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  1. "Demokratie braucht eine lebendige kritische Öffentlichkeit"


    Die Vereinten Nationen erklärten 2007 den 15. September zum Internationalen Tag der Demokratie. Sein Ziel ist die Förderung und Verteidigung von Grundsätzen der Demokratie. Aber wie steht es aktuell um unsere Demokratie? Welche Gefahren gibt es? 3 Fragen an unseren Autor, den Politikwissenschaftler Dr. Martin Oppelt:

    Was sind die wichtigsten Grundsätze, die unsere Demokratie ausmachen?

    Martin Oppelt: In Deutschland wie in den meisten europäischen Ländern hat sich ab der Französischen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts (spätestens aber nach dem Sieg der Alliierten über den Faschismus und Nationalsozialismus 1945) die Form der liberalen Demokratie durchgesetzt. Im Zuge der europäischen Aufklärung und des Kampfes gegen Feudalismus und Absolutismus wurden der antiken demokratischen Idee der politischen Gleichheit erfolgreich die modernen Prinzipien des Liberalismus an die Seite gestellt, allen voran die Idee der Freiheit des Individuums. Heutige Demokratien zeichnet die gleichzeitige Existenz dezidiert demokratischer Prinzipien, etwa der Volkssouveränität, und spezifisch liberaler Prinzipien, zum Beispiel die per Verfassung garantierten Menschen- und Bürgerinnenrechte, aus. Da sich diese Prinzipien eigentlich widersprechen, führt dies notwendig zu Konflikten, mit denen demokratische Gesellschaften umzugehen lernen mussten. Die Idee der individuellen Freiheit etwa dient oft der Rechtfertigung sozialer und ökonomischer Ungleichheiten, die jedoch im Widerspruch zur demokratischen Idee der Gleichheit stehen, zumal dort, wo sie sich in ungleiche politische Einflussmöglichkeiten übersetzen. Gerade der spezifische Umgang mit dem „demokratischen Paradox“ der Freiheit und Gleichheit, wie es die Politikwissenschaftlerin Chantal Mouffe bezeichnet hat, macht nun die Eigenheit der heutigen Demokratien aus.

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    Als einer der wichtigsten Grundsätze kann daher die institutionell garantierte Existenz einer demokratischen Öffentlichkeit angesehen werden, die immer wieder neu den Streit darüber austragen muss, wie die Prinzipien der Demokratie umzusetzen sind und wo sie verletzt werden. Außerdem fungiert eine lebendige Zivilgesellschaft als notwendiges kritisches Korrektiv der Demokratie mit Blick auf historische Verbrechen wie den Kolonialismus sowie auf gegenwärtige Gefahren durch antidemokratische Entwicklungen in Staat und Gesellschaft. 

    Rechts- und Linksradikalisierung, Reichsbürgerbewegung, Antisemitismus – Wo sehen Sie aktuell die größte Gefahr für unsere Demokratie?

    Martin Oppelt: Die größte Gefahr für die Demokratie geht weltweit eindeutig von rechtsradikalen, antisemitischen, rassistischen und antifeministischen Kräften aus, die die in den letzten Jahrhunderten hart erkämpften politischen Rechte und Freiheiten von Frauen*, Jüd*innen, Schwarzen, Indigenen, People of Color (BIPoC) und LGBTQIA+-Personen rückabwickeln wollen. Die Behauptung, wonach rechte und linke politische Bewegungen sich in ihren Extremen wie ein Hufeisen berührten und somit für die Demokratie gleichgefährlich wären, ist wissenschaftlich nicht haltbar und lenkt davon ab, dass die Feinde der Demokratie ganz klar rechts stehen. Wo linke Politiken für die Ausweitung und Vertiefung demokratischer Prinzipien, Rechte und Freiheiten für prinzipiell alle Menschen kämpfen, wollen rechte Kräfte diese einem ethnisch und exklusiv definierten Volk vorbehalten. Dafür sehen sie auch den Einsatz von Gewalt gegen Menschengruppen als legitim an, die sie als minderwertig begreifen. Besonders erschreckend ist, dass rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien in den letzten Jahren in immer mehr Parlamente einziehen konnten. Umso wichtiger ist daher – neben der Existenz einer schlagkräftigen antifaschistischen Zivilgesellschaft – dass sich alle demokratischen Parteien entschieden dem Kampf gegen Rechts widmen und nicht etwa aus wahltaktischem Kalkül Koalitionen eingehen und zur schleichenden Legitimierung und Normalisierung menschenfeindlichen Gedankenguts beitragen.

    Kann die Demokratie angesichts der wachsenden Autokratien (Putin, Erdoğan, Orbán, Bolsonaro usw.) überleben?

    Martin Oppelt: Das Besondere an den genannten Autokratien ist, dass sie nicht immer offen gegen demokratische Ideen und Institutionen vorgehen. Im Gegenteil inszenieren sie sich oft erfolgreich als Demokratien und bemänteln ihre antidemokratischen Repressionen gegen politische Gegnerinnen und vermeintliche „Volksfeinde“ als Ausführung des souveränen Volkswillens. Viktor Orbán etwa prägte dahingehend den Begriff der „illiberalen Demokratie“, der erst gar nicht verbergen will, all die Prinzipien abzulehnen, die dem Schutz vulnerabler Minderheiten dienen. Hier sind die Staats- und Regierungschefinnen der demokratischen Staatengemeinschaft aufgefordert, sich der Legitimierung dieser Autokratien etwa aufgrund von Wirtschaftsdeals zu entziehen und wo nötig auch Sanktionen umzusetzen. Da man sich hierauf aber nicht verlassen sollte, braucht es einmal mehr lebendige kritische Öffentlichkeiten, die Druck auf ihre jeweiligen Regierungen ausüben.

    Autoreninformation

    Dr. Martin Oppelt ist Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Ideengeschichte. Aktuell forscht er in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Freund, Feind, Verräter? Eine Genealogie des Verrats im demokratischen Denken“. Zuvor hat der die Professur für Political Philosophy and Theory an der Hochschule für Politik/ TU München vertreten. Beim UVK Verlag/utb ist 2021 sein Buch „Demokratie? Frag doch einfach!“ erschienen.

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  2. Erfolgreiche Teilnahme am KLIMAfit-Projekt

    Mit großer Freude und ein wenig Stolz präsentieren wir unsere Urkunde zur erfolgreichen Teilnahme am Projekt "KLIMAfit"!
     
    Im Rahmen des Pilotprojektes des Landes Baden-Württemberg wurde die Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG als eines von sieben Tübinger Unternehmen als "KLIMAfit Betrieb" ausgezeichnet
     
    (Bildquelle: Anne Faden)
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  3. Lesestoff für’s Wintersemester

    Lesestoff für’s Wintersemester

    Endlich sind sie da, unsere Novitäten für’s zweite Halbjahr 2022!

    Hier ist sicher für jedes Semester was dabei. Viel Spaß beim Stöbern unter www.narr.de/vorschau!

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  4. Gärten und ihre Gäste

    "Viele Aspekte (...) rund um den Gartentourismus, mit denen sich Politiker, Städteplaner und Tourismusmanager gleichermaßen beschäftigen sollten."

    Quelle: GartenRadio.fm / 21.06.22

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  5. Arbeitsmarkt und Arbeitsmarktpolitik

    „Ein neues Lehrbuch, wie man es sich als Studierender der Wirtschaftswissenschaften und anderer Sozialwissenschaften wünscht.“

    Quelle: Studium. Buchmagazin für Studierende 55 (2022)

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  6. Die 5 häufigsten Fehler bei der Studienwahl



    Die Abitur-Prüfungen in Deutschland sind größtenteils abgeschlossen. Schüler und Eltern interessiert momentan vor allem: Wie geht es nach dem Abitur weiter? Und welches Studienfach kommt für mich/unser Kind in Frage? Unsere beiden Autor:innen Sandra Stankjawitschjute und Holger Walther stellen als kleinen Vorgeschmack zu ihrem neuen Buch „Abi, was nun?“ die 5 häufigsten Fehler bei der Studienwahl vor:

    Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt:

    Fehler 1: Ich mache aus einem Leistungskurs (oder Lieblingsfach) ein Studienfach

    Ein guter Abischnitt insgesamt ist eine gute Prognose für ein erfolgreich absolviertes Studium. Doch so ein positiver Zusammenhang besteht zwischen einem Schulfach und dem gleichnamigen Studiengang nicht: Da ein Studium theoretisch-wissenschaftliche Schwerpunkte hat, geht es etwa bei Mathe nicht mehr um „Rechnen mit Zahlen“, sondern vielmehr um Gleichungen mit unbekannten Variablen oder theoretische Überlegungen, ob es eine „Null“ oder die „Unendlichkeit“ wirklich gibt und wie wir das beweisen können.

    Fakt ist dann aber zum Glück doch: Durch einen Leistungskurs bringt man sicher einige hilfreiche Grundlagen mit ins Studium und zusätzlich eine Affinität für die Naturwissenschaften.

    Fehler 2: Ich studiere, was ich mit meinem Abischnitt wegen eines Numerus Clausus studieren kann

    Hier gibt es zwei Phänomene: Mit einem tollen Abi wäre es doch Verschwendung, wenn ich etwas – sagen wir mal Leichteres – studiere oder „nur“ eine Ausbildung mache. Weil ich einen hohen NC in Psychologie knacken kann, ist das aber noch lange kein Grund, dies zu studieren. Und das andere Phänomen bedeutet: Ich nehme etwas, was ich mit meinem (vielleicht schlechterem) Abischnitt garantiert bekommen kann. Sie sehen: In beiden Fällen werden die persönlichen Interessen, Fähigkeiten und Wünsche ignoriert.

    Zum Autor Holger Walther: Ich hatte im Abi eine 3,0 – auch damals schon keine direkte Eintrittskarte für Psychologie. Ich habe aber alles versucht und dann einen Studienplatz durch ein Losverfahren bekommen. Und bin mit meinem Beruf seit über 35 Jahren zufrieden. Denn er entspricht zutiefst meinen Interessen.

    Und aus unserer Erfahrung in den Beratungen:

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    Fehler 3: Die Illusion der „richtigen“ Entscheidung

    Obwohl es auch im Buchtitel steht: „Das richtige Studium finden“ klären wir im Ratgeber gleich zu Beginn auf, dass es wohl besser wäre, eine „gute“ Entscheidung zu fällen. Was meinen wir damit?

    Erst durch eine Sammlung der eigenen Interessen, Fähigkeiten und Wünsche (ja, auch Träume!) und Wertvorstellungen, sowie konkreter Informationen (statt Vermutungen und Hörensagen) über wirkliche Inhalte der Studiengänge und Berufsaussichten, können wir eine „zum jetzigen Zeitpunkt gute Entscheidung“ fällen. Niemand kann garantieren, dass wir auch in 30 Jahren damit noch zufrieden sein werden: Wer weiß denn schon, was wirklich in 30 Jahren sein wird? Doch damals, als ich mich entschied, war alles gut überlegt und passte.

    Fehler 4: Wenn Eltern sagen: „Mach, was du denkst – wir stehen immer hinter dir!“

    Und mit dem Zusatz, man soll ja selbst damit glücklich werden, begründen vor allem Eltern, sich nicht einmischen zu wollen. Doch Unentschiedene vermissen das und empfinden die ausbleibenden Meinungen als Desinteresse! Schließlich ist unser Umfeld – und eben auch Eltern und Geschwister – tatsächlich wichtige Ideengeber und Orientierungshilfen!

    Erst solche Bemerkungen, wie „Du programmierst doch gern am PC – mach doch Informatik.“ oder „Werde bloß nicht auch noch Lehrer. Du siehst doch, wie genervt deine Eltern aus der Schule kommen.“ ermöglichen es uns, eine eigene Position zu finden, nämlich Zustimmung oder Abgrenzung. Fehlen solche Statements der anderen, ist es schwer, sich eine eigene Meinung zu bilden.

    Fehler 5: Was bei anderen funktioniert, wird auch für mich gut sein

    Grundsätzlich sind wir ja offen für die Erfahrungen und Tipps der Anderen. Und bei einem guten Kinofilm oder einem tollen Reiseziel kann man ruhig überlegen, das auch mal zu machen. Weil es nicht wirklich schlimm ist, wenn es am Ende doch nicht unser Geschmack war. Das geht aber nicht bei der Studienwahl. Weil es nicht automatisch bei uns passt, nur weil andere damit gute Erfahrungen gemacht haben. Auch hier gilt: Nimm die Erfahrungen und Meinungen der anderen gern als Ideengeber. Da kann schließlich auch was Passendes dabei sein. Überprüfe das aber immer mit deinen eigenen Interessen, Fähigkeiten und Wünschen.

    Die Autoren:

    M.Sc. Sandra Stankjawitschjute und Dipl.-Psych. Holger Walther sind approbierte Psychotherapeut:innen und arbeiten gemeinsam in der Psychologischen Beratungsstelle der Humboldt-Universität zu Berlin.

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  7. Influencer: Männlein und Weiblein im Charaktercheck


    Der "Sniper" als zielsicherer Scharfschütze oder die kreative "Mamabloggerin"? Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler und Social-Media-Experte Dr. Frederik Weinert charakterisiert in seinem Buch "Hexendoktor, Sniper oder Sexgöttin" die unterschiedlichen Influencer-Typen und gibt Tipps, wie Unternehmen das für ihr Image nutzen können:

    Influencer:innen sind die neuen Werbestars. Warum sind sie glaubhafter als viele klassische Promis?

    FW: Influencer:innen entwickeln so etwas wie eine Freundschaft zu den Fans. Diese starke soziale Bindung beeinflusst die Kaufentscheidungen, daher auch die Bezeichnung Influencer Marketing. Die digitalen Werbestars interagieren emotional mit den Fans, schicken Herzchen und stehen den Fans mit Rat und Tat zur Seite. Auf diese Weise sind Influencer:innen wertvolle Bezugspersonen, die teilweise einen größeren Einfluss auf das echte Leben haben als Eltern, echte Freunde oder der Hausarzt. Die Gefahr ist, dass Influencer:innen in den Sozialen Medien oft nur eine Show abziehen bzw. sich so verhalten, wie es die Fans erwarten. Das ist allerdings nicht verwunderlich, denn ein Blick ins klassische Fernsehen zeigt, dass auch dort Stars wie Thomas Gottschalk, Elton oder Oli Pocher immer lustig sind. Genau wie Fernsehstars bauen sich Internetstars ein verlässliches Image auf. Das ist harte Arbeit und kein Zufall. Es ist eine Strategie, und diese Strategie gepaart mit starker sozialer Bindung und fachlicher Expertise macht die Influencer:innen glaubwürdiger als klassische Promis.

    Wie erklären Sie sich als Medienwissenschaftler den Hype um Influencer:innen, also einem „Idol“, dem man folgt? Welches psychologische bzw. soziale Motiv vermuten Sie dahinter?

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    FW: Influencer:innen zeigen sich sexy, interessant und einzigartig. Allein das wirkt auf viele Menschen sehr anziehend. Die Internetstars sind allesamt erfolgreich, wenn auch auf unterschiedliche Weise. Es ist normal, dass sich Menschen an Mentoren wenden, z. B. an Arbeitskolleg:innen oder Vorgesetzte, die eine größere Expertise haben. Durch gezielte Adaption versucht der Mensch, sich seinen Vorbildern anzupassen, ihnen nachzueifern. Außerdem mögen Menschen das Gefühl, Anerkennung zu erhalten. Wenn Internetstars öffentlich auf Instagram mit einem Fan schreiben, entsteht ein Glücksgefühl, eine Form von Wertschätzung. Außerdem erfüllen Influencer:innen soziale Bedürfnisse wie Freundschaft und Zugehörigkeitsgefühle. Diese Community macht süchtig, was dazu führt, dass Fans den Handlungen und Handlungsanweisungen des Idols folgen. Das betrifft Verhaltensweisen und Kaufentscheidungen sowie Weiterempfehlungen. Unternehmen und Marken tun deshalb gut daran, mit Influencer:innen zu kooperieren, z. B. in den Bereichen Mode, Tourismus und Technik. Eine Kooperation erhöht sowohl die Reichweite als auch den Absatz.

    Was raten Sie Unternehmen, die noch keine Erfahrung mit Influencern haben? Wie finden sie die richtige Person?

    FW: Die Lokalpresse studieren. Da gibt es immer wieder Berichte über regionale Influencer:innen, die interessant sein könnten. Es ist außerdem wichtig, selbst zu schauen, ob es passende Gesichter in den Sozialen Medien gibt, die zur Marke passen, z. B. über Hashtags und Suchfunktionen. Mein neues Buch „Hexendoktor, Sniper oder Sexgöttin. Wie Unternehmen die Zusammenarbeit mit Influencer:innen optimieren“ ist die optimale Entscheidungshilfe, sowohl für Unternehmen als auch für Influencer:innen. Das Buch zeigt, welche Influencertypen es gibt, welche Stärken sie haben und wie die erste Kontaktaufnahme gelingt.

    Welcher Ihrer zehn Influencer-Typen ist Ihnen persönlich am sympathischsten?

    FW: Ich mag den Guru als digitalen Trendsetter, weil ich mich selbst sehr für Technik und Innovation interessiere. Technik-Influencer sind meistens sehr kompetent und glaubwürdig. Außerdem gefällt mir das Tattoogirl als Influencertyp, weil diese weiblichen Internetstars mit ihrer brachialen Ästhetik optimal spielen und dadurch sehr stark auffallen und sich perfekt für alternative Marken eignen.  Ziemlich cool finde ich das Alien als Paradiesvogel unter den Internetstars, weil dieser Influencertyp ideal zu neuen Marken und starken Start-ups passt, die sich etwas trauen. Ich kann versprechen, dass für jedes Unternehmen ein passender Influencertyp dabei ist, beispielsweise die Mamabloggerin für Kindernahrung, Drogerieartikel usw. oder Clown als Komiker, der jedes Produkt und jede Dienstleistung als Erlebnis darstellt.

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  8. Reisetrends der Deutschen: 3 Fragen an Julian Reif


    © Deutsches Institut für Tourismusforschung

    Julian Reif ist Vorstand des Deutschen Instituts fürTourismusforschung und Mitherausgeber des "Tourismusatlas Deutschland".

    Welche Reisetrends beobachten Sie aktuell bei Urlaubern?

    Die Corona-Pandemie sorgte dafür, dass sich die Präferenzen änderten. So beobachteten wir bspw. eine verstärkte Nutzung des eigenen PKW als Anreisemittel, Ferienwohnungen und -häuser, Reisemobile waren stark nachgefragt oder auch Reiseformen wie Camping, die das Social Distancing erlauben, waren und sind immer noch im Trend. Mit Blick auf die Reiseziele ist und bleibt Deutschland das beliebteste Reiseziel der Deutschen. Auch wenn die starke Inlandszuwendung aus dem Jahr 2020 im vergangenen Jahr nicht mehr so stark zu beobachten war, verreisen die Deutschen auch weiterhin im Inland. In Bezug auf die Aktivitäten zeigte sich während der Pandemie ein Boom der Outdoor-Aktivitäten wie Fahrradfahren, Wandern oder Ähnliches. Auf der anderen Seite verzeichnen Indoor-Aktivitäten, insbesondere Events, deutliche Rückgänge. In Summe orientieren sich die Urlauber jedoch am bewährten Reiseverhalten. So ist „Abstand zum Alltag haben“ für die meisten Menschen seit vielen Jahren ein wichtiges Motiv im Urlaub. Derzeit sehen wir einen Anstieg von hedonistischen Motiven im Urlaub, wie Spaß und Freude haben, sich verwöhnen lassen oder auch gesundheitliche Aspekte. Dies ist sicherlich einem gewissen Nachholeffekt von Corona geschuldet, bei dem man sich nun etwas gönnen möchte. Ein weiterer Indikator für diesen Effekt ist die große Reiselust der Deutschen: Rund 61% der Deutschen haben Lust zu verreisen – ein neuer Höchstwert. Gleichwohl werden sich sicher nicht alle Reisepläne in konkrete Buchungen überführen lassen.

    Was wird sich hier in den nächsten Jahren tun?

    Wir gehen davon aus, dass die Themen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – und zwar auf allen Ebenen – die Branche in den nächsten Jahren stark beschäftigen werden. Das Thema „Digitales Besuchermanagement“, also das Messen von Touristenströmen mit Hilfe von sensorbasierten Messinstrumenten, sei es lokal oder global, und das Ausspielen dieser Informationen an potenzielle Besucherinnen und Besucher wird eine wichtige Rolle im Destinationsmanagement spielen. Nicht nur aufgrund der gestiegenen Anforderungen durch die Corona-Pandemie, sondern auch um die durch Menschenansammlungen entstehenden negativ wahrgenommenen Effekte seitens der Einwohnerinnen und Einwohner aber auch der Touristinnen und Touristen selbst zu minimieren. Dies wird nicht nur im urbanen Raum eine wichtige Rolle spielen, sondern auch in ländlichen, besonders tourismusintensiven Regionen.

    Mit Blick auf die Nachhaltigkeit schreiben wir der Tourismusakzeptanz der Einheimischen zukünftig eine wichtige Rolle zu. Wurde bis vor kurzem die Sicht der Einwohnerinnen und Einwohner auf die touristische Entwicklung in ihrem Ort nur unzureichend in touristischen Entwicklungskonzepten berücksichtigt, erscheint aus derzeitiger Sicht eine nachhaltige Tourismusentwicklung in den Destinationen ohne eine Berücksichtigung dieser Perspektive als unmöglich. Bundesweit beobachten wir seit 2019 zwar eine allgemein positive Einstellung der Einheimischen gegenüber dem Tourismus, jedoch sehen wir eine Tendenz zur Stagnation. In Bezug auf die ökologische Nachhaltigkeit haben wir es weiterhin mit einem paradoxen Verhalten zu tun: Auf der einen Seite sagen 47% der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren, dass ihr Urlaub möglichst ökologisch verträglich, ressourcenschonend und umweltfreundlich sein soll, und auf der anderen Seite war lediglich bei 5% der Urlaubsreisen Nachhaltigkeit der entscheidende Faktor bei der Angebotswahl. Diese Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist seit langer Zeit als „Attitude Behavior Gap“ bekannt und es wird darauf ankommen, Angebote so nachhaltig zu gestalten, dass sie nicht aufgrund der Nachhaltigkeit gebucht werden, sondern weil sie die Bedürfnisse der Nachfrage befriedigt.

    Wird der Ukraine-Krieg Auswirkungen auf das Reiseverhalten der Deutschen haben?

    Die Auswirkungen der fürchterlichen und dramatischen Lage in der Ukraine lassen keine seriösen Prognosen auf das Reiseverhalten der Nachfrage und die Tourismusbranche zu. Allerdings ist jetzt schon deutlich, dass die steigenden Energiepreise sich auswirken werden. Dies trifft nicht nur erdgebundene Reisen mit dem PKW durch die derzeit stark ansteigenden Preise für Treibstoff, sondern auch Fluggesellschaften geben die steigenden Energiekosten über die Ticketpreise an die Kundinnen und Kunden weiter. Dies betrifft dann aller Voraussicht nach die Urlaubsziele am Mittelmeer. Durch die derzeitige Situation einer möglichen Stagflation, also einer gleichzeitigen Stagnation der wirtschaftlichen Entwicklung und einer Inflation, besteht die Gefahr, dass den potenziellen Touristinnen und Touristen weniger Geld zum Reisen übrigbleibt. Allerdings sind die Grundvoraussetzungen für touristische Reisen (Lust, Geld und Zeit) bei den Deutschen gegeben. Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass der Tourismus sich bei exogenen Krisen wie Terroranschlägen oder Naturkatastrophen recht resilient gezeigt hat. Die Nachfrage an Reisen blieb relativ stabil, es änderten sich lediglich die Reisezielpräferenzen oder ausgeführte Aktivitäten.

    Der Autor: Dr. Julian Reif, Vorstands- und Gründungsmitglied des Deutschen Instituts für Tourismusforschung, studierte an den Universitäten Bonn und Fribourg Geographie mit den Nebenfächern Soziologie und Ethnologie. Seit 2012 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Projektleiter am Deutschen Institut für Tourismusforschung (ehemals Institut für Management und Tourismus) der FH Westküste. Seine Forschungsinteressen sind touristische Nachfragetrends, Städtetourismus, Auswirkungen des Tourismus und aktionsräumliches Verhalten.

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  9. Nachhaltige Betriebswirtschaft

    „Das Buch entwickelt die traditionelle BWL weiter, passt sie den gesellschaftlichen Entwicklungen in Richtung Nachhaltigkeit an, erklärt und bestimmt „Nachhaltige Betriebswirtschaft".“

    Controller Magazin März/April 2022

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  10. Leseprobe "Die Entscheidung"

    Für Hochschulabsolvent:innen und Promovierte gibt es eine Vielzahl spannender beruflicher Perspektiven, die sie nach ihrem Abschluss einschlagen können. Dabei stellt sich immer die Frage: Welche Richtung passt für mich? Diese Entscheidung ist nicht einfach. Das hat die #IchbinHanna-Debatte gezeigt. Viele junge Wissenschaftler:innen berichten von befristeten Verträgen und ihren damit verbundenen Sorgen.

    Eine Orientierung zur Entscheidung, ob Wissenschaftskarriere oder nicht, und wenn ja, in welche Richtung, möchte dieser Roman bieten. Die Protagonistin Amisha stellt alternative Berufswege anhand von realen Beispielen vor. So erfahren die Leser:innen, welche Optionen zur Wahl stehen und welche Anforderungen jeweils gestellt werden. Zahlreiche Tools, Checklisten, Selbstanalysen und Fallbeispiele helfen dabei. Ein gleichermaßen informativer wie unterhaltsamer Ratgeberroman für Studierende, Promovierende, Post-Docs.

    Leseprobe aus "Die Entscheidung. Ein Ratgeberroman über akademische Berufswege" von Reinhold Haller

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