Aufmerksamkeit in Krisenzeiten

In der nächsten Zeit wird die allgemeine Aufmerksamkeit zu nahezu 100% auf die veränderten Rahmenbedingungen der aktuellen Corona-Krise gerichtet sein.

Gerade Politik, Gesellschaft und Wirtschaft wird das bewegen – vor allem auch die Unsicherheit und die Frage „Was kommt danach?“ stehen hier im Mittelpunkt.

Wie wirken sich Krisenzeiten wie die aktuelle rund um Corona auf das eigene Fachgebiet aus? Wir haben unsere Autorinnen und Autoren gefragt – die Antworten können Sie hier nachlesen.


Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Philipp Adorf

Philipp Adorf


Die Republikanische Partei in den USA

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

Die Krise bringt Herausforderungen aber auch die Chance, für eine bessere und effektivere Lehre die Weichen zu stellen. Sie zwingt Lehrende neue Wege zur Vermittlung von Informationen und Lerninhalten zu finden und die Studierenden noch stärker über digitale Methoden einzubinden. Der potenzielle Wegfall von Präsenz-veranstaltungen muss somit nicht unbedingt von Nachteil sein. Livestreams oder die Möglichkeit zu frei ausgewählten Zeitpunkten Vorträge und Podcasts zu konsumieren, können zur Folge haben, dass ein größerer Anteil der Studierenden die Inhalte der Seminare aufnimmt.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige politische Lage in den USA?

Direkt betroffen sind die Vorwahlen der Demokraten, die in bestimmten Einzelstaaten verschoben wurden. Da Joe Biden jedoch dank der Ergebnisse des „Super Tuesday“ und der darauffolgenden Wochen einen großen Vorsprung bei den Delegierten erworben hat, besitzt dies nur geringen Einfluss auf den schlussendlichen Ausgang. Die Krise hat als dominantes Thema des Wahljahres 2020 sicherlich einen „Make or Break“-Effekt bezüglich der Wiederwahlchancen Donald Trumps. Hat sich die Wirtschaft bis zum 4. Quartal wieder erholt und sollte das US-Gesundheitssystem die Herausforderungen meistern, könnte Trump als effektiver Krisenmanager den Wahlkampf bestreiten. Eine langwierige Rezession wird hingegen Trumps „Trumpfkarte“ der niedrigen Arbeitslosigkeit sowie des wirtschaftlichen Erfolges und Wachstums unbrauchbar machen. Joe Bidens Argument, dass dank seiner Erfahrung das Land in unsicheren Zeiten unter seiner Führung in sicheren Händen wäre und seine Präsidentschaft eine Rückkehr zur Normalität darstellen würde, könnte sich andererseits gerade inmitten der schlimmsten Pandemie der letzten 100 Jahre als entscheidender Faktor bei der Wählergewinnung herausstellen.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die politische Landschaft in den USA dauerhaft verändern wird?

Nach der letzten großen Wirtschaftskrise bildete sich auch als Reaktion auf die unter Präsident George W. Bush verabschiedeten staatlichen Hilfsmittel innerhalb der Republikanischen Partei die Tea Party. Sie schrieb sich unter anderem eine resolute und kompromisslose Verteidigung des „Small Government“ auf die Fahnen. Unter Präsident Trump scheinen nicht erst seit den jüngst verabschiedeten Notfallmaßnahmen die „Defizitfalken“ in der Republikanischen Partei zu einer bedrohten Spezies geworden zu sein. Hier besteht Potenzial für zukünftige innerparteiliche Konflikte, insbesondere wenn das momentan existierende übergeordnete Ziel des Erfolges in einem Wahljahr nicht mehr vorhanden ist.
Sollte die Krise gerade auch dank der in Washington verabschiedeten Hilfspakete gemeistert werden, so könnten am anderen ideologischen Ufer die Demokraten ihrerseits die massive staatliche Intervention als Argument für einen beständigen „starken Staat“ aufgreifen – in der Hoffnung, dass die Wählerschaft staatlichen Programmen freundlicher gestimmt ist. Somit könnte der linke Flügel der Partei in sozialpolitischen Fragen weiter an Einfluss gewinnen.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Republikanische Partei in den USA“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Ein Faktor, der die amerikanische Politik dominiert, ist der Polarisierungsgrad zwischen den beiden Parteien, der vornehmlich der im Buch erörterten ideologischen Radikalisierung der Republikaner geschuldet ist. Die grundsätzlich unterschiedlichen Werte und Ziele lassen sich nicht nur im Kongress, sondern ebenso auf der Ebene der Wählerschaft vorfinden. Demokraten und Republikaner leben in verschiedenen Welten mit verschiedenen Realitäten. Dies hat in der Krise dazu geführt, dass Republikanische Wähler lange die Ansicht vertraten, drastische Schritte gegen das Virus seien nicht notwendig – ganz im Gegenteil waren sie oftmals der Auffassung, die Kritik auf die Maßnahmen der Trump-Regierung sei nicht viel mehr als ein weiterer Versuch des (medialen) Mainstreams, Präsident Trump zu schaden. Das seit Jahrzehnten durch Republikanische Politiker bei ihrer Wählerschaft genährte Misstrauen gegenüber Medien und Experten ist ein Faktor, der für die schleppende Reaktion der amerikanischen Bundesbehörden auf die Epidemie mitverantwortlich ist.


Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Domenica Dreyer-Plum

Domenica Dreyer-Plum


Die Grenz- und Asylpolitik der Europäischen Union

Wie verändert die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Tatsächlich hat sich mein Arbeitsalltag wenig verändert, weil ich ohnehin viel im Homeoffice arbeite. Die größte Veränderung steht mit dem nun beginnenden Sommersemester an. Wir müssen davon ausgehen, dass wir unseren StudentInnen nicht persönlich begegnen dürfen und ausschließlich auf digitale Ressourcen und virtuelle Formate für die Seminargestaltung zurückgreifen müssen. Das ist für uns Lehrende ebenso wie für die StudentInnen eine völlig neue und ungewohnte Herausforderung.

Was ist die gravierendste Veränderung für die aktuelle Grenz- und Asylpolitik?

Die Asylpolitik ist vorübergehend in den Hintergrund gerückt. Während es Anfang März noch so aussah, als würde die Europäische Union eine neue Krise in ähnlicher Dimension wie 2015 erleben, hat sich die Lage an der griechisch-türkischen Grenze nun vorübergehend beruhigt. Die Situation der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln ist jedoch weiterhin katastrophal und die Gefahren einer Ausbreitung des Coronavirus macht eine Evakuierung umso dringlicher.

In der Grenzpolitik sehen wir eine andere Dynamik: Abhängig von der Entwicklung nationaler Infektionszahlen haben die Mitgliedstaaten ihre Grenzen geschlossen. Wir sehen erneut, dass der Schengenraum angreifbar ist. Ähnliches haben wir während der Migrationskrise von 2015 erlebt. Diesmal sind die Maßnahmen jedoch drastischer. Die aktuell praktizierten kategorischen Grenzschließungen sind im Schengenraum beispiellos. Warum es diese Grenzschließungen geben muss, bleibt dabei unklar. Schließlich führt das weitgehende Einfrieren des öffentlichen Lebens (Schließung der Geschäfte, Kontakt- und Ausgangssperren) automatisch zu rückläufiger Mobilität und die Empfehlung, von Reisen im Inland abzusehen, wird auch befolgt. Symbolisch haben die Grenzschließungen hingegen eine deutliche Wirkung der Abschottung.

Kann man bereits jetzt erahnen, ob sich die Grenz- und Asylpolitik durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Die Grenzschließungen erschüttern den Schengenraum und stellen damit selbstverständlich geglaubte Errungenschaften in Frage. Trotzdem gehe ich davon aus, dass die Grenzschließungen vorübergehender Natur sein werden.

Die Asylpolitik wird nach der Corona-Krise garantiert wieder sehr weit oben auf der politischen Agenda stehen. Den sichersten Hinweis dafür liefern einerseits die Zuwanderungsdaten der vergangenen 20 Jahre und die Tatsache, dass der weltweite Migrationsdruck (kriegerische Konflikte, Terrorismus, extreme soziale Ungleichheiten, Klimaveränderungen) eher zu- als abnimmt.

Gehen Sie in Ihrem Buch auf ähnliche Aspekte ein, die für die aktuelle Krisen-Situation von Bedeutung sein könnten?

Aktuell erleben wir eine unvergleichliche Krise, die jede/n Einzelne/n im täglichen Leben betrifft und sich dadurch grundlegend von Krisen der vergangenen Jahre unterscheidet. Zudem wirkt die Corona-Krise auf fast alle politischen Bereiche ein. Sie entwickelt sich zur Krise für das Gesundheitssystem, die Wirtschaft und ggf. auch für die gesamte Gesellschaft.

In meinem Buch gehe ich ausführlich auf die Migrationskrise von 2015 ein. Damals gab es ähnliche Muster, die nun bei der Bewältigung der Corona-Krise erneut beobachtbar sind: Dazu zählen nationale Alleingänge bei den Grenzschließungen, eine zweifelhafte Praxis der Solidarität und ein zögerliches Engagement der europäischen Institutionen. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wirken so weit in das öffentliche Leben und den Wirtschafts- und Finanzsektor aller Mitgliedstaaten hinein, dass sie die europäische Staatengemeinschaft insgesamt ergreifen. Dennoch haben wir zunächst primär nationale Reaktionen gesehen. Es gibt Ansätze der loyalen Zusammenarbeit bei der Versorgung von schwer erkrankten Unionsbürgern und dem Bereitstellen von technischem Material. Am Beispiel der Diskussion um Kreditinstrumente in der Eurozone wird jedoch bereits wieder deutlich, dass um europäischen Zusammenhalt hart gerungen werden muss. In meinem Buch wird in der Rückschau zur Migrationskrise von 2015 deutlich, dass einer der wesentlichen Gründe für die Krisensituation der Mangel an europäischem Zusammenhalt war. Bis dato fehlt es an Solidarität und an der Bereitschaft, die Verantwortung in der europäischen Asylpolitik gemeinsam zu tragen. Es bleibt zu hoffen, dass sich im Umgang mit der Pandemie eine andere Dynamik einstellt.


Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Michael von Hauff

Michael von Hauff


Nachhaltige Entwicklungspolitik

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Ich habe bei vielen Vorträgen und Seminaren auch über Entschleunigung unseres (Arbeits-)Lebens gesprochen. Natürlich ist die augenblickliche „Zwangsentschleunigung“ eine sehr spezielle Situation. Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich interessante Publikationen abschließen möchte und die Vorbereitung einer internationalen Konferenz im Herbst steht an, für die ich nun deutlich mehr Zeit habe: zugesagte Vorträge und Besprechungen fallen aus. Dadurch fehlen mir aber auch, wie vielen anderen, soziale Kontakte zu Menschen mit denen ich gerne zusammen komme und diskutiere bzw. ein Glas Wein trinke. Das Vermissen dieser sozialen Kontakte ist eine neue und ganz wichtige Erfahrung.

Was ist die gravierendste Veränderung für nachhaltige Entwicklung hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Verbreitung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Es gibt in breiten Teilen der Gesellschaft schon lange das Gefühl: so kann es nicht weiter gehen. Gemeint sind der Klimawandel, der Rückgang der Biodiversität und andere Belastungen der Umwelt. Das gilt aber auch für die wachsende Ungleichheit von Einkommen und Lebenschancen. Aber auch die Frage: „Was bringt uns die Digitalisierung?“ löst nicht nur Euphorie aus, sondern erzeugt z.B. Ängste um den Arbeitsplatz. Aber auch die Frage, ob man alle Herausforderungen, die die Digitalisierung mit sich bringt, noch meistern kann erzeugt bei vielen Menschen ein Unbehagen. Es wäre zu wünschen, dass die Corona Krise das Bewusstsein für notwendige Veränderungen stärkt. Dazu zeigt uns das Paradigma der nachhaltigen Entwicklung, d.h. die Zusammenführung von Umwelt, Wirtschaft und des Sozialen, d.h. gesellschaftlicher Anliegen viele Möglichkeiten auf. Viele Menschen in der Bevölkerung denken jetzt nach und das ist eine Chance für nachhaltige Entwicklung.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich nachhaltige Entwicklung durch die Pandemie dauerhaft weiter entwickeln wird?

Das Gefühl, wir sind eine Gesellschaft und wir gehören zusammen, ist für viele Menschen in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße verloren gegangen. Das Gefühl, wir sind eigentlich nicht füreinander verantwortlich, hat für viele Menschen zugenommen. Die Corona Krise zeigt uns aber deutlich, jeder kann infiziert werden. Da werden wir plötzlich alle gleich und wir sind dann auf Hilfe angewiesen. Man kann sich nicht freikaufen und auch andere Privilegien helfen kaum weiter. Natürlich haben wir unterschiedlich viel Wohnraum, was gerade jetzt zu einem Privileg werden kann. Aber wir leiden alle darunter, dass wir Verwandte und Freunde nur in Ausnahmesituationen treffen können. Wir nehmen plötzlich wahr, dass Pflegepersonal, Krankenschwestern und Ärzte die Kranken mit großer Fürsorge bis zur Belastungsgrenze betreuen. Verkäuferinnen und Verkäufer und andere Berufsgruppen, die oft gering bezahlt werden, tun alles für uns. Es ist zu wünschen, dass diese Erfahrungen der Fürsorge und Solidarität, die eine Gesellschaft stärken und zusammenhalten, einen Schub geben wird.

Gehen Sie in Ihren Publikationen auch wenn Sie diese vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Solidarität, Gerechtigkeit in der heute lebenden Generation und Gerechtigkeit für zukünftige Generationen, damit sie ihre Bedürfnisse in gleichem Maße befriedigen können wie wir heute, sind ganz wichtige Maxime nachhaltiger Entwicklung. Hinzu kommt, dass wir eine langfristige Stabilität der Wirtschaft brauchen, die innerhalb der planetaren bzw. ökologischen Grenzen eingeordnet ist. Und schließlich fordert das Nachhaltigkeitsziel (SDG) 3 der Agenda 2030 „Gesundheit und Wohlergehen“ für alle Menschen. Daher sollte das Gesundheitswesen auf zukünftige Risiken wie die Corona-Pandemie vorbereitet sein diese bewältigen können.


Politikwissenschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Thomas Schwietring

Thomas Schwietring


Was ist Gesellschaft?

Wie verändert die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Nur wenig. Ich arbeite von zuhause aus; das habe ich ohnehin die meiste Zeit meines Lebens getan. Allerdings telefoniere ich häufiger mit meinen Freunden und schreibe auch jenen, bei denen ich mich schon länger hatte melden wollen.

Was ist die gravierendste Veränderung für unsere Gesellschaft?

Die Epidemie hat eine medizinische und eine ökonomische Seite. Es gibt Menschen mit geringen finanziellen Spielräumen, die sich unmittelbar Sorgen um ihre materielle Existenz machen müssen. Letztlich ist die Epidemie aber bloß der Auslöser; die Ursache ist eine länger bestehende sozialstrukturelle Fehlentwicklung. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich prekäre Einkommenssituationen und Lebenslagen verfestigt und die betroffenen Menschen verwundbar gegen jede Art von Krise gemacht. Dieser Entwicklung hätte man entgegentreten müssen. Die Epidemie macht die Resultate dieser sozialstrukturellen Spaltung sichtbar, ist aber nicht ihre Ursache.

Kann man bereits jetzt erahnen, ob sich unser öffentliches Leben und die Gesellschaft durch die Pandemie dauerhaft verändern werden?

Nein, das kann man sicher nicht. Gesellschaft verändert sich ohnehin fortwährend. Allerdings bin ich überrascht, wie die Staaten auf die Epidemie reagiert haben. Mein erster Gedanke war, dass die Infektionsgefahr ein Gefühl für die existenzielle Gemeinsamkeit aller Menschen im Angesicht dieser Bedrohung hervorrufen wird. Faktisch haben viele Staaten aber geradezu archaisch reagiert und als erstes Grenzschließungen ausgerufen. Der Reflex, auf den Erreger mit einer diffusen Angst vor etwas Fremden zu reagieren, hat mich irritiert. Faktisch ist der Erreger zumeist durch Einheimische, durch zurückkehrende Urlauber und Geschäftsreisende verbreitet worden, für die die Grenzschließungen ohnehin nicht galten.

Geht Ihr Buch „Was ist Gesellschaft?“ auf ähnliche Aspekte ein, die für die aktuelle Krisen-Situation von Bedeutung sein könnten?

Ausnahmesituationen wie die aktuelle machen durch den Wegfall alltäglicher Selbstverständlichkeiten soziale Mechanismen sichtbar, auf die wir uns im gewöhnlichen Alltag verlassen, ohne sie besonders zu beachten. Gewissheiten und Routinen funktionieren nun plötzlich nicht wie gewohnt. Das kann ein Nachdenken über den Alltag vor der Krise auslösen. Die Fähigkeit zur Beobachtung des Alltags zu trainieren, ist auch Ziel des Buches.

Aktuell beobachte ich beispielsweise, dass die Vermeidung sozialer Kontakte, die im Moment nötig ist, mit einer sonderbar überschießenden Scheu vor anderen Menschen einhergeht. Im Supermarkt oder wenn ich durch die Felder laufe und Leuten begegne, die ihren Hund spazieren führen, wirkt es manchmal so, als fürchteten Sie eine Infektion, nur weil ich sie grüße oder anlächele. Dabei wäre es gerade jetzt wichtig, ab und zu andere Menschen anzulächeln. Es wird schwer werden, diese Scheu wieder abzulegen. Wenn die Quarantäne aufgehoben wird, wird es sicher einige Zeit dauern, das Gefühl des Vertrauens im Alltag wiederherzustellen.

Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Christiane Blenski

Christiane Blenski


 Werbung, die Sie sich sparen können

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und Lehralltag?

Im Homeoffice konzipiere und texte ich schon seit 2001. Mein Arbeitszimmer ist groß, voller Bilder & Bücher, technisch top und nachmittags sonnig. Hier fließen mir neue Ideen und Worte schnell aus dem Kopf. Verändert ist, dass seit Mitte März das Telefon seltener klingelt und der E-Mail-Eingang leerer bleibt.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf die Eigenwerbung von Unternehmen?

Es fehlt komplett die Möglichkeit, offline geschäftlich öffentlich zu sein, also zu Netzwerktreffen zu gehen oder sich auf Messen oder Märkten zu zeigen. Dazu kommt das Verschieben oder Absagen von Vorträgen – das hat auch mich echt getroffen. Denn genau jetzt hatte ich drei tolle Vortragstermine zum Vorstellen der Inhalte meines neuen Buches. Tatsächlich kann man sagen: alle anderen Werbewege stehen zur vollen Verfügung. Allerdings: Es ist aktuell wenig sinnvoll, Werbung für Angebote zu machen, die derzeit niemand nutzen kann wie z.B. Gruppentrainings oder Reisen.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Werbewege von Unternehmen durch die Pandemie dauerhaft verändern werden?

Ja, man spürt, liest und sieht jetzt schon einen Veränderungstrend. Ich denke, es wird in vielen Branchen eine größere Behutsamkeit, Ehrlichkeit und Sensibilität in der Werbeansprache geben. Derzeit ist es übrigens so, dass ich dazu rate, auf Wirkung statt auf Werbung zu setzen und eher zu geben als zu nehmen. Das heißt zum Beispiel, die großartigen Sozialen Medien, sowie Mails, Videos oder auch Briefe zu nutzen, um während der Krise in der Nähe der Kunden und Interessenten zu bleiben. Wenn dann der Kaufwunsch wiedererwacht, ist man der erste Ansprechpartner. Aus Angst vor der Zukunft die Luft anzuhalten und nichts zu sagen, das schwächt die Loyalität von Kunden.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Werbung, die Sie sich sparen können“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Unbedingt! Vor allem beim Blick auf die vier Aufgaben der Werbung, lernt man die großen Chancen der Sozialen Medien kennen. Sie sind ein einzigartiges „Bleib-bei-mir“-Medium, das jetzt wichtiger ist als je zuvor. Haben die Leserinnen und Leser sich den roten Faden für seine aktive Eigenwerbung durch die Übungen im Buch erarbeitet, dann haben sie einen großen Ideen- und Themenfundus, den sie auch in schwierigen Zeiten nutzen können, um positiv auf sich aufmerksam zu machen – und das eben zu eher kleinen Werbekosten. Schließlich weiß man durch seinen roten Faden, welche Werbung man sich sparen kann, um sein Geld und seine Energie in andere Dinge zu Krisenbewältigung zu stecken.


Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Alexander Hennig

Alexander Hennig


Marketing Schritt für Schritt

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Selbstverständlich hat sich auch mein Arbeitsalltag durch die Corona-Krise stark verändert: Unsere Hochschule ist geschlossen, ich arbeite von Zuhause, Vorlesungen und Seminare finden nicht mehr in Präsenzform statt, sondern sind ins Internet gewechselt. Dort gibt es dann auch Besprechungen mit den Kollegen. Ich glaube aber, dass in dieser Veränderung auch eine Chance liegt. Erstens, sich noch stärker mit digitalen Lern- und Lehrmethoden auseinanderzusetzen und zweitens, wenn es die Situation ermöglicht, strategische Entscheidungen zu treffen, um sich gut auf die Zeit nach der Krise vorzubereiten.

Was ist die gravierendste Veränderung für Marketing-Profis hinsichtlich ihrer Instrumente und Aktivitäten durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Die Kunden sind derzeit für Marketingmaßnahmen kaum ansprechbar. Das gilt sowohl für die Konsumenten als auch für die Unternehmen. Die Aufmerksamkeit der Konsumenten liegt gerade sehr stark auf dem eigenen Alltag, vielleicht auf den allgemeinen Sorgen bezüglich der Krise, aber auch auf ganz konkreten Sorgen, z.B. um den eigenen Arbeitsplatz. Und auch die Aufmerksamkeit der Unternehmen liegt gerade auf der Haltung des Geschäftsmodells, der Sicherung der Liquidität und, ganz allgemein gesagt, den finanziellen Sorgen, in die viele Unternehmen derzeit geraten. Das heißt, Aufmerksamkeit für Marketingmaßnahmen ist fast gar nicht vorhanden, sodass es sehr schwierig ist, jetzt in dieser Zeit neue Produkte einzuführen, Preisaktionen zu machen oder Kommunikationskampagnen durchzuführen. Kampagnen im öffentlichen Raum sind fast nutzlos, weil Menschen kaum mehr das Haus verlassen und auch große Unternehmen, die große Kampagnen gestartet haben, die sich auf Ereignisse wie die Fußball Europameisterschaft oder die Olympischen Spiele beziehen, haben das Geld für diese Kampagnen fast vollständig verschwendet.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Die Systematik des Marketings wird sich nicht verändern, aber es mag schon sein, dass sich die Inhalte des Marketings etwas anders akzentuieren werden. Ich meine, dass es nach der Krise in Deutschland zu einer recht zügigen wirtschaftlichen Erholung kommen wird und ich glaube, dass damit eine große Erleichterung in den westlichen Gesellschaften einhergeht. Und deswegen glaube ich, dass Inhalte bei den Marketingmaßnahmen eine größere Rolle spielen werden, die auf den sozialen Charakter von Produkten und Dienstleistungen, auf das Zusammengehörigkeitsgefühl abzielen werden. Veranstaltungen, Konzerte, Gastronomie – all das wird sicher, ebenso wie die Touristik, stärker beworben werden. Und das mit dem Aspekt des Nachkrisenphänomens, also dass jetzt die Krise vorbei ist und dass es jetzt darum geht, vielleicht wieder die Dinge zu tun, die man vorher nicht tun konnte. Ein anderer Effekt könnte sein, dass insbesondere das Wohlfühlen zuhause noch eine größere Rolle spielen wird und von daher Produkte stärker und anders beworben werden, bei denen es darum geht, dass man sich ein schönes Zuhause macht.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Marketing Schritt für Schritt“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Ich lege in meinem Buch ein großes Augenmerk darauf, wie wichtig es ist, dass Marketing ein systematischer Prozess im Unternehmen ist. Und das hat sich jetzt auch in der Krise nicht verändert. Es geht darum, seine Ziele festzulegen, natürlich den Gegebenheiten anzupassen und zu justieren und dann den strategischen Kompass beizubehalten, um gut vorbereitet zu sein für die Zeit nach der Krise. Denn das wird natürlich eine Zeit, in der die richtige Justierung von Marketingmaßnahmen im Marketingmix sehr wichtig sein wird. Wir sehen ja auch jetzt schon in der Krise, dass Unternehmen unterschiedlich gut und erfolgreich darin sind, diese besondere Situation gegenüber den Kunden, den Lieferanten aber auch den Mitarbeitern zu kommunizieren.


Marketing \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Christof Seeger und Julia F. Kost

Christof Seeger

Julia F. Kost


Influencer Marketing

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Christof Seeger: Im Moment ist der eigentliche Semesterstart mit Präsenzveranstaltungen verschoben. Wir arbeiten gerade verstärkt an Veranstaltungsformaten des Distance Learning. Eine neue didaktische Erfahrung. Allerdings ist die Hochschule der Medien schon recht weit und wir haben den Vorteil, dass viele unserer Themen tatsächlich auch über digitale Kanäle kommuniziert werden können.

Julia F. Kost: Als Dozentin bin ich ebenfalls dabei, meine Vorlesung für eine mögliche digitale Umsetzung vorzubereiten. Als Consultant muss ich für meine Kunden & Projekte natürlich ebenfalls umplanen – wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Wochen alle aus dem Homeoffice. Workshops, Abstimmungen und Konzeptarbeit im Team (ohne physisch im selben Raum zu sein) sind natürlich eine Herausforderung. Genauso die langen Stunden vor dem Bildschirm, ohne den nun leider gar nichts mehr geht.

Was ist die gravierendste Veränderung für Influencer und ihre Aktivitäten in den Sozialen Medien durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Christof Seeger: Ich sehe da speziell für die Influencer überhaupt keine große Veränderung in den Aktivitäten. Vielleicht haben viele Influencer sogar noch mehr Zulauf, da die Menschen zu Hause häufiger und intensiver im Internet unterwegs sind. Eine Einschränkung besteht nur in öffentlichen Auftritten. Aber im Netz ist ja alles wie gehabt.

Julia F. Kost: Die Aktivitäten in Social Media sind natürlich nach wie vor möglich. Was den Influencern sicher fehlt, sind Gelegenheiten für Content – denn auch sie müssen ja nun „aus dem Homeoffice“ arbeiten, was je nach Schwerpunkt-Thema durchaus ein Problem darstellen kann. Reisen und Events, von denen man berichten kann, sind nicht möglich, es fehlt an Abwechslung bzgl. Drehorten, Alltag, Tätigkeiten etc.

Eine weitere Herausforderung ist natürlich der „Freeze“ in der sich die Marketingwelt allgemein befindet. Es wurden sicher einige bereits geplante Kooperationen abgesagt aufgrund der Pandemie. Verständlicherweise, denn allzu fröhliche Werbung, die der Situation vielleicht sogar widerspricht, könnte bei den Zielgruppen durchaus Empörung auslösen. Wer hier schnell agiert und kreative Konzepte vorschlägt, die die Situation reflektieren, kann aber auch hier entgegenwirken.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich das Influencer Marketing durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Christof Seeger: Ich wage hier keine Prognose. Die Gesellschaft wird sich sicherlich verändern. Ein einfaches Zurück wird es so nicht geben. Wie und in welcher Form ist heute nicht absehbar. Es hängt sicherlich davon ab, wie lange das Virus unser öffentliches Leben beeinträchtigt.

Julia F. Kost: Eine Prognose möchte ich auch nicht abgeben, aber eine Hoffnung kann ich äußern: In der Krise wird sich zeigen, wer wirklich etwas zu sagen hat. Kleine und große Influencer, die ihrer Community auch in der aktuellen Situation Orientierung geben (als Meinungsführer), authentische Inhalte liefern (kreativ & flexibel, ohne ihre Stimme zu verlieren) und die verantwortungsbewusst mit ihrer Reichweite umgehen, werden ohne Probleme die Krise überstehen (z.B. @annesauer91, Fechtmeisterin). Sie können ihre Community stärken, die Leute noch enger an sich binden und eventuell sogar ihre Reichweite ausbauen, weil sie durch ihre guten Inhalte weiterempfohlen werden. 

Die weniger „guten“ Influencer, die mit viel heißer Luft arbeiten, bekommen Glaubwürdigkeitsprobleme und langweilen oder verprellen im schlimmsten Fall ihre Community mit nichtssagenden Inhalten, die nicht auf die Corona-Situation eingehen oder sich sogar über diverse Regeln hinwegsetzen.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Influencer Marketing“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Christof Seeger: Wie schon erwähnt, ist die digitale Wirtschaft im Prinzip ja unabhängig von klassischen Methoden. Es kommt jetzt darauf an, wie die Unternehmen reagieren. Viele haben nachvollziehbarerweise nun eher existenzielle Sorgen, als sich um neue Vermarktungs- und Kommunikationswege zu kümmern, dennoch kann das Influencer-Marketing insgesamt an Bedeutung gewinnen, da viele Messen und direkten Kontakte im Moment nicht existieren.

Julia F. Kost: Wir beschreiben in einem Exkurs in Kapitel 2.3 den Zusammenhang von Influencern und Popkultur. In einer gesellschaftlichen Krise gerät die bisherige Gewichtung von „Pop Life“ und „Alltag“ aus den Fugen. Alltägliche Bedürfnisse, die lange als „erfüllt“ wahrgenommen wurden, sind nicht mehr ganz so selbstverständlich (egal ob Einkaufen, Arbeitsplatz oder Kinderbetreuung). Das Pop Life gerät somit etwas in den Hintergrund, ist aber gleichzeitig wichtig als emotionaler Ausgleich. Wenn sich die Bedürfnisse in der Gesellschaft so verändern, verändern sich auch die Erwartungen und Wünsche an Meinungsführer.

Die Daseins-Berechtigung für Influencer ist ja nicht das Marketing, das man mit ihnen gestalten kann. Sie sind in erster Linie Meinungsführer oder Experten, die fachliche und/oder soziale Autorität und Vorbildfunktion besitzen und eine digitale Community unterhalten, die ähnliche Werte pflegt wie der Influencer selbst. Welche Eigenschaften einen klassischen Influencer ausmachen, haben wir im Buch ausführlich beschrieben (Kapitel 2) genauso die Kriterien für einen „hochwertigen“ Influencer (Kapitel 5.4), die zwar vor dem Hintergrund einer Markenkooperation aufgearbeitet sind, aber allgemein gültig sind.

Für Unternehmen, die trotz der Krise (Influencer) Marketing betreiben, gilt noch stärker als vorher: auf den Marken-Fit achten und Influencer in ein Gesamtkonzept einbinden! (Kapitel 4 und 5)

Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Bernd Blessin

Bernd Blessin


Führen und führen lassen

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

In meiner Tätigkeit als Leiter Personal und Organisation, Recht und Compliance (CCO) eines mittelständischen Versicherungsunternehmens sowie als Mitglied des Notfallteams bin ich aktuell doppelt gefordert. Neben der Aufrechterhaltung der operativen Arbeit in beiden Bereichen gilt es nun auch, diese Krise für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie unser Unternehmen bestmöglich zu organisieren und zu gestalten oder ganz neue Lösungswege zu finden. „Arbeitsalltag“ ist passé! Die Veränderungen sind massiv und kommen fast stündlich. Das bedeutet: Entscheidungen von heute sind morgen vielleicht schon wieder obsolet und müssen neu getroffen werden.

Was ist die gravierendste Veränderung für Führungskräfte hinsichtlich ihrer Aufgaben und Herausforderungen durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

An zwei Beispielen aus meinem Unternehmen will ich die aktuellen Veränderungen schlaglichtartig deutlich machen: Führungsbeziehungen bzw. Entscheidungsprozesse.

Gelebte Führungsbeziehungen mussten innerhalb weniger Wochen, wenn nicht gar Tagen, neu definiert werden. Als zentral organisiertes Unternehmen hat jede(r) einen Büroarbeitsplatz. Jetzt galt es für die Führungskräfte, möglichst rasch alle Mitarbeiter*innen Home Office-fähig zu machen: Also die notwendige Ausstattung besorgen und einsatzfähig machen, die Mitarbeiter*innen mit der neuen Situation vertraut machen und die Arbeitsprozesse -wo notwendig- entsprechend anpassen. Die Führungsbeziehung wechselte von „face-to-face“ auf „remote“. Damit verändern sich Rücksprachen und Meetings, aber auch ad-hoc-Treffen auf dem Flur oder am Kaffeeautomat. Was in anderen Unternehmen vielleicht schon geübte Praxis sein mag (er)finden wir für uns gerade neu, wie etwa extensive Videochats oder Telkos oder eben virtuelle Teammeetings und Kaffeepausen. Verändern wird sich dadurch auch das Vertrauensverhältnis zwischen Führungskraft und Mitarbeiter*innen sowie der Anspruch an selbständiges und eigenverantwortliches arbeiten.

Natürlich verändern sich dadurch auch Entscheidungsprozesse. Der kurze Weg über den Flur, der direkte persönliche Austausch bilateral oder im Team muss nun technisch überbrückt werden. Das geht selbstverständlich, braucht aber noch Übung. Auch werden Entscheidungen massiv durch die Krise beeinflusst. Was heute klar und eindeutig war, muss morgen vielleicht korrigiert werden. Das fordert viel Verständnis und eine hohe Fehlertoleranz. Beides hat sich bei und schlagartig verbessert, inkl. mehr miteinander und füreinander. Und es gibt plötzlich eine weitere Instanz, das Notfallteam. Dieses ist mit weit reichenden Kompetenzen ausgestattet und kann für alle im Unternehmen bindende Entscheidungen treffen. Manche erleben dies als Entmachtung, anderen gibt dies Sicherheit und Orientierung.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich Führung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Führung hat sich schon immer verändert und wird sich auch weiter verändern. In der Diskussion der letzten Jahre war der Fokus m.E. zu stark auf den Sinn der Arbeit gerichtet („purpose“). Natürlich ist dieser wichtig! Das Selbstverständnis des Unternehmens sollte sich mit dem eigenen decken und Führungskräfte sollten dies aktiv verkörpern bzw. vorleben. Das ist aber sicherlich nur eine Seite der Medaille. In der aktuellen Situation wird die zweite Seite umso deutlicher, nämlich die Veränderung von Arbeitsplätzen, -prozessen oder -beziehungen, der notwendige Erwerb von Qualifikationen und die Gestaltung dieser Veränderungen. Wir haben dies beim Bundesverband der Personalmanager (BPM) im Herbst 2019 für dieses Jahr unter das Motto „prepare“ gesetzt ;-)

Gehen Sie in Ihrem Buch „Führen und führen lassen“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

In „Führen und führen lassen“ werden Grundlagen der Führung aufgezeigt. Diese sind in jeder Führungssituation hilfreich, auch und gerade in der jetzigen Krise. Ein eigenes Kapitel befasst sich mit „in, durch und mit Veränderungen führen“, also genau passend zur aktuellen Situation. Die Abschnitte „Führung in virtuellen Teamstrukturen“ oder „Change Management“ geben jeder Führungskraft gute Impulse für die derzeitigen Führungs-herausforderungen. Vielleicht hilft auch das eine oder andere Praxisbeispiel im Buch weiter …


Selbstmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Dieter Brendt

Dieter Brendt


Dieter Brendt

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Noch wenige Tage vor den Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hatte ich mit dem Träger einer großen Werkstatt für Behinderte einen Beratervertrag zur Organisationsentwicklung  abgestimmt. Alle dort vereinbarten Termine für Interviews, einer Kick-Off-Veranstaltung etc. wurden genauso abgesagt wie Workshops für andere Träger in unserer Region. Weder Supervisionen, Coachings oder Trainings noch Seminarveranstaltungen finden statt. Somit beschränkt sich mein Arbeitsalltag ausschließlich auf Tätigkeiten im Home-Office: Einzelberatungen per Telefon, Videokonferenzen und schriftliche Auftragsarbeiten wie Gutachten. Abgesehen davon warte ich auf Lockerungen der Beschränkungen, um die aufgeschobenen Termine außer Haus wieder ins Auge fassen und realisieren zu können. Im Hinblick auf meine Arbeit als Fachbuchautor möchte ich ebenfalls auf das Ende der Maßnahmen warten, um sie danach mit einem aktuellen Bezug wieder aufzunehmen. In erster Linie übe ich mich in Geduld und blicke gelassen und zuversichtlich nach vorne.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen?

Aus meiner Sicht wirkt sich das Kontaktsperregebot in vielerlei Hinsicht stark beeinträchtigend aus, wobei wir zwischen mobilen und stationären Helfer*innen Unterschiede zu konstatieren haben. So wurde beispielsweise eine Hebamme gebeten die Wochenbettbetreuung einer Asylantin zu übernehmen. Schon der Versuch ein Vorgespräch zu führen scheiterte, weil „Dritten“ untersagt ist, das Heim, in dem die Asylantin untergebracht ist, zu betreten. Beratungen per Telefon gestalten sich zumeist sehr schwierig und erschweren die Betreuung. Gleiches gilt für mich als Supervisor. Als „Dritter“ beschränkt sich meine Arbeit auf Telefonate. Supervisionen in Heimen oder Krankenhäusern sind nicht mehr möglich, obwohl alle systemrelevanten Berufe über die Maßen gefordert sind und dringend eine Möglichkeit benötigen, ihre alltäglichen Erfahrungen zu reflektieren und zu verarbeiten. Man denke nur daran, in welchem besonderen Ausmaß Helfer*innen derzeitig gefordert sind, Patient*innen zu begleiten, wenn Familienmitgliedern der Besuch ihrer kranken, im schlimmsten Fall sterbenden Angehörigen verwehrt wird. Vor dem Hintergrund der von allen Seiten beklagten Personalknappheit drängt sich hier die Frage nahezu auf, wie das denn alles geschafft und verarbeitet werden soll.    

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Situation in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen dauerhaft verändern wird?

Allabendlich, pünktlich um 21 Uhr, treten wir gemeinsam mit vielen unserer Nachbarn in unserer Straße vor die Haustür und applaudieren, um allen Mitarbeitenden in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen unseren Dank und Respekt auszudrücken. Aktionen wie diese bringen unseren Helfer*innen eine Wertschätzung entgegen, an denen es ihnen bislang gemangelt hat, obwohl sie sie stets verdient haben. Ich hoffe, dass sie auch dazu beitragen, dass solche unsäglichen Geschehnisse, wie sie sich in der sinnentleerten Gewalt gegen Helfer*innen offenbart haben, endlich ein Ende finden. Und ich wünsche mir, dass unsere Entscheidungsträger endlich Geld in die Hand nehmen und Maßnahmen zur Beendigung des in der Pandemie nur noch mehr verschärften Pflegenotstandes ergreifen statt sich darauf zu beschränken, medienwirksam Ladungen von Schutzmasken an Flughäfen in Empfang zu nehmen oder einmalige steuerfreie Bonuszahlungen auszuloben. Es gilt, die Arbeitsplätze in den Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen attraktiver zu gestalten, damit dort zukünftig alle notwendigen Leistungen gesichert erbracht werden können. Aufgrund der bisherigen Bemühungen zur Reduzierung des Pflegenotstandes vor der Pandemie drängen sich aus meiner Sicht jedoch durchaus berechtigte Zweifel auf, dass sich in dieser Hinsicht nach der Pandemie etwas Grundlegendes ändert.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Stressfreie Selbstorganisation zur Burnoutvermeidung“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

In meinem Buch wird eingehend erörtert, dass sich die durch Zeit- und Personalknappheit sowie gesetzliche Auflagen erheblich belastete Situation im gesamten Gesundheits- und Sozialbereich nicht wegdiskutieren lässt. Der „Pflegenotstand“ hat sich durch die Pandemie wegen der damit einhergehenden Infektionsgefahr noch weiter verschärft und steht im direkten Widerspruch zum Kernanliegen der Helfer*innen, sich Zeit zu nehmen für eine angemessene Betreuung von Hilfsbedürftigen. Von daher dürfte auch mein dort formuliertes Statement weiterhin gelten, dass das Burnout-Risiko nirgendwo so stark ausgeprägt ist wie in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen. Die in dem Buch speziell an den Bedürfnissen dieser Berufsgruppen ausgerichteten Methoden des persönlichen Zeit-, Ziel- und Ressourcenmanagements im „Regelkreis des Selbstcoachings“ sind gerade heute mehr als geeignet, d. h. durchaus nützlich und relevant, Helfer*innen die Arbeit zu erleichtern, indem ihnen Möglichkeiten zur besseren Selbstorganisation an die Hand gegeben werden. Zudem werden Fach- und Führungskräften in Heil-, Pflege- und Betreuungsberufen Wege zur Stressprävention und Burnoutvermeidung erschlossen. Positive Rückmeldungen meiner Leser*innen bestätigen diese Sichtweise.  


Personalmanagement \ 4 aktuelle Fragen an Miriam Engel

Miriam Engel


 Royal führen, loyal handeln

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Dadurch, dass bis auf unabsehbare Zeit alle Seminare, Vorträge und einige Beratungen wegfallen, bilden die Restriktionen aufgrund der Corona-Pandemie ein hohes wirtschaftliches Risiko. Denn als Autorin allein kann ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten.
Gleichzeitig sehe ich die Chance in der Krise, menschlich wieder die Gemeinschaft in den Mittelpunkt zu stellen – und nicht vorrangig das Wirtschaftswachstum.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf die Mitarbeiterführung in Unternehmen?

Viele Unternehmen merken erst jetzt, wie wenig Digitalität in ihren Prozessen besteht. Wer schnell ist, kann jetzt neue Geschäftswege generieren.
Auch hinsichtlich der Mitarbeiterführung sind in vielen Unternehmen die Strukturen nicht für Home-Office oder „überörtliches“ Arbeiten geschaffen. Führungskräfte fürchten Kontrollverlust – neben den existenziellen Ängsten.

Wer aus dieser Krise gestärkt hervorgehen will, hat jetzt die Chance, sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen, damit meine ich hinsichtlich der inneren Haltung. Wer jetzt optimistisch bleibt, Wege und Lösungen sucht und sich als Führungskraft gegenüber seinen Mitarbeitenden positioniert – Orientierung und Sicherheit bietet – wird langfristig davon profitieren. Denn ich glaube, dass es mehr Menschen braucht, die als Vorbilder eine klare Haltung einnehmen und danach leben.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich die Mitarbeiterführung durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser! Agilität bleibt heute kein abstrakter Begriff mehr, sondern findet direkte Anwendung, egal ob in bereits bestehenden Lösungen oder in der Improvisation. Das heißt, diese Haltung zur Unternehmensführung und zur Mitarbeiterführung ist eine wesentliche Kernkompetenz, die wir ohnehin brauchen, um in der Zukunft bestehen zu können. Jetzt ist die Zeit für alle gekommen, diesen Grundstein für die weitere Führung und Zusammenarbeit zu legen.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Royal führen, loyal handeln“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

n meinem Buch geht es um die grundsätzliche Einstellung zur Führung. Ich gehe auf Erfahrungen ein und beleuchte, warum Mikromanagement, übertrie-bene Kontrolle, heute kontraproduktiv ist und wie Führungskräfte durch neue Denkweisen und kleine Veränderungen in ihrem Führungsalltag nachhaltig die Arbeitszufriedenheit in ihrem Unternehmen und die Loyalität und Treue ihrer Mitarbeitenden gewinnen – zeit- und ortsunabhängig.


Beschwerdemanagement \ 4 aktuelle Fragen an Barbara Weyerer

Barbara Weyer


Beschwerdemanagement

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Der Arbeitsalltag hat sich auch bei mir insofern verändert, als dass die Arbeit von zu Hause aus dem Homeoffice erfolgt. Fand die Kommunikation bisher weitgehend von Face-to-Face statt, verlagert sich diese aktuell auf Telefonate, E-Mail-Verkehr und Skype-Konferenzen.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen auf den Umgang von Unternehmen mit den Kunden?

Für die davon betroffenen Betriebe und Unternehmen ist die gravierendste Veränderung die Einstellung des Geschäftsbetriebes und der damit verbundene Wegfall des Kundenkontaktes. Je nach Branche wird auch hier der Weg zum Kunden verstärkt über telefonischem, postalischem oder elektronischem Weg (E-Mails, Newsletter, Apps) erfolgen.

Entscheidend wird sein, beim Kunden bis zur Aufnahme des Geschäftsbetriebes Präsenz zu zeigen. Zum Beispiel durch Kommunikation eines Not(fall)betriebes, Erreichbarkeit der Mitarbeiter im Homeoffice, Ankündigung einer Aktionswoche bei Wiedereröffnung, Tag der Wiedereröffnung mit Rahmenprogramm usw.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Kontakt von Unternehmen zu den Kunden durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Um den Kundenkontakt aufrechtzuerhalten, bieten Geschäfte aktuell Home- und Lieferservice an. Ein Kundenservice, den diese bisher nicht praktizierten. Eine Veränderung könnte künftig in diesem Servicesegment liegen.

Der Wirtschaftskreislauf muss trotz Pandemie am Laufen gehalten werden. Durch den eingeschränkten persönlichen Kontakt ist es denkbar, dass die Erreichbarkeit des Kunden vermehrt auf elektronischem Wege stattfinden wird. Die Kenntnis der diversen Kommunikationsdaten des Kunden wird daher ein noch wichtigerer Bestandteil zur Kundenkontaktpflege werden.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Beschwerdemanagement“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Speziell beim Beschwerdemanagement ist der persönliche Kontakt ein maßgeblicher Faktor. Fällt dieser, wie aufgrund der aktuellen Situation, weg, ist die Erreichbarkeit des Kunden auf den anderen "Kanälen" umso bedeutender. Das Unternehmen oder der Betrieb sollte dann, bezogen auf den Anlass (Corona-Virus), an die Mitwirkung des Kunden appellieren und ihm Möglichkeiten und Lösungen aufzeigen.

Beispiel: Das Unternehmen selbst ist im Moment nicht in der Lage die Reparatur vorzunehmen. Allerdings besteht "krisenbedingt" eine Kooperation mit einem Mitbewerber, der die Reparatur übernehmen kann. Wichtig dabei ist die Zusicherung, das dem Kunden dadurch keine Nachteile entstehen.

Wirtschaft \ 4 aktuelle Fragen an Michael Bloss

Michael Bloss


Gold


Wirtschaft \ 4 aktuelle Fragen an Dr. Rolf Daxhammer

Rolf J. Daxhammer


Behavioral Finance

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Am 16.03.2020 war bei uns der Vorlesungsbetrieb bereits voll im Gange. Insofern versuchen wir jetzt über unterschiedliche remote-learning-tools die Studierenden inhaltlich zu versorgen. Darüber hinaus laufen die Betreuungen von Abschlussarbeiten, Hausarbeiten, usw. über online-meeting-tools. Außerdem betreuen wir sehr intensiv unsere Studierenden an den Partnerhochschulen weltweit, die ebenfalls durchgängig auf Krisenmodus geschaltet haben.

Insofern hat sich für uns die Arbeitsintensität schlagartig bis an die Grenze des Machbaren erhöht.

Was ist die gravierendste Veränderung für Finance hinsichtlich der Verhaltensweisen der Akteure durch das Virus und die daraus resultierenden Einschränkungen?

Die Finanzmärkte sind ein Spiegelbild der zukünftigen realwirtschaftlichen Entwicklungen. Insofern spiegelt sich dort die gleiche Unsicherheit, wie in fast allen anderen Bereichen des Lebens.

Im Augenblick ist es bei aller Volatilität aus meiner Sicht bemerkenswert, dass Finanzmärkte im Großen und Ganzen noch reibungslos funktionieren. Das Zusammenspiel von Information und Emotion verläuft immer noch in nachvollziehbaren, geregelten Bahnen.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Behavioral Finance durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Ich denke, dass das Zusammenspiel von Informationsverarbeitung und Umgang mit Emotionen, das kennzeichnend ist für Finanzmärkte, nach der Krise noch mehr in den Vordergrund rücken wird. Ich erwarte insofern, dass die Behavioral Finance, die sich ja zentral mit diesen verhaltenswissenschaftlichen Phänomen beschäftigt, noch mehr in den Kernbereich der Finanzmarktanalyse vordringen wird.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Behavioral Finance“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Gerade die Kapitel, die sich mit Herdenverhalten und Spekulationsblasen beschäftigen, liefern an vielen Stellen eine Blaupause für die Interpretation der Kursverläufe von Wertpapieren in dieser Krisenphase.


Betriebswirtschaft \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Elisabeth Göbel

Elisabeth Göbel


Unternehmensethik

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeitsalltag?

In meiner Rolle als Autorin nicht so sehr, da ich dabei schon immer überwiegend „Homeoffice“ gemacht habe. Bei meinen ehrenamtlichen Tätigkeiten als Geschäftsführerin von zwei Vereinen gibt es schon die Veränderung, dass viele Absprachen über Telefon oder soziale Medien laufen und die direkten Kontakte eingeschränkt sind. Das Krisenmanagement in diesen Vereinen nimmt zurzeit viel Raum ein. Kontakte mit Studierenden finden natürlich kaum statt.

Gibt es Veränderungen für Unternehmen hinsichtlich ihrer ethischen Verantwortung durch die Corona-Krise?

Ich sehe im Moment eine bemerkenswerte Veränderung in der Werteskala. Es herrscht auf einmal breiter gesellschaftlicher und politischer Konsens, dass Leben und körperliche Unversehrtheit der Menschen höher zu bewerten sind als Gewinn, Wohlstand und Arbeitsplätze. Gravierende negative wirtschaftliche Folgen werden in Kauf genommen, aus Solidarität mit den Menschen, die durch das Virus besonders gefährdet sind.  Die immer schon stattfindende Güterabwägung zwischen den wirtschaftlichen und den humanen Interessen, zwischen dem Gemeinwohl und dem Wohl einzelner Wirtschaftsakteure tritt offener zu Tage.  Und es wird deutlich, dass in der Vergangenheit wohl zu oft mit angeblichen Sachzwängen die humanen Interessen und das Gemeinwohl hintangestellt wurden. Man denke nur an den Klimawandel, der ja nach wie vor die ganze Menschheit bedroht. In der Klimadebatte wurden und werden zum Schutz wirtschaftlicher Interessen immer noch einschneidende Maßnahmen verzögert, verwässert oder ganz abgelehnt. Vielleicht lehrt uns die Corona-Krise ja, dass viel mehr möglich ist.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich die unternehmensethische Diskussion durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Die negativen Folgen einer Ökonomisierung der gesamten Lebenswelt werden im Moment sehr deutlich. Eine nur am Gewinn orientierte Marktwirtschaft führt nicht automatisch in allen Bereichen zu einer bestmöglichen Versorgung der Menschen.  Besonders klar zeigen sich die Schwächen der „unsichtbaren Hand“ des Marktes im Gesundheitswesen. Es muss bspw. auch „unwirtschaftliche“ Ressourcen in Krankenhäusern geben, damit sie flexibel genug bleiben. Die Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten sicherzustellen, darf nicht allein dem Gewinninteresse privatwirtschaftlicher Akteure überlassen bleiben. Wenn die knapp werdende Schutzkleidung auf einmal zu horrenden Preisen angeboten wird – was ja der Logik des Marktes entspricht -, dann sorgt das bei vielen Menschen für Empörung. Ich könnte mir vorstellen, dass die Idee der „sozialen Marktwirtschaft“, welche dem Staat eine starke ordnungspolitische Rolle zuschreibt, wiederbelebt wird.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Unternehmensethik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Nützlich finde ich die grundsätzliche Idee, dass Unternehmen in einer Marktwirtschaft ihrer sozialen Verantwortung nicht allein über die Gewinnmaximierung gerecht werden. Wenn die Politik jetzt feststellt, dass es „zynisch“ sei, Menschenleben den Gewinninteressen zu opfern, so galt das selbstverständlich auch schon vor Corona und gilt weiter nach Corona. Nur haben wir uns viel zu sehr daran gewöhnt, dass wir die Bedrohung von Leben und Gesundheit vieler Menschen als Kollateralschaden einer florierenden Wirtschaft hinnehmen. Die Diskussion um die Unternehmensethik verdeutlicht, dass auch Unternehmen ständig eine Güterabwägung vornehmen müssen bei ihren Entscheidungen.


Tourismus \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kerstin Heuwinkel

Kerstin Heuwinkel


Tourismussoziologie

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise ihren persönlichen Arbeitsalltag?

Eigentlich stand in diesem Sommersemester mit Beginn am 1. April ein Forschungssemester in Kapstadt an. Es ging thematisch um „Female Empowerment in Tourism“. Aufgrund der Reisebeschränkungen musste ich dieses Vorhaben verschieben und werde ab nächster Woche Vorlesungen anbieten – allerdings online via Moodle und Microsoft Teams. Dementsprechend viel Zeit verbringe ich aktuell damit, meine Skripte zu erweitern und zu vertonen. Hinzu kommt, dass es momentan die Trennung zwischen Beruf und Familie nicht gibt, da die Kinder keine Schule haben und zuhause betreut werden müssen.

Was ist aus Ihrer soziologischen Perspektive die gravierendste Veränderung auf den Tourismus durch das Virus?

Kurz- und mittelfristig gesehen wird vielen Menschen bewusst werden, wie tief verwoben das Reisen mit ihrem Leben ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der wir über Jahrzehnte gereist sind, ist verschwunden und wir werden uns über jeden Ausflug freuen. Viele Unternehmen werden die Krise nicht überstehen. Langfristig bleibt abzuwarten, ob die beschriebene Wertschätzung auch dazu führt, dass im Tourismus tätige Personen stärker geschätzt werden. Wichtig wäre es, bereits jetzt an veränderten Angeboten und Strukturen zu arbeiten.

Kann man bereits jetzt erahnen, in welche Richtung sich der Tourismus durch die Pandemie dauerhaft verändern wird?

Das ist kaum zu beantworten, da diese weltumfassende Krise einmalig ist. Bisher hat sich der Tourismus jedoch von allen Krisen erholt.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Tourismussoziologie“, auch wenn Sie es vor dem Ausbruch der Corona-Infektion geschrieben haben, auf Aspekte ein, die für die aktuelle Situation nützlich sind?

Ja. In Kapitel 4.1 gehe ich auf Bedrohungen ein. Die Aussagen können übernommen werden. Ich beziehe mich darauf, wie Menschen auf Krisen reagieren und wie Tourismus als System reagiert.

Linguistik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Steffen-Peter Ballstaedt

Steffen-Peter Ballstaedt


Sprachliche Kommunikation

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Da ich bereits im Ruhestand angekommen bin, ändert sich bei mir eigentlich wenig. Ich sitze am Schreibtisch, lese, recherchiere, schreibe und schaue zur Entspannung hin und wieder auf die Kette der Alb. In Telekursen unterrichte ich weiter und betreue Abschlussarbeiten, das geht sehr gut über Lernplattformen, über Mail, Telefon, Skype. Hier sind die neuen und sozialen Medien wirklich nützlich.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus für die derzeitige Situation zum Thema Kommunikation?

Die Pandemie ist ein großes Feldexperiment zur menschlichen Kommunikation. Durch den äußeren Feind rücken die Menschen trotz Abstandsgebot näher zusammen: Ich bekomme Mails von Personen, von denen ich lange nichts mehr gehört habe. Die Telefonate, aber auch die wenigen Begegnungen auf der Straße dauern länger. Die Leute singen auf Balkonen und in Gärten miteinander. Vor allem der Wert von Face-to-face-Gesprächen wird allen wieder deutlich, ein Chat ist doch eine reduzierte Form der Kommunikation.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie die Kommunikation dauerhaft verändern wird?

Wir lernen jetzt viele Dinge schätzen, die sonst selbstverständlich waren: Caféhausbesuche, Theater, Kino, Konzerte, gemeinsames Kochen, Reisen. Die Pandemie hat dem Glauben an fortwährendes Wachstum, an Erfolg und Effektivität einen Schuss vor den Bug verpasst. Aber an nachhaltige Veränderungen glaube ich nicht, sobald uns wieder alles zur Verfügung steht, fallen wir in das alte und bequeme Verhalten zurück. Wahrscheinlich ändert sich wenig an unserem alltäglichen kommunikativen Verhalten, es werden nur ein paar Erzählungen über die Zeit der Entbehrungen bleiben.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Sprachliche Kommunikation: Verstehen und Verständlichkeit“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Ich habe über verständliche Vermittlung von Informationen geschrieben und die sind derzeit überaus notwendig. Menschen neigen offenbar in bedrohlichen oder verängstigenden Situationen dazu, Informationen selektiv und einseitig zu verarbeiten, entweder wird dramatisiert oder heruntergespielt. Bei komplexen Themen wie Infizierung (mit und ohne Maske), Inkubation, Durchseuchung, Quarantäne, Mortalität, Immunität, exponentielle Zunahme usw. sind viele überfordert. Vor allem wird es schwierig, wenn sich im Fernsehen selbst Experten widersprechen und sich Befunde um die Ohren hauen, deren Validität man nicht nachvollziehen kann.


Argumentation \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Kati Hannken-Illjes

Kati Hannken-Illjes


Argumentation

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Verändert hat sich, dass viele Termine nun in Videokonferenzen, per Telefon oder Mail stattfinden. Dadurch wird manches knapper und kompakter, es fehlen aber oft auch die Zwischentöne, die es im Miteinander sonst gibt. Da ich momentan Studiendekanin an unserem Fachbereich bin, hat diese Zeit deutlich mehr Kommunikations- und Organisationsaufgaben mit sich gebracht. Als Lehrende bereite ich meine Vorlesung und meine Seminare so vor, dass sie auch aus der Distanz funktionieren. Das macht auch Spaß und gibt interessante Aspekte, zeigt aber auch die Grenzen des Lehrens auf Distanz.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation für Ihr Thema Argumentation?

Die Frage, wie wir Entscheidungen unter Bedingungen von Unsicherheit treffen, ist eine essentiell rhetorische Frage und eine Frage für rhetorische Ansätze zur Argumentation. In der momentanen Situation erleben wir dies wie unter einem Brennglas. Gesellschaftliches und politisches Handeln erlangt Legitimität durch den Austausch von Argumenten – durch das Geben und Nehmen von Gründen – und durch die grundlegende Einstellung, bereit zu sein, sich überzeugen zu lassen. Nun müssen wir sehr schnell aushandeln: Wer hat Glaubwürdigkeit, wer nicht, wie werden Entscheidungen begründet, welche Gründe und Topoi sind relevant? Sind das nur Gründe aus dem Feld der Virologie oder auch aus der Pädagogik, der Sozialmedizin, der Psychologie, der Politikwissenschaft usw. Wir müssen momentan Argumentationsanalyse im Schnelldurchlauf machen und zugleich brauchen wir nichts so sehr wie eine kritische Prüfung von Argumenten.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie Ihr Thema Argumentation dauerhaft verändern wird?

Ich hoffe, dass diese Krise zeigen wird, dass argumentativer Austausch die Grundlage einer demokratischen Gesellschaft ist und sein muss und dass dieser nicht umgangen werden kann, wenn nicht dauerhafte negative Folgen für das Gemeinwesen entstehen sollen.

Gehen Sie in Ihrem Buch "Argumentation", auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Ich glaube ja: Die Frage „Was macht ein Argument zu einem guten Argument, wodurch erlangt es Geltung und Gültigkeit?“ ist für diese Debatte hochrelevant. Am wichtigsten ist dabei aus meiner Sicht die Spannung zwischen dialektischen und rhetorischen Ansätzen zur Argumentation. Die rhetorische Sicht interessiert sich dafür, wie und welche Argumente ein Publikum überzeugen: Sie fokussiert auf Effektivität. Ein Argument, das die Adressaten nicht erreicht, das nicht an das anschließen kann, was schon für wahr gehalten wird, läuft ins Leere. Zugleich ist hier immer eine hohe (dialektische) Skepsis angebracht, denn die reine Akzeptanz kann oder sollte – je nach Perspektive – kein Kriterium für ein gutes Argument sein. Was dann genau die Basis für die kritische Prüfung sein kann, ist umstritten: logische Schlüssigkeit, Wahrhaftigkeit, die kontrafaktische Annahme idealer Bedingungen?

Ein weiteres Thema, das wir sowohl in dieser als auch in anderen aktuellen Debatten sehen, ist die enge Verbindung von Argumentieren und Erzählen. Argumentieren und Erzählen sind eben nicht zwei grundsätzlich entgegengesetzte Formen, einander zu überzeugen, sondern können ineinandergreifen, auch durch das Erzählen können wir argumentieren. Wenn man die Ansicht teilt, dass das Erzählen eine grundlegende Form des Verstehens und der Sinngebung ist, dann ist es vielleicht sogar eine besonders wirksame Form des Argumentierens (und hier wäre dann wieder Raum für die dialektische Skepsis …).


Rhetorik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Georg Nagler

Georg Nagler


Die Rhetorik-Matrix

Wie verändert eigentlich die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Als Rektor der Dualen Hochschule BW in Mannheim hatte ich die Pflicht, in Ausführung der Corona-Verordnung der Landesregierung den Präsenz-Studienbetrieb an der Hochschule am Freitag, dem 13. März, auf Null herunterzufahren. Wer sich der Bildung verpflichtet fühlt, wird wohl nachvollziehen, dass dies eine der deprimierendsten Erfahrungen meiner beruflichen Laufbahn war.

Unser Motto war und ist: Gib Corona keine Chance!

Wir haben also in kürzester Zeit den Betrieb der Hochschule – die ja keine Semesterferien kennt und daher immer Studierende in der Theoriephase bei sich hat – flächendeckend auf eLearning umgestellt. Seit 2 Wochen sind wir im HomeOffice/eLearning-Modus und ich muss gestehen: Es ruckelt zwar – aber es funktioniert. Die Professorenschaft und das nichtwissenschaftliche Personal sind in Rekordzeit umgestiegen. Aktuell dürften wir 80 % der Lehre online durchführen, manches geht leider (noch) nicht, wie etwa der Laborbetrieb oder Live-Seminare wie mein Rhetorik-Seminar.

Mein Berufsleben besteht aktuell aus 5-6 Stunden Video-/Telefonkonferenz am Tag – und nicht nur ich, sondern auch viele Hochschulangehörige lernen die Vorzüge des Präsenzbetriebes einer Hochschule richtig zu schätzen.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation/Lage im Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung?

Rhetorik und Verhandlungsführung im Online-Unterricht, das wäre schon eine eher surreale Praxis; dies muss ich also leider aufschieben. Hier und bei den seltenen Begegnungen im Hochschulflur lernt man den Wert persönlicher Live-Gespräche wirklich wieder zu schätzen. Was mich umtreibt, ist die Sorge für Hunderte von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und die Tausenden von Studierenden: Wird es uns gelingen, so vielen wie möglich den Umgang mit der Pandemie sicher zu gewährleisten und dadurch schwerwiegende gesundheitliche Folgen zu vermeiden, zumindest soweit es in unserer Macht liegt? Was ich hier spüre, ist auch in vielen Gesprächen das Verantwortungsgefühl unserer Studierenden gegenüber der älteren Generation, die nach den bisherigen Erkenntnissen ja ganz dramatisch der Pandemie ausgeliefert ist. Wir rücken in der Hochschule spürbar zusammen – das macht mich optimistisch für die Zukunft.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie der Bereich Rhetorik und Verhandlungsführung dauerhaft verändern wird?

Die Hochschullehre wird nach der Pandemie eine andere sein als vorher: Wir erleben im Zeitraffer den Einzug der Digitalität in einem Maß, das ich noch vor 6 Wochen nicht für möglich gehalten habe. Und es ist überwiegend positiv zu erfahren, wie viele damit proaktiv umgehen. Ich habe mit Professoren und Studierenden vereinbart, so bald wie möglich dazu neue Entwürfe für eine Digitale Duale Hochschule zu diskutieren und Strategien zu formulieren. Dabei wird auch der soziale Umgang miteinander nicht zu kurz kommen – digitale Einsamkeit in einer pandemischen Quarantäne, das ist ein Gefühl, das gerade viele Studierende in dramatischer Weise betrifft – und das sie so wohl nicht mehr wieder erleben wollen. Man sehnt sich nach Kommunikation und Austausch – das kann gerade für meine Arbeitsgebiete Rhetorik und Verhandlungsführung ein echter Schub sein.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Die Rhetorik-Matrix“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Die „Rhetorik-Matrix“ setzt den „homo communicans“ voraus: Kommunikation in ihrer großen Vielfalt und auch Verhandlungsführung als Ringen um gute Ergebnisse in einem fairen verantwortungsbewussten Setting. Gerade wenn in Zeichen des „social distancing“ und der „dehumanisierten“ Online-Kommunikation diese unmittelbare Kommunikation fehlt, spüren viele, wie identitätsbildend und auch sinnstiftend handwerklich gute und gelebte Kommunikation ist. Ein gutes Verhandlungsgespräch und das Erlebnis einer guten Rede, man spürt, wie das der Seele und dem Intellekt guttut. Von daher bin ich sehr optimistisch, dass die Befassung mit diesen Bereichen in ihrer gefühlten Bedeutung in der Zukunft sicherlich nicht abnehmen wird. Wer gut kommuniziert, ist auch in solchen Krisenzeiten gut unterwegs!


Internetlinguistik \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Konstanze Marx

Konstanze Marx


Internetlinguistik

Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Ich bin es zwar gewohnt, im Home-Office zu arbeiten (gerade trage ich den Schreibschuldenberg kontinuierlich ab), aber vorlesungsfreie Zeit bedeutet normalerweise auch Reisen, fachlicher Austausch auf Konferenzen, das fehlt mir sehr.

Im Institut stehen sehr viele administrative Aufgaben an, die ich natürlich lieber im direkten Kontakt mit den Kolleg*innen angehe. Nun treffen wir uns zu regelmäßigen Videokonferenzen, es ist ein akzeptabler Kompromiss. Wie sich der Lehralltag gestalten wird, zeigt sich ab dem 20.4. Ich antizipiere einen deutlich größeren Zeitaufwand, weil es mir wichtig ist, so oft wie möglich mit meinen Studierenden zu interagieren. Freiräume, in denen Ideen im Diskurs entstehen konnten, wird man kaum simulieren können. Daher ist auch die Vorbereitung der Lehre natürlich anders als sonst. Das Semester muss nun minutiös geplant werden. Es braucht noch mehr als sonst eine Kurs-Choreographie. Lehrvideos müssen gescripted und aufgenommen werden. Dazu müssen wir uns mit neuen technischen Tools auseinandersetzen. Plattformen für synchrone Lehrveranstaltungen, die von der jeweiligen Universität präferiert werden, müssen erkundet und erprobt werden. Das Wissen darüber bereiten wir gerade auch für weniger affine Kolleg*innen auf. Auch über Twitter und Padlets werden Erfahrungen geteilt, damit Kolleg*innen und Studierende an anderen Universitäten davon profitieren können.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Internetlinguistik?

Die Internetlinguistik beschäftigt sich mit drei Fragestellungen: 1. Wie nimmt die Internettechnologie Einfluss auf unsere Sprache, auf unsere Kommunikation, auf unser Interaktionsverhalten und damit auch auf unsere Kultur? 2. Mit welchen Methoden können wir diese Prozesse untersuchen? 3. Wie können die Daten dazu erhoben, archiviert und für andere zugänglich gemacht werden? Zur ersten Fragestellung sagte ich unter 3. noch etwas. Es zeigt sich aber gerade jetzt, dass die Fragestellungen 2 und 3 vor allem kollaborativ bearbeitet werden. Forscher*innen haben ihre Vernetzungsaktivitäten einmal mehr verstärkt, und arbeiten auf mehreren Ebenen noch intensiver zusammen, um z.B. Wege zur Zugänglichkeit von Daten aufzuzeigen. Wie gut das gerade in unserem Feld ohne physischen Kontakt geht, wird dabei sehr deutlich.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich Ihr Bereich durch die Pandemie verändern wird? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

Die Interaktion in Sozialen Medien hat immer schon problematische Aspekte im gesellschaftlichen Diskurs besonders sichtbar gemacht. COVID-19 als weltweite Krise legt sich quasi darüber und wirkt wie ein doppeltes Brennglas: Verschwörungsmythen, Wissenschaftsskepsis, Verbale Gewalt, Rassismus werden noch deutlicher. Aber auch Solidarisierungsstrategien lassen sich vermehrt beobachten. Das sind natürlich wichtige Prozesse, die internetlinguistisch untersucht werden. Darüber hinaus nutzen immer mehr Menschen bildbasierte technisch vermittelte Interaktionsformate. Es gibt natürlich schon Forschung dazu, wie diese in Alltagsinteraktionen eingebunden wird. Dass sie aber Alltagsinteraktionen und berufliche Interaktion in einem bislang nicht gekannten Ausmaß ersetzt, ist für die Internetlinguistik höchst relevant.

Gehen Sie in Ihrem Lehr- und Arbeitsbuch „Internetlinguistik“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Wir beschreiben in unserem Buch ja sprachliche Phänomene in Sozialen Medien auf unterschiedlichen Beschreibungsebenen. Typischerweise können wir neue lexikalische Phänomene (etwa Corona-Komposita, z.B. Corona-Proteste, Corostern) wieder sehr schnell beobachten, und zwar in der Social-Media-Interaktion, die sich als Datenbasis zur Zeit umso mehr anbietet. Face-to-Face-Interaktionen sind ja derzeit auf ein Minimum reduziert oder finden eben auch technisch vermittelt statt. Auch  pragmatische Phänomene, wie z.B. der Metadiskurs #Connicorona, der sich Ende März entwickelte, lässt sich mit den im Buch beschriebenen Routinen zu vergleichbaren Phänomenen beschreiben. Darüber hinaus sind die Überlegungen zur Methodik und Ethik wichtiger denn je.

Philosophie \ 4 aktuelle Fragen an Prof. Dr. Dagmar Fenner

Dagmar Fenner


Ethik

Wie verändert die Corona-Krise Ihren persönlichen Arbeits- und/oder Lehralltag?

Da ich schon immer zuhause gearbeitet habe und der größte Teil der Kommunikation über E-Mail, Telefon oder Skype erfolgt, ändert sich für mich persönlich wenig. Nur die geplanten Vorträge an Tagungen oder Symposien fallen natürlich aus oder werden auf den Herbst verschoben.

Was ist die gravierendste Veränderung durch das Virus auf die derzeitige Situation im Bereich Ethik?

In der Ethik werden zwei Bereiche unterschieden, in denen es anlässlich der aktuellen Pandemie zu beträchtlichen Veränderungen gekommen ist: Die Individual- oder Strebensethik befasst sich mit dem guten und glücklichen Leben des Einzelnen. Für die meisten Menschen verengt sich gerade der Handlungsspielraum so stark, dass ihr psychisches Wohlbefinden in Gefahr ist. Viele können das Zusammensein mit Freunden und Verwandten schwer missen, Eltern kommen durch Homeoffice und gleichzeitige Kinder- und Hausaufgabenbetreuung an ihre Belastungsgrenzen und Soloselbständige sehen ihre jahrelang mühsam erarbeitete Existenz bedroht.

Aus der sozialethischen oder moralischen Perspektive bemüht man sich demgegenüber um ein respektvolles und gerechtes Zusammenleben der Menschen. Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr sind im Zeichen der Solidarität paradoxerweise alle Gesellschaftsmitglieder zur sozialen Distanz aufgerufen. Da jeder Mensch ein potentielles Risiko für die eigene Gesundheit oder gar das Leben darstellt, wächst die Angst und das gegenseitige Misstrauen in der Öffentlichkeit. Während viele Menschen panisch egoistische Hamsterkäufe tätigen, lässt sich aber auch eine erhöhte Hilfsbereitschaft z.B. bei Einkäufen für ältere Menschen in der Nachbarschaft beobachten.

Kann man bereits jetzt erahnen, wie sich durch die Pandemie ethische Fragestellungen (dauerhaft) verändern werden? Ist mit interessanten Impulsen für die Forschung zu rechnen?

Von der Pandemie sind kaum direkte Impulse für neue Forschungsrichtungen in der Ethik zu erwarten. Bei der in meinem Band vorwiegend behandelten Allgemeinen Ethik geht es um eine zeit- und kontextunabhängige Begründung allgemeiner Kriterien oder Prinzipien zur Beurteilung des menschlichen Handelns. Es werden also z.B. zentrale Werte oder Rechte wie Leben, Gesundheit, Freiheit oder Bildung erörtert, die in der aktuellen Krisensituation bedroht sind, teilweise in Konflikt miteinander geraten und in gesellschaftlichen und politischen Debatten gegeneinander abgewogen werden müssen: Wie weit dürfen etwa die moralisch schützenswerten Rechte auf Freiheit und Bildung des Einzelnen vom Staat eingeschränkt werden, um Leben und Gesundheit aller Bürger zu schützen?

Für die Diskussionen der Angewandten Ethik, die solche allgemeine Beurteilungskriterien oder Prinzipien auf konkrete gesellschaftliche Probleme oder Handlungsfelder anwendet, steuert die Krise einige interessante Anschauungsbeispiele bei.

Gehen Sie in Ihrem Buch „Ethik. Wie soll ich handeln?“, auch wenn Sie es vor dem Corona-Ausbruch geschrieben haben, auf Thematiken ein, die für die aktuelle Situation relevant und nützlich sind?

Es ergibt sich ein Konflikt zwischen verschiedenen ethischen Grundtypen oder Begründungsmodellen, die ich in meinem Buch ausführlich darlege: Aus Sicht der konsequentialistischen Ethik zählen bei der ethischen Beurteilung des Handelns allein die Handlungsfolgen. Die in der Krise zu ergreifenden Maßnahmen müssen sich entsprechend mit Blick auf den zu erwartenden Gesamtnutzen bzw. die Minimierung der Schadenssumme rechtfertigen lassen. Das können z.B. möglichst geringe wirtschaftliche Einbußen oder möglichst wenig Freiheitsbeschränkungen sein. Während es eine ethische Frage ist, welche Werte zu berücksichtigen oder vorrangig sind, müssen Virologen oder Wirtschaftsanalysten die empirische Frage klären, bei welchen konkreten Maßnahmen welche Konsequenzen zu erwarten sind. Problematisch sind solche konsequantialistisch-utilitaristische Überlegungen, weil einzelne Menschen oder Randgruppen wie z.B. betagte Menschen der Hochrisikogruppe für den Gesamtnutzen geopfert werden könnten.

Gemäß der deontologischen Ethik haben jedoch alle Menschen unverletzliche moralische Rechte wie diejenigen auf Würde und körperliche Unversehrtheit, sodass sie auch für einen noch so großen (z.B. wirtschaftlichen) Nutzen nicht instrumentalisiert werden dürfen. Aus dieser kantianischen Sicht darf menschliches Leben also nicht gegen ‚Dollars‘ verrechnet werden. Allerdings können Einkommenseinbußen infolge eines stillgelegten Unternehmens auch die Existenz vieler Familien bedrohen oder die verminderten Steuereinnahmen zu geringeren staatlichen Transferleistungen führen.

Höchst dramatisch sind natürlich akute Ausnahmesituationen wie in italienischen Krankenhäusern, in denen die Ärzte aufgrund der gegebenen Umstände wie z.B. mangelnde Beatmungsgeräte oder Intensivbetten nicht allen infizierten Patienten helfen können. Nur in solchen medizinischen Notfällen dürfen konsequentialistische Prinzipien wie etwa das der Triage zum Einsatz kommen, indem z.B. Patienten mit besseren Überlebenschancen vorrangig behandelt werden.