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  1. Corona-Krise als Beschleuniger der New Work Idee?

    In der Personalführung besteht die Kunst darin, weder ins eine noch ins andere Extrem zu verfallen, weder blauäugig noch orientierungslos zu agieren, sondern durch eigene Reflexion das zu tun, was die bloße Verleihung einer hierarchischen Position allein nicht zu leisten vermag: wirklich zu führen.

    Ein Klassiker in der Literatur für Führungskräfte ist das Buch "Führen und führen lassen", das mittlerweile in der 9. Auflage erscheint. Für diese Auflage wurden Inhalte aktualisiert, das Thema New Work als ein seit einiger Zeit beliebtes Beratungs- und Gestaltungskonzept in einem eigenen Kapitel gewürdigt und nach bewährtem Prinzip mit Fallbeispielen aus der Führungspraxis illustriert und angereichert, Literatur aktualisiert und das Sachverzeichnis verbessert.

    Einen kleinen Vorgeschmack liefert uns unser Autor Dr. Bernd Blessin. Er ist zusammen mit Alexander Wick, Autor der Neuauflage von "Führen und führen lassen". Wir haben mit ihm über das Thema New Work gesprochen. Der unten stehende Link führt zum YouTube-Video.

    Autoreninformation:

    Dr. Bernd Blessin war nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und Promotion zum Dr. oec. an der Universität Hohenheim in Stuttgart im Gerling-Konzern und anschließend bei der Coca-Cola Erfrischungsgetränke AG in verschiedenen Personalleitungsfunktionen tätig. Seit 2010 ist er Leiter Personal und Organisation sowie seit 2017 zusätzlich Leiter Recht und Compliance (CCO) bei den VPV Versicherungen. Er ist im Aufsichtsrat der Vereinigte Post. Die Makler-AG und im Präsidium des Bundesverbandes der Personalmanager (BPM). Von 2010 bis 2014 war er Dozent an der EWA Madrid, welche zur Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) gehört. Dr. Alexander Wick ist Professor für BWL, insb. Personalwirtschaft an der Internationalen Berufsakademie Darmstadt. Seine Forschungsschwerpunkte sind Personalauswahl, Mitarbeiterbindung, virtuelle Kooperation sowie Kompetenzdiagnostik und -entwicklung.

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  2. Globalisierte Welt gleich globalisierte Kommunikation?



    Ein Interview mit Dr. Anne Grüne und Prof. Kai Hafez von der Universität Erfurt über die Blockaden der globalen Kommunikation

    Gibt es eigentlich schon eine funktionierende „Globale Kommunikation?“

    Die gibt es durchaus, und zwar in allen Feldern: in den klassischen Medien, in sozialen Medien ebenso wie in der grenzüberschreitenden Interaktion von politischen Systemen, im Bereich der Wirtschaftskommunikation wie auch in der weiteren Gesellschaft und zwischen Individuen, im Alltag, im Tourismus usw. Das Problem ist aber, dass sich Umfang und Qualität der Kommunikation nicht so einheitlich positiv entwickeln, wie oft gedacht wird, wenn davon die Rede ist, dass wir in einem „Zeitalter zunehmender globaler Vernetzung“ leben. Mythos und Realität vermischen sich hier stark und in vielen Bereichen bleibt unsere globale Kommunikationsfähigkeit hinter den dynamischen Austauschbeziehungen gerade im globalen Wirtschafts- und Warenverkehr zurück. Eine Welt vernetzt sich, mit der wir aber nicht immer hinreichend im Austausch stehen. Daraus entsteht bei vielen Menschen Unverständnis und Widerstand – eine Sprachlosigkeit, die gerade rechte politische Kräfte für sich zu nutzen suchen, wenn sie ihre neonationalistischen Projekte betreiben. Die kommunikative Bewältigung des globalen Wandels gelingt nur sehr begrenzt. Wir zeichnen diese Probleme theoretisch nach und versuchen, den empirischen Forschungsstand darzulegen. Wir glauben, dass ein solcher Überblick nötig ist, um die Fort- wie auch die Rückschritte der globalen Beziehungen besser zu verstehen. 

    Wer sind die Träger dieser Kommunikation?

    In unserem Buch sprechen wir hier zum Teil von globalen Informations- und Kommunikationseliten, die wir von den oft stärker lokal verhafteten Menschen abgrenzen. Wir verwenden dabei keinen traditionellen Elitenbegriff, sondern einen dynamischen. Elite kann jede/r sein, Sie, ich, wir, gerade die neuen digitalen Medien eröffnen hier neue Chancen. Der Elitenbegriff weist aber durchaus darauf hin, dass globalen Kommunikationskompetenz auch eine Ressource von Macht ist, die durchaus gleichwertig mit den klassischen Kapitalsorten wie „Gewalt“ und „Kapital“ sein kann. Hier liegt aber zugleich aus unserer Sicht ein Problem, da die Fixierung auf „Medien“ – Presse, Rundfunk, digitale und soziale Medien – als Träger der globalen Moderne – in sozialen Bewegungen, in Lebenswelten und zunehmend auch in politischen Institutionen – die direkte zwischenmenschliche Kommunikation immer mehr in den Hintergrund drängt. Unsere Analyse zeigt aber, dass in nahezu allen Bereichen der Gesellschaft globale Kommunikation de facto in hohem Maße auf diesen direkten Begegnungen basiert und diese Welt in nicht geringem Maße stabilisiert – man denke nur an die klassische Diplomatie. Die Vorstellung einer zunehmenden und wünschenswerten Mediatisierung von Globalisierung bietet daher neben Chancen auch zahlreiche Risiken. Wir beobachten diese Welt mehr als dass wir mit ihr interagieren. Wir bilden eine Weltgesellschaft, die zugleich ohne einen Weltstaat auskommen muss und in der wir möglicherweise eher die Potentiale großer und kleiner Weltgemeinschaften im Blick behalten sollten, die durch direkte Interaktion entstehen können: mit „dem Fremden“ reden statt über ihn oder sie; den anderen als theoretisches Subjekt ernst nehmen, statt ihn oder sie nur als empirische Evidenzmasse zu behandeln. Die Blockaden der globalen Kommunikation entstehen auch durch eine Technik- und Medienfixierung der Moderne, die eine Aneignung des Globalen in letzter Instanz unmöglich macht.   

    Stehen nicht unterschiedliche kulturelle Konzepte von Gesellschaften und der Kommunikation in ihnen einer funktionierenden globalen Kommunikation entgegen?

    Genau das halten wir für völlig unbelegt und wissenschaftlich überholt. „Kultur“, „Nation“ und „Religion“ werden kommunikativ konstruiert und wenn kulturelle und rassistische Feindbilder existieren hat dies am Ende wenig mit einer mythologisierten Essenz – einem vermeintlichen asiatischen, westlichen, islamischen Wesen usw. – und vielmehr mit konkreten Akteuren und ihren Interpretationen und Deutungen der Welt zu tun. Es gibt am Ende keine einheitlichen Identitäten, sondern bestenfalls kommunizierte Stereotope, die uns eine Unvereinbarkeit der Welt suggerieren wollen. Gerade die großen Institutionen wie die Massenmedien spielen hier eine Rolle als hochproblematische Weltbildapparate, die uns zu oft eine chaotische Außenwelt suggerieren und dabei im Grunde vor allem ihre eigenen Vorurteile und die ihrer Politiker*innen und Mediennutzer*innen widerspiegeln. Die weißen Flecken unserer Nachrichtengeographie sind unglaublich beharrlich und lassen auch in der Moderne uralte Klischees hochgradig virulent erscheinen. Ob „böse Chinesen“, „faule Griechen“ oder „fanatische Muslime“: wir kriegen das alles jeden Tag frei Haus in unser Wohnzimmer geliefert, wir verstehen es aber oft nicht. Natürlich gibt es auch exzellente Auslandsberichterstattung – aber Umfang und Qualität könnten oft besser sein und die ehemalige revisionistische Haltung, dass die Massenmedien – und übrigens auch die Sozialen Medien – an der Globalisierung strukturell scheitern, hat sich längst als neue orthodoxe Lehrmeinung in der Wissenschaft durchgesetzt. Auch das diskutieren wir in unserem Buch und wir versuchen zumindest ansatzweise alternative Entwicklungswege für die Zukunft aufzuzeigen.

    Was muss geschehen, um eine professionelle, auf journalistischen Maßstäben basierende, globale Kommunikation möglich zu machen?

    Die Massenmedien müssen sich aus der Umklammerung durch den Nationalstaat befreien. Ein transnationales Mediensystem – ein Weltmediensystem – gibt es ja bis heute überhaupt nicht. Die Vorzeigesender wie CNN oder Al-Jazeera sind alle fest in der Hand nationaler Eigentümer, die zwar einen globalen Anspruch hegen, im Grunde aber sehr deutlich ihre jeweiligen nationalen Agenden verfolgen. Wenn „journalistische Maßstäbe“ bedeutet, dass Medien die Welt objektiv betrachten sollten, dann müssen wir mehr, ausgewogener und viel kontextbezogener über die Welt berichten. Die „Domestizierung“ von Nachrichten, das zeigen wir in dem Handbuch, ist ein weltweit von Forscher*innen nachgewiesenes Phänomen, das überall ähnlich abläuft und hochgradig „schräge“ Weltbilder erzeugt. Komplizierte Prozesse wie den Aufstieg Chinas zur Weltmacht oder die kulturelle Bewältigung des Postkolonialismus in der islamischen Welt können wir so nicht verstehen. Eine Reform der Medien ist erforderlich, die nicht nur die journalistische Profession verändert (Stichwort interkulturelle Kompetenz und Ausbildung), sondern auch die Bindung der Medien an kapitalistische Absatzinteressen und den starken Einfluss staatlicher politischer Propaganda hinterfragt. Ein transnationales Mediensystem wäre hier ein Fernziel – eine stärkere Förderung einer kosmopolitischen Medienethik ein durchaus realistisches Nahziel.

    Autoreninformation:

    Prof. Dr. Kai Hafez ist Inhaber der Professur für Kommunikationswissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Analyse von Mediensystemen / Kommunikationskulturen an der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

    Dr. Anne Grüne ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Seminar für Kommunikationswissenschaft der Philosophischen Fakultät der Universität Erfurt.

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  3. Philosophie \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Dagmar Fenner


    Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Da ich schon immer zuhause gearbeitet habe und der größte Teil der Kommunikation über E-Mail, Telefon oder Skype erfolgt, ändert sich für mich persönlich wenig. Nur die geplanten Vorträge an Tagungen oder Symposien fallen natürlich aus oder werden auf den Herbst verschoben.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Ethik?

    In der Ethik werden zwei Bereiche unterschieden, in denen es anlässlich der aktuellen Pandemie zu beträchtlichen Veränderungen gekommen ist: Die Individual- oder Strebensethik befasst sich mit dem guten und glücklichen Leben des Einzelnen. Für die meisten Menschen verengt sich gerade der Handlungsspielraum so stark, dass ihr psychisches Wohlbefinden in Gefahr ist. Viele können das Zusammensein mit Freunden und Verwandten schwer missen, Eltern kommen durch Homeoffice und gleichzeitige Kinder- und Hausaufgabenbetreuung an ihre Belastungsgrenzen und Soloselbständige sehen ihre jahrelang mühsam erarbeitete Existenz bedroht.

    Aus der sozialethischen oder moralischen Perspektive bemüht man sich demgegenüber um ein respektvolles und gerechtes Zusammenleben der Menschen. Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr sind im Zeichen der Solidarität paradoxerweise alle Gesellschaftsmitglieder zur sozialen Distanz aufgerufen. Da jeder Mensch ein potentielles Risiko für die eigene Gesundheit oder gar das Leben darstellt, wächst die Angst und das gegenseitige Misstrauen in der Öffentlichkeit. Während viele Menschen panisch egoistische Hamsterkäufe tätigen, lässt sich aber auch eine erhöhte Hilfsbereitschaft z.B. bei Einkäufen für ältere Menschen in der Nachbarschaft beobachten.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie ethische Fragestellungen (dauerhaft) verändern werden? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

    Von der Pandemie sind kaum direkte Impulse für neue Forschungsrichtungen in der Ethik zu erwarten. Bei der in meinem Band vorwiegend behandelten Allgemeinen Ethik geht es um eine zeit- und kontextunabhängige Begründung allgemeiner Kriterien oder Prinzipien zur Beurteilung des menschlichen Handelns. Es werden also z.B. zentrale Werte oder Rechte wie Leben, Gesundheit, Freiheit oder Bildung erörtert, die in der aktuellen Krisensituation bedroht sind, teilweise in Konflikt miteinander geraten und in gesellschaftlichen und politischen Debatten gegeneinander abgewogen werden müssen: Wie weit dürfen etwa die moralisch schützenswerten Rechte auf Freiheit und Bildung des Einzelnen vom Staat eingeschränkt werden, um Leben und Gesundheit aller Bürger zu schützen?

    Für die Diskussionen der Angewandten Ethik, die solche allgemeine Beurteilungskriterien oder Prinzipien auf konkrete gesellschaftliche Probleme oder Handlungsfelder anwendet, steuert die Krise einige interessante Anschauungsbeispiele bei.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Ethik. Wie soll ich handeln?“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Es ergibt sich ein Konflikt zwischen verschiedenen ethischen Grundtypen oder Begründungsmodellen, die ich in meinem Buch ausführlich darlege: Aus Sicht der konsequentialistischen Ethik zählen bei der ethischen Beurteilung des Handelns allein die Handlungsfolgen. Die in der Krise zu ergreifenden Maßnahmen müssen sich entsprechend mit Blick auf den zu erwartenden Gesamtnutzen bzw. die Minimierung der Schadenssumme rechtfertigen lassen. Das können z.B. möglichst geringe wirtschaftliche Einbußen oder möglichst wenig Freiheitsbeschränkungen sein. Während es eine ethische Frage ist, welche Werte zu berücksichtigen oder vorrangig sind, müssen Virologen oder Wirtschaftsanalysten die empirische Frage klären, bei welchen konkreten Maßnahmen welche Konsequenzen zu erwarten sind. Problematisch sind solche konsequantialistisch-utilitaristische Überlegungen, weil einzelne Menschen oder Randgruppen wie z.B. betagte Menschen der Hochrisikogruppe für den Gesamtnutzen geopfert werden könnten.

    Gemäß der deontologischen Ethik haben jedoch alle Menschen unverletzliche moralische Rechte wie diejenigen auf Würde und körperliche Unversehrtheit, sodass sie auch für einen noch so großen (z.B. wirtschaftlichen) Nutzen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Aus dieser kantianischen Sicht darf menschliches Leben also nicht gegen ‚Dollars‘ verrechnet werden. Allerdings können Einkommenseinbußen infolge eines stillgelegten Unternehmens auch die Existenz vieler Familien bedrohen oder die verminderten Steuereinnahmen zu geringeren staatlichen Transferleistungen führen.

    Höchst dramatisch sind natürlich akute Ausnahmesituationen wie in italienischen Krankenhäusern, in denen die Ärzte aufgrund der gegebenen Umstände wie z.B. mangelnde Beatmungsgeräte oder Intensivbetten nicht allen infizierten Patienten helfen können. Nur in solchen medizinischen Notfällen dürfen konsequentialistische Prinzipien wie etwa das der Triage zum Einsatz kommen, indem z.B. Patienten mit besseren Überlebenschancen vorrangig behandelt werden.

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  4. Bildethik

    "Das Buch bietet einen hohen Praxisbezug, widmet es sich doch der Berichterstattung aus Krisenregionen ebenso wie den diversen Diskussionen rund um die Bildverwendung, aber auch ganz konkreten Einsatzfelder aus der Körperfotografie. Schicha stellt hier der künstlerischen und unternehmerischen Praxis einen weiten Entwurf an normativ-ethischen Überlegungen gegenüber."

    Quelle: Netzwerk Medienethik, Juni 2021 

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  5. Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Christof Seeger und Julia F. Kost



    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Christof Seeger: Im Moment ist der eigentliche Semesterstart mit Präsenzveranstaltungen verschoben. Wir arbeiten gerade verstärkt an Veranstaltungsformaten des Distance Learning. Eine neue didaktische Erfahrung. Allerdings ist die Hochschule der Medien schon recht weit und wir haben den Vorteil, dass viele unserer Themen tatsächlich auch über digitale Kanäle kommuniziert werden können.

    Julia F. Kost: Als Dozentin bin ich ebenfalls dabei, meine Vorlesung für eine mögliche digitale Umsetzung vorzubereiten. Als Consultant muss ich für meine Kunden & Projekte natürlich ebenfalls umplanen – wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Wochen alle aus dem Homeoffice. Workshops, Abstimmungen und Konzeptarbeit im Team (ohne physisch im selben Raum zu sein) sind natürlich eine Herausforderung. Genauso die langen Stunden vor dem Bildschirm, ohne den nun leider gar nichts mehr geht.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Influencer und ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Christof Seeger: Ich sehe da speziell für die Influencer überhaupt keine große Veränderung in den Aktivitäten. Vielleicht haben viele Influencer sogar noch mehr Zulauf, da die Menschen zu Hause häufiger und intensiver im Internet unterwegs sind. Eine Einschränkung besteht nur in öffentlichen Auftritten. Aber im Netz ist ja alles wie gehabt.

    Julia F. Kost: Die Aktivitäten in Social Media sind natürlich nach wie vor möglich. Was den Influencern sicher fehlt, sind Gelegenheiten für Content – denn auch sie müssen ja nun „aus dem Homeoffice“ arbeiten, was je nach Schwerpunkt-Thema durchaus ein Problem darstellen kann. Reisen und Events, von denen man berichten kann, sind nicht möglich, es fehlt an Abwechslung bzgl. Drehorten, Alltag, Tätigkeiten etc.

    Eine weitere Herausforderung ist natürlich der „Freeze“ in der sich die Marketingwelt allgemein befindet. Es wurden sicher einige bereits geplante Kooperationen abgesagt aufgrund der Pandemie. Verständlicherweise, denn allzu fröhliche Werbung, die der Situation vielleicht sogar widerspricht, könnte bei den Zielgruppen durchaus Empörung auslösen. Wer hier schnell agiert und kreative Konzepte vorschlägt, die die Situation reflektieren, kann aber auch hier entgegenwirken.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Influencer Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Christof Seeger: Ich wage hier keine Prognose. Die Gesellschaft wird sich sicherlich verändern. Ein einfaches Zurück wird es so nicht geben. Wie und in welcher Form ist heute nicht absehbar. Es hängt sicherlich davon ab, wie lange das Virus unser öffentliches Leben beeinträchtigt.

    Julia F. Kost: Eine Prognose möchte ich auch nicht abgeben, aber eine Hoffnung kann ich äußern: In der Krise wird sich zeigen, wer wirklich etwas zu sagen hat. Kleine und große Influencer, die ihrer Community auch in der aktuellen Situation Orientierung geben (als Meinungsführer), authentische Inhalte liefern (kreativ & flexibel, ohne ihre Stimme zu verlieren) und die verantwortungsbewusst mit ihrer Reichweite umgehen, werden ohne Probleme die Krise überstehen (z.B. @annesauer91, Fechtmeisterin). Sie können ihre Community stärken, die Leute noch enger an sich binden und eventuell sogar ihre Reichweite ausbauen, weil sie durch ihre guten Inhalte weiterempfohlen werden. 

    Die weniger „guten“ Influencer, die mit viel heißer Luft arbeiten, bekommen Glaubwürdigkeitsprobleme und langweilen oder verprellen im schlimmsten Fall ihre Community mit nichtssagenden Inhalten, die nicht auf die Corona-Situation eingehen oder sich sogar über diverse Regeln hinwegsetzen.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Influencer Marketing“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Christof Seeger: Wie schon erwähnt, ist die digitale Wirtschaft im Prinzip ja unabhängig von klassischen Methoden. Es kommt jetzt darauf an, wie die Unternehmen reagieren. Viele haben nachvollziehbarerweise nun eher existenzielle Sorgen, als sich um neue Vermarktungs- und Kommunikationswege zu kümmern, dennoch kann das Influencer-Marketing insgesamt an Bedeutung gewinnen, da viele Messen und direkten Kontakte im Moment nicht existieren.

    Julia F. Kost: Wir beschreiben in einem Exkurs in Kapitel 2.3 den Zusammenhang von Influencern und Popkultur. In einer gesellschaftlichen Krise gerät die bisherige Gewichtung von „Pop Life“ und „Alltag“ aus den Fugen. Alltägliche Bedürfnisse, die lange als „erfüllt“ wahrgenommen wurden, sind nicht mehr ganz so selbstverständlich (egal ob Einkaufen, Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung). Das Pop Life gerät somit etwas in den Hintergrund, ist aber gleichzeitig wichtig als emotionaler Ausgleich. Wenn sich die Bedürfnisse in der Gesellschaft so verändern, verändern sich auch die Erwartungen und Wünsche an Meinungsführer.

    Die Daseins-Berechtigung für Influencer ist ja nicht das Marketing, das man mit ihnen gestalten kann. Sie sind in erster Linie Meinungsführer oder Experten, die fachliche und/oder soziale Autorität und Vorbildfunktion besitzen und eine digitale Community unterhalten, die ähnliche Werte pflegt wie der Influencer selbst. Welche Eigenschaften einen klassischen Influencer ausmachen, haben wir im Buch ausführlich beschrieben (Kapitel 2) genauso die Kriterien für einen „hochwertigen“ Influencer (Kapitel 5.4), die zwar vor dem Hintergrund einer Markenkooperation aufgearbeitet sind, aber allgemein gültig sind.

    Für Unternehmen, die trotz der Krise (Influencer) Marketing betreiben, gilt noch stärker als vorher: auf den Marken-Fit achten und Influencer in ein Gesamtkonzept einbinden! (Kapitel 4 und 5)

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  6. Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Bernd Blessin


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    In meiner Tätigkeit als Leiter Personal und Organisation, Recht und Compliance (CCO) eines mittelständischen Versicherungsunternehmens sowie als Mitglied des Notfallteams bin ich aktuell doppelt gefordert. Neben der Aufrechterhaltung der operativen Arbeit in beiden Bereichen gilt es nun auch, diese Krise für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unser Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu gestalten oder ganz neue Lösungswege zu finden. „Arbeitsalltag“ ist passé! Die Veränderungen sind massiv und kommen fast stündlich. Das bedeutet: Entscheidungen von heute sind morgen vielleicht schon wieder obsolet und müssen neu getroffen werden.

    Was ist die gravierendste Veränderung für Führungskräfte hinsichtlich ihrer Aufgaben und Herausforderungen durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    An zwei Beispielen aus meinem Unternehmen will ich die aktuellen Veränderungen schlaglichtartig deutlich machen: Führungsbeziehungen bzw. Entscheidungsprozesse.

    Gelebte Führungsbeziehungen mussten innerhalb weniger Wochen, wenn nicht gar Tagen, neu definiert werden. Als zentral organisiertes Unternehmen hat jede(r) einen Büroarbeitsplatz. Jetzt galt es für die Führungskräfte, möglichst rasch alle Mitarbeiter*innen Home Office-fähig zu machen: Also die notwendige Ausstattung besorgen und einsatzfähig machen, die Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation vertraut machen und die Arbeitsprozesse -wo notwendig- entsprechend anpassen. Die Führungsbeziehung wechselte von „face-to-face“ auf „remote“. Damit verändern sich Rücksprachen und Meetings, aber auch ad-hoc-Treffen auf dem Flur oder am Kaffeeautomat. Was in anderen Unternehmen vielleicht schon geübte Praxis sein mag (er)finden wir für uns gerade neu, wie etwa extensive Videochats oder Telkos oder eben virtuelle Teammeetings und Kaffeepausen. Verändern wird sich dadurch auch das Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*innen sowie der Anspruch an selbständiges und eigenverantwortliches arbeiten.

    Natürlich verändern sich dadurch auch Entscheidungsprozesse. Der kurze Weg über den Flur, der direkte persönliche Austausch bilateral oder im Team muss nun technisch überbrückt werden. Das geht selbstverständlich, braucht aber noch Übung. Auch werden Entscheidungen massiv durch die Krise beeinflusst. Was heute klar und eindeutig war, muss morgen vielleicht korrigiert werden. Das fordert viel Verständnis und eine hohe Fehlertoleranz. Beides hat sich bei und schlagartig verbessert, inkl. mehr miteinander und füreinander. Und es gibt plötzlich eine weitere Instanz, das Notfallteam. Dieses ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet und kann für alle im Unternehmen bindende Entscheidungen treffen. Manche erleben dies als Entmachtung, anderen gibt dies Sicherheit und Orientierung.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Führung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Führung hat sich schon immer verändert und wird sich auch weiter verändern. In der Diskussion der letzten Jahre war der Fokus m.E. zu stark auf den Sinn der Arbeit gerichtet („purpose“). Natürlich ist dieser wichtig! Das Selbstverständnis des Unternehmens sollte sich mit dem eigenen decken und Führungskräfte sollten dies aktiv verkörpern bzw. vorleben. Das ist aber sicherlich nur eine Seite der Medaille. In der aktuellen Situation wird die zweite Seite umso deutlicher, nämlich die Veränderung von Arbeitsplätzen, -prozessen oder -beziehungen, der notwendige Erwerb von Qualifikationen und die Gestaltung dieser Veränderungen. Wir haben dies beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) im Herbst 2019 für dieses Jahr unter das Motto „prepare“ gesetzt ;-)

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Führen und führen lassen“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    In „Führen und führen lassen“ werden Grundlagen der Führung aufgezeigt. Diese sind in jeder Führungssituation hilfreich, auch und gerade in der jetzigen Krise. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit „in, durch und mit Veränderungen führen“, also genau passend zur aktuellen Situation. Die Abschnitte „Führung in virtuellen Teamstrukturen“ oder „Change Management“ geben jeder Führungskraft gute Impulse für die derzeitigen Führungs-herausforderungen. Vielleicht hilft auch das eine oder andere Praxisbeispiel im Buch weiter …

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  7. Rhetorik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Georg Nagler


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

    Als Rektor der Dualen Hochschule BW in Mannheim hatte ich die Pflicht, in Ausführung der Corona-Verordnung der Landesregierung den Präsenz-Studienbetrieb an der Hochschule am Freitag, dem 13. März, auf Null herunterzufahren. Wer sich der Bildung verpflichtet fühlt, wird wohl nachvollziehen, dass dies eine der deprimierendsten Erfahrungen meiner beruflichen Laufbahn war.

    Unser Motto war und ist: Gib Corona keine Chance!

    Wir haben also in kürzester Zeit den Betrieb der Hochschule – die ja keine Semesterferien kennt und daher immer Studierende in der Theoriephase bei sich hat – flächendeckend auf eLearning umgestellt. Seit 2 Wochen sind wir im HomeOffice/eLearning-Modus und ich muss gestehen: Es ruckelt zwar – aber es funktioniert. Die Professorenschaft und das nichtwissenschaftliche Personal sind in Rekordzeit umgestiegen. Aktuell dürften wir 80 % der Lehre online durchführen, manches geht leider (noch) nicht, wie etwa der Laborbetrieb oder Live-Seminare wie mein Rhetorik-Seminar.

    Mein Berufsleben besteht aktuell aus 5-6 Stunden Video-/Telefonkonferenz am Tag – und nicht nur ich, sondern auch viele Hochschulangehörige lernen die Vorzüge des Präsenzbetriebes einer Hochschule richtig zu schätzen.

    Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation/Lage im Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung?

    Rhetorik und Verhandlungsführung im Online-Unterricht, das wäre schon eine eher surreale Praxis; dies muss ich also leider aufschieben. Hier und bei den seltenen Begegnungen im Hochschulflur lernt man den Wert persönlicher Live-Gespräche wirklich wieder zu schätzen. Was mich umtreibt, ist die Sorge für Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Tausenden von Studierenden: Wird es uns gelingen, so vielen wie möglich den Umgang mit der Pandemie sicher zu gewährleisten und dadurch schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu vermeiden, zumindest soweit es in unserer Macht liegt? Was ich hier spüre, ist auch in vielen Gesprächen das Verantwortungsgefühl unserer Studierenden gegenüber der älteren Generation, die nach den bisherigen Erkenntnissen ja ganz dramatisch der Pandemie ausgeliefert ist. Wir rücken in der Hochschule spürbar zusammen – das macht mich optimistisch für die Zukunft.

    Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie der Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung dauerhaft verändern wird?

    Die Hochschullehre wird nach der Pandemie eine andere sein als vorher: Wir erleben im Zeitraffer den Einzug der Digitalität in einem Maß, das ich noch vor 6 Wochen nicht für möglich gehalten habe. Und es ist überwiegend positiv zu erfahren, wie viele damit proaktiv umgehen. Ich habe mit Professoren und Studierenden vereinbart, so bald wie möglich dazu neue Entwürfe für eine Digitale Duale Hochschule zu diskutieren und Strategien zu formulieren. Dabei wird auch der soziale Umgang miteinander nicht zu kurz kommen – digitale Einsamkeit in einer pandemischen Quarantäne, das ist ein Gefühl, das gerade viele Studierende in dramatischer Weise betrifft – und das sie so wohl nicht mehr wieder erleben wollen. Man sehnt sich nach Kommunikation und Austausch – das kann gerade für meine Arbeitsgebiete Rhetorik und Verhandlungsführung ein echter Schub sein.

    Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Rhetorik-Matrix“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

    Die „Rhetorik-Matrix“ setzt den „homo communicans“ voraus: Kommunikation in ihrer großen Vielfalt und auch Verhandlungsführung als Ringen um gute Ergebnisse in einem fairen verantwortungsbewussten Setting. Gerade wenn in Zeichen des „social distancing“ und der „dehumanisierten“ Online-Kommunikation diese unmittelbare Kommunikation fehlt, spüren viele, wie identitätsbildend und auch sinnstiftend handwerklich gute und gelebte Kommunikation ist. Ein gutes Verhandlungsgespräch und das Erlebnis einer guten Rede, man spürt, wie das der Seele und dem Intellekt guttut. Von daher bin ich sehr optimistisch, dass die Befassung mit diesen Bereichen in ihrer gefühlten Bedeutung in der Zukunft sicherlich nicht abnehmen wird. Wer gut kommuniziert, ist auch in solchen Krisenzeiten gut unterwegs!

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  8. Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Domenica Dreyer-Plum


    Wie verändert die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Tatsächlich hat sich mein Arbeitsalltag wenig verändert, weil ich ohnehin viel im Homeoffice arbeite. Die größte Veränderung steht mit dem nun beginnenden Sommersemester an. Wir müssen davon ausgehen, dass wir unseren StudentInnen nicht persönlich begegnen dürfen und ausschließlich auf digitale Ressourcen und virtuelle Formate für die Seminargestaltung zurückgreifen müssen. Das ist für uns Lehrende ebenso wie für die StudentInnen eine völlig neue und ungewohnte Herausforderung.

    Was ist die gravierendste Veränderung für die aktuelle Grenz- und Asylpolitik?

    Die Asylpolitik ist vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Während es Anfang März noch so aussah, als würde die Europäische Union eine neue Krise in ähnlicher Dimension wie 2015 erleben, hat sich die Lage an der griechisch-türkischen Grenze nun vorübergehend beruhigt. Die Situation der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln ist jedoch weiterhin katastrophal und die Gefahren einer Ausbreitung des Coronavirus macht eine Evakuierung umso dringlicher.

    In der Grenzpolitik sehen wir eine andere Dynamik: Abhängig von der Entwicklung nationaler Infektionszahlen haben die Mitgliedstaaten ihre Grenzen geschlossen. Wir sehen erneut, dass der Schengenraum angreifbar ist. Ähnliches haben wir während der Migrationskrise von 2015 erlebt. Diesmal sind die Maßnahmen jedoch drastischer. Die aktuell praktizierten kategorischen Grenzschließungen sind im Schengenraum beispiellos. Warum es diese Grenzschließungen geben muss, bleibt dabei unklar. Schließlich führt das weitgehende Einfrieren des öffentlichen Lebens (Schließung der Geschäfte, Kontakt- und Ausgangssperren) automatisch zu rückläufiger Mobilität und die Empfehlung, von Reisen im Inland abzusehen, wird auch befolgt. Symbolisch haben die Grenzschließungen hingegen eine deutliche Wirkung der Abschottung.

    Kann man bereits jetzt erahnen, ob sich die Grenz- und Asylpolitik durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

    Die Grenzschließungen erschüttern den Schengenraum und stellen damit selbstverständlich geglaubte Errungenschaften in Frage. Trotzdem gehe ich davon aus, dass die Grenzschließungen vorübergehender Natur sein werden.

    Die Asylpolitik wird nach der Corona-Krise garantiert wieder sehr weit oben auf der politischen Agenda stehen. Den sichersten Hinweis dafür liefern einerseits die Zuwanderungsdaten der vergangenen 20 Jahre und die Tatsache, dass der weltweite Migrationsdruck (kriegerische Konflikte, Terrorismus, extreme soziale Ungleichheiten, Klimaveränderungen) eher zu- als abnimmt.

    Gehen Sie in Ihrem Buch auf ähnliche Aspekte ein, die für die aktuelle Krisen-Situation von Bedeutung sein könnten?

    Aktuell erleben wir eine unvergleichliche Krise, die jede/n Einzelne/n im täglichen Leben betrifft und sich dadurch grundlegend von Krisen der vergangenen Jahre unterscheidet. Zudem wirkt die Corona-Krise auf fast alle politischen Bereiche ein. Sie entwickelt sich zur Krise für das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und ggf. auch für die gesamte Gesellschaft.

    In meinem Buch gehe ich ausführlich auf die Migrationskrise von 2015 ein. Damals gab es ähnliche Muster, die nun bei der Bewältigung der Corona-Krise erneut beobachtbar sind: Dazu zählen nationale Alleingänge bei den Grenzschließungen, eine zweifelhafte Praxis der Solidarität und ein zögerliches Engagement der europäischen Institutionen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken so weit in das öffentliche Leben und den Wirtschafts- und Finanzsektor aller Mitgliedstaaten hinein, dass sie die europäische Staatengemeinschaft insgesamt ergreifen. Dennoch haben wir zunächst primär nationale Reaktionen gesehen. Es gibt Ansätze der loyalen Zusammenarbeit bei der Versorgung von schwer erkrankten Unionsbürgern und dem Bereitstellen von technischem Material. Am Beispiel der Diskussion um Kreditinstrumente in der Eurozone wird jedoch bereits wieder deutlich, dass um europäischen Zusammenhalt hart gerungen werden muss. In meinem Buch wird in der Rückschau zur Migrationskrise von 2015 deutlich, dass einer der wesentlichen Gründe für die Krisensituation der Mangel an europäischem Zusammenhalt war. Bis dato fehlt es an Solidarität und an der Bereitschaft, die Verantwortung in der europäischen Asylpolitik gemeinsam zu tragen. Es bleibt zu hoffen, dass sich im Umgang mit der Pandemie eine andere Dynamik einstellt.

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  9. Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Michael von Hauff


    Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Ich habe bei vielen Vorträgen und Seminaren auch über Entschleunigung unseres (Arbeits-)Lebens gesprochen. Natürlich ist die augenblickliche „Zwangsentschleunigung“ eine sehr spezielle Situation. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich interessante Publikationen abschließen möchte und die Vorbereitung einer internationalen Konferenz im Herbst steht an, für die ich nun deutlich mehr Zeit habe: zugesagte Vorträge und Besprechungen fallen aus. Dadurch fehlen mir aber auch, wie vielen anderen, soziale Kontakte zu Menschen mit denen ich gerne zusammen komme und diskutiere bzw. ein Glas Wein trinke. Das Vermissen dieser sozialen Kontakte ist eine neue und ganz wichtige Erfahrung.

    Was ist die gravierendste Veränderung für nachhaltige Entwicklung hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Verbreitung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

    Es gibt in breiten Teilen der Gesellschaft schon lange das Gefühl: so kann es nicht weiter gehen. Gemeint sind der Klimawandel, der Rückgang der Biodiversität und andere Belastungen der Umwelt. Das gilt aber auch für die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Lebenschancen. Aber auch die Frage: „Was bringt uns die Digitalisierung?“ löst nicht nur Euphorie aus, sondern erzeugt z.B. Ängste um den Arbeitsplatz. Aber auch die Frage, ob man alle Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, noch meistern kann erzeugt bei vielen Menschen ein Unbehagen. Es wäre zu wünschen, dass die Corona Krise das Bewusstsein für notwendige Veränderungen stärkt. Dazu zeigt uns das Paradigma der nachhaltigen Entwicklung, d.h. die Zusammenführung von Umwelt, Wirtschaft und des Sozialen, d.h. gesellschaftlicher Anliegen viele Möglichkeiten auf. Viele Menschen in der Bevölkerung denken jetzt nach und das ist eine Chance für nachhaltige Entwicklung.

    Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich nachhaltige Entwicklung durch die Pandemie dauerhaft weiter entwickeln wird?

    Das Gefühl, wir sind eine Gesellschaft und wir gehören zusammen, ist für viele Menschen in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße verloren gegangen. Das Gefühl, wir sind eigentlich nicht füreinander verantwortlich, hat für viele Menschen zugenommen. Die Corona Krise zeigt uns aber deutlich, jeder kann infiziert werden. Da werden wir plötzlich alle gleich und wir sind dann auf Hilfe angewiesen. Man kann sich nicht freikaufen und auch andere Privilegien helfen kaum weiter. Natürlich haben wir unterschiedlich viel Wohnraum, was gerade jetzt zu einem Privileg werden kann. Aber wir leiden alle darunter, dass wir Verwandte und Freunde nur in Ausnahmesituationen treffen können. Wir nehmen plötzlich wahr, dass Pflegepersonal, Krankenschwestern und Ärzte die Kranken mit großer Fürsorge bis zur Belastungsgrenze betreuen. Verkäuferinnen und Verkäufer und andere Berufsgruppen, die oft gering bezahlt werden, tun alles für uns. Es ist zu wünschen, dass diese Erfahrungen der Fürsorge und Solidarität, die eine Gesellschaft stärken und zusammenhalten, einen Schub geben wird.

    Gehen Sie in Ihren Publikationen auch wenn Sie diese vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

    Solidarität, Gerechtigkeit in der heute lebenden Generation und Gerechtigkeit für zukünftige Generationen, damit sie ihre Bedürfnisse in gleichem Maße befriedigen können wie wir heute, sind ganz wichtige Maxime nachhaltiger Entwicklung. Hinzu kommt, dass wir eine langfristige Stabilität der Wirtschaft brauchen, die innerhalb der planetaren bzw. ökologischen Grenzen eingeordnet ist. Und schließlich fordert das Nachhaltigkeitsziel (SDG) 3 der Agenda 2030 „Gesundheit und Wohlergehen“ für alle Menschen. Daher sollte das Gesundheitswesen auf zukünftige Risiken wie die Corona-Pandemie vorbereitet sein diese bewältigen können.

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    Wie verändert die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

    Nur wenig. Ich arbeite von zuhause aus; das habe ich ohnehin die meiste Zeit meines Lebens getan. Allerdings telefoniere ich häufiger mit meinen Freunden und schreibe auch jenen, bei denen ich mich schon länger hatte melden wollen.

    Was ist die gravierendste Veränderung für unsere Gesellschaft?

    Die Epidemie hat eine medizinische und eine ökonomische Seite. Es gibt Menschen mit geringen finanziellen Spielräumen, die sich unmittelbar Sorgen um ihre materielle Existenz machen müssen. Letztlich ist die Epidemie aber bloß der Auslöser; die Ursache ist eine länger bestehende sozialstrukturelle Fehlentwicklung. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich prekäre Einkommenssituationen und Lebenslagen verfestigt und die betroffenen Menschen verwundbar gegen jede Art von Krise gemacht. Dieser Entwicklung hätte man entgegentreten müssen. Die Epidemie macht die Resultate dieser sozialstrukturellen Spaltung sichtbar, ist aber nicht ihre Ursache.

    Kann man bereits jetzt erahnen, ob sich unser öffentliches Leben und die Gesellschaft durch die Pandemie dauerhaft verändern werden?

    Nein, das kann man sicher nicht. Gesellschaft verändert sich ohnehin fortwährend. Allerdings bin ich überrascht, wie die Staaten auf die Epidemie reagiert haben. Mein erster Gedanke war, dass die Infektionsgefahr ein Gefühl für die existenzielle Gemeinsamkeit aller Menschen im Angesicht dieser Bedrohung hervorrufen wird. Faktisch haben viele Staaten aber geradezu archaisch reagiert und als erstes Grenzschließungen ausgerufen. Der Reflex, auf den Erreger mit einer diffusen Angst vor etwas Fremden zu reagieren, hat mich irritiert. Faktisch ist der Erreger zumeist durch Einheimische, durch zurückkehrende Urlauber und Geschäftsreisende verbreitet worden, für die die Grenzschließungen ohnehin nicht galten.

    Geht Ihr Buch „Was ist Gesellschaft?“ auf ähnliche Aspekte ein, die für die aktuelle Krisen-Situation von Bedeutung sein könnten?

    Ausnahmesituationen wie die aktuelle machen durch den Wegfall alltäglicher Selbstverständlichkeiten soziale Mechanismen sichtbar, auf die wir uns im gewöhnlichen Alltag verlassen, ohne sie besonders zu beachten. Gewissheiten und Routinen funktionieren nun plötzlich nicht wie gewohnt. Das kann ein Nachdenken über den Alltag vor der Krise auslösen. Die Fähigkeit zur Beobachtung des Alltags zu trainieren, ist auch Ziel des Buches.

    Aktuell beobachte ich beispielsweise, dass die Vermeidung sozialer Kontakte, die im Moment nötig ist, mit einer sonderbar überschießenden Scheu vor anderen Menschen einhergeht. Im Supermarkt oder wenn ich durch die Felder laufe und Leuten begegne, die ihren Hund spazieren führen, wirkt es manchmal so, als fürchteten Sie eine Infektion, nur weil ich sie grüße oder anlächele. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, ab und zu andere Menschen anzulächeln. Es wird schwer werden, diese Scheu wieder abzulegen. Wenn die Quarantäne aufgehoben wird, wird es sicher einige Zeit dauern, das Gefühl des Vertrauens im Alltag wiederherzustellen.

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