Adam Tomas

Der "am"-Progressiv im Pennsylvaniadeutschen

Grammatikalisierung in einer normfernen Varietät
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Es ist verwunderlich, dass der Gebrauch der sog. Verlaufsform (auch am-Progressiv) nach dem Muster seinFinitum+am+VInf äußerst facettenreich ist und dennoch in der Schriftsprache verhältnismäßig selten zum Einsatz kommt. Sätze wie Egon ist ein Buch am lesen eröffnen dem Standarddeutschen den Bereich der verbalen Aspektualität. Diese Progressiv-Konstruktionen werden in der Allgemeinheit mit großer Skepsis beurteilt, indem sie als sprachliche Normabweichung bezeichnet werden. Solch eine Sichtweise ist aus dem Blickwinkel des Autors wissenschaftlich nicht länger haltbar. Ein Blick in das Pennsylvania-Deutsche (PeD), die Sprache der deutschstämmigen Amischen in den USA, kann dazu zielführende Erklärungen bieten. Das PeD hat bislang keinen prestigeorientierten Zugzwang gezeigt oder eine präskriptive Normierung hervorgebracht und es sind keine eliminativen Normierungsprozesse zustande gekommen. Im PeD selbst etabliert sich aber immer mehr ein vollständiges morpho-syntaktisches Paradigma der Verlaufsform, deren Gebrauch sicherlich zu einem eigenständigen Diasystem des PeD beigetragen hat.
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Die Hauptfragestellung dieser Publikation bezieht sich auf die Betrachtung aller grammatikalischen Konstruktionen nach dem Typus seinFINTUM+am+VINF, auch als die Verlaufsform oder der am-Progressiv bekannt. Die Verlaufsform (Egon ist am lesen) gilt anhand der in letzter Zeit gestiegenen linguistischen Beiträge als eines der interessantesten und sehr oft beschriebenen Grammatikalisierungsphänomene. Dennoch ist die Anwendung der Verlaufsform im schriftsprachlichen Sprachgebrauch stark sanktioniert und durch die normativen Regelwerke ausgeschlossen. Dies legt den Schluss nahe, dass es sich bei der „verhinderten Grammatikalizität“ dieser Formen um sozio-linguistische Gründe handeln muss und nicht um morpho-syntaktische, wie oft angenommen wurde. Aus der Sicht des Autors ist diese Stigmatisierung dem starken Einfluss der Normierungstendenzen geschuldet.
Die sprachlichen Beispiele aus dem Pennsylvania-Deutschen (PeD), der Sprache einer deutschstämmigen und deutschsprachigen Minderheit in den USA, zeigen ein breites Paradigma der unterschiedlichen Anwendungsbeispiele der am-Progressiv-Konstruktionen.
Durch eine gezielte Befragung von Informanten kann man die grammatischen Tendenzen und den Entwicklungsstand einer Sprache in punkto Aspektsprache näher definieren. Tomas Untersuchung nähert sich diesem morpho-syntaktischen Phänomen aus der Perspektive der Sprachinselforschung. In der Sprachinselforschung fehlen oft normative Standards, sodass eine Koexistenz von unterschiedlichen grammatischen Parallelformen und eine deskriptive (non-präskriptive) Sprachnorm begünstigt werden.
Die schon über Jahrhunderte präsente am-Progressiv-Konstruktion ist im PeD weiterhin produktiv und erschließt neue Wege, grammatische Ausdrucksmittel z.B. im Bereich Tempus (Di Anne is/woah d Äppl am schäla) oder Genus Verbi (Di Häusa sin am gbaut warre) zu produzieren. Diese sich etablierenden Progressiv-Konstruktionen sind ein einmaliger Nachweis einer paradigmatisierten grammatischen Einheit, welche es im Standarddeutschen nicht gibt.


Autoreninformation:
Adam TOMAS studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Germanistik, Anglistik und Computerlinguistik. Er arbeitet seit 2002 als Sprachdozent für Deutsch als Fremdsprache in München. Die aktuellen Forschungsschwerpunkte sind Sprachkontaktforschung, historische Syntax und Variationssyntax.
Mehr Informationen
ISBN 978-3-8233-8138-9
EAN 9783823381389
Bibliographie 1. Auflage
Seiten 357
Format kartoniert
Ausgabename 18138
Verlag Gunter Narr Verlag
Autor Adam Tomas
Erscheinungsdatum 12.11.2018
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