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  1. Frauen im Tourismus


    Am 27. September ist Welttourismustag. Die Mehrheit der Beschäftigten im Tourismus sind weiblich, gut ausgebildet und engagiert. Für viele Frauen stellt der Tourismus eine große Chance dar. Aber: Es gibt auch Schattenseiten. Ein Interview mit der Professorin für Tourismussoziologie Kerstin Heuwinkel:

    Was hat Sie als Frau dazu bewogen, ein Buch über Frauen im Tourismus zu schreiben?

    Die Tatsache, dass in einer Branche mit einem vergleichsweise hohen Anteil weiblicher Arbeitskräfte Frauen oft unsichtbar sind und die genderbasierte Segregation stellenweise noch ausgeprägter als in anderen Bereichen ist, hat meine Neugier geweckt. Der Aspekt eine Frau zu sein, spielt insofern eine Rolle, als dass ich unbeschwerter als ein Mann an dieses Thema gehen konnte. Und natürlich habe ich eigene Erfahrung basierend auf meiner Genderidentität gemacht.

    Im Tourismus arbeiten mehrheitlich Frauen. Das klingt in Puncto Frauenförderung doch erst einmal sehr gut, oder?

    Auf diesem Argument ruht sich die Tourismusindustrie gerne aus. Der hohe Anteil geht aber einher mit wenig qualifizierten Jobs, mangelnder Qualifizierung, informellen Beschäftigungen bis hin zu schlechten Arbeitsbedingungen und sexueller Ausbeutung. Frauenförderung setzt Entwicklung voraus – sowohl bezüglich der Inhalte und Positionen als auch bei der finanziellen Förderung, wenn es um Selbstständigkeit geht.

    Sie schreiben in Ihrem Buch „Tourismus gründet somit auf Ungleichheiten“. Was meinen Sie damit?

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    Die oft niedrigen Preise für touristische Dienstleistungen bzw. die unfaire Verteilung der Einnahmen basieren auf gering bezahlten Jobs und schlechten Arbeitsbedingungen – sowohl für Männer als auch für Frauen – , wobei Frauen oft schlechter gestellt sind als Männer. Die Bedingungen werden akzeptiert, weil Tourismus oft die einzige Chance bietet, überhaupt eine Arbeitsstelle zu finden und wegen der fehlenden Möglichkeit die eigenen Interessen zu vertreten. Hinzu kommt, dass bei der Nutzung natürlicher Ressourcen wie bspw. Wasser oft die Auswirkungen auf die lokale Bevölkerung nicht betrachtet werden. Auch hier sind Frauen wieder besonders belastet, da sie aufgrund ihrer Verantwortung für die Familie stärker von Umweltbedingungen und -veränderungen beeinflusst werden.

    Wie kann der Tourismus besser zur Stärkung und Gleichstellung von Frauen beitragen?

    Zunächst ist eine höhere Wertschätzung (sowohl ideell als auch monetär) des Tourismus und der dort geleisteten Arbeit erforderlich. Darauf aufbauend müssten Frauen stärker in Entscheidungen einbezogen sein und in die Lage versetzt werden, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Eine grundlegende Bedingung ist die Schaffung eines sozialen Umfeldes, welches Frauen, die es wollen, dabei unterstützt sich aus anderen Verpflichtungen zu lösen. Das schließt auch flexiblere Arbeitsmodelle für Männer ein. Noch drängender ist jedoch der Schutz von Frauen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen unabhängig vom Geschlecht, vor sexueller Ausbeutung im Tourismus.

    Hat Sie persönlich die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, schon einmal bei einer Reiseentscheidung beeinflusst?

    Ich habe alle Reisen unternommen, die ich unternehmen wollte und trete auch als allein reisende Frau selbstbewusst auf. Allerdings gibt es Situationen, die ich meide bzw. bei denen ich zweimal hinschaue. Eine aktuelle Herausforderung ist der Umgang mit Ländern, in denen Frauen offen unterdrückt werden.

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  2. Reisetrends der Deutschen: 3 Fragen an Julian Reif


    © Deutsches Institut für Tourismusforschung

    Julian Reif ist Vorstand des Deutschen Instituts fürTourismusforschung und Mitherausgeber des "Tourismusatlas Deutschland".

    Welche Reisetrends beobachten Sie aktuell bei Urlaubern?

    Die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass sich die Präferenzen änderten. So beobachteten wir bspw. eine verstärkte Nutzung des eigenen PKW als Anreisemittel, Ferienwohnungen und -häuser, Reisemobile waren stark nachgefragt oder auch Reiseformen wie Camping, die das Social Distancing erlauben, waren und sind immer noch im Trend. Mit Blick auf die Reiseziele ist und bleibt Deutschland das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Auch wenn die starke Inlandszuwendung aus dem Jahr 2020 im vergangenen Jahr nicht mehr so stark zu beobachten war, verreisen die Deutschen auch weiterhin im Inland. In Bezug auf die Aktivitäten zeigte sich während der Pandemie ein Boom der Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern oder Ähnliches. Auf der anderen Seite verzeichnen Indoor-Aktivitäten, insbesondere Events, deutliche Rückgänge. In Summe orientieren sich die Urlauber jedoch am bewährten Reiseverhalten. So ist „Abstand zum Alltag haben“ für die meisten Menschen seit vielen Jahren ein wichtiges Motiv im Urlaub. Derzeit sehen wir einen Anstieg von hedonistischen Motiven im Urlaub, wie Spaß und Freude haben, sich verwöhnen lassen oder auch gesundheitliche Aspekte. Dies ist sicherlich einem gewissen Nachholeffekt von Corona geschuldet, bei dem man sich nun etwas gönnen möchte. Ein weiterer Indikator für diesen Effekt ist die große Reiselust der Deutschen: Rund 61% der Deutschen haben Lust zu verreisen – ein neuer Höchstwert. Gleichwohl werden sich sicher nicht alle Reisepläne in konkrete Buchungen überführen lassen.

    Was wird sich hier in den nächsten Jahren tun?

    Wir gehen davon aus, dass die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – und zwar auf allen Ebenen – die Branche in den nächsten Jahren stark beschäftigen werden. Das Thema „Digitales Besuchermanagement“, also das Messen von Touristenströmen mit Hilfe von sensorbasierten Messinstrumenten, sei es lokal oder global, und das Ausspielen dieser Informationen an potenzielle Besucherinnen und Besucher wird eine wichtige Rolle im Destinationsmanagement spielen. Nicht nur aufgrund der gestiegenen Anforderungen durch die Corona-Pandemie, sondern auch um die durch Menschenansammlungen entstehenden negativ wahrgenommenen Effekte seitens der Einwohnerinnen und Einwohner aber auch der Touristinnen und Touristen selbst zu minimieren. Dies wird nicht nur im urbanen Raum eine wichtige Rolle spielen, sondern auch in ländlichen, besonders tourismusintensiven Regionen.

    Mit Blick auf die Nachhaltigkeit schreiben wir der Tourismusakzeptanz der Einheimischen zukünftig eine wichtige Rolle zu. Wurde bis vor kurzem die Sicht der Einwohnerinnen und Einwohner auf die touristische Entwicklung in ihrem Ort nur unzureichend in touristischen Entwicklungskonzepten berücksichtigt, erscheint aus derzeitiger Sicht eine nachhaltige Tourismusentwicklung in den Destinationen ohne eine Berücksichtigung dieser Perspektive als unmöglich. Bundesweit beobachten wir seit 2019 zwar eine allgemein positive Einstellung der Einheimischen gegenüber dem Tourismus, jedoch sehen wir eine Tendenz zur Stagnation. In Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit haben wir es weiterhin mit einem paradoxen Verhalten zu tun: Auf der einen Seite sagen 47% der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren, dass ihr Urlaub möglichst ökologisch verträglich, ressourcenschonend und umweltfreundlich sein soll, und auf der anderen Seite war lediglich bei 5% der Urlaubsreisen Nachhaltigkeit der entscheidende Faktor bei der Angebotswahl. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist seit langer Zeit als „Attitude Behavior Gap“ bekannt und es wird darauf ankommen, Angebote so nachhaltig zu gestalten, dass sie nicht aufgrund der Nachhaltigkeit gebucht werden, sondern weil sie die Bedürfnisse der Nachfrage befriedigt.

    Wird der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen haben?

    Die Auswirkungen der fürchterlichen und dramatischen Lage in der Ukraine lassen keine seriösen Prognosen auf das Reiseverhalten der Nachfrage und die Tourismusbranche zu. Allerdings ist jetzt schon deutlich, dass die steigenden Energiepreise sich auswirken werden. Dies trifft nicht nur erdgebundene Reisen mit dem PKW durch die derzeit stark ansteigenden Preise für Treibstoff, sondern auch Fluggesellschaften geben die steigenden Energiekosten über die Ticketpreise an die Kundinnen und Kunden weiter. Dies betrifft dann aller Voraussicht nach die Urlaubsziele am Mittelmeer. Durch die derzeitige Situation einer möglichen Stagflation, also einer gleichzeitigen Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung und einer Inflation, besteht die Gefahr, dass den potenziellen Touristinnen und Touristen weniger Geld zum Reisen übrigbleibt. Allerdings sind die Grundvoraussetzungen für touristische Reisen (Lust, Geld und Zeit) bei den Deutschen gegeben. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Tourismus sich bei exogenen Krisen wie Terroranschlägen oder Naturkatastrophen recht resilient gezeigt hat. Die Nachfrage an Reisen blieb relativ stabil, es änderten sich lediglich die Reisezielpräferenzen oder ausgeführte Aktivitäten.

    Der Autor: Dr. Julian Reif, Vorstands- und Gründungsmitglied des Deutschen Instituts für Tourismusforschung, studierte an den Universitäten Bonn und Fribourg Geographie mit den Nebenfächern Soziologie und Ethnologie. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Deutschen Institut für Tourismusforschung (ehemals Institut für Management und Tourismus) der FH Westküste. Seine Forschungsinteressen sind touristische Nachfragetrends, Städtetourismus, Auswirkungen des Tourismus und aktionsräumliches Verhalten.

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  3. ITB BuchAwards 2022: Auszeichnung für Prof. Albrecht Steinecke

    ITB Buch-Awards 2022

    Stolz dürfen wir verkünden, dass sich auch in diesem Jahr wieder aus der Riege unserer Autor:innen eine Person über eine verdiente Auszeichnung freuen kann:

    Prof. Albrecht Steinecke wurde mit dem ITB BuchAward 2022 in der Kategorie "LifetimeAward/Autor" ausgezeichnet!

    Wir gratulieren unserem Autor Prof. Albrecht Steinecke zu diesem Award! Der Tourismusforscher und Publizist ist langjähriger Autor im UVK Verlag und hat das Tourismus-Programm mit zahlreichen Publikationen (u.a. auch einige utb-Titel) bereichert.

    Der Autor: Nach dem Studium in Kiel und Dublin war Prof. Dr. Dr. h. c. (BSU) Albrecht Steinecke zunächst Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin und der Universität Bielefeld. Zu den weiteren beruflichen Stationen zählen langjährige Tätigkeiten als Geschäftsführer des Europäischen Tourismus Instituts GmbH (Trier) und als Hochschullehrer an der Universität Paderborn. Auf der Grundlage seiner Forschungs- und Beratungserfahrungen hat er zahlreiche (teilweise preisgekrönte) Studienbücher zu aktuellen touristischen Themen verfasst.

    Der Preis: Mit den ITB BuchAwards zeichnet die ITB Berlin jährlich nationale und internationale Publikationen aus, vorrangig in deutscher Sprache oder in deutscher Übersetzung.

    https://www.itb.com/de/presse/pressemitteilungen/news_3392.html?referrer=/presse/pressemitteilungen/#news-de-3392

     

     

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  4. Tourismus \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Eigentlich stand in diesem Sommersemester mit Beginn am 1. April ein Forschungssemester in Kapstadt an. Es ging thematisch um „Female Empowerment in Tourism“. Aufgrund der Reisebeschränkungen musste ich dieses Vorhaben verschieben und werde ab nächster Woche Vorlesungen anbieten – allerdings online via Moodle und Microsoft Teams. Dementsprechend viel Zeit verbringe ich aktuell damit, meine Skripte zu erweitern und zu vertonen. Hinzu kommt, dass es momentan die Trennung zwischen Beruf und Familie nicht gibt, da die Kinder keine Schule haben und zuhause betreut werden müssen.

    Was ist aus Ihrer soziologischen Perspektive die gravierendste Veränderung auf den Tourismus durch das Virus?

    Kurz- und mittelfristig gesehen wird vielen Menschen bewusst werden, wie tief verwoben das Reisen mit ihrem Leben ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir über Jahrzehnte gereist sind, ist verschwunden und wir werden uns über jeden Ausflug freuen. Viele Unternehmen werden die Krise nicht überstehen. Langfristig bleibt abzuwarten, ob die beschriebene Wertschätzung auch dazu führt, dass im Tourismus tätige Personen stärker geschätzt werden. Wichtig wäre es, bereits jetzt an veränderten Angeboten und Strukturen zu arbeiten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Tourismus durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Das ist kaum zu beantworten, da diese weltumfassende Krise einmalig ist. Bisher hat sich der Tourismus jedoch von allen Krisen erholt.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Tourismussoziologie“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Ja. In Kapitel 4.1 gehe ich auf Bedrohungen ein. Die Aussagen können übernommen werden. Ich beziehe mich darauf, wie Menschen auf Krisen reagieren und wie Tourismus als System reagiert.

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