Sie sagten einmal „Menschen denken in Geschichten, nicht in Fakten." Wie erzählt man eigentlich eine Geschichte?

Weil die Frage ja so komplex ist, habe ich extra mein Buch geschrieben. Das wage ich kaum in einem kurzen Blogbeitrag zu beantworten.

Sie sind Drehbuchautor u.a. von Serien wie der „Lindenstraße“, „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, oder „In aller Freundschaft“. Aktuell planen Sie auf der Grundlage Ihres Buches ein Forschungsprojekt über African Storytelling. Was genau hat es damit auf sich?

Das Buch hat einen offenen Ansatz, der im Gegensatz zu vielen anderen Lehrbüchern aus dem Bereich nicht dominant auf ein Medium wie Film oder Literatur konzentriert ist, oder nur mit Beispielen aus der westlichen Erzähltradition arbeitet, sondern möglichst viele Perspektiven berücksichtigt. Dadurch ist das Buch auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen interessant. So wird zum Beispiel gerade an einer arabischen Übersetzung gearbeitet. Mit der nigerianischen Filmwissenschaftlerin Dr. Ezinne Ezepue arbeite ich auf Grundlage des Buches nun an der Frage, was ein afrikanischer Blick auf Storytelling wäre, der sich möglicherweise von gewohnten Ansätzen wie z.B. dem Hollywood Erzählkino unterscheidet. Wir freuen uns, dass das Projekt von der Humboldt-Stiftung gefördert wird. Und vielleicht erscheint ja in zwei Jahren das Buch über African Storytelling auch bei UTB.

Sie unterrichten an der Internationalen Filmschule Köln den Masterstudiengang „Serial Storytelling“. Wie kein anderes Medium vermag die Serie Einfluss auf ganze Generationen zu nehmen. Woran liegt das?

Erzählungen können als eine besonders wirkungsvolle Technik betrachtet werden, mit der Menschen Informationen kommunizieren. Geschichten transportieren dabei vielmehr als nur Fakten. In der Art und Weise, wie Storyteller Figuren, ein Setting oder Wendungen konstruieren und Emotionen kontextualisieren, machen sie klar, wie sie die Realität und ihre Umwelt sehen. Dabei erleben die Rezipierenden die Geschichten durch die Emotionalisierung der Erzählung und die empathische Spiegelung im wahrsten Sinne des Wortes mit. Neurobiologische Untersuchungen belegen, dass bei der Rezeption von erzählten Erlebnissen bei Erzählenden und Rezipierenden die gleichen Hirnareale stimuliert werden. Diese Areale sind wiederum die gleichen, die auch beim realen Erleben der entsprechenden Handlungen und Ereignisse aktiv sind.

Serielle Erzählungen sind aus meiner Sicht deshalb so wirkungsvoll, weil die Rezipierenden die erzählte Welt immer wieder besuchen können, sich mit den Figuren emotional verbinden und eine tiefe, intensive Beziehung mit den Charakteren eingehen können. Durch ihre Länge können serielle Erzählungen sehr viel mehr Perspektiven berücksichtigen – ein extrem wichtiger Faktor in einer Zeit, in der wir diskutieren, wie wir marginalisierte Stimmen sowie Minderheiten besser repräsentieren können, in Erzählungen wie in der Realität.  Dies sind nur einige der Faktoren, die dafür verantwortlich sind, dass Geschichten so eine nachhaltige Kommunikationsform sind und deshalb in so starkem Maß den öffentlichen Diskurs beeinflussen – oftmals mehr als eine objektivierte, faktenbasierte Kommunikation das tun würde. Dafür gibt es eine Vielzahl von wissenschaftlichen Belegen.

Was ist für Sie ein besonders gelungenes Beispiel für ein gutes „Storytelling“?

Die Storyworlds von Disney, die seit fast 100 Jahren Menschen begeistern. Märchen, die seit Jahrhunderten erzählt werden. Die Odyssee und die Ilias, die auch nach 3000 Jahren nichts von ihrer Faszination eingebüßt haben. Das Marvel Cinematic Universe, das transkulturell ein Milliardenpublikum fesselt.

Auf welche Weise kann man Stories in PR, Politik oder Wissenschaftskommunikation einsetzen?

Auf verschiedenste Weise, so wie es ganz viele Agenturen, Politiker und Marketingfachleute tun. Meine Frage wäre vor allem: Wie sollte man sie nicht einsetzen? Aus meiner Sicht sollte man keine Geschichten erzählen, die Menschen manipulieren, verführen oder belügen. Menschen glauben. Geschichten eher als Fakten, deshalb hat man als Geschichtenerzähler auch immer eine große Verantwortung.

Warum braucht es noch ein englisches Buch zu Storytelling? Gibt es da nicht genügend aus dem amerikanischen Raum?

In dem Buch werden das erste Mal verschiedene dramaturgische Theorien, akademische Ansätze, aktuelle Forschungsliteratur und praktische Erfahrung miteinander verbunden. Dieser Ansatz fehlt bislang noch im englischsprachigen Raum. Zudem hat das Buch durch seinen modularen Aufbau einen sehr offenen Ansatz und ist weniger direktiv als die amerikanischen Dramaturgie-Ratgeber, die sehr apodiktisch den Ansatz des Hollywood-Erzählkinos verfolgen. Da ist wenig Platz für neue erzählerische Phänomene wie Games oder andere Erzähltraditionen aus Asien oder Afrika. Gerade wenn wir über eine neue Diversität im Erzählen sprechen, müssen wir uns dem Thema Dramaturgie mit einer Offenheit nähren, die auch Platz für andere Stimmen bietet. Was manche Leser kritisieren ist, dass mein Buch keine Bauanleitung für Geschichten liefert, sondern nur die Werkzeuge und Elemente zeigt, mit denen man eine gelungene Geschichten erzählen kann. Den kreativen Prozess ersetzt das natürlich nicht. Will es auch nicht – der soll den Leser*innen überlassen werden, die ihre eigenen Geschichten kreieren wollen. Mein Buch ist nur eine Hilfestellung und ein Werkzeugkasten.  

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