sprachwissenschaft

  1. "Platt als Identitätssymbol"

    "Platt als Identitätssymbol - Ein Handbuch widmet sich der Situation von Regional- und Minderheitensprachen in Deutschland

    Es ist das Verdienst des Handbuchs, dass sich seine Autoren nicht vom sprachpolitischem Wunschdenken leiten lassen, sondern den Ist-Zustand und die fortbestehenden Gefährdungen, aber auch die Zukunftschancen dieser Sprachen nüchtern und informativ beschreiben."

    Quelle: Wolfgang Krischke für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) vom 09. Juli 2021

     

     

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  2. "Sprache verändert sich, und das ist gut so"


    „Die Sprache verändert sich, und das ist gut so“ – Prof. Christa Dürscheid im Gespräch mit dem Wissenschaftsjournalisten Beat Glogger in der Gesprächsreihe „Geisteswissenschaft konkret“ der Universität Zürich.

    Heißt es nun: “Während dem Fußballspiel“? Nein: Es heißt nach wie vor: „Während des Fußballspiels“ – denn die Präposition „während“ regiert den Genitiv, nicht den Dativ. Aber in der Umgangssprache beginnt der 3. Fall den 2. zu meucheln. Ist der Dativ also dem Genitiv sein Feind? Ja, sagt Prof. Christa Dürscheid, dann nämlich wenn es um die Einhaltung von Normen in der Sprache geht. Und Normen sind zumindest für den, der ein gewisses Sprachempfinden besitzt, eine Herzensangelegenheit. Andererseits verändert sich Sprache. Sie bleibt in Bewegung, integriert bislang unbekannte Elemente – wie die „Emojiis“ in den sozialen Netzwerken. Ein Unglück? Keineswegs! Denn es gilt: „Sprache verändert sich!“ sagt die Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich. „Und das ist gut so!“

    Christa Dürscheid hat eine Professur für deutsche Sprache. Sie ist Trägerin des Konrad-Duden-Preises 2020 (https://www.duden.de/ueber_duden/konr...​) und veröffentlicht unter https://twitter.com/VariantenGra​ regelmäßig Tweets zur sprachlichen Variation im Deutschen.

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  3. Sprachen lernen in der Pubertät


    Interview mit Prof. Dr. Michaela Sambanis, Freie Universität Berlin zu „Sprachen lernen in der Pubertät“

    Warum sind Jugendliche eine besondere Zielgruppe für Ihre Forschungen?

    Wer mit Jugendlichen zu tun hat, der weiß, dass diese Zielgruppe herausfordernd und manchmal auch anstrengend sein kann. Aber warum eigentlich?
    Die Jugendzeit ist die Phase, in der das Gehirn gezielt umgebaut wird, und zwar so, dass es bestmöglich an die Anforderungen angepasst ist, die es zu erbringen hat. Der Umbau beginnt im hinteren Bereich des Gehirns und läuft weiter bis nach vorne zu den präfrontalen Bereichen. Dort, hinter der Stirn, wird besonders intensiv und lange umgebaut. Die Umstrukturierung ist erst ca. mit 25 Jahren abgeschlossen. In den frontalen Regionen sind übergeordnete Steuer- und Kontrollfunktionen verortet. Sie werden aktiviert, wenn es gilt, etwas zu planen, vernünftige Entscheidungen zu treffen, überlegt zu handeln usw., Leistungen, die Jugendlichen während bzw. wegen des Umbaus der dafür zuständigen Bereiche mitunter schwer fallen. Ein maßgeschneidertes und gründliches Ausreifen dieser Regionen ist aber für das gesamte weitere Leben enorm wichtig, deswegen wird diesem „Umbauabschnitt“ in der Jugend besonders viel Zeit und damit zugleich die Möglichkeit gegeben, sehr vielen Lerngelegenheiten begegnen zu können.
    Verschiedene Verhaltensweisen in der Pubertät lassen sich vor dem Hintergrund solcher Erkenntnisse besser verstehen und es fällt leichter, sie einzuordnen. Die Pubertät ist eine enorm wichtige Entwicklungsphase, in der das Gehirn einen umfangreichen Entwicklungsschub macht. Aus diesem Grund ist die Zielgruppe der Jugendlichen eine besondere und eine besonders wichtige für meine Arbeit.

    Was können Lehrkräfte aus den Erkenntnissen zur Entwicklung des jugendlichen Gehirns lernen?

    Die Erkenntnisse der Hirnforschung können Lehrkräften dabei helfen, besser zu verstehen und eine gute Balance zwischen Gelassenheit und sinnvollen Regeln zu finden sowie entwicklungsgemäße Anreize zu schaffen. Das Gehirn braucht in dieser Phase neue Erfahrungen, um sich weiterentwickeln zu können. Deswegen suchen viele Jugendliche nach Freiraum und beginnen, Vorgaben infrage zu stellen. Besonders durch neue Herausforderungen gelingt es dem jugendlichen Gehirn letztendlich u.a., die schon erwähnten übergeordneten Funktionen, wie z.B. vorausschauendes Denken, weiterzuentwickeln.
    Befunde der Hirnforschung belegen außerdem, dass es Jugendlichen tatsächlich schwerer fällt, Versuchungen zu widerstehen. Gehirnbereiche, die auf Spaß reagieren, befinden sich in einer Phase des Wachstums und zeigen besondere Aktivität. Dadurch haben Situationen, die Spaß in Aussicht stellen, eine besondere Anziehungskraft auf Heranwachsende. Im Unterricht gibt es Situationen, in denen das Verlangen nach Spaß mit der Bereitschaft zu ernsthaftem Lernen konkurriert, und oftmals muss man als Lehrkraft konsequent sein. In anderen Fällen hingegen, ist es möglich, die Affinität der Jugendlichen für Spaß methodisch und didaktisch zu nutzen, z.B. indem man Abwechslung in den Unterricht bringt, altersgemäß-spielerische Aufgabenformate einsetzt, die Kreativität anspricht, mit Übungen aus dem Improtheater arbeitet etc. Sprachen lernen in der Pubertät enthält eine Sammlung mit erprobten Praxisimpulsen für den Fremdsprachenunterricht speziell bei Jugendlichen.

    Die Pubertät ist übrigens als eine Teilphase der Adoleszenz definiert. Sie setzt bei Mädchen etwa eineinhalb Jahre früher ein als bei Jungen, bei Mädchen ca. mit 10 Jahren, bei Jungen mit 11 bis 12. Das Faszinierende an dieser Entwicklungsphase sind ihre Potenziale: Die Pubertät ist vor allem eine Zeit besonderer Lernchancen und besitzt hohe Relevanz.

    Welche Chancen bietet diese Phase?

    Ein für das Sprachenlernen besonders wertvolles Potenzial, eröffnet die kognitive Entwicklung: Sie macht in der Jugendzeit beachtliche Fortschritte. Jugendliche können vernetzter denken als jüngere Kinder. Die Entwicklungen im jugendlichen Gehirn ermöglichen schnellere Reizweiterleitung, sodass Verbindungen nunmehr auch über längere Distanzen aufgebaut werden können, wodurch die Vernetzung ausdifferenziert und erweitert wird. Bei jüngeren Kindern laufen kognitive Prozesse eher in lokal begrenzten Hirnregionen ab. Durch die optimierte Vernetzung im Gehirn sind Heranwachsende in der Lage, abstrakter und komplexer zu denken. Das kann beim Sprachenlernen genutzt werden, z.B. durch Unterrichtsverfahren, die zur Reflexion anregen, eigene Strukturierungen anstoßen oder auf eine Metaebene führen.
    Eine weitere beachtenswerte Entwicklung betrifft die Kreativität: Hier zeigen sich Fortschritte im Laufe der Pubertät, ein Höchststand wird etwa im Alter von 16 erreicht. Jugendliche besitzen demzufolge großes kreatives Potenzial, auch wenn sie es aus Bequemlichkeit oder Scheu nicht immer von sich aus nutzen. Betrachtet man diesen Befund zusammen mit der ebenfalls nachgewiesenen Spaß-Affintät Heranwachsender, dann eröffnen sich weitere Möglichkeiten für eine abwechslungsreiche, altersgemäße Unterrichtsgestaltung (Theaterimpulse, Musik etc., mit humorvollen Texten arbeiten, das Gemeinschaftsgefühl stärkende Aktivitäten einsetzen,…).

    Viele Lehrkräfte und Eltern erleben die Pubertät vor allem als anstrengende Zeit. Warum vertreten Sie hingegen einen Stärken-Ansatz, nicht einen Defizit-Ansatz?

    Die frühe Kindheit und die Pubertät sind zwei entscheidende Entwicklungsphasen, in denen ganz viel Potenzial aufspringt, das für das Sprachenlernen genutzt werden kann. Der frühen Kindheit wird ihr besonderes Potenzial selten abgesprochen, bei der Pubertät hingegen sind viele erstaunt, dass auch sie eine Phase voller Chancen ist. Die Herausforderungen, die diese Entwicklungsphase mit sich bringt – übrigens nicht nur für Bezugspersonen, sondern auch für die Heranwachsenden selbst – stelle ich nicht infrage, aber wir schenken m.E. Defiziten recht viel Beachtung. Das gilt nicht nur für den Kontext Pubertät, sondern ist auch in anderen Bereichen zu beobachten, auch in Lernkontexten. Dabei zeigt Entwicklungsförderung oft bessere Ergebnisse, wenn sie Stärken fokussiert, anstatt nur oder vorrangig Defizite. Individuelle Stärken bilden Ressourcen, an denen man ansetzen kann, um den Aufbau von Selbstvertrauen, Resilienz und Zuversicht zu unterstützen. Wenn man als Lernender erkennt, dass man Stärken besitzt, lässt es sich auf dieser Grundlage deutlich leichter, bereitwilliger und erfolgreicher weiterarbeiten, auch an Bereichen, in denen man noch nicht so gut aufgestellt ist.  

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  4. Rhetorik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Georg Nagler


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Als Rektor der Dualen Hochschule BW in Mannheim hatte ich die Pflicht, in Ausführung der Corona-Verordnung der Landesregierung den Präsenz-Studienbetrieb an der Hochschule am Freitag, dem 13. März, auf Null herunterzufahren. Wer sich der Bildung verpflichtet fühlt, wird wohl nachvollziehen, dass dies eine der deprimierendsten Erfahrungen meiner beruflichen Laufbahn war.

    Unser Motto war und ist: Gib Corona keine Chance!

    Wir haben also in kürzester Zeit den Betrieb der Hochschule – die ja keine Semesterferien kennt und daher immer Studierende in der Theoriephase bei sich hat – flächendeckend auf eLearning umgestellt. Seit 2 Wochen sind wir im HomeOffice/eLearning-Modus und ich muss gestehen: Es ruckelt zwar – aber es funktioniert. Die Professorenschaft und das nichtwissenschaftliche Personal sind in Rekordzeit umgestiegen. Aktuell dürften wir 80 % der Lehre online durchführen, manches geht leider (noch) nicht, wie etwa der Laborbetrieb oder Live-Seminare wie mein Rhetorik-Seminar.

    Mein Berufsleben besteht aktuell aus 5-6 Stunden Video-/Telefonkonferenz am Tag – und nicht nur ich, sondern auch viele Hochschulangehörige lernen die Vorzüge des Präsenzbetriebes einer Hochschule richtig zu schätzen.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation/Lage im Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung?

    Rhetorik und Verhandlungsführung im Online-Unterricht, das wäre schon eine eher surreale Praxis; dies muss ich also leider aufschieben. Hier und bei den seltenen Begegnungen im Hochschulflur lernt man den Wert persönlicher Live-Gespräche wirklich wieder zu schätzen. Was mich umtreibt, ist die Sorge für Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Tausenden von Studierenden: Wird es uns gelingen, so vielen wie möglich den Umgang mit der Pandemie sicher zu gewährleisten und dadurch schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu vermeiden, zumindest soweit es in unserer Macht liegt? Was ich hier spüre, ist auch in vielen Gesprächen das Verantwortungsgefühl unserer Studierenden gegenüber der älteren Generation, die nach den bisherigen Erkenntnissen ja ganz dramatisch der Pandemie ausgeliefert ist. Wir rücken in der Hochschule spürbar zusammen – das macht mich optimistisch für die Zukunft.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie der Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung dauerhaft verändern wird?

    Die Hochschullehre wird nach der Pandemie eine andere sein als vorher: Wir erleben im Zeitraffer den Einzug der Digitalität in einem Maß, das ich noch vor 6 Wochen nicht für möglich gehalten habe. Und es ist überwiegend positiv zu erfahren, wie viele damit proaktiv umgehen. Ich habe mit Professoren und Studierenden vereinbart, so bald wie möglich dazu neue Entwürfe für eine Digitale Duale Hochschule zu diskutieren und Strategien zu formulieren. Dabei wird auch der soziale Umgang miteinander nicht zu kurz kommen – digitale Einsamkeit in einer pandemischen Quarantäne, das ist ein Gefühl, das gerade viele Studierende in dramatischer Weise betrifft – und das sie so wohl nicht mehr wieder erleben wollen. Man sehnt sich nach Kommunikation und Austausch – das kann gerade für meine Arbeitsgebiete Rhetorik und Verhandlungsführung ein echter Schub sein.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Rhetorik-Matrix“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Die „Rhetorik-Matrix“ setzt den „homo communicans“ voraus: Kommunikation in ihrer großen Vielfalt und auch Verhandlungsführung als Ringen um gute Ergebnisse in einem fairen verantwortungsbewussten Setting. Gerade wenn in Zeichen des „social distancing“ und der „dehumanisierten“ Online-Kommunikation diese unmittelbare Kommunikation fehlt, spüren viele, wie identitätsbildend und auch sinnstiftend handwerklich gute und gelebte Kommunikation ist. Ein gutes Verhandlungsgespräch und das Erlebnis einer guten Rede, man spürt, wie das der Seele und dem Intellekt guttut. Von daher bin ich sehr optimistisch, dass die Befassung mit diesen Bereichen in ihrer gefühlten Bedeutung in der Zukunft sicherlich nicht abnehmen wird. Wer gut kommuniziert, ist auch in solchen Krisenzeiten gut unterwegs!

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  5. Internetlinguistik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Konstanze Marx


    Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Ich bin es zwar gewohnt, im Home-Office zu arbeiten (gerade trage ich den Schreibschuldenberg kontinuierlich ab), aber vorlesungsfreie Zeit bedeutet normalerweise auch Reisen, fachlicher Austausch auf Konferenzen, das fehlt mir sehr.

    Im Institut stehen sehr viele administrative Aufgaben an, die ich natürlich lieber im direkten Kontakt mit den Kolleg*innen angehe. Nun treffen wir uns zu regelmäßigen Videokonferenzen, es ist ein akzeptabler Kompromiss. Wie sich der Lehralltag gestalten wird, zeigt sich ab dem 20.4. Ich antizipiere einen deutlich größeren Zeitaufwand, weil es mir wichtig ist, so oft wie möglich mit meinen Studierenden zu interagieren. Freiräume, in denen Ideen im Diskurs entstehen konnten, wird man kaum simulieren können. Daher ist auch die Vorbereitung der Lehre natürlich anders als sonst. Das Semester muss nun minutiös geplant werden. Es braucht noch mehr als sonst eine Kurs-Choreographie. Lehrvideos müssen gescripted und aufgenommen werden. Dazu müssen wir uns mit neuen technischen Tools auseinandersetzen. Plattformen für synchrone Lehrveranstaltungen, die von der jeweiligen Universität präferiert werden, müssen erkundet und erprobt werden. Das Wissen darüber bereiten wir gerade auch für weniger affine Kolleg*innen auf. Auch über Twitter und Padlets werden Erfahrungen geteilt, damit Kolleg*innen und Studierende an anderen Universitäten davon profitieren können.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Internetlinguistik?

    Die Internetlinguistik beschäftigt sich mit drei Fragestellungen: 1. Wie nimmt die Internettechnologie Einfluss auf unsere Sprache, auf unsere Kommunikation, auf unser Interaktionsverhalten und damit auch auf unsere Kultur? 2. Mit welchen Methoden können wir diese Prozesse untersuchen? 3. Wie können die Daten dazu erhoben, archiviert und für andere zugänglich gemacht werden? Zur ersten Fragestellung sagte ich unter 3. noch etwas. Es zeigt sich aber gerade jetzt, dass die Fragestellungen 2 und 3 vor allem kollaborativ bearbeitet werden. Forscher*innen haben ihre Vernetzungsaktivitäten einmal mehr verstärkt, und arbeiten auf mehreren Ebenen noch intensiver zusammen, um z.B. Wege zur Zugänglichkeit von Daten aufzuzeigen. Wie gut das gerade in unserem Feld ohne physischen Kontakt geht, wird dabei sehr deutlich.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich Ihr Bereich durch die Pandemie verändern wird? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

    Die Interaktion in Sozialen Medien hat immer schon problematische Aspekte im gesellschaftlichen Diskurs besonders sichtbar gemacht. COVID-19 als weltweite Krise legt sich quasi darüber und wirkt wie ein doppeltes Brennglas: Verschwörungsmythen, Wissenschaftsskepsis, Verbale Gewalt, Rassismus werden noch deutlicher. Aber auch Solidarisierungsstrategien lassen sich vermehrt beobachten. Das sind natürlich wichtige Prozesse, die internetlinguistisch untersucht werden. Darüber hinaus nutzen immer mehr Menschen bildbasierte technisch vermittelte Interaktionsformate. Es gibt natürlich schon Forschung dazu, wie diese in Alltagsinteraktionen eingebunden wird. Dass sie aber Alltagsinteraktionen und berufliche Interaktion in einem bislang nicht gekannten Ausmaß ersetzt, ist für die Internetlinguistik höchst relevant.

    Gehen Sie in Ihrem Lehr- und Arbeitsbuch „Internetlinguistik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Wir beschreiben in unserem Buch ja sprachliche Phänomene in Sozialen Medien auf unterschiedlichen Beschreibungsebenen. Typischerweise können wir neue lexikalische Phänomene (etwa Corona-Komposita, z.B. Corona-ProtesteCorostern) wieder sehr schnell beobachten, und zwar in der Social-Media-Interaktion, die sich als Datenbasis zur Zeit umso mehr anbietet. Face-to-Face-Interaktionen sind ja derzeit auf ein Minimum reduziert oder finden eben auch technisch vermittelt statt. Auch  pragmatische Phänomene, wie z.B. der Metadiskurs #Connicorona, der sich Ende März entwickelte, lässt sich mit den im Buch beschriebenen Routinen zu vergleichbaren Phänomenen beschreiben. Darüber hinaus sind die Überlegungen zur Methodik und Ethik wichtiger denn je.

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  6. Genderlinguistik als ideologisch umkämpftes Feld

    "Die umfassende Darstellung der verschiedensten Facetten der Genderlinguistik ist sehr viel mehr als ein Studienbuch: es ist nach meiner Überzeugung ein ausgezeichnetes und lesenswertes Grundlagenwerk (...) Das Werk verdient eine breite Resonanz."

    Liesel Hermes für Beiträge zur Fremdsprachenvermittlung 63 (2020)

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  7. Linguistik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Steffen-Peter Ballstaedt


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Da ich bereits im Ruhestand angekommen bin, ändert sich bei mir eigentlich wenig. Ich sitze am Schreibtisch, lese, recherchiere, schreibe und schaue zur Entspannung hin und wieder auf die Kette der Alb. In Telekursen unterrichte ich weiter und betreue Abschlussarbeiten, das geht sehr gut über Lernplattformen, über Mail, Telefon, Skype. Hier sind die neuen und sozialen Medien wirklich nützlich.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus für die derzeitige Situation zum Thema Kommunikation?

    Die Pandemie ist ein großes Feldexperiment zur menschlichen Kommunikation. Durch den äußeren Feind rücken die Menschen trotz Abstandsgebot näher zusammen: Ich bekomme Mails von Personen, von denen ich lange nichts mehr gehört habe. Die Telefonate, aber auch die wenigen Begegnungen auf der Straße dauern länger. Die Leute singen auf Balkonen und in Gärten miteinander. Vor allem der Wert von Face-to-face-Gesprächen wird allen wieder deutlich, ein Chat ist doch eine reduzierte Form der Kommunikation.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Kommunikation dauerhaft verändern wird?

    Wir lernen jetzt viele Dinge schätzen, die sonst selbstverständlich waren: Caféhausbesuche, Theater, Kino, Konzerte, gemeinsames Kochen, Reisen. Die Pandemie hat dem Glauben an fortwährendes Wachstum, an Erfolg und Effektivität einen Schuss vor den Bug verpasst. Aber an nachhaltige Veränderungen glaube ich nicht, sobald uns wieder alles zur Verfügung steht, fallen wir in das alte und bequeme Verhalten zurück. Wahrscheinlich ändert sich wenig an unserem alltäglichen kommunikativen Verhalten, es werden nur ein paar Erzählungen über die Zeit der Entbehrungen bleiben.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Sprachliche Kommunikation: Verstehen und Verständlichkeit“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Ich habe über verständliche Vermittlung von Informationen geschrieben und die sind derzeit überaus notwendig. Menschen neigen offenbar in bedrohlichen oder verängstigenden Situationen dazu, Informationen selektiv und einseitig zu verarbeiten, entweder wird dramatisiert oder heruntergespielt. Bei komplexen Themen wie Infizierung (mit und ohne Maske), Inkubation, Durchseuchung, Quarantäne, Mortalität, Immunität, exponentielle Zunahme usw. sind viele überfordert. Vor allem wird es schwierig, wenn sich im Fernsehen selbst Experten widersprechen und sich Befunde um die Ohren hauen, deren Validität man nicht nachvollziehen kann.

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  8. Argumentation \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kati Hannken-Illjes


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Verändert hat sich, dass viele Termine nun in Videokonferenzen, per Telefon oder Mail stattfinden. Dadurch wird manches knapper und kompakter, es fehlen aber oft auch die Zwischentöne, die es im Miteinander sonst gibt. Da ich momentan Studiendekanin an unserem Fachbereich bin, hat diese Zeit deutlich mehr Kommunikations- und Organisationsaufgaben mit sich gebracht. Als Lehrende bereite ich meine Vorlesung und meine Seminare so vor, dass sie auch aus der Distanz funktionieren. Das macht auch Spaß und gibt interessante Aspekte, zeigt aber auch die Grenzen des Lehrens auf Distanz.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation für Ihr Thema Argumentation?

    Die Frage, wie wir Entscheidungen unter Bedingungen von Unsicherheit treffen, ist eine essentiell rhetorische Frage und eine Frage für rhetorische Ansätze zur Argumentation. In der momentanen Situation erleben wir dies wie unter einem Brennglas. Gesellschaftliches und politisches Handeln erlangt Legitimität durch den Austausch von Argumenten – durch das Geben und Nehmen von Gründen – und durch die grundlegende Einstellung, bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen. Nun müssen wir sehr schnell aushandeln: Wer hat Glaubwürdigkeit, wer nicht, wie werden Entscheidungen begründet, welche Gründe und Topoi sind relevant? Sind das nur Gründe aus dem Feld der Virologie oder auch aus der Pädagogik, der Sozialmedizin, der Psychologie, der Politikwissenschaft usw. Wir müssen momentan Argumentationsanalyse im Schnelldurchlauf machen und zugleich brauchen wir nichts so sehr wie eine kritische Prüfung von Argumenten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie Ihr Thema Argumentation dauerhaft verändern wird?

    Ich hoffe, dass diese Krise zeigen wird, dass argumentativer Austausch die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft ist und sein muss und dass dieser nicht umgangen werden kann, wenn nicht dauerhafte negative Folgen für das Gemeinwesen entstehen sollen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch "Argumentation", auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Ich glaube ja: Die Frage „Was macht ein Argument zu einem guten Argument, wodurch erlangt es Geltung und Gültigkeit?“ ist für diese Debatte hochrelevant. Am wichtigsten ist dabei aus meiner Sicht die Spannung zwischen dialektischen und rhetorischen Ansätzen zur Argumentation. Die rhetorische Sicht interessiert sich dafür, wie und welche Argumente ein Publikum überzeugen: Sie fokussiert auf Effektivität. Ein Argument, das die Adressaten nicht erreicht, das nicht an das anschließen kann, was schon für wahr gehalten wird, läuft ins Leere. Zugleich ist hier immer eine hohe (dialektische) Skepsis angebracht, denn die reine Akzeptanz kann oder sollte – je nach Perspektive – kein Kriterium für ein gutes Argument sein. Was dann genau die Basis für die kritische Prüfung sein kann, ist umstritten: logische Schlüssigkeit, Wahrhaftigkeit, die kontrafaktische Annahme idealer Bedingungen?

    Ein weiteres Thema, das wir sowohl in dieser als auch in anderen aktuellen Debatten sehen, ist die enge Verbindung von Argumentieren und Erzählen. Argumentieren und Erzählen sind eben nicht zwei grundsätzlich entgegengesetzte Formen, einander zu überzeugen, sondern können ineinandergreifen, auch durch das Erzählen können wir argumentieren. Wenn man die Ansicht teilt, dass das Erzählen eine grundlegende Form des Verstehens und der Sinngebung ist, dann ist es vielleicht sogar eine besonders wirksame Form des Argumentierens (und hier wäre dann wieder Raum für die dialektische Skepsis …).

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