oder Schaummonitoren zu intelligenten automatischen Monitorlöschanlagen. Diese werten die Daten von Video- oder Infrarotkameras aus und steuern über rechnergestützte Algorithmen die hinsichtlich Strahlform und Volumenstrom optimierten Löschmittelstrahlen zielgenau auf die Brandherde.

    Eine weitere wichtige Neuerung im Vorschriftenwerk stellen die neuen Regelungen zu Rauchschutz-Druckanlagen – RDA – dar. Sie straffen und vereinheitlichen die bisherigen technischen Vorgaben, senken allerdings auch bestimmte technische Anforderungen etwas ab.

    Was ist nach Ihrer Erfahrung als ehemaliger Leiter einer Feuerwehr die häufigste Ursache von Bränden in Industrieunternehmen?

    In Industrie- und Gewerbebetrieben sind technische Fehlfunktionen meines Wissens die häufigste Brandursache, gefolgt von menschlichem Fehlverhalten. Elektrische Einrichtungen und Geräte – seien es einfache IT-Drucker, Industriewaschmaschinen, Beschichtungsanlagen, Elektroverteilungen oder hochkomplexe Lagereinrichtungen – machen hiervon wiederum den Großteil aus. Auch Fehlfunktionen von Produktionseinrichtungen, die offenes Feuer oder heiße Oberflächen nutzen – hierzu gehören u. A. Anlagen, die Kunststoffe durch Aufschmelzen verarbeiten – sind hier zu nennen.

    Kann ich einen kleinen Brand selbst löschen? Welche Mittel stehen mir hier zur Verfügung und welche sollte ich tunlichst meiden?

    Grundsätzlich kann jedermann Entstehungsbrände löschen, solange deren Umfang dies ohne Selbstgefährdung ermöglicht. Dies gilt sogar dann, wenn keine Löschgeräte im engeren Sinne – also z. B. Feuerlöscher – vorhanden sind. So kann brennendes Fett in einem Topf häufig einfach durch Auflegen des Deckels gelöscht werden; die Anwendung von Wasser ist hier wegen der Gefahr einer Fettexplosion zu vermeiden. Der Entstehungsbrand eines Adventsgestecks ist durch ein darübergelegtes feuchtes Handtuch oder eine Decke aus Wolle beherrschbar. Brennende Elektrogeräte, wie z. B. eine Kaffeemaschine, ein Bügeleisen oder ein Fernsehgerät, müssen vor Löschversuchen immer durch Auslösen des Fehlerschutzschalters oder der Sicherung vom Netz getrennt werden.

    Laien sollten von Löschversuchen dann absehen, wenn der Umfang eines Brandes größer wird, als etwa eine große Aktentasche oder ein kleiner Koffer. Vor Löschversuchen ist stets abzuwägen, ob die Feuerwehr zusätzlich parallel oder vorher gerufen werden sollte. Wir Brandschutzfachleute empfehlen, die Feuerwehr immer zu alarmieren.

    Gut geeignet zur Bekämpfung von Entstehungsbränden sind CE-zertifizierte Feuerlöscher; für den Haushalts- und Bürobereich empfiehlt sich ein universell einsetzbarer ABC-Pulverlöscher. Sehr hilfreich können auch Löschspraydosen sein, die auch von ungeübten Personen ohne zusätzliche Einweisung genutzt werden können.

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